Читать книгу Das Erbe von Samara und New York - Erik Eriksson - Страница 19
ОглавлениеMein neues Land und auch deines
Carl wohnte in Quincy, an der Küste südlich von Boston. Er hatte ein Dachzimmer in einem Wohnblock, der der Schuhfabrik Brigman and Bull gehörte. Ein Teil der Stiefel, die hier hergestellt wurden, gingen nach Skandinavien. Carl arbeitete jeden Vormittag im Büro der Fabrik. Er war bei der Korrespondenz mit Käufern aus Schweden und Dänemark behilflich. Er verfügte über eine schöne Handschrift.
Carl stellte dem Bürovorsteher seine Schwester vor, fragte, ob es erlaubt sei, dass sie für eine kürzere Zeit bei ihm wohne.
Ja, dagegen war nichts einzuwenden. Die Schwester konnte vielleicht in der Fabrik helfen, sie benötigten Leute.
Hedvig bekam also sofort Arbeit. Sie verdiente einen Dollar und zehn Cent pro Tag, das Essen war billig. Sie konnte schon nach einer Woche etwas Geld zurücklegen.
Eines Sonntags nahm Carl Hedvig auf einen Spaziergang durch Quincy mit. Quincy war eine kleine aufblühende Stadt mit vielen neuen Häusern, gute zehn Kilometer von Boston entfernt. Ja, die Entfernung war ungefähr dieselbe wie die zwischen Råberga und Örebro.
Könnte man sagen, dass Örebro Schwedens Boston war?
»Meine liebe kleine Schwester«, antwortete Carl, »unser altes Örebro wirkt neben Boston wie ein jämmerliches Dorf.«
»Wie groß ist denn Boston?«
»Eine riesige Stadt. Da lebt eine halbe Million Menschen, und es heißt, dass die Hälfte von ihnen in anderen Ländern geboren worden sei.«
»Dann gehören wir zu dieser neuen Hälfte?«
»Das nehme ich an.«
»Gibt es viele Schweden unter den Zugereisten?«
»Ich habe eine ganze Reihe von Landsleuten getroffen.«
»Trotzdem warst ausgerechnet du derjenige, der in der Fabrik als schwedischer Briefschreiber eingestellt worden ist.«
»Das war zu gleichen Teilen Glück und Hartnäckigkeit. Ich habe überall nach Arbeit gefragt, und sie brauchten gerade so einen wie mich.«
»Aber du hast auch eine schöne Handschrift.«
»Genau wie du, wir kommen auf unsere Mutter.«
»Ja, Vater hat selten geschrieben.«
Carl wurde still. Er hätte gerne etwas über Vaters Krankheit und Tod erfahren, aber er wusste nicht richtig, was er sagen sollte. Hedvig hatte das Schweigen ihres Bruders richtig verstanden, sie erzählte, was sie wusste. Aber sie schämte sich dafür, dass sie nicht zu der Beerdigung gekommen war.
»Ich hätte da sein müssen«, sagte sie.
»Aber du hast es ja nicht gewusst.«
»Ich hätte mich auf dem Laufenden halten müssen, man kann es nicht auf andere schieben.«
Es wurde ein langer Spaziergang, es war kühl, aber der Boden war trotzdem trocken, und die Wege gut zu begehen. Sie kamen an einen Fluss, fanden einen Pfad, der am Ufer entlangführte. Carl wusste, dass vor ihnen eine Meeresbucht lag. Er wollte Hedvig gerne die kleinen Ruderboote, die dort lagen, zeigen, man konnte sie mieten, auf jeden Fall im Sommer.
Sie gingen weiter. Aber das Meer schien noch ziemlich weit entfernt zu sein. Sie gingen an hübschen Holzhäusern inmitten von Gärten vorbei, an schattigen Gehölzen mit Ahornbäumen, die rotgelb leuchteten. Es war drei Uhr, die Zeit wurde knapp. An einer Wegkreuzung stand ein Schild: Quincy Point, 3 miles.
»Noch fünf Kilometer bis zum Meer«, sagte Carl, »das schaffen wir heute nicht mehr.«
»Ich habe trotzdem viel von deinem neuen Land gesehen«, antwortete Hedvig.
»Auch von deinem neuen Land, nehme ich an?«
»Ich weiß es noch nicht.«
Hedvig dachte an Karl Gustaf. Sie hatte ihn in der letzten Zeit nicht besonders vermisst. Und sie hatte auch nicht geschrieben. Jetzt wollte sie es tun, gleich heute Abend. Sie hatte es immer wieder aufgeschoben, sie wusste nicht warum.
Als sie auf das Fabrikgelände zurückkamen, begann es schon dunkel zu werden. Sie aßen jeder ein Butterbrot und tranken etwas Tee, ehe sie sich hinlegten. Carl hatte sich auf dem Fußboden unter dem Fenster einen Schlafplatz hergerichtet. Hedvig hatte das Bett an der Wand bekommen. Sie hatten ein hellblaues Baumwolllaken an einer Leine quer durch den Raum gehängt.
Im Februar hatte Hedvig drei Monate in der Fabrik gearbeitet. Man hatte ihr angeboten, länger zu bleiben. Aber es war eine schwere Arbeit an einer Schneidemaschine. Hedvig würde lieber etwas im Haushalt arbeiten oder in einem Büro, wo sie schreiben und rechnen konnte, darin war sie tüchtig.
Sie schrieb ihrer Tante Clara in Montreal einen Brief. Gab es dort irgendeine Büroarbeit für sie?
Clara antwortete, dass Hedvig sicher eine Schreibarbeit finden könnte, aber hierfür benötigte man Englisch- und Französischkenntnisse.
Hedvig zögerte. Sie sprach ein wenig Englisch, aber Französisch? Sie kannte kein einziges Wort in dieser Sprache. Trotzdem entschloss sie sich zu fahren. Sie wollte einmal etwas andres ausprobieren.
Dann erhielt Hedvig einen Brief von Karl Gustaf. Er machte eine Schuhmacherlehre zuhause in Eskilstuna. Er schrieb, dass sein Bruder Alfred bei einem Schneider arbeite, Fredrik hatte in einer Tischlerei angefangen. Über Amerika schrieb er nichts.
Carl hatte gehofft, Hedvig die prachtvolle Statue von Columbus, die gerade vor der Kathedrale mitten in Bosten errichtet worden war, zeigen zu können. Dazu jedoch kamen sie nicht mehr. Hedvig fuhr in der Woche vor Ostern aus Quincy ab. Als sie in Montreal ankam, war es kalt, fast wie im Winter in Schweden.
Hedvig würde im Sommer achtzehn Jahre alt werden.