Читать книгу Dreizehn. Das Spiegelbild. Band 3: Roman (13. Dark Fantasy, Steampunk) - Carl Wilckens - Страница 8
ОглавлениеIm Verwunschenen Tal
»Kennst du die sieben Zauberworte? / Bist durch den Mondbrunnen getaucht? / Sahst du längst alle fernen Orte? / Hast den Feenstaub schon verbraucht?« Lias samtene Stimme war so leise, dass sie das Zirpen der Grillen kaum übertönte. Die Vorhänge vor den Hüttenfenstern sperrten das Mondlicht aus. Die Schatten aller Dinge wiegten im flackernden Licht der Kerzen. Dem Kessel über der Feuerstelle entstieg ein angenehm milder Geruch, der an einen Sommerregen erinnerte.
»Nimm diesen Kuss, mein Elfenkind, / im Morgengrauen gehen wir, / wohin wir nie gegangen sind, / und dann zum Schluss, mein Silberprinz, / verrat ich ein Geheimnis dir, / und alles endet und beginnt.« Der Marionettenmann mochte dieses Lied. Als er ein Kind gewesen war, hatte seine Mutter es ihm viele Male vorgesungen. An der Stelle mit dem Kuss hatte sie ihn auf die Stirn geküsst und während der anschließenden Strophe mit dem Finger seine Nasenspitze angestupst.
Doch die Aufmerksamkeit des Marionettenmannes galt allein dem magischen Spiegel in seinem Schoß. Er zeigte Emily in einem Zimmer in Sankt Laplace. Unweigerlich musste er daran denken, wie er sie das letzte Mal gesehen hatte. Sie hatte ohne zu zögern auf ihn geschossen. Hatte seinen Spiegel zerstört und – was noch viel schlimmer war – ihn um ein Haar getötet. Der Marionettenmann ballte die Hände zu Fäusten. Wieso war sie in der Nervenheilanstalt? Was war geschehen, nachdem sie den Spiegel durchschossen hatte? Emily saß auf ihrem Bett. Sie hatte die Beine angezogen und die Arme um die Knie geschlungen. Im silbernen Mondlicht, das durch das vergitterte Fenster fiel, wirkte sie noch blasser, noch kränklicher, als sie vermutlich ohnehin schon war. Ihre Miene war leer. Unzählige Tränen, die ihr über die Wangen geflossen sein mussten, hatten sämtliche Hoffnung aus ihren Zügen gespült. Der Marionettenmann verspürte einen Stich. War es seine Schuld? Hatten seine Taten ihr letztendlich den Verstand geraubt?
Vor dem durch ein Gitter versperrten Durchgang zu Emilys Zimmer rührte sich etwas. Das Gitter bewegte sich zur Seite und ein Mann betrat ihr Zimmer. Dann passierte etwas Seltsames. Das Bild im Spiegel flackerte. So kurz, dass der Marionettenmann glaubte, es sich eingebildet zu haben. Aber es passierte wieder. Dann verrauschte es kurz. Die Augen des Marionettenmannes – sein verbliebenes und das künstliche – blieben auf das Glas gerichtet, während er nach einer Erklärung suchte. Ein Teil seines Denkens blieb hartnäckig dabei, dass er Gespenster sah. Litt er unter den Auswirkungen des Schlafmangels? Es gab nichts, das einen derart mächtigen Gegenstand wie den Zauberspiegel durcheinanderbringen konnte. Hatte er bei der Reparatur einen Fehler gemacht? Er bezweifelte dies. Kaum jemand arbeitete so akribisch wie er. Also was war es dann? Der Einzige, der die Macht besaß, die Verbindung des Zauberspiegels zu stören, war der Wurmgott. Aber das war lächerlich. Der Marionettenmann gab einen leisen Laut von sich, den man wohl als Lachen hätte interpretieren können. Dieser Mann konnte unmöglich der Wurmgott sein. Der Wurmgott musste stets auf der Straße gehen, über der keine Sterne schienen. Dass diese geradewegs durch Treedsgow führte, war ebenso unwahrscheinlich, wie dass die Königin von Dustrien sich in den Marionettenmann verliebte.
»Heut Mittag, g’liebtes Elfenkind, / kehr’n wir ein ins Königsschloss, / und reiten auf des Königs Ross, / noch eh der nächste Tag beginnt.« An dieser Stelle des Liedes hatte das Herz des Marionettenmannes stets schneller geschlagen. Er hatte sich vorgestellt, den König zu treffen und seine bildhübsche Tochter. Hatte davon geträumt, sie zu heiraten. Selbst dann noch, als seine Arme und Beine nicht aufgehört hatten zu wachsen, und er zu einem spinnengliedrigen Monster geworden war.
Und wenn das dort in Emilys Zimmer doch der Wurmgott war? Der Marionettenmann blickte von oben auf die Gestalt herab. Sie und Emily redeten miteinander. Er konnte ihr Gesicht nicht sehen, obgleich es keinen Unterschied machte. Der Wurmgott hatte viele Gesichter. Der Marionettenmann legte den Spiegel vorsichtig auf das Bett und erhob sich von der strohgefüllten Matratze. Er holte einen Zettel, Füllfederhalter und Tintenfass, schrieb mit fein säuberlicher Handschrift Treedsgow auf das Papier und riss es ab. Dann ging er zum Kessel, in dessen Oberfläche der sternenübersäte Himmel des Verwunschenen Tals zu sehen war, und warf ihn hinein.
Das Bild im Kessel blieb unverändert. »Nun mach schon!«, fluchte der Marionettenmann. »Zeig mir den Himmel über Treedsgow.« Wütend trat er gegen das Eisen. Aber außer einem pochenden Schmerz im großen Zeh brachte es ihm nichts. Er wandte sich den zahllosen Schrumpfköpfen auf den Regalbrettern zu.
»Wer von euch nutzlosen Schrumpfköpfen war schon mal in Treedsgow?«, fragte er. Schweigen. »Raus mit der Sprache, oder ich werfe einen nach dem anderen in den Topf, bis ich den Richtigen gefunden habe!« Die Schrumpfköpfe begannen, wild durcheinanderzurufen. »Ruhe!«, brüllte der Marionettenmann. »Der Nächste, der unaufgefordert spricht, landet im Topf.« Wieder Stille.
»Ich glaube, Eric war schon mal dort!«, sagte Carl von seinem Platz ganz oben im Regal.
»Er lügt!«, schrie Eric panisch. Seine leeren Augenhöhlen weiteten sich, als der Marionettenmann ihn aus dem Regal nahm. »Bitte. Wirf mich nicht in den Topf. Ich kann …« Platsch. Eric verstummte, als er im Kessel landete und sich binnen Sekunden darin auflöste. Das Bild im Kessel veränderte sich. Nun zeigte es die Sterne über Treedsgow, und zwar alle Sterne. Auch solche, die mit bloßem Auge nicht zu erkennen waren. Es waren so viele, dass sie beinahe zu einem einzigen silbernen Licht verschmolzen. Nur ein Streifen, der von Norden nach Süden den Himmel zerteilte, war dunkel. Der Unterkiefer des Marionettenmannes begann zu zittern. Also doch! Die Straße, über der keine Sterne schienen, führte geradewegs durch Treedsgow. Er kehrte zum Bett zurück und nahm mit verschwitzten Fingern den Spiegel wieder auf. Der Mann, der vermutlich niemand anderes als der Wurmgott war, reichte Emily soeben ein Lederband, an dem ein Stein hing. Ein Talisman? Was auch immer er von dir will, Emily, lass dich nicht auf ihn ein! Warum sorgte er sich um sie? Wenn der Wurmgott wusste, dass Emily ihm die Tränen gestohlen hatte, sollte er sich lieber Sorgen um sich selbst machen.
Das Mädchen nahm den Talisman und der Wurmgott verließ den Raum, ohne das Gitter hinter sich zu schließen. Emily betrachtete den Stein einige Herzschläge lang unschlüssig. Als wüsste der Spiegel genau, was der Marionettenmann sehen wollte, näherte sich das Bild dem Objekt in ihren Händen. Seine Augen weiteten sich, als er es erkannte. Es war ein Runenstein. Aber nicht irgendeiner, sondern einer von dreien, die den Geisterkönigen gehörten. Auch er besaß einen. Er hing an einer Schnur um seinen Hals und umgab ihn mit einer Aura der Furcht. Der Legende nach steckte in jedem von ihnen ein wenig vom dunklen Mana der Geisterkönige selbst. Besaß man alle drei, machten sie ihren Besitzer zum Herrscher über die Bösen Geister. Es waren diese Steine, die die Geister unter ihren Königen vereint hatten. Bevor alle Geister aus der Welt verbannt worden waren, waren die Norn die Einzigen gewesen, die freiwillig ihren Königen gedient hatten. Sie waren die mächtigste und zugleich seltenste Sorte von Bösen Geistern. Alben hingegen gingen stets ihrer eigenen Wege. Der Marionettenmann war sich nicht einmal sicher, ob sie wirklich böse waren. Sie waren nicht so mächtig wie die Norn, dafür mächtiger als ein Folklore. Und trotzdem waren die Folklore es, von denen damals die größte Gefahr ausging. Sie waren ohne Zahl, und ohne einen Herrscher würden sie über das Land kommen wie ein Schwarm gefräßiger Heuschrecken und es in eine leblose Wüste verwandeln.
Emily legte sich den Talisman um den Hals und erhob sich vom Bett. Sie trat aus dem Mondlicht in den Gang und verschmolz nahtlos mit der Dunkelheit. Trotz aller Sorge kam der Marionettenmann dem Spiegel mit neugieriger Miene so nahe, dass er fast seine große Hakennase gegen das Glas stieß. Das war also die Macht dieses Runensteins. Er machte unsichtbar im Schatten. Trotzdem folgte der Spiegel Emily sicher durch die Flure in ein leeres Büro. Eine Schrankschublade öffnete sich wie von Geisterhand. Ein Schlüssel, der ganz oben auf lag, verschwand und die Schublade schloss sich wieder. Emily verließ das Büro und begab sich auf direktem Wege zum Haupteingang der Anstalt. Das Licht des Mondes fiel auf ihr Gesicht, als sie aus einem der quadratischen Fenster in den Türen hinauf zum Himmel blickte. Sie wartete, bis sich eine Wolke vor den Mond schob. Dann schloss sie die Tür auf, trat hinaus auf das Gelände und floh durch das offene Tor der Festungsmauer. Während sie dem Weg den felsigen Hügel abwärts folgte, schien es, als zeige der Spiegel eine jener Belanglosigkeiten, denen er sich widmete, wenn nichts Interessantes geschah. Nur wenn Emily einen Abschnitt des Weges betrat, wo das Mondlicht durch eine Lücke in den Fichten und Kiefern fiel, sah man sie: eine schattenhafte Gestalt in einem weißen Nachthemd. Als Emily den Fuß des Hügels erreichte, begann sie zu rennen. Ein starker Wind wehte von Norden und warf Wellen in das Meer aus Gras, das die hügelige Landschaft um Treedsgow bedeckte. Ihr dunkles Haar flatterte hinter ihr her. Als sie den Weg zum Stadtrand zur Hälfte zurückgelegt hatte, wurde sie langsamer. Sie duckte sich ins hohe Gras und warf einen Blick über die Schulter. Niemand folgte ihr. Falls jemand in Sankt Laplace bemerkt hatte, dass ihr Bett leer war, suchten sie noch in der Anstalt nach ihr. In normalem Tempo ging Emily weiter. Der Marionettenmann musterte ihr Gesicht. Sie atmete schwer. Ihre Augenbrauen waren kaum merklich zusammengezogen. Das dunkle Mal über ihrer linken Braue stach aus ihrem Gesicht hervor, das weiß wie Schnee im Mondlicht wirkte. In ihrem Blick lagen Angst, aber auch Entschlossenheit. Als sie den Stadtrand erreichte, kündete ein heller Streifen am Horizont den nahenden Morgen an. Emily blieb stehen. Ihre Augen waren auf etwas gerichtet, das der Marionettenmann nicht sehen konnte.
»Was ist da?«, murmelte er. Der Spiegel veränderte die Perspektive und zeigte ihm ein hölzernes Kästchen, das dort stand, wo eine der Straßen Treedsgows in die Graslandschaft mündete: eine Spieluhr. Sie war verschlossen und somit offenbar still. Der Spiegel übertrug ohnehin keine Laute und trotzdem bildete der Marionettenmann sich ein, die gedämpfte Melodie des Kinderliedes, das Lia sang, aus dem Innern des Kästchens zu hören.
»Nimm meine Hand, mein Elfenkind / hörst du die Wellen rauschen? / Die Sonne schon im Meer versinkt / sie und der Mond nun tauschen / den Platz am dunklen Firmament: / ein letzter magischer Moment.« Mit misstrauischer Miene näherte sich Emily der Spieluhr.
»Tu es nicht, Emily«, flüsterte der Marionettenmann. »Es ist eine Falle. Geh einfach.« Der Wurmgott musste der Straße, über der keine Sterne schienen, stets folgen. Wenn sie von Norden nach Süden führte, konnte er nicht mehr hier sein. Doch er konnte etwas auf der Straße hinterlassen haben. Die Schatulle zum Beispiel.
Aber wenn er Emily hätte töten wollen, hätte er es in der Anstalt tun können. Warum half er ihr zu entkommen, nur um sie in eine Falle laufen zu lassen? Das ergab keinen Sinn. Trotzdem hatte der Marionettenmann ein ungutes Gefühl.
Emily ging vor der Schatulle auf die Knie und streckte ihre Hand nach dem Deckel aus.
»Sei nicht dumm, Emily«, sagte der Marionettenmann. Als hätte das Mädchen ihn gehört, verharrten ihre Fingerspitzen wenige Zentimeter davor. Dann ließ sie die Hand sinken. Der Marionettenmann atmete erleichtert auf.
Plötzlich sprang der Deckel auf. Eine schwarze Hand schnellte daraus hervor und packte Emilys Hals. Der Marionettenmann zuckte so heftig zusammen, dass ihm der Spiegel beinahe aus dem Schoß gefallen wäre.
»Nein, nein, nein!« Emily fasste das Handgelenk und versuchte vergeblich, sich aus dem Griff zu befreien. Ihre Fingernägel kratzten über den Handrücken. Ihre Bewegungen erlahmten. Sie öffnete den Mund zu einem Schrei, der nie über ihre Lippen kommen sollte. Das Leben wich aus ihren Gliedern. Die Hand ließ sie los und zog sich in die Schatulle zurück. Emilys schlaffer Leib sackte zur Seite. In ihren leeren Augen spiegelte sich der Morgen.
»Nein!«, flehte der Marionettenmann. Tränen liefen ihm aus seinem verbliebenen Auge. Es waren Tränen der Trauer, nicht der Wut. Wieso wurde ihm erst jetzt klar, dass es ihm nie um die tränenförmigen Edelsteine gegangen war? Auch nicht um den Wurmgott. Er hatte gewollt, dass Emily zu ihm zurückkehrte. Emily, die Einzige, die ihn je wie einen Menschen behandelt hatte. Die ihn angesehen hatte ohne das geringste Zeichen von Abneigung. Im Gegenteil: Sie hatte ihn bewundert. Hatte seine Gesellschaft genossen, egal wie griesgrämig er gewesen war.
Die Schrumpfköpfe schwiegen, während der Marionettenmann in seine Handflächen weinte. Nicht einmal Carl wagte, einen Ton von sich zu geben, und hätte er auch nur ein Wort gesagt, der Marionettenmann hätte ihn, ohne zu zögern, in seinen Topf geworfen. Vorbei war die Zeit, da er vor dem Wurmgott buckelte. Mochte er noch so mächtig und furchteinflößend sein. Es konnte Jahre dauern, bis die Straße, über der keine Sterne schienen, das nächste Mal durch das Verwunschene Tal führte. Der Marionettenmann ließ die Hände sinken und betrachtete seine tränennassen Handflächen. Ihm kam ein tollkühner Gedanke. Was hatte Carl zu ihm gesagt? Wenn du dich ganz dem Studium der Alchemie widmen würdest, statt ständig in diesen Spiegel zu starren, hättest du vermutlich bereits den Stein der Weisen erschaffen. Ach, was rede ich, du könntest selbst Tote wiedererwecken. Emily war tot. Aber das musste nicht so bleiben. Tränen, geweint zum Zeitpunkt des Todes aus Trauer um das Opfer. Physisch gewordener Kummer. Der Marionettenmann erhob sich von seinem Bett, wobei er den Spiegel vorsichtig auf die Matratze gleiten ließ, und ging zu seinem Schrank. Er öffnete ihn mit den Ellbogen und ließ die Tränen von den Handflächen in ein Glas tropfen; behutsam, um die erste Zutat von vielen, die man brauchte, um jemanden von den Toten zurückzuholen, nicht zu vergeuden.