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KAPITEL 5

In der Nationalmannschaft \\\ Acht Mann sind keine Elf \\\ Hirsch ist der erste viermalige Länderspiel-Torschütze

Die frühe Geschichte der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, in der Julius Hirsch 1911, drei Jahre nach dem ersten Länderspiel des DFB 1908, debütieren wird, ist phasenweise von einem rechten Durcheinander geprägt. Daran ändert wenig, dass der zehn Jahre junge DFB zum

15. Mai 1910 eine Geschäftsstelle in Dortmund mit einem beamteten Geschäftsführer namens Walter Sanss eingerichtet hat (deshalb werden drei Pfennig Kopfsteuer von den Mitgliedern erhoben).

Für die Aufstellung der Nationalelf ist allerdings der DFB-Spielausschuss zuständig, aus praktischen Gründen in einer Stadt bzw. Region ansässig. Er organisiert zusätzlich die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft und den Wettbewerb Kronprinzenpokal. Die betreffenden Herren (oder wenigstens einer von ihnen) beobachten Länderspiele und Begegnungen um den Kronprinzenpokal, zudem müssen sie für Spielerempfehlungen aus den regionalen Verbänden empfänglich sein.

Anfangs bilden Hamburger Funktionäre den DFB-Spielausschuss, darunter mit Paul Koretz von der Viktoria (heute: SC Victoria) auch ein Funktionär jüdischen Glaubens. Es gibt eine Ausnahme von der Hamburger Regentschaft: 1909/10 bestimmen Badener, die sich in den Karlsruher Redaktionsräumen der „Süddeutschen Sport-Zeitung“ beraten, u. a. über die Nationalmannschaft. Es sind Fritz Langer als Obmann, Otto Jüngling (beide KFV), Artur Beier (Phönix Karlsruhe), Max Dettinger (1. FC Pforzheim, der in Karlsruhe arbeitet) und L. Frey (Mannheimer FG 96). Die werden immer wieder heftig kritisiert – „durchgängig salopp und zügellos“, befindet die „Neue Sportwoche“ –, und tatsächlich ergibt sich für das Länderspiel Deutschland gegen Belgien (0:3) ein Desaster, wie es im Hinblick auf die Nationalmannschaft nie mehr vorkommen sollte.

Zuschauer werden Nationalspieler

Bereits der Länderspiel-Termin 16. Mai 1910 in Duisburg war unglücklich gewählt, fand doch am Vortag (!) im nahen Köln das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft zwischen dem KFV und Holstein Kiel statt. Auf dem Platz stand dort mit dem Karlsruher Förderer zwar nur ein aktueller Nationalspieler, aus beiden Endspiel-Mannschaften wurden aber bald darauf Breunig, Bosch, Fuchs, Hirsch und Hollstein vom KFV sowie die Kieler Fick, Krogmann und Reese in die Nationalelf berufen.

Im Amt ist zum Zeitpunkt des Duisburger Länderspiels bereits der neue Hamburger DFB-Spielausschuss, die Mannschaft nominiert aber haben noch die Badener, und abgedruckt wurde die Aufstellung sogar bereits zuvor im DFB-Jahrbuch 1910. Erneut die Berliner „Neue Sportwoche“ am 19. Mai 1910: „Das Spiel setzte nun dem famosen Werte des Spielausschusses die Krone auf. So etwas von Hilflosigkeit, von Dispositionsunvermögen, ist geradezu fabelhaft, und wir dürfen uns für die Niederlage von 3:0 bei den Herren vom Spielausschuss bedanken, denen keineswegs bewusst gewesen sein dürfte, was sie dem Ansehen des deutschen Fußballsports schuldig waren. Diese Herren haben uns geradezu in der formvollendesten Weise blamiert. Einige Stunden vor Beginn des Spieles waren sieben Herren der deutschen Mannschaft beisammen, die anderen wurden aus allen Winkeln mit Mühe und Not auch zusammengetrommelt, so dass wir am Schluss das schönste Ragout fin beisammen hatten. Ist eine solche Repräsentation des deutschen Fußballbundes würdig?“

Ein Münchner, ein Niederrheiner, drei Badener und drei Sachsen sind in Duisburg eingetroffen, doch acht Mann sind keine Elf. Die Nominierten Hempel (Sportfreunde Leipzig), Trautmann (Viktoria Mannheim), Worpitzky (Berlin) sowie Ersatzmann Mechling (Freiburg) fehlen. Man findet die Ersatzleute im Publikum. Der Kölner Peco Bauwens, späterer DFB-Präsident, gehört dazu. Und dann, was liegt näher, die Lokalmatadore Alfred Berghausen (Preußen Duisburg) und Lothar Budzinski-Kreth (Duisburger SV). Zu allem Übel verletzt sich auch noch Bauwens, so dass mit Andreas Breynk (Preußen) ein weiterer Einheimischer zum Einsatz kommt. Offensichtlich ist er der Sportpresse unbekannt, denn dort erscheint sein Name als Breun. Bauwens, Berghausen, Breynk und Budzinski-Kreth bestreiten an diesem 16. Mai 1910 in Duisburg ihr einziges A-Länderspiel.

„Deutschland ist zu groß…“

Der DFB-Bundestag 1910 befasste sich mit dem Geschehen: „Der alte Spielausschuss konnte erst nach langen Verhandlungen entlastet werden. Die Art der Geschäftsführung ist nicht so gewesen, wie man es hätte erwarten dürfen.“ Zwischen Ex-Spielausschuss in Baden und den Hamburger Nachfolgern ergab sich nun ein rechtes Gezerre. So stellte der Süddeutsche Verband trotz offizieller Anforderung aus Hamburg für die Begegnung mit Holland (1:2) am 16. Oktober 1910 gar keine Spieler zur Verfügung. Lediglich der KFV bot im Alleingang drei seiner Akteure an. Am Ende lief in Kleve keiner aus dem Süden auf. Weil sich der Verband Süddeutscher Fußball-Vereine beim DFB über „Presserzeugnisse des Schriftführers des (Anm.: Hamburger) Spielausschusses“ beklagte, wurde das dortige Gremium vom DFB für kurze Zeit sogar seines Amtes enthoben.

Es gab damals keinen Trainer der Nationalmannschaft, Ausnahme werden die Olympischen Spiele 1912 sein (siehe Kapitel 9). Taktik, Einstellung und das Verhalten im Spiel gab der jeweilige Spielführer vor, gekennzeichnet durch ein rotes Fähnlein am Hosenbund. Der Wunsch des Westdeutschen Spielverbandes nach einem ständigen Fußball-Lehrer für die Nationalmannschaft wurde z. B. beim DFB-Bundestag 1913 in Kassel verworfen: Deutschland sei flächenmäßig zu groß, „ein festes Training“ unmöglich. Auch der Kieler Fußballpionier Georg P. Blaschke, der spätere DFB-Geschäftsführer und Stadtrat der Fördestadt, lehnte 1913 in der „Neuen Sportwoche“ „einen zwecklosen Wandervogel“ ab und beklagte ebenfalls Deutschlands geografische Nachteile: Dänemark würde seine Spieler ausschließlich aus der Hauptstadt Kopenhagen rekrutieren, Ungarn aus Budapest, Österreich aus Wien und vom Deutschen Fußball-Club Prag (der dem österreichischen Verband angehörte) und Schweden aus Stockholm/Göteborg. Belgien, so wurde angemerkt, sei eh sehr klein und überschaubar.

Erfolglose DFB-Trainersuche

Im Jahr darauf wollte der DFB den Erfolgscoach (und Entdecker von Julius Hirsch) William Townley engagieren, aber dessen finanzielle Forderungen waren laut „Rasensport“ (Nr. 20) zu hoch. Der DFB entschied sich daraufhin für den Engländer Edgar „Hooky“ Chadwick (1869-1942), einen gelernten Bäcker, der 1891 mit dem FC Everton Meister wurde. Chadwick hatte erfolgreich Holland betreut, auch bei den Olympischen Spielen 1912, doch sein Amt in Deutschland trat er nie an.

Anfangs galt beim DFB die Devise, pro Jahr nicht mehr als drei Länderspiele auszutragen, um den Vereinen neben dem Punktspielprogramm noch eventuell finanziell einträgliche Freundschaftsspiele und Gastspielreisen zu ermöglichen. Auch sollte im Terminkalender dem Kronprinzenpokal genug Raum eingeräumt werden. 1908 und 1909 hielt man sich auch an diese Regel, 1911 aber wurde bereits siebenmal gespielt und im darauffolgenden Jahr (Olympische Spiele!) achtmal. Für das Jahr 1913 waren vier Länderspiele angesetzt. Julius Hirsch wurde dabei bis auf eine Ausnahme immer nominiert.

Auch „die Herren in Hamburg“ wurden immer wieder kritisiert, so im Hinblick auf das Ungarn-Länderspiel im Oktober 1911 in der in diesem Monat in München-Schwabing erstmals erschienenen Zeitschrift „Der Fußball“: „Man bestellt 11 Leute zum Spiel und tröstet sich, wenn es schiefgeht: ‚Pech jehabt.’ Wir vermissen einen offiziellen Kommentar, obwohl bei jedem dieser Treffen einige Herren auf Kosten des DFB anwesend sind. So kann es nicht weitergehen. Die internationalen Wettkämpfe müssen größere Bedeutung bekommen.“ Fachmännische Unterhaltung am Telefon, „Depeschenverkehr“ und eine Ausschuss-Tagung in irgendeiner Stadt würden nicht mehr ausreichen. Von England aus schaltete sich Pionier Bensemann in die Debatte ein: „Der DFB-(Anm.: Spiel-)Ausschuss besteht nicht aus hohen Reiseonkels, die alle Sonntage auf der Bahn sitzen können: Er muss sich auf die Landesverbände verlassen.“

Bereits im Vorfeld des Ungarn-Länderspiels äußerte auch die Münchner „Illustrierte Sportzeitung“ ihre Kritik: „Sollte man in Hamburg wirklich nicht wissen, dass eine gut eingespielte Vereinsmannschaft besser ist als 11 ‚Cracks’, die einander nicht kennen? Weshalb zerreißt man den famosen Karlsruher Innensturm durch das Einstellen von Worpitzky aus Berlin? Man hätte Fuchs, der – ausgeruht – sicher einer der besten Mittelstürmer ist, in der Mitte lassen sollen. (…) Fast könnte man auf die Vermutung kommen, die Mannschaft sei dem Spielausschuss aufgeschwatzt worden.“

„Schwarzer Anzug sehr wünschenswert“

In jenem letzten Länderspiel des Jahres 1911, beim 1:4 gegen Ungarn in München, debütiert Julius Hirsch in der Nationalmannschaft. Er folgt damit seinen KFV-Mannschaftskameraden Fritz Förderer (erstes Länderspiel des DFB 1908), Ernst Hollstein, Max Breunig (beide 1910) und Gottfried Fuchs, der 1911 bereits gegen die Schweiz (6:2, zwei Tore) und Belgien (1:2) berufen worden ist.

„Der Fußball“ fordert noch 1911, als Nationalmannschaft ausschließlich die Südauswahl zu nominieren, habe doch die Nationalmannschaft mit acht Süddeutschen bereits in dem Jahr in Stuttgart die Schweiz mit 6:2 besiegt. Nach dem 1:4 gegen Ungarn, als vier Süddeutsche aufliefen, jubiliert dagegen das Nachrichtenblatt des Westdeutschen Spielverbandes: „Hoffentlich ist jetzt der süddeutsche Größenwahn Lügen gestraft.“ Das lässt der Süden nicht auf sich sitzen, dessen „Presshetze“ fordert wiederum die Westdeutschen heraus: „Sobald diesen Leuten irgendetwas nicht mit ihrer süddeutschen Ansicht übereinstimmt, fangen sie in der übelsten Weise an zu schimpfen.“

Zur internationalen Sternstunde von Hirsch wird das Länderspiel am

24. März 1912 „in dem kleinen holländischen Städtchen Zwolle“ (Hirsch 1935). Wir wissen nicht, wie A-Nationalspieler heute von ihrer Berufung unterrichtet werden und was sie selbst organisieren müssen. Der 19-jährige „Juller“, wie seine Sportkameraden Julius Hirsch nennen, muss sich vor dem Länderspiel jedenfalls um vieles kümmern: seinen Arbeitgeber Freund & Strauss um Befreiung bitten, denn der Anreisetag Samstag ist ein Arbeitstag. Einen schwarzen Anzug einpacken und seine Fußballschuhe. Die Zweite-Klasse-Fahrkarte hin und zurück nach Zwolle auf dem Karlsruher Bahnhof vorbestellen bzw. kaufen. Sein DFB-Einsatz im Ausland wird mit zehn Mark pro Tag honoriert.

Mit Datum vom 13. März 1912 hat er einen Brief aus Dortmund, Adresse: Märkische Straße 50, von DFB-Geschäftsführer Walter Sanss (Anm.: er wird heute als Sanß bezeichnet, unterschrieb aber mit Sanss) erhalten. Hier Auszüge:

„Die Mannschaft spielt in weißen Hemden und schwarzer Hose. Als Ersatzmann wird Walter Fischer (Duisburg) die Mannschaft begleiten. Ferner nehmen an der Fahrt teil die Herren Hinze und Dr. Hofmann vom Vorstand und Dreyer vom Spiel-Ausschuss sowie der Unterzeichnete. Am Vorabend findet in Zwolle ein festlicher Empfang der Deutschen durch den Bürgermeister und die Stadtväter von Zwolle statt. Es ist daher erwünscht, dass hierzu alle Teilnehmer anwesend sind. Hierfür, sowie auch für das nach dem Spiel stattfindende Essen ist schwarzer Anzug sehr wünschenswert. Die Teilnehmer reisen in zwei Gruppen. (…) B. Ab Karlsruhe 9,05 morgens Eilzug nach Frankfurt 11,41 Uhr. Ab Frankfurt 12,23 Uhr, ab Köln 4,41 Uhr (Dr. Hofmann), ab Duisburg 5,39 Uhr (Hinze, Fischer), ab Oberhausen 5,52 (Sanss), in Arnheim 7,09 (umsteigen), ab Arnheim 7,15, in Zwolle 8,38 Uhr abends. Ein weiterer Zug fährt ab Karlsruhe 12,29 Uhr mittags über Mainz, Köln; in Arnheim 8,45 (umsteigen) ab Arnheim 8,55, in Zwolle 10,42 Uhr abends.“

Letztere Ankunftszeit hat Julius Hirsch in seinen Unterlagen unterstrichen.

Vier Hirsch-Tore gegen die Niederlande

Das DFB-Anschreiben des Weiteren: „Die für Arnheim, Almelo und Zwolle angegebenen Zeiten sind Amsterdamer Zeit; d.i. 40 Minuten weniger als deutsche Zeit. (…) Die Teilnehmer haben einige Tage vorher am Fahrkartenschalter des Abfahrtsortes die Fahrkarte zu bestellen oder wegen der Vorausbestellung anzufragen. Es ist darauf zu dringen, dass eine direkte Fahrkarte bis Zwolle ausgestellt wird. Wer Reisegeld haben will, möge dies sofort hierher aufgeben. Die Abrechnung erfolgt in Holland. Für holländisches Geld wird gesorgt. Es werden die üblichen Spesensätze und die Fahrtkosten (II. Klasse) vergütet. Spielkleidung wird gestellt. Die Spieler wollen gutes Schuhzeug mitbringen. Der Empfang dieses Schreibens ist auf beiliegender Postkarte zu bestätigen. Spieler, die den vorgeschriebenen Zug nicht benutzen, haben dies möglichst bald zu melden. Jeder Aufenthalt, der ein Nichterreichen des vorgesehenen Zuganschlusses mit sich bringt (also auch ein Verpassen des Zuges) ist unverzüglich telegraphisch aufzugeben: Bis 1 Uhr mittags an ‚Fussballbund Dortmund’. Ab 1 Uhr mittags an ‚Sanss, Hotel Heerenlogement, Zwolle.’ Das vorgenannte Hotel ist unser Unterkunfthaus.“

In „Fussball und Olympischer Sport“ gibt es nur einen kurzen Bericht über „die merkwürdige Torzahl von 5:5“. Erwähnt werden der Empfang durch den Bürgermeister im Rathaus, ein Fackelzug („das ist noch nie da gewesen“) sowie das holländische Pressecho: „Die Deutschen waren besser wie wir, ihr Spiel erinnerte an hohe englische Klasse.“


Acht Karlsruher standen in der Nationalelf, mit der Julius Hirsch beim 5:5 in Zwolle als erster Nationalspieler vier Tore in einer Partie erzielte. Stehend v.l.: Gros, Breunig, Burger, Hollstein, Röpnack, Werner; sitzend v.l.: Wegele, Förderer, Fuchs, Hirsch, Oberle.

Die Montag-Ausgabe von „Football. Central-Organ der Schweizer Football-Association“ in Zürich berichtet am 25. März 1912 in einer sog. Spitzenmeldung: „In großartigem, einzig dastehenden Ringen gelang es den Deutschen, gegen die starke holländische Mannschaft ein unentschiedenes Resultat herauszubringen. (…) Hirsch schoss allein 4 Tore; in einem Ländermatch eine noch nie verzeichnete Gegebenheit.“

Vor vermutlich mehr als 10.000 Zuschauern spielen in Zwolle acht Karlsruher (!), vom KFV kommen Hollstein, Gros, Breunig, Förderer, Fuchs und Hirsch, von Phönix Wegele und Oberle. Die Führung der Gastgeber gleicht Fuchs zum 1:1 aus, Julius Hirsch erzielt die Tore zum 1:2, 1:3, 5:4 und 5:5. Er ist damit der erste deutsche Nationalspieler, dem in einem Länderspiel vier Tore gelingen.

„Donnernde Ovation“ für Julius Hirsch

Ausführlicher fällt der Report von N. J. de Groot in „Neue Sportwoche“ aus Berlin am 3. April 1912 zu dem dramatischen Spiel aus (Auszüge): „Der Platz war durch den vielen Regen der letzten Tage sehr schwer, und um ihn bespielbar zu machen, war er reichlich mit Sand beschüttet, wodurch die Spielqualität viel gelitten hat. Die Zuschauer waren nicht so zahlreich erschienen, als erwartet wurde. Von offizieller Seite hörte ich, dass ungefähr 8.000 Zuschauer dem Spiel beiwohnten. Mein Amtsgenosse der ‚Süddeutschen Sportzeitung‘ hat wahrscheinlich durch ein Vergrößerungsglas gesehen, denn er sprach in seinem Bericht von 18.000 Zuschauern.

Beim Betreten des Platzes wurden die Mannschaften mit donnerndem Applaus und Gesang begrüßt. Breunig hat Platzwahl; weil es windstill und sehr trübe war, ließ er Holland die Hälfte verteidigen, wo das Feld fast unbespielbar war. Es waren noch keine fünf Minuten gespielt, als Thomée den Ball sehr hart einsandte. Einige Minuten später machte Fuchs (D.) ein schönes Rennen und schoss unerwartet auf Hollands Tor, worauf Göbel gar nicht vorbereitet war, 1:1. Die deutsche Stürmerreihe kombiniert wunderschön. Der Ball wandert von Mann zu Mann und bald erzielt Hirsch (D.) das zweite Tor und fügt fünf Minuten später noch ein drittes hinzu. Francken läuft mit dem Ball ins Tor, 3:2 für D.

Das Publikum macht in der Pause einen Spaziergang über das Feld, als ob es noch nicht schlecht genug war.

Nach einer Viertelstunde Ruhe wurde der Kampf wieder aufgenommen. Francken erzielt mit einem knappen Schuss den Ausgleich, bevor 12 Sekunden vorüber sind. Thomée schickt den Ball zum vierten Male ins Netz. Holland führt also wieder. Das Publikum war ganz aus dem Häuschen; Hüte, Mützen, Taschentücher, alles fliegt in die Luft und man gibt sich gar keine Mühe, seine Kopfbedeckung wieder zu erobern, so dass viele barhäuptig das Feld verlassen. Hollands fünftes Tor kommt dann wieder auf sehr glückliche Weise: Breunig, der beste Spieler im Feld, macht ein Selbsttor; 5:3 für H. Die deutsche Stürmerreihe setzt aber jetzt alle Kräfte an. Hirsch nimmt auf einen Augenblick den Ball, erzielt sein drittes Tor und wiederholt vier Minuten später dieselbe Leistung, was ihm eine donnernde Ovation von Spielern und Publikum bringt. Als Howcroft Zeit pfiff, war ein unentschiedenes Resultat der Erfolg dieses interessanten Kampfes.“

Wer war der Torschütze gegen die Schweiz?

Gegen die Schweiz 1913 in Freiburg spielen drei Berliner, die kennen den zu den Stuttgarter Kickers gewechselten Torhüter Christian Schmidt gut, sonst aber nur Süddeutsche (je zwei von den Stuttgarter Kickers und der SpVgg Fürth, je einer vom KFV, von Phönix Karlsruhe, Bayern München und Freiburger FC). Hirsch firmiert nach dem Vereinswechsel nun als Spieler von Fürth. Die „Neue Sportwoche“ lobt diese Blockbildung, die später immer wieder eine Renaissance erfahren wird: „Die 1:2-Niederlage gegen die Schweiz kommt überraschend, denn es war bei der Aufstellung das oft genug hervorgehobene Prinzip beachtet worden, die Einheitlichkeit des Angriffs und der Verteidigung und somit eine wichtige Grundlage für den Erfolg zu schaffen.“ Der rein süddeutsche Sturm heißt: Wegele, Mechling, Fürst, Kipp, Hirsch.

Die Begegnung am 18. Mai 1913 auf dem Freiburger FFC-Platz an der Waldseestraße (heute Mösle-Stadion und Nachwuchs-Internat des SC Freiburg) vor 10.000 Zuschauern ist bis 2004 das einzige A-Länderspiel in der Schwarzwaldstadt. Der Berichterstatter des „Fußball“ gesteht Probleme ein, als starke Regenschwaden bis in die Tribüne wehen: „Für einige Minuten ist Notierung infolge des schlechten zugewiesenen Platzes unmöglich.“ Vielleicht deshalb: Der deutsche Torschütze zum 1:2-Endstand ist „offiziell“ Kipp von den Stuttgarter Kickers, doch in der Fachzeitschrift liest es sich anders: „Einen zugespielten Ball treibt Hirsch mit rasendem Lauf auf der Seite vor, überspielt Verteidiger, geht nach innen, visiert kurz und schießt scharf in die untere Torecke. Glänzende Einzelleistung.“ Auch die „Neue Sportwoche“, Nr. 22, schreibt Hirsch das Tor zu: „Hirsch war als Linksaußen teilweise sehr gut, sein Tor war eine vorzügliche Leistung.“

Muss die Fußballgeschichte in diesem Fall nun umgeschrieben werden? Zeitzeugen dürfte man trotz der nach oben verbreiterten demografischen Alterspyramide Deutschlands kaum noch finden…

„Entschlossenheit, Schussstärke, Technik“

„Hirsch war ja wirklich gut“, heißt es weiter in der „Fußball“-Einzelkritik. „Aber ein Mann von seiner Entschlossenheit, seiner Schussstärke und Technik gehört nicht auf den Flügel (Anm.: Linksaußen) zu 2/3 kaltgestellt, wo wir im Innern keine Schützen haben! Hirsch ist eines Halbinnenstürmers Muster.“ „Der Rasensport“ stimmte zu: „Hirsch auf den Posten eines Linksaußen zu stellen, diese Idee kann nur jemand bekommen, der Hirsch nicht kennt.“

Vor dem Dänemark-Länderspiel probiert man am 28. September 1913 in Hamburg auf Victorias Platz etwas Neues aus: Zwei DFB-Mann schaften spielen gegeneinander! Am Länderspiel-Tag, dem 26. Oktober, regnet es, trübes Wetter an der Wasserkante, und statt der erwarteten 17.500 kommen „nur“ 8.500 in Victorias Stadion auf der Hoheluft. Deutschland spielt wie meist im weißen Jersey mit dem Reichsadler und schwarzen Hosen, die Nationalhymnen intoniert eine Kapelle des reaktionären „Bund Jungdeutschland“, der sich der Wehrertüchtigung und Kriegsvorbereitung verschrieben hat.


Die Nationalelf, die 1913 gegen die Schweiz antrat: v.l. Röpnack, Diemer, Hirsch, Bosch, Wegele, Kugler, Christian Schmidt, Kipp, Hans Schmidt, Fürst, Mechling.


Das einzige Länderspiel im „Mösle“-Stadion von Freiburg fand 1913 statt.

Dänemark gilt laut „Neue Sportwoche“ „als die beste kontinentale Ländermannschaft. Wir wissen es ja alle, dass der dänische Fußballsport uns über ist. Das scheint allerdings den Dänen etwas den Kopf verdreht zu haben, denn die bekannte dänische Zeitung ‚Politiken’ hat uns eine zweistellige Zahl prophezeit. So schlimm ist es mit dem 1:4 nun doch nicht geworden. Das kleine Dänemark ist gegenüber dem großen Deutschland in einer glücklicheren Lage, dass es sein Material eng beieinander wohnen hat. Man nahm von einer überragenden Klubmannschaft, den Boldclubben af 1876, neun Leute und füllte nur zwei Posten auf. So war wie in Ungarn mit Ferenczvarosi ein genaues Sichverstehen gegeben, während sich bei uns verschiedene Leute gänzlich unbekannt waren.“

„Hirsch war gut, ist aber nicht mehr ganz der überragende Spieler wie früher“, heißt es aus Hamburg. „Der Rasensport“ urteilt: „Linksaußen Zilgas von Victoria Hamburg ist zu zaghaft. Hirsch’ Können wurde verständlicherweise dadurch auch beeinträchtigt. Er ist äußerst gefährlich in seinen Durchbrüchen, nicht immer schusssicher.“ „Sport im Wort“ zum Dänemark-Spiel: „in Zukunft ist unbedingt mehr darauf zu achten, dass die einzelnen Leute sich verstehen. (…) Es fehlte in der Mitte ein Draufgänger wie Fuchs, der zudem die Spielweise von Hirsch und Förderer kennt.“

In „Neue Sportwoche“ 1913 stellt Georg P. Blaschke fest: „Die deutsche Ländermannschaft besitzt wohl gute Spieler, aber kein Zusammenspiel.“ Seine Lösung: zwei Nationalmannschaften bilden, eine aus Süd und West, die andere aus Nord, Berlin und Mitteldeutschland.

„Einer der besten Fußballspieler Deutschlands“

1913 gegen Belgien erfolgt eine weitere Nominierung von Hirsch. Der eigentlich vorgesehene Steinhauer vom Duisburger SV, der nie ein Länderspiel bestreiten wird, bekommt als Soldat nämlich keinen Auslandsurlaub. Wie erwähnt, gehen die Fußballer von damals einem Beruf nach, und die entsprechende Situation beschreibt ein Brief vom 14. November 1913 von DFB-Geschäftsführer Walter Sanss aus Dortmund, jetzt Neuer Graben 75, an den Arbeitgeber von Hirsch, die Gebrüder Bing in Nürnberg:

„Sehr geehrte Herren!

Es dürfte Ihnen nicht unbekannt sein, dass Ihr Angestellter Julius Hirsch einer der besten Fußballspieler Deutschlands ist. Deswegen hat unser technischer Ausschuss auch beschlossen, ihn für diejenige Mannschaft aufzustellen, die am 23. ds. Mts. in Antwerpen gegen Belgien spielt. Herr Hirsch hat mir gelegentlich seines letzten Besuchs in Nürnberg mitgeteilt, dass er wohl keinen Urlaub bekommen könne, da in Ihrem Geschäft gegenwärtig Hochsaison sei. Deshalb möchte er auch nicht um Urlaub fragen. Ich habe daraufhin alles versucht, um einen anderen Spieler als Hirsch einzustellen, doch haben wir gleichwertigen Ersatz nicht finden können. Die Einstellung einer schwächeren Kraft würde unsere Mannschaft so schwächen, dass wir nicht mit Ehren bestehen könnten.

Ich erlaube mir daher die ergebene Bitte auszusprechen, Herrn Julius Hirsch für den Samstag und die ersten Vormittagstunden des Montag für die Reise nach Antwerpen zu beurlauben. Der junge Mann wird gewiss das Versäumte durch Fleiß nachholen. Uns würde durch die Mitwirkung des Hirsch ein großer Vorteil erwachsen, ganz abgesehen davon, dass uns eine Menge Arbeit für die Einstellung eines anderen Spielers erspart bliebe.

Herr Hirsch weiß von diesem Schreiben nichts. Ich möchte Sie jedoch bitten, sich recht bald zu entschließen und Herrn Hirsch zu beauftragen, mir das Ergebnis seines Gesuchs telegraphisch mitzuteilen.

In der Hoffnung, keine Fehlbitte getan zu haben, empfehle ich mich Ihnen mit vorzüglicher Hochachtung Walter Sanss, Bücher-Revisor, Geschäftsführer des D.F.B.“.

Hirsch bekommt von seinem Arbeitgeber frei und stellt in Antwerpen fest, auch wenn es ihn selbst nicht betrifft: Ruhm ist vergänglich. Beim 2:6 gegen Belgien vor 8.000 im Nebel ist der zuvor so oft gefeierte Mittelläufer Breunig der Buhmann der deutschen Sportpresse. Aus beruflichen Gründen trifft Breunig nach zwölfstündiger Bahnreise durch die Nacht erst 120 Minuten vor Spielbeginn in Antwerpen ein. Gesagt hat er das vorher niemandem. Der schwere Mann hat auf dem nach tagelangem Regen völlig aufgeweichten Platz in Antwerpen ohnehin Probleme. Die „Neue Sportwoche“ kommentiert: „Ausschlaggebend war das totale Versagen von Breunig. Wenn jemand nicht rechtzeitig zur Stelle sein kann, soll man lieber einen schwächeren Mann nehmen.“ Auch Hirsch kommt in der „Norddeutschen Sportzeitung“ nicht gut weg: „Er hat seinen Höhepunkt ohne Zweifel hinter sich; seine frühere Durchschlagskraft, seine Schussfertigkeit sind dahin – sein Eifer nach Halbzeit anzuerkennen.“ Ganz anders urteilt „Der Fußball“ aus München: „Hirsch war im Felde im Zuspiel wie das ganze Innentrio glänzend!“

Die sportliche Bilanz der deutschen Nationalmannschaft bis 1914 blieb im Vergleich zu kommenden Zeiten bescheiden, was das Können einzelner Akteure nicht schmälert. Zu groß war die Fluktuation im Team. Die „Elf der Besten“ schien manches Mal nach dem Zufallsprinzip zusammengestellt. Im Punktspielbetrieb herrschte infolge der damals aufgrund der Verkehrsverhältnisse und der Arbeitstätigkeit der Spieler verständlichen „Kleinstaaterei“ und Regionalisierung oftmals Unterforderung für die besten Akteure. Zudem gab es auf DFB-Ebene keine systematische Schulung der Spieler, keine Nachwuchsförderung, keinen festen Trainer und auch keine Trainingslager.

Nur gegen die Schweiz (4 Siege, 0 Unentschieden, 2 Niederlagen) und gegen Russland (1 Sieg) fiel die Bilanz positiv aus, ausgeglichen gegen Schweden (1-0-1). Erfolglos blieb die Nationalelf gegen Holland (0-2-3), Ungarn (0-2-2), England (0-1-3), Dänemark (0-0-2) sowie gegen Österreich und Belgien (jeweils 0-0-3). In der Gesamtbilanz resultieren aus 30 Länderspielen von 1908 bis 1914 sechs Erfolge, fünf Remis und 19 Niederlagen.

Das letzte deutsche Fußball-Länderspiel der Vorkriegszeit fand am 5. April 1914 in Amsterdam gegen die Niederlande statt und endete 4:4. Der wuchtige Mittelstürmer Otto „Tull“ Harder vom HSV-Vorläufer Hamburger FC 88 stand mit seinen 22 Jahren für eine neue Fußballer-Generation. Die aber wird infolge des Ersten Weltkriegs erst 1920 mit Torwart Stuhlfauth, Mittelläufer Kalb und anderen in der Nationalelf debütieren können.

Julius Hirsch. Nationalspieler. Ermordet.

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