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Generativität und Ich-Integrität
ОглавлениеGenerativität beschreibt die Fähigkeit und Bereitschaft des Individuums, Mitverantwortung für die Entwicklung nachfolgender Generationen zu übernehmen, sich für die nachfolgenden Generationen zu engagieren, diesen eigene Erfahrungen und Erkenntnisse, eigenes (Lebens-)Wissen bereitzustellen, um damit einen Beitrag zu deren gelingender Entwicklung zu leisten. Erik H. Erikson ging in vielen Beiträgen von der Annahme aus, dass die Generativität vor allem ein Entwicklungsziel des mittleren Erwachsenenalters darstelle. Doch vor dem Hintergrund umfangreicher Forschung zur Generativität lässt sich konstatieren: Diese bildet ein bedeutendes Thema bis in das höchste Lebensalter. Dies zeigen empirische Studien aus der Arbeitsgruppe des US-amerikanischen Psychologen Dan McAdams (McAdams, 2018; McAdams & St. Aubin, 1992) ebenso wie Arbeiten aus dem Heidelberger Institut für Gerontologie (Kruse & Schmitt, 2016). Mit anderen Worten: Alte Menschen suchen nach Möglichkeiten, die von anderen Menschen empfangene Sorge zu erwidern, sich mithin nicht allein als Sorgeempfangende, sondern auch als Sorgegebende zu erfahren. Diese Reziprozität in den Sorgeleistungen ist für das emotionale (und über dieses vermittelt: gesundheitliche) Wohlergehen von großer Bedeutung. Dabei ist auch zu bedenken, und dies ist für die Deutung von Sorge durch alte Menschen selbst wichtig: In der Sorge für und um andere Menschen wird auch die Grundlage für symbolische Unsterblichkeit gelegt: Wir leben auch nach unserem Tod in anderen Menschen weiter; was wir in unserem Leben getan haben, bleibt auch nach unserem Tod bestehen. Dies heißt aber auch: Damit sich die Reziprozität in den Sorgeleistungen, damit sich das Gefühl symbolischer Unsterblichkeit einstellen kann, ist es notwendig, dass alte Menschen auf eine soziale Umwelt und eine Kultur treffen, die die seelisch-geistigen Kräfte des Alters erkennt, die Interesse an alten Menschen hat und dieses Interesse auch artikuliert. Hier sind soziale und kulturelle Gelegenheitsstrukturen angesprochen, die eine zentrale Bedingung für die Generativität im Alter bilden.
Ich-Integrität beschreibt die Fähigkeit des Individuums, das eigene Leben, wie es sich im Rückblick darstellt, anzunehmen – und zwar sowohl in seinen Höhen wie auch in seinen Tiefen, in den gelebten wie auch in den nicht gelebten Seiten der Existenz (Fuchs, 2019). Hier ist eine Integration notwendig: Nämlich von Erfolgen und Misserfolgen, von Sinn- und Stimmigkeitserfahrungen wie auch von Sinnkrisen, von Hilfen, die man anderen Menschen zuteilwerden ließ, und von Schuld, die man in der Beziehung zu anderen Menschen auf sich geladen hat. Im Prozess der Ausbildung von Ich-Integrität spielt der Lebensrückblick eine hervorgehobene Rolle; dieser treibt zur Auseinandersetzung mit ungelösten Konflikten an, aber auch zur Herstellung einer inneren Ordnung, in die einzelne biografische Ereignisse und Erlebnisse eingefügt werden. Diese Integrationsleistung wird dadurch gefördert, dass das Individuum zentrale Geschichten (zu verstehen im Sinne des dargestellten story-Konzepts) aufschreibt oder erzählt. Dabei ist es durchaus möglich, dass immer und immer wieder die gleichen Geschichten (stories) erzählt werden. Dies ist erstens als Akt der Selbstvergewisserung zu begreifen, zweitens als Ausdruck der Tatsache, dass das Individuum an einzelnen Lebensthemen und Lebensfragen noch immer »arbeitet«, drittens als Hinweis darauf, dass das Individuum der Mit- und Nachwelt Wichtiges mit auf den Weg geben möchte. Hier bestehen wichtige Parallelen zum Lebensrückblick, wie dieser von Robert Butler (1980) konzeptualisiert wurde.