Читать книгу Kleine Geschichte des schlechten Benehmens in der Kirche - Guido Fuchs - Страница 8

2. „Grüß Gott!“ Vom Betreten des Gotteshauses und dem Verhalten dabei

Оглавление

Ein unappetitliches Vorkommnis wurde einige Jahrzehnte zurück vor dem Landgericht Essen verhandelt: Da hatte ein Mann im Windfang einer Kirche onaniert, „als Kirchenbesucherinnen in seiner Nähe weilten“. Nicht nur eine Frage des schlechten Benehmens, sondern bereits eine Strafsache nach § 167 StGB. So weit schien alles klar. Doch nun begannen die juristischen Spitzfindigkeiten: Es wurde die Frage gestellt, ob der Windfang bereits Kirche im eigentlichen Sinne ist. Antwort: Der Windfang sei zwar kein Teil der zum Gottesdienst bestimmten Räume, aber „nach Rechtsgefühl und Volksauffassung befindet man sich nach Durchschreiten der äußeren Tür bereits in der Kirche. Dieses Empfinden pflegen die männlichen Kirchenbesucher z. B. dadurch zu bezeugen, dass sie meist schon beim Betreten solcher Eingangsräume den Hut abnehmen“, schreibt Heinrich Stader in seiner „Einführung in den Juristenhumor“ von 1996. Ob der Mann bei seinem abseitigen Tun im Windfang den Hut aufbehalten hatte, wurde allerdings nicht weiter erörtert …

Die Frage nach dem rechten Benehmen im Gottesdienst bzw. in einer Kirche beginnt bereits mit deren Betreten. Das betrifft nicht nur die entsprechende Kleidung, auch der Zweck des Kirchenbesuchs spielt dabei eine Rolle: Betritt man die Kirche für einen Gottesdienst oder zum Besichtigen, will man ein kurzes Gebet sprechen und eine Kerze anzünden oder eine Abkürzung nach dem Einkauf nehmen? Die Kirche ist ein öffentlicher Raum, aber keineswegs kann man sich in ihr verhalten, wie man es in der Öffentlichkeit tun kann (oder nicht einmal da). Weil zunehmend mehr Menschen nicht mehr kirchlich sozialisiert sind, gibt es Hinweise auf das richtige Verhalten beim Betreten („Verhalten in der Kirche. Regeln für Besucher“) auch in Internet-Ratgebern, Zeitungen und Lifestyle-Magazinen: „Beim Betreten einer Kirche müssen Männer unbedingt ihre Kopfbedeckung abnehmen und Frauen sollten nicht zu freizügig gekleidet sein. Katholiken benetzen sich beim Betreten der Kirche mit Weihwasser und bekreuzigen sich vor dem Altar.“ Dies sind Hinweise auf die auffälligsten Riten, die zumeist nur für einen kurzen touristischen Besuch wichtig sind.

Das Betreten der Kirche zum Gottesdienst ist aber ein weitaus vielschichtigeres Ritual, quasi Teil eines Sich-Bereitens, einer „Liturgie vor der Liturgie“, wie es im evangelischen „Handbuch der Liturgik“ (1995) ausgedrückt wird, und ein sehr bewusstes.

Das besondere Verhalten hängt auch mit dem Ort zusammen: „die Pforte“ umschreibt ihn Romano Guardini in seinem berühmten Büchlein „Von heiligen Zeichen“ (1922), „die Schwelle“ Egon Kapellari in dem Buch „Heilige Zeichen“ (1987). Beide verweisen auf den Übergang, den Eintritt in das Heilige: „Wir sollten nicht eilfertig durch die Pforte laufen! Ganz langsam sollten wir hindurchschreiten und unser Herz auftun, damit wir vernehmen, was sie spricht. Wir sollten sogar vorher ein wenig innehalten, damit unser Durchgang ein Schreiten der Läuterung und der Sammlung sei.“ – „Die Kirche hält nach wie vor Schwellen bereit. Wer als Glaubender über die Kirchenschwelle tritt, der ist eingeladen, dies bewusst zu tun.“

Kleine Geschichte des schlechten Benehmens in der Kirche

Подняться наверх