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Eine ungute Einlage
ОглавлениеWir neuen Heimlehrlinge waren erst wenige Tage im Heim, da raunte man uns von den Zwei- und Dreijährigen Lehrlingen zu, dass bald der „Heilige Geist“ käme. Dann gab es Wochen, wo überhaupt nicht davon gesprochen wurde und dann tauchte die Drohung wieder auf. Mit dem „Heiligen Geist“ meinte man, dass die Neulinge erst einmal Dresche bekommen müssten, bevor sie echte Heimlehrlinge sein würden. Dazwischen gab es aber noch ein anderes Ereignis, was uns die Härte des Heimlebens klarmachen sollte. Da war ein Lehrling, wohl in der Stube 4, der hatte etwas gestohlen. Was er gestohlen hatte, weiß ich nicht mehr. Er, und wir alle vom ersten Lehrjahr, mussten in die Turmstube kommen, die nicht belegt war. Der Delinquent wurde an den Mittelpfahl gefesselt und verhört. Das machte einer vom 3. Lehrjahr. Der war Scharführer der Hitlerjugend und einer von den Danzigern. Von denen waren einige recht rabiate Kerle, der Scharführer war einer davon und gerade Führer vom Dienst. Die Danziger hatten schon angefangen zu lernen, bevor Polen überfallen wurde.
Nachdem die Verwerflichkeit des Kameradendiebstahls eindringlich hervorgehoben und davor gewarnt wurde, ging es an die Bestrafung. Der Schuldige wurde mit entblößtem Hintern zum Bücken gebracht und jeder von uns musste derb mit einem Schulterriemen auf diesen Hintern schlagen. Wir mussten nur einen Schlag abgeben, aber wer nicht derb genug geschlagen hätte, wäre gleich daneben gestellt worden.
Nicht lange nach dieser Bestrafung wurden die Andeutungen zum „Heiligen Geist“ intensiver. Wir in der Stube eins machten unter uns aus, dass wir uns wehren werden. Vorsorglich hatten wir alles so gut es ging verrammelt. Als es soweit war, nützte uns das nichts. Auf der Türseite wurde der erste Fensterladen aufgerissen und eine Scheibe zerstört. Im nu waren die Kerle im Raum. Und da ging es los. Sie hatten Taschenlampen und blendeten uns. Zum Schluss zu bemerkte ich, dass nur noch bei Hüsing und mir gedroschen wird und nur wir zwei uns wehrten. Davon bekam ich die meisten Schläge ab, weil man bei mir frei zuschlagen konnte, während Hüsing mein Bett über sich hatte. Man schlug mit Handtüchern, auf deren einen Seite ein Knoten gemacht und in Wasser angefeuchtet war. Ich hatte eigentlich nur Angst davor, dass man mir die Brille zerschlägt, die ich auf dem Spind neben dem Bett abgelegt hatte. Die Schmerzen waren erst einmal Nebensache, durfte doch ein Hitlerjunge nicht jammern. Die Schmerzen, die ich fast am ganzen Körper spürte, ließen mich lange nicht zur Ruhe kommen wie der Ärger darüber, dass sich die anderen überhaupt nicht zur Verteidigung gerührt hatten.
Früh, nach dem Wecken, war die ganze Bescherung zu sehen. Hüsing hatte nur an den Oberschenkeln blaue Flecken, weil er sich in den hintersten Winkel seines Bettes verzogen hatte, wo er durch den Spind und das Bett über ihm gut geschützt war, aber dem einen oder anderen, der zu nahe kam, einen Faustschlag verpasste. Ich dagegen konnte mich nur mit dem Keilkissen schützen, was mit Haferstroh gefüllt war. Da ich aber so gut ich konnte zurückschlug, war ich ja für andere Schläger frei und man traf mich gut, sodass mein Rücken grün und blau wurde. Mein linkes Ohr hatte auch einen Schlag abbekommen und verfärbte sich.
Haider, der am Morgen die Stuben inspizierte, ließ mich nicht zur Arbeit gehen und wies mich in die Krankenstube. Das war ihm doch etwas fatal, vor allem weil Hüsing ihm Vorhaltungen machte. Besonders ob der geknoteten und nassen Handtücher, wodurch es für uns keine Waffengleichheit gegeben habe. Eine Woche lang konnte ich nicht zur Arbeit gehen. Als ich dann am Dienstag in der Betriebsberufsschule saß, fragte mich Meister Dietz, was ich mit meinen Ohr gemacht hätte. Ich antwortete ihm, dass ich vom Bett gestürzt sei, was er sich wohl nicht so richtig vorstellen konnte. Mein linkes Ohr war von oben herab noch dunkelblau.