Читать книгу Was fehlt? - Группа авторов - Страница 40

9.Der Verlust der Unschuld

Оглавление

Entscheidet sich die Theologie für Exposure, gibt es keine Rückkehroder Rückzugsmöglichkeit in gewohnte Leben und Bequemlichkeiten. Radikal, d.h. ohne Distanz und Distanzierbarkeit setzt die Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils Kirche und Theologie den Krisen des Lebens aus, wenn sie mit ihrem Einleitungssatz das enge Verhältnis des Lebens aller Menschen und des Lebens der Jünger Christi beschreibt. Die damit angesagte Pastoral verlangt eine Theologie, die sich Lebenssituationen so weit aussetzt, dass sie sich selbst, ihre Wissenschaftlichkeit riskiert. Ihre Wissenschaftlichkeit riskieren, heißt, dass sich die Theologie aus den engen, ihr vom Wissenschaftssystem zugestandenen Kategorien von Wissenschaft löst und sich ihrer eigenen wissenschaftlichen Freiheit und Selbstbestimmung gewahr wird, dass der Mut, selbstbewusst aus der Nichtnotwendigkeit Gottes und damit auch der eigenen Nichtnotwendigkeit heraus Wissenschaft zu betreiben als Stachel, Anspruch und permanente Irritation in einem zweck- und ergebnisorientiertem Umfeld, die Angst, im Wissenschaftsbetrieb nicht anerkannt zu sein, überwiegt und sich Theologie im eigenen wissenschaftlichen Treiben durch die Kriterien anderer Wissenschaften nicht einengen und blockieren lässt. Theologie ist Wissenschaft im permanenten Risiko der Krise, der Transformation, der Negierung, ohne Sicherheit, ob und welches Ergebnis erzielt wird. Theologie kann damit nicht objektiv forschen und urteilen, sondern gewinnt aus dem Verlust der Distanz, aus der Schwächung der Position der allein wissenden Expertin, wird zur Mitspielerin, die selbst transformiert. Eine solche Wissenschaft hat den Elfenbeinturm verlassen und kann durchgewalkt von Lebenspraxis wissenschaftliche Kraft entwickeln, neu denken. Voraussetzung ist, dass sie ihre Unantastbarkeit aufgibt und ihre Unschuld verliert. Der Gegensatz von Theorie und Praxis schwindet und damit auch die Rechtfertigungen elitärer Wissenschaftlichkeit, die sich darauf berufen. Grenzziehungen zwischen Realität und wissenschaftlicher Reflexion, Wissen und Nicht-Wissen, ExpertInnen und Nicht-ExpertInnen werden unscharf, Hierarchien geraten ins Wanken.

Die Philosophin Gesa Ziemer zeigt diese Prozesse für die Entwicklung einer praktischen Ästhetik auf. „Theoria wird gemeinhin als das rein gedankliche Betrachten, das An- oder Zuschauen, die Schau auf etwas definiert. Gewöhnlich wird der Terminus Theorie in den Gegensatz zur Praxis gestellt […]. Vor allem aber liegt dieser Definition eine klare Trennung zwischen Zuschauenden und den zu betrachtenden Gegenständen zugrunde, welche die Distanz herstellt, die für die Theorie notwendig zu sein scheint. Die Zuschauenden (theoros) widmen sich der Anschauung und erstellen aus eben dieser Schau durch abstrahierende Betrachtungsweisen Systeme wissenschaftlich begründbarer Aussagen, die uns bestimmte Phänomene erklären […]. Derjenige, der den Gegenstand betrachtet, soll Wissen generieren und dieses über seine Gegenstände ausbreiten. Der Zuschauer nimmt mit kühler Distanz die Position des Betrachtenden ein, die ihn dazu ermächtigt, das Systematische, dem Einzelfall selten gerecht werdende, dafür Universale zu erkennen und es in begriffliche Sprache zu verwandeln.“40

Die Frage der Wissenschaftlichkeit der Theologie konzentriert sich im verletzbarsten Punkt der Theologie – der Praktischen Theologie. Diese Achillesferse birgt zugleich ihre größte Stärke: die Angreifbarkeit, die Verwundbarkeit der Theorie durch die Lebenswelten der Menschen von heute.41 Die Fähigkeit, sich betreffen zu lassen, sich irritieren zu lassen, abduktive Wissenschaft zu sein, weist den Weg für die Theologie insgesamt und die Praktische Theologie im Speziellen, sich als Wissenschaft neu zu erfinden, Praxis und Theorie in ein selbstbewusstes und kontinuierliches Spiel miteinander zu bringen. Analog zur praktischen Ästhetik in der Kunsttheorie verlässt aber auch die Praktische Theologie als Exposure-Wissenschaft den Platz der Zuschauerin. Es bleibt nicht beim theoretischen Schauen auf Situationen, der Blick der Praktischen Theologie wird reflektiert, verändert zurückgeworfen, in ein Wechselspiel hineingezogen. Das Verhältnis zwischen WissenschaftlerInnen und Forschungsgegenstand definiert sich nicht mehr in einer klaren Hierarchie, sondern in der Frage nach der Art und Weise des Involviertseins, des Verhältnisses zwischen ForschungspartnerInnen. Theologische Exposure-Forschung setzt sich der Ungewissheit und Heimatlosigkeit aus, kann sich aussetzen in der Denkbarkeit und Sagbarkeit Gottes, im Wissen um sein Wort als Ereignis der Begegnung voll von Beziehung. In diesem risikoreichen Gegensatzraum, im Moment der Differenz, des Schon und Noch-Nicht kann Theologie im Denken des Glaubens und dessen Geglaubten aus sich herausgehen, sich selbst bestimmen, eigene Wege gehen. Theologie erfindet sich in diesem Exposure-Prozess als Spiel- und Transformationsraum, der aus Annäherung und Unschärfe heraus lebt – im Vollziehen von Gegensätzen, die existentiell aufeinander verwiesen sind.

Bisher ist Theologie in diesem Sinne weitgehend Brachland, eine Leerstelle, die der Leere der wissenschaftlichen Landschaft in diesem Kontext eine weitere hinzufügt. „Als Hindernis für die [dafür notwendige] Denkbarkeit Gottes hatte sich sowohl der traditionelle Gottesgedanke als auch das neuzeitliche Selbstverständnis des Denkens als Sicherstellen herausgestellt. Gott wurde diesem Denken als Rückversicherung des eigenen Sicherstellens zunächst notwendig (Descartes), im Prozeß des sich als Sicherstellen immer mehr durchschauenden Denkens aber zum Ungedanken (Nietzsche). Der für die Rückversicherung des Denkens notwendige Gottesbegriff erwies sich in der Konsequenz des sicherstellenden Denkens als undenkbar (Fichte). Die Einstellung, die das sicherstellende Ich sowohl sich selbst als auch allem anderen gegenüber bezogen hat, mußte Gott gegenüber entweder zu einem Zusammenbruch des Denkens oder aber zu einem Zerbrechen des vorausgesetzten Gottesgedanken, wenn nicht sogar zu beidem, führen. […] Der Theologie fällt in dieser Situation die Aufgabe zu, sowohl dem vorausgesetzten Gottesgedanken als auch dem Denken gegenüber zu einer Kritik zu verhelfen, die Gott in neuer Weise denkbar werden läßt. […] In unserem Zusammenhang ist die Glaubensgewißheit aber vor allem deshalb von Bedeutung, weil sie das Ich in eine andere Einstellung als die der Sicherstellung bringt. […] Sicherstellung ist die methodische Konsequenz des Zweifels und die existentielle Folge des Mißtrauens. […] Wo aber Vertrauen von Vertrauen getragen wird, bedarf es der Sicherstellung nicht. […] Demgemäß kommt der Theologie in einer durch sicherstellendes Denken bestimmten geschichtlichen Konstellation die Aufgabe zu, dem denkenden Ich inmitten seiner Sicherstellungen zugleich eine Entsicherung zuzumuten, die das Denken verantworten kann und die Gott als den zu denken erlaubt, der er ist. [… Es] bedarf […] einer genaueren Besinnung auf die entsichernde Gewißheit des Glaubens.“42

Was fehlt?

Подняться наверх