Читать книгу Das Erbe von Samara und New York - Erik Eriksson - Страница 12

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Der Schwarze im Keller

Das Wasser der Wolga war grau, in Ufernähe schwammen Holzstücke und Gras, mehrere kleine Fischerboote lagen etwas weiter draußen, die Männer in den Booten waren mit den Netzen beschäftigt, einer von ihnen rief den Leuten, die an Land warteten, etwas zu. Es war weit bis zum anderen Flussufer, vielleicht tausend Meter. Es kam vor, dass gelegentlich große Schiffe vorbeifuhren. Jetzt war das Wasser weit draußen zu sehen, graues, düsteres Wasser, das die Wolken am Himmel nicht widerspiegelte.

Alvine fragte ihre Mutter, ob sie eine Weile aus dem Wagen steigen dürfe, aber die Mutter erlaubte es nicht. Es war hier allzu schmutzig.

»Warum möchtest du das denn, wir wollen jetzt weiterfahren«, sagte die Mutter, die Ida hieß.

»Ich möchte die Boote betrachten«, sagte Alvine.

»Die kannst du genauso gut vom Wagen aus sehen, oder nicht?«

»Du hast Recht, Mama, es war nur so eine Idee.«

»Natürlich, meine Liebe, du hast so deine kleinen Ideen.«

Alvines Mutter befahl dem Kutscher weiterzufahren. Er schlug mit den Zügeln auf den schwarzen Pferderücken, schnalzte ein paarmal mit der Zunge, schlug wieder zu, dieses Mal ein wenig fester, murmelte irgendetwas Unhörbares. Alvine lachte auf, sie fand den mürrischen Kommandoton des Kutschers lustig. Ihre Mutter sagte nichts. Der Wagen rollte weiter hinauf in das Stadtzentrum. Sie hatten den Umweg zum Fluss hinunter nehmen müssen, weil einige grölende Männer den Weg in die Stadt versperrt hatten, sie hatten klappernde Pferdehufe gehört, der Kutscher war in eine Seitenstraße eingebogen, hatte das Pferd angetrieben, das hinunter zum Wolgastrand trabte.

Es war nicht weit bis nach Hause. Wenn Alvine auf den Balkon im obersten Stockwerk des Elternhauses trat, konnte sie den Fluss sehen. Sie stand dort bisweilen und folgte den Booten mit den Blicken, den Dampfern, die nach Süden fuhren, nach Saratov und Astrachan, oder nach Norden, nach Kazan und Novgorod. Sie wäre gerne mit einem der Schiffe gefahren, am liebsten mit dem, welches Peter hieß, es war etwas größer als die anderen. Auf dem Schiff gab es ein schönes Restaurant, das hatte ihr Bruder Kolja erzählt.

Alvine hatte sich zum Geburtstag eine Dampferfahrt auf der Wolga gewünscht. Sie würde im Sommer sechzehn Jahre alt werden. Jetzt war es Ende April.

Der Kutscher schnalzte wieder, er wollte das Pferd antreiben. Sie hatten eine kleine Steigung vor sich, einen mit Kopfsteinen gepflasterten Buckel auf dem Weg, der hinauf zur Hauptverkehrsstraße von Samara, der Alexanderstraße mit ihren Büros, Läden und der französischen Konditorei, führte.

Alvines Vater Julius Christensen besaß eines der größten Geschäfte in der Alexanderstraße. Sein Name stand auf dem ovalen Schild über dem Eingang. Es kam vor, dass die Leute das Geschäft »den Laden des Dänen« nannten.

Alvine hatte es oft gehört und sie hatte nichts dagegen.

Ihre Familie war Ende des 18. Jahrhunderts aus Dänemark gekommen, seitdem hatten sie sich mit Deutschen und Russen vermischt. In der ganzen Straße war es ähnlich, fast alle Geschäfte gehörten Leuten, die vor langer Zeit aus anderen Ländern nach Russland gekommen waren. Weiter unten in der Straße gab es ein schwedisches Hutgeschäft, einen deutschen Uhrmacher und die wunderbare Konditorei des Franzosen.

Alvine hatte bereits begonnen zu überlegen, welches Gebäck sie nehmen wollte.

Die Kutsche hielt direkt vor der Konditorei. Alvines Mutter sagte etwas, der Kutscher sprang ab und hielt einen Mann zurück, der auf der Straße gestanden hatte und jetzt zum Wagen vordringen wollte. Er war nicht besonders alt, trug eine zerrissene Jacke, er hielt seine Mütze in der Hand, streckte sie Alvines Mutter entgegen. Der Kutscher stieß den Mann beiseite, sagte jedoch nichts. Alvines Mutter bat den Kutscher, draußen auf sie zu warten.

Als Alvine mit ihrer Mutter hineinging, sah sie, wie der Mann in der zerrissenen Jacke die Straße überquerte. Er blieb nicht stehen, sondern ging weiter mit der Mütze in der Hand. Er hinkte ein wenig. Alvine nahm an, dass der Mann vermutlich nicht älter als fünfundzwanzig Jahre war.

Sie bestellten Schokolade mit Zimtsahne, dazu einige kleine mit Puderzucker bestreute Anistörtchen.

Es war Anfang Mai 1889. Alvine war fünfzehn Jahre alt. Ihre Mutter Ida war gerade sechsundvierzig geworden. Im letzten halben Jahr waren immer mehr zerlumpte Kerle auf den Straßen Samaras aufgetaucht. Alvine hatte gehört, dass die Landbevölkerung nichts zu essen habe. Kolja hatte ihr eine Ausgabe der Samara-Zeitung gezeigt, in der stand, dass viele Menschen in ihrem Gouvernement verhungert seien. Unter den Verhungerten befand sich auch eine Lehrerin.

Aber sie wusste nicht, was sie glauben sollte. Ihr Vater hatte gesagt, dass es sich meist um Übertreibungen handele. Es gab Leute, die das Land ins Verderben stürzen wollten. Solche Leute verbreiteten Lügen.

Die Familie Christensen wohnte in einer Straße, die parallel zur Alexanderstraße mit den Geschäften verlief. Ihr dreistöckiges Wohnhaus war von Ulmen und Apfelbäumen umgeben. Vor dem Wohnhaus befand sich ein gepflasterter Hof, hinter den Ulmen lagen Ställe und einige graue Gebäude. Dort wohnte die Dienerschaft, abgesehen von einigen Mägden, die in der Küche auf der Ofenbank schliefen.

Alvine hatte ihr Zimmer ganz oben im Wohnhaus. Es lag in der Nähe des kleinen Balkons mit Aussicht über die Wolga. Sie liebte diesen Balkon. Sie saß häufig dort und dachte nach, hier sehnte sie sich nach der großen Welt und nach der Liebe. Diese würde von dorther kommen, dachte sie oft, von der Wolga her. Vielleicht mit einem Schiff, mit dem Wind, mit den großen Wolken, die sich über der Steppe auf der anderen Seite des Flusses auftürmten.

Alvine wusste es nicht, es war etwas, das sie fühlte, für das sie keine Worte hatte. Der Balkon war der Ort, an dem sie die größte Sehnsucht empfand.

Jeden Samstag suchte Alvine den Laden ihres Vaters auf. Sie schaute in seinen Kontorraum im Erdgeschoss hinein, ehe sie sich hinaus zwischen die Ladentische und Waren begab.

Es war ein sehr großes Geschäft auf drei Stockwerken, eher ein kleines Kaufhaus. Auf jedem Stockwerk befanden sich ein paar große Räume, sowie einige kleinere Räume für Nähzeug und Schreibwaren. Vor allem jedoch wurden Kleider und Haushaltswaren verkauft.

An den Samstagen war das Geschäft immer gut besucht, die meisten Kunden wohnten in Samara, aber es kamen auch Bauern vom Lande in die Stadt. Im letzten Jahr allerdings war das nicht allzu oft vorgekommen. Zur Straße hin hatten die Räume große Fenster. Auf dem Fußboden darunter befanden sich Schlitze, aus denen warme Luft kam. Nur wenige Häuser in Samara verfügten über eine solche Wärmeanlage. Die Luft wurde durch lange Rohre aus dem Keller heraufgeführt, dort befand sich ein großer Heizkessel. Alvines ältester Bruder Alfred hatte es ihr erklärt. Er half oft im Kontor mit, es war beabsichtigt, dass er die Firma später von seinem Vater übernehmen solle.

An einem Samstag in diesem Frühjahr sah Alvine durch einen Zufall etwas mehr von dem Heizkessel und den Rohren. Sie hatte ihren Besuch beendet und wollte nach Hause gehen. Dem Vater hatte sie schon Auf Wiedersehen gesagt. Er ließ sie nur zu Fuß gehen, wenn sie eine Begleitung hatte, dann brauchte sie nicht auf den Kutscher zu warten.

An diesem Samstag brauchte sich der Vater keine Gedanken zu machen. Alvine sollte von einer Freundin begleitet werden, sie hatten denselben Weg. Sie hatten sich auf der Straße verabredet.

Alvine wartete am Eingang, es dauerte. Hatten sie einander falsch verstanden? Wartete die Freundin vor dem Hintereingang? Kam sie vielleicht aus dieser Richtung?

Nach einer Weile ging Alvine durch das Haus zum hinteren Eingang, der nur von den Angestellten und Lieferanten benutzt wurde. Hinten war ein Hof mit Lagerhäusern und Ställen. Dort lag auch ein großer Holzstoß.

Hier war die Freundin jedoch auch nicht. Alvine ging zu dem Holzstoß. Dahinter befand sich ein Kellereingang. Sie fragte sich, wie es da unten wohl aussehen mochte. Es war dunkel, aber weiter hinten im Dunkel flackerte ein kleines gelbes Licht.

Alvine ging die Kellertreppe hinunter. Sie gelangte in einen länglichen Kellerraum. Es roch nach Rauch und Ruß. Sie ging weiter auf das Licht zu. Da erblickte sie einen Mann. Er war schwarz angezogen, sein Gesicht war dunkel vom Ruß. Alvine zuckte zusammen. Der Mann nahm die Mütze ab und verbeugte sich.

»Hier haben Sie nichts zu fürchten, liebes Fräulein«, sagte er mit sanfter Stimme.

»Entschuldigung, ich wollte nur einmal gucken«, murmelte Alvine.

»Hier kann man schwer etwas erkennen«, sagte der Mann.

»Wer sind Sie?«

»Ich bin derjenige, der dafür sorgt, dass es im Haus warm ist.«

»Die warme Luft dort oben?«

»Genau die, liebes Fräulein.«

»Wo wohnen Sie denn?«

»Hier unten wohne ich.«

»Aber wo ist Ihre Familie?«

»Anderswo, liebes Fräulein.«

»Aber wo essen Sie denn zusammen zu Abend?«

»Das tun wir nicht.«

»Warum nicht?«

»Ich bin immer hier.«

Alvine wusste nicht, was sie sagen sollte. Der Mann war freundlich, aber etwas seltsam. Sie wollte jetzt wieder zurück ans Tageslicht, hier unten fiel ihr inzwischen das Atmen etwas schwer.

Sie murmelte etwas zum Abschied und begann, die Treppe wieder hinaufzugehen. Als sie sich umwandte, war der Mann verschwunden. Vielleicht stand er auch dort im Dunkeln, eingehüllt in die Schwärze.

Nachdem Alvine nach Hause gekommen war, wusch sie sich gründlich. Am Abend fragte sie ihren Vater, wer der Mann im Keller sei. Wie hieß er?

Ihr Vater Julius antwortete, dass der Mann »der Schwarze« genannt würde. Seinen richtigen Namen kannte er nicht.

»Er ist schon immer dort«, sagte Julius.

»Immer?«

»Ja, und er wird wohl auch dort bleiben, weil er dort hingehört. Es ist das einzige Leben, das er hat, und er ist ja nützlich.«

An diesem Abend konnte man ein ungewöhnlich schönes Licht über der Wolga beobachten. Schwach lila gefärbte Wolken lagen über den waldigen Anhöhen am gegenüberliegenden Ufer des Flusses, die letzten Sonnenstrahlen funkelten an den Wolkenrändern.

Alvine stand lange auf dem Balkon und schaute. Ein Schiff glitt vorbei, das Achterdeck wurde von Lampen erleuchtet.

Das Erbe von Samara und New York

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