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Auf der Insel, 9. Dezember 2014

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Es war Abend. Lech saß im Sessel und las. Ich blätterte Bücher durch, die früher einmal Mutter gehört hatten, Bücher über Ostpreußen, in denen sie Unterstreichungen vorgenommen und kleine Kommentare an den Rand geschrieben hatte. Doch nichts über Bruno, nirgendwo. In einem der Bücher lag ein Ausschnitt aus der Zeitschrift Riesengebirgsheimat, Jahrgang 2004, Nummer 2, Seite 30:

»Herr Jeannot Bartier ist auf der Suche nach Einwohnern Spindelmühles, die Kontakt zu seinem Vater hatten. Sein Vater Henri J. Bartier, geboren am 12. April 1922, gehörte einer Kolonne belgischer Kriegsgefangener an, die im Dienst der Firma Chemische Werke Brieg, Abteilung Straßenbau, eine Straße von Spindelmühle zum Spindlerpass anlegten. Herr Bartier junior wäre über jede Nachricht erfreut, so geringfügig sie auch ausfiele. Wer sich an seinen Vater erinnert, kann sich Fotos anschauen, die Herr Bartier senior aufgenommen hat: ein Foto, datiert 1941, das die belgischen Kriegsgefangenen De Bliek und Tobac zusammen mit zwei Spindelmühlerinnen zeigt, Frau Standera und Frau Bauer (gemäß der handschriftlichen Notiz auf der Rückseite). Auf dem Bild ist auch Frau Wiesners Kind im Kinderwagen zu sehen. Darüber hinaus gibt es Fotos von Herrn Bartiers belgischem Wehrpass und seinem Kriegsgefangenenpass. Er fotografierte auch seinen Entlassungsschein, ausgestellt am 8. Januar 1941 von der Kommandantur in Görlitz. Nach Herrn Bartiers Tod fand der Sohn die Fotos in dessen Schreibtisch. Der Vater hatte nie, mit keinem einzigen Wort, erwähnt, dass er in Spindelmühle gewesen war. Wer über Informationen verfügt, kann Kontakt aufnehmen zu Monsieur Bartier Jeannot, 38 Rue Chanoine Camerlijnck, B-7780 Comines, Belgien.«

Warum hatte Mutter diesen Ausschnitt aufbewahrt? Sie hatte ihn fein säuberlich mit der Schere ausgeschnitten. Ich zeigte ihn Lech. Das muss etwas bedeuten, sagte ich.

Er schaute ihn genau an. Das ist schwer zu verstehen, erwiderte er. Dann sagte er, dass Kafka in Spindelmühle war. Er war krank gewesen und hatte ein Jahr lang nicht schreiben können. Sein Arzt hatte ihn in diesen Kurort im Riesengebirge geschickt, damit er wieder zu Kräften kam. Als Kafka dort eintraf, hatte es heftig geschneit, als wollte der Schnee alles begraben. Noch am selben Abend begann er am Schloss zu schreiben. Und die Worte strömten.

»Wenn ich Bruno fände«, sagte ich, »würden meine Worte strömen.«

»Warum ist er so wichtig für dich?«, fragte Lech.

Ich antwortete mit einem Zitat von Kafka: »Von einem gewissen Punkt gibt es keine Rückkehr mehr.«

»Das ist keine Antwort«, sagte Lech. Er sagte es mit Wärme.

»Ich kann es nur schwer erklären«, erwiderte ich. »Er und ich gehören irgendwie zusammen. Vielleicht, weil er vor seinem Vater geflohen ist, und ich vor meiner Mutter.«

»Vielleicht«, sagte Lech. Er klang nicht überzeugt. Ich war es selber nicht.

Goodbye, Bukarest

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