Читать книгу Geächtete Colthelden: Super Western Sammelband 7 Romane - Glenn Stirling - Страница 11

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Zornesrot kam Sam Babcock ins Office zurück. Jemand hatte die Petroleumlampe angezündet. Die Schatten der Männer geisterten verzerrt auf den weißgetünchten Lehmwänden. Babcock stampfte mit geballten Fäusten auf Glenn zu, der von zwei kräftigen Männern hereingestoßen wurde.

„Wohin habt ihr den Kerl gebracht, Deputy? Heraus mit der Sprache! Wo steckt der Halunke?“

Ein anderer Mann entdeckte den beschriebenen Zettel auf dem Schreibtisch des Sheriffs. „Babcock, sehen Sie sich das an!“

Der Rancher entriss ihm den Wisch. Seine Stirn legte sich in Falten, sein Gesicht wurde kantig und finster, während er las. Dann ruckte sein Kopf hoch.

„Schafft Kelly her!“, bellte er heiser. Männer stürzten ins Freie. Bald darauf betrat der Sheriff den Raum. Sein Gesicht war fahl, staubverschmiert, aber unbeweglich wie sonst auch. Er stieß die Fäuste zurück, die ihn festhalten wollten, und ging direkt auf Babcock zu.

„Was habt ihr mit Ringo gemacht?“

Babcock hielt ihm den Zettel hin. „Lies das! Dein Girl ist mit diesem Erzhalunken durchgebrannt!“

Glenn kam mit einer verzweifelten Kraftanstrengung von den beiden Bewachern los.

„Das ist nicht wahr!“ Er stürzte auf den Rancher los. Da sah er, wie Kelly bereits die Zeilen überflog, und wie der Sheriff plötzlich alt und erschöpft aussah. Das erste Mal, soweit sich Glenn erinnern konnte.

Glenn blieb stehen. Alles in ihm wurde langsam leer und kalt. Die beiden rauen Burschen wollten ihn wieder zurückzerren, aber Babcocks Wink stoppte sie. Dann hatte der schnurrbärtige Rancher nur noch Augen für den Sheriff. Im Office war es nun totenstill.

Logan Kelly ließ das Papier sinken. Seine hellen Augen blickten stumpf. Er schien Babcock gar nicht mehr wahrzunehmen. Eine ganze Weile verharrte er so. Glenn war nahe genug, um die Schweißperlen unter Kellys Haaransatz zu entdecken. Dann zerriss Kelly das Papier sorgfältig in winzige Fetzen, die er achtlos auf die Bretter fallen ließ.

„Liz!“, flüsterte er benommen.

„Sag nur nicht“, grollte Babcock wütend, „du hättest keine Schuld daran! Du solltest mir schon draußen im Arroyo freie Hand gelassen haben! Hoffentlich vergisst du auch jetzt nicht, dass du den Stern trägst und eine Pflicht zu erfüllen hast! Mit jeder Minute wächst ihr Vorsprung! Logan, ich verlange von dir, dass du Ringo Pearson an den Galgen bringst!“ Mit zwei schnellen Schritten kam er dicht an den Sheriff heran und packte ihn an den Jackenaufschlägen.

„Hast du mich verstanden, Logan? Er muss für Jeffs Tod bezahlen!“

Kelly schien aus einem Alptraum zu erwachen. Er schob den Rancher von sich. „Schon gut, Sam. Ich werde dafür sorgen, dass er dem Gesetz nicht entkommt. Nimm das als Versprechen. Glenn, besorg frische Pferde. Wir brechen in spätestens einer halben Stunde auf. Sam, wenn du ein paar tüchtige Männer für eine lange Hetzjagd entbehren kannst, dann her damit!“ Seine Stimme klang so kühl und entschlossen, dass einen Moment Erstaunen in Babcocks Augen erschien.

Er nickte schnell. „Natürlich! Ich werde selber dabei sein. Wir treffen uns in einer halben Stunde beim Mietstall.“ Seine Handbewegung scheuchte die anderen Männer hinaus.

Kelly ging zum Gewehrständer und suchte sich einen Karabiner aus. Dann holte er Munitionsschachteln aus der Schreibtischschublade. „Glenn, bist du noch immer da?“, fragte er, ohne sich umzublicken.

Glenn räusperte sich. Der Gedanke, dass Liz Kelly jetzt Seite an Seite mit einem Desperado durch die Nacht einem unbekannten Ziel entgegenritt, quälte ihn.

„Kelly“, begann er heiser, „warum legen Sie den Stern in Red Hill nicht einfach ab. Ihr Name ist in ganz Arizona bekannt. Sie finden überall einen Job!“

Kelly füllte das Gewehrmagazin mit Patronen. „Was redest du für Unsinn, Glenn!“

Der junge Deputy packte ihn an der Schulter. „Kelly, verdammt, Sie können nicht einfach so tun, als gäbe es Liz nicht! Es ist nicht zu ändern, dass sie Ringo liebt! Sie wird auch dann nicht von seiner Seite weichen, wenn es zum Ende kommt!“

„Ich tue meine Pflicht, nichts weiter! Und du solltest dich jetzt endlich um die Pferde kümmern!“

„Ihre Pflicht!“ wiederholte Glenn heftig. „Wem sind Sie denn mehr verpflichtet, Kelly? Dem Stern oder Ihrer Tochter?“

Kellys hagere Gestalt schien noch zu wachsen. Seine Stimme wurde schneidend. „Ich habe dir einen Befehl gegeben, Glenn! Wenn du dich weigerst, dann gib gefälligst dein Abzeichen zurück!“

Glenns Schläfen brannten. Sekundenlang war er nahe daran, den Stern vom Hemd zu reißen und ihn Kelly vor die Füße zu schleudern.

Aber dann dachte er daran, dass dieser Mann immer ein väterlicher Freund für ihn gewesen war. Vielleicht würde Logan Kelly, den sie Sheriff Eisenfaust nannten, ihn jetzt zum ersten Mal wirklich brauchen! Das Aufbegehren in Glenn erlosch. Wortlos wandte er sich ab und machte sich auf den Weg zum Mietstall.

Drei Tage lang führte die Jagd durch heißes, einsames Land nach Nordosten. Sheriff Kelly saß wie festgeklebt auf der Fährte. Außer Glenn ritten nur noch Babcock und vier seiner tüchtigsten

Cowboys mit ihm. Die anderen waren nach und nach zurückgefallen und schließlich nach Red Hill zurückgekehrt. Am Mittag des vierten Tages zog von Osten her ein Gewitter auf. Die Reiter bewegten sich müde und stumm an den rissigen Flanken der White Mountains entlang. Die glühende Sonne verschwand hinter pechschwarzen Wolkenmassen. Düstere Helligkeit lagerte über dem Land. Donnergrollen drang schwach herüber. Manchmal geisterte Wetterleuchten über die steinernen Zinnen und Grate. Logan Kelly drehte sich zum ersten Mal seit Stunden nach den anderen um.

„Entweder wir schaffen es in der nächsten Stunde, oder überhaupt nicht mehr. Wenn das Gewitter erst hier ist mit dem Regen, dann wird es keine Spuren mehr geben! Sam, was ist los?“

Babcock hatte seinen Gaul von den anderen einige Schritte weggelenkt und starrte, in den Steigbügeln aufgerichtet, zu den Bergflanken hinüber. Ein Reiter näherte sich von dort im Galopp. Ein großer, breitschultriger Mann in Weidetracht. Sein Gesicht war kantig, tief gebräunt, und eine auffällige helle Narbe lief von seiner rechten Schläfe zum Kinn hinab. Auf dem Kopf des Fremden saß ein riesiger mexikanischer Sombrero, dessen Krempe mit Silberstickereien verziert war. Staubumhüllt zügelte er vor der kleinen Gruppe aus Red Hill das Pferd.

„Ein gewisser Sam Babcock unter euch?“, fragte er ohne Einleitung.

Der schnurrbärtige Rancher nickte. „Ich bin es! Crego, nicht wahr?“ Der Breitschultrige nickte grinsend – ein hartes Grinsen, bei dem ein kaltes Licht aus seinen Augen sprühte.

„Wir haben sie!“, erklärte der Neuankömmling grimmig. Er deutete zu den nahen Bergen. „Meine Freunde Mogollon und Yellow passen auf. Sie waren völlig ahnungslos, als wir plötzlich auftauchten und ihnen den Weg verlegten. Jetzt sitzen sie in der Klemme. In einer Schlucht, aus der es nur einen Ausgang gibt. Den bewachen wir. Gute Arbeit, nicht wahr, Babcock? Sie werden ’nen schönen Batzen springen lassen, oder?“

Kelly fragte rau: „Sam, wer ist der Mann? Redet er von Pearson und Liz?“

„Yeah, Logan! Das ist Wade Crego ...“

„Der Kopfgeldjäger aus New Mexico?“

Crego lächelte scharf zu ihm hinüber. „Gefällt Ihnen daran etwas nicht, Sternträger?“

„Ich habe noch nie mit Leuten Ihrer Sorte zusammengearbeitet.“

„Dies ist ein Ausnahmefall!“, sagte Babcock hastig. „Oder meinst du es plötzlich nicht mehr ernst mit dieser ganzen Jagd? Logan, bevor wir neulich in Red Hill aufbrachen, hab ich ein Telegramm nach Gallup geschickt. Ich wusste, dass sich dort Crego mit seinen Freunden aufhielt. Ich habe ihn für diese Arbeit angeworben. Er sollte Ringo den Fluchtweg verlegen. Du siehst, es hat tadellos geklappt. Du weißt, um was es für mich geht! Crego, keine Bange, Sie und Ihre Freunde werden die Dollars bekommen. Übernehmen Sie die Führung!“

„Mit der Erlaubnis des verehrten Sheriff!“, spottete der Kopfgeldjäger und zog sein staubbedecktes Pferd herum. Sie preschten den Bergen zu. Glenn Trafford lenkte seinen Braunen neben Kelly.

„Sheriff, diese Sache dürfen wir nicht Crego und seinen Kumpanen überlassen. Diese Kerle sind nicht besser als die übelsten Banditen, wenn es darum geht, gehetztes Wild zur Strecke zu bringen. Der Unterschied besteht nur darin, dass sie ihre Arbeit sozusagen für das Gesetz leisten. Kelly, lassen Sie sich bloß nicht das Kommando aus der Hand nehmen!“

Der Sheriff schaute geradeaus. Nichts in seiner Miene verriet, dass er Glenn zugehört hatte. Der Gedanke an Liz war in dem jungen Deputy brennender als zuvor. Die Vision von Pulverdampf und schnellen Schüssen erwachte in ihm, und am liebsten hätte er den Kopfgeldjäger mit vorgehaltenem Colt zur Umkehr gezwungen.

Der Schatten zerklüfteter Felsen legte sich über die Kavalkade. Die Berggipfel schienen direkt in den schwarzen Himmel zu wachsen. Im Osten rückte der Donner näher. Eine halbe Stunde später ritten die Männer auf ein strauchbewachsenes Plateau, das von gewaltigen Felsmauern begrenzt wurde. Der Eingang der Schlucht schien wie von einem riesigen Keil in das Gesteinsmassiv getrieben. Cregos Gefährten erwarteten sie dort mit schussbereiten Gewehren.

Yellow war ein zerlumpter, unrasierter Bursche, der seinen Namen von der krankhaft gelblichen Gesichtsfarbe hatte. Er war hager, knochig, seine Wangen eingefallen. Aus einer Tasche seiner viel zu weiten Jacke ragte der Hals einer bauchigen Schnapsflasche. Mogollon war ein Halbindianer. Ein mittelgroßer, drahtiger Bursche mit dunklem, verschlagenem Fuchsgesicht. Nach Sitte seiner indianischen Vorfahren trug er das strähnige schwarze Haar lang. Er hatte es mit einem bunten Stirnband gebändigt. Das grellfarbene Hemd, die fransenverzierte Hose, die kniehohen Apachenmokassins und die Perlenkette um seinen Hals verstärkten noch den malerischen Anblick. Crego blickte die beiden fragend an.

Yellow grinste schief. „Alles in bester Ordnung. Sie warten darauf, dass wir ihnen den Skalp vom Schädel holen.“ Er deutete in die Schlucht hinein.

Die Reiter saßen ab. Babcock und seine vier Cowboys wollten sofort in die Schlucht vorrücken. Ein Gewehrschuss peitschte ihnen entgegen. Crego konnte den Großrancher gerade noch zurückreißen. Die Kugel hämmerte Splitter von der Felswand. Während sich die nächste Detonation an den Felsen brach, warfen sich die Männer in Deckung. Dann war es still. Babcock atmete schwer. Die alte Wildheit zeichnete wieder sein Gesicht. Im Osten zuckte ein grellweißer Blitz durchs dunkle Firmament, und der Donner klang wie ein Kanonenschuss.

Babcock schrie: „Ringo, du verfluchter Hund, hier kommst du nicht mehr lebend weg!“

Nur das Echo seiner Stimme antwortete. Babcock starrte Kelly wütend an. „Zum Teufel, worauf wartest du noch? Willst du jetzt die Hände in den Schoß legen, Mann?“

„Nur keine Sorge, Babcock“, mischte sich Crego grinsend ein, „wir werden uns den Zaster ganz allein verdienen. Auf unsere Art!“

„Hier führe noch immer ich das Kommando!“, erklärte Kelly scharf. „Glenn, her zu mir!“

Crego legte die Hand auf den Revolverknauf. Mogollon und Yellow ließen wie zufällig die Gewehrmündung herumwandern.

„Babcock, was sagen Sie dazu? Sie sind der Auftraggeber!“

„Ihr bekommt das Geld so oder so! Er soll es ruhig versuchen. Immerhin steckt seine Tochter mit da drinnen.“

Crego zog überrascht die Brauen hoch. Yellow grinste breit, ließ die Waffe sinken und nahm einen kräftigen Schluck aus seiner Brandyflasche. Babcock zischte: „Na, los doch, Logan! Bring es zu Ende!“

Die Schlucht war eine steinerne Sackgasse, nicht tiefer, als ein Revolver reichte. Ihr Ende, eine ovale Ausbuchtung, lag hinter einer scharfen Biegung verborgen – die einzige Deckung, die die Gestellten besaßen. Kelly legte die Hände trichterförmig vor den Mund.

„Pearson, sei endlich vernünftig, und ergib dich. Du sitzt hier in einer Mausefalle! Eine faire Gerichtsverhandlung ist bedeutend besser, als von Kugeln durchlöchert zu werden. Sei kein Narr, Pearson!“

„Nur den Strick, was?“, schallte es wild zurück. „Ich weiß Bescheid! Gerichtsverhandlung? Dass ich nicht lache! Nein, Sheriff, verlang nur nicht, dass ich den Kopf freiwillig in die Schlinge stecke!“

„Dann sag mir doch, wie du hier ungeschoren wegkommen willst!“

„Sag du mir lieber, wie ihr mich schnappen wollt. Ich habe genug Munition und Proviant, um eine ganze Woche hier auszuhalten! Probiert es doch, ob es so einfach ist, mich zu erledigen. Nur zu!“

„Der Idiot!“, murmelte Wade Crego heiser. „Der hat keine Ahnung, mit welchen Trümpfen wir zu spielen pflegen!“

Kelly rief laut: „Pearson, du Bandit, ist das dein letztes Wort?“

„Darauf kannst du Gift nehmen!“

„Was ist mit Liz?“

Die helle Stimme des Mädchens trieb die dunklen Felswände entlang. „Ich bin hier, Dad. Mir geht es gut. Warum hast du es nicht aufgegeben? Ringo will nichts weiter als die Chance für einen neuen Anfang.“

„Ein Mörder ist er, der hängen wird!“, brüllte Babcock hasserfüllt dazwischen. „Liz, wenn du das nicht einsiehst, tust du mir Leid! Erwarte keine Rücksicht von mir!“

Kelly forderte rau: „Pearson, gib das Girl frei! Du hast nichts davon, wenn du sie in Gefahr bringst. Lass sie gehen.“

„Du Narr!“, schrie Ringo. „Meinst du, ich habe sie als meine Gefangene mitgeschleppt? Kannst du in mir nur einen Lumpen sehen, der zu jedem Verbrechen fähig ist? Liz ist frei und kann tun und lassen, was sie will.“

„Dann komm heraus, Liz!“

„Nein, Dad. Ich habe mich bereits in Red Hill für Ringo entschieden. Daran ändert sich nichts. Ich bleibe!“

Kelly ballte die Fäuste. Er schwitzte. Ein neuer Blitz verdoppelte die Blässe seines ledernen Gesichts. Der Donner schien direkt hinter den nächsten Berggipfeln zu krachen. Aber noch immer fiel kein Tropfen.

Babcock murrte: „Merkst du nicht, dass du mit Worten nicht weiterkommst, Logan? Ringo wird nur die Sprache der Colts verstehen. Also los!“

Glenn Trafford packte den Rancher an der Schulter. „Sind Sie denn völlig blind vor Rachsucht? Liz ist Kellys Tochter!“

„Sie hat Ringo befreit, und er ist Jeffs Mörder! Mehr gibt es dazu nicht zu sagen! Lass mich los, Glenn, oder Crego wird dir eins über den Schädel geben!“ Der breitschultrige Kopfgeldjäger hatte den Coltlauf erhoben und wartete nur auf Babcocks Signal.

„Ringo!“, brüllt Glenn. „Es liegt an dir, ihr die Wahrheit zu sagen! Du hast sie weit genug getrieben, Ringo! Lass sie endlich aus diesem schmutzigen Spiel, ehe es auch für sie zu spät ist.“

„Hoffst du darauf, dass sie sich dir in die Arme wirft, Glenn?“, kam es höhnisch zurück. „Du bist ja nur eifersüchtig, mein Lieber! Hast den Stern von Kelly nur genommen, um Eindruck zu schinden, was? Jetzt siehst du deine Felle davonschwimmen. Komm doch, Freund Glenn, komm nur und versuche Liz zu holen, wenn du ...“

Glenn sprang in die Schlucht hinein. Der Zorn verjagte seine nüchterne Überlegung.

„Ihm nach, Jungs!“, keuchte Babcock hinter ihm und rannte mit seinen Cowboys ebenfalls los.

Glenn kam nur vier Schritte weit. Dann zuckte ihm hinter dem Felsknick Ringos Mündungsfeuer entgegen. Glenn ließ sich der Länge nach in den Sand fallen. Ringo schickte blitzschnell Schuss um Schuss hinaus. Schräg hinter Glenn schrie ein Babcock-Cowboy auf. Ein dumpfer Fall war zu hören. Das Feuer der anderen raste zurück und übertönte das Näherrollen des Donners. Dann mussten sich Glenn, Babcock und die Weidereiter hastig aus der Schlucht zurückziehen. Der Verwundete stöhnte und fluchte abwechselnd. Ein Cowboy machte sich daran, die Verletzung an seiner Hüfte zu verbinden. Die anderen luden die Waffen nach.

Babcock brummte: „Verdammt! So ist der Bursche wirklich nicht zu fassen!“

„Das habe ich auch nie behauptet“, äußerte Wade Crego ruhig. „Für so ’nen Fall haben wir unsere eigene Spezialmedizin, nur keine Sorge! He, Yellow, hol mal die hübschen Dingerchen aus meiner Satteltasche!“

Der Gelbhäutige nahm erst wieder einen Schluck Brandy, dann kam er mit einigen ellenlangen Stäben unter dem Arm zurück. Crego nahm einen davon in die Faust und wog ihn spielerisch. Er grinste den Rancher an.

„Dynamit! Was denken Sie, wie schnell der Geier da drinnen erledigt ist, wenn wir diese Dinger erst mal krachen lassen! Einer genügt, um nahe an ihn heranzukommen. Beim zweiten wird er sich bereits in Luft auflösen oder unter niederstürzenden Felsen begraben werden. Yellow versteht sich besonders auf diese Arbeit. Wenn Sie wollen, Babcock, ist in zehn Minuten alles vorbei!“

Babcocks Augen glitzerten wild. „Gut!“, schnaufte er. „Prächtig, Crego! Sie sind Ihr Geld wert, Mann!“

Glenn stieß hervor: „Um Himmels willen, vergessen Sie Liz nicht! Das Dynamit macht keinen Unterschied zwischen ihr und Ringo!“

„Sie ist gewarnt, oder? Sie ist alt genug, zu wissen, was sie tut. Ich denke gar nicht daran, so dicht am Ziel Jeffs Mörder ihretwegen entwischen zu lassen. Crego, sagen Sie Yellow, er soll seine Arbeit tun!“

Glenn griff zum Frontier Colt. „Sheriff, lassen Sie das nicht zu!“

„Gib mir eine halbe Stunde, Sam!“, sagte Kelly leise zu dem Rancher. Babcock nickte. Kelly wandte sich wieder dem Schluchteingang zu.

„Pearson, Wade Crego und seine Kopfgeldjäger sind bei Babcock. Sie arbeiten mit Dynamit. Dagegen kommst du mit einer ganzen Wagenladung von Gewehren nicht an!“

Ringos Schüsse füllten die Schlucht mit ohrenbetäubendem Gedröhn. Glenn riss den Sheriff schnell zur Seite. Überall spritzte Sand und Gestein unter schmetternden Einschlägen. Dann schrie Ringo schrill: „Da hast du meine Antwort!“

„Er ist verrückt!“, flüsterte Glenn betroffen. „Kelly, er weiß genau, dass er nichts mehr zu verlieren hat. Jetzt geht es nur noch um Liz!“

Kellys Miene war grau und zerfurcht. „Liz! Das mit dem Dynamit war kein Bluff! Hörst du?“

Keine Antwort! Babcock wartete ungeduldig. Yellow trank wieder, danach kramte er Schwefelhölzer aus seiner Rocktasche. Auf seinen Wink kürzte Mogollon die Lernten der Dynamitstäbe auf zwei Handbreit.

Kellys Stimme wurde lauter. „Liz, ich kann euch nicht mehr als eine halbe Stunde Zeit zum Überlegen geben. Wenn du Pearson nicht zur Vernunft bringen kannst, dann komm allein.“

„Nein, Dad!“

„Liz, das ist ja verrückt! Ihr werdet beide ... Mein Gott, wann wachst du endlich auf?“

„Das könnte ich dich fragen, Dad!“, wehte es schwach zurück.

„Eine halbe Stunde!“, ließ sich jetzt Babcock vernehmen. „Und die Zeit läuft bereits! Glaubt nur nicht, ihr könnt uns erpressen damit, dass Liz nicht ’rauskommt! Wie Kelly sich auch entscheidet, er wird uns nicht bremsen können!“

„Vielleicht irren Sie damit!“, raunte Glenn Trafford und hielt plötzlich seinen Fünfundvierziger auf den Rancher gerichtet. „Kelly, niemand macht Ihnen hier das Kommando streitig! Es ist Ihre Entscheidung!“

Logan Kelly schaute den Deputy wie einen Fremden an. Die Cowboys und Kopfgeldjäger lauerten geduckt. Der Verwundete stöhnte nicht mehr.

Babcock keuchte: „Zum Teufel! Glenn, das wird dir noch Leid tun! Und so was trägt den Stern in Red Hill! Logan, denk an dein Versprechen! Wenn du’s nicht für mich und Jeff tust, dann für das Gesetz! Dazu bist du verpflichtet, Logan, hörst du?“

„Bestimmt nicht dazu, die eigene Tochter umzubringen!“, fauchte Glenn. Kellys ausdruckslose Miene und seine leeren Augen erfüllten ihn immer mehr mit Unbehagen.

Kelly setzte sich plötzlich in Bewegung und ging langsam auf ihn und den Rancher zu. „Weg mit dem Eisen, Glenn!“

Der Deputy zuckte zusammen. „Kelly, Babcock wird …“

„Er wird Ringo Pearson zur Strecke bringen, und ich helfe ihm dabei, wie ich es versprochen habe! Wenn es nicht anders geht, auch mit Dynamit!“

Glenn schluckte, ließ den Colt sinken und machte einen Schritt auf Kelly zu. „Sheriff, das ist doch nicht Ihr Ernst! Ich werde nicht zulassen, dass Liz …“

Sand knirschte dicht hinter ihm. Wade knurrte: „Du bist hier überhaupt nicht gefragt, mein Junge! Dein Eisen weg, oder es knallt!“ Eine Coltmündung presste sich Glenn in den Rücken.

Kelly sagte nur: „Tu, was er verlangt! Das ist ein Befehl, Glenn!“

Da ließ der Deputy seinen Frontier in die Halfter zurückgleiten. Seine Hand zitterte plötzlich. Der metallene Druck schwand von seinem Rücken. Crego packte ihn an der Schulter und drängte ihn gegen die Felsmauer außerhalb der Schlucht.

„Pass auf ihn auf, Mogollon!“ Der Mestize verzog keine Miene, setzte sich auf einen rundgeschliffenen Stein und richtete stumm seinen Remington-Karabiner auf Glenn.

Sam Babcock zog eine dickbauchige Taschenuhr aus seinem verstaubten Rock und warf einen Blick auf das Zifferblatt. Sie warteten schweigend.

In der Schlucht rührte sich nichts mehr. Das Aufflammen der Blitze wurde häufiger. Jedes Mal glänzte das nackte Gestein wie von flüssigem Silber überzogen. In der Schlucht war es stockfinster. Das Donnergrollen wirkte, als hätten sich die Felstürme und Bergkegel in Bewegung gesetzt. Die Luft war so schwül und stickig, dass das Atmen schwerfiel. Die Minuten vergingen für Glenn viel zu schnell. Yellow trank seine Flasche leer und schleuderte sie gegen den Fels, wo sie klirrend zersprang. Seine Augen glänzten unheimlich im ausgemergelten, unrasierten Gesicht. Er fingerte dauernd an den Dynamitstangen herum und schaute immer wieder über Babcocks Schultern auf dessen Taschenuhr. Kelly ging steifbeinig neben dem Schluchteingang auf und ab. Manchmal blieb er stehen und lauschte in den dunklen Schlund hinein, als erwarte er das Näherkommen von Schritten.

Kellys Gesicht war schweißnass. Fortwährend tasteten seine Finger zum fünfzackigen Stern an seiner Cordjacke, als gäbe ihm diese Berührung Kraft für das, was unaufhaltsam immer näher rückte.

Plötzlich ließ Babcock den Deckel seiner Uhr zuschnappen. „Die halbe Stunde ist um! Crego, fangen Sie an!“

Der Kopfgeldjäger dehnte seine breiten Schultern. „Yellow und ich gehen voraus. Es ist so finster in der Schlucht, dass Pearson uns gewiss nicht sieht. Sollte er doch schießen, geben Sie, Babcock, mit Ihren Leuten und Mogollon uns Feuerschutz. Alles klar? Well, dann vorwärts, Muchachos!“

Glenn wollte sich von der Felswand abstoßen, aber Mogollons ruckender Karabiner hielt ihn zurück. Crego und Yellow huschten zwischen den mächtigen Felsschultern in die Schlucht hinein. Kelly stand stocksteif, und nur ein jähes Brennen in seinen Augen verriet, dass er innerlich gar nicht so unbeteiligt und kalt war. Babcock und seine drei unverletzten Reiter folgten. Und dann ging auch der Sheriff, ohne sich im geringsten um Deckung zu kümmern, in die Schlucht hinein. Mogollon bildete den Schluss, nachdem er Glenn ein flüchtiges Hohngrinsen zugeworfen hatte. Der verwundete Babcock-Cowboy starrte ihnen wie gebannt nach. Um den jungen Deputy kümmerte sich niemand mehr.

Geächtete Colthelden: Super Western Sammelband 7 Romane

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