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8 Frankfurt Hahn
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Flugplatz Frankfurt Hahn
»Früher war man in einer Viertelstunde auf dem Hahn, und heute brauchen wir fast anderthalb Stunden. Es ist zum Kotzen!«, stieß Harald Schumacher hervor, der ehemalige Pilot einer Billigairline, die seinerzeit auf dem Hahn stationiert war.
»Hör endlich auf zu meckern«, presste Charlotte zwischen den Lippen hervor. »Abgesehen davon: Zwanzig Minuten hat es immer mindestens gedauert.« Sie saß am Steuer des alten Jeeps, der ihrer Mutter gehört hatte. Das Ding war über fünfundzwanzig Jahre alt, lief aber noch immer zuverlässig. Ihre Mutter hatte das Fahrzeug gehütet wie ihren Augapfel.
»Da vorne ist die Hauptzufahrt«, stellte Erwin vom Rücksitz her fest. »Sieht aus, als hätte man die Barrikade entfernt.«
»Ja. Und da hätten wir ja wieder mal zwei Beißer«, knurrte Charlotte.
»Halte einfach drauf und fahr sie über den Haufen«, sagte Harald.
»Blödsinn, glaubst du, ich will den Wagen ruinieren?« Charlotte runzelte die Stirn. Harald war nicht unbedingt ihr Fall. Offensichtlich gehörte er zu dem Typus Mann, der meinte, überall das Kommando übernehmen zu müssen. Auch dann, wenn er nicht unbedingt viel Ahnung von einer Sache hatte. Einmal Kapitän, immer Kapitän ...
Charlotte umkurvte die beiden Untoten, die sich langsam dem Jeep näherten, aber nicht so richtig etwas damit anfangen konnten. Einer der beiden wurde vom linken Außenspiegel erfasst, weil Charlotte nicht rechtzeitig gegenlenkte und auf den Boden geworfen. Doch der Untote rappelte sich, wie sie im Rückspiegel sehen konnte, langsam wieder auf die Beine. Wahrscheinlich würde er dem Jeep folgen. Unwichtig … Sie hatten andere Probleme. Langsam fuhr Charlotte auf das Gelände des kleinen Flughafens. Einige Maschinen waren kreuz und quer auf der Rollbahn abgestellt. Es sah nach Chaos aus. Und das war es auch. Harald hatte berichtet, dass es willkürliche Starts gegeben hatte, als die Katastrophe voll ausgebrochen war. Die Lotsen hatten die Arbeit eingestellt, und die Piloten waren sich nicht einig gewesen, wer zuerst das Startrecht hatte. In den Terminals musste es gebrannt haben. Die Außenfassade war an vielen Stellen rußgeschwärzt. In der Ferne sah man einige Untote, die sinnlos umherstreiften, den Jeep aber offensichtlich noch nicht bemerkt hatten.
Charlotte hielt kurz an, als Harald sagte: »Fahr ein Stück weiter an der Fassade entlang. In hundert Metern kommt ein Zugang für die Wartungsfahrzeuge. Er liegt etwas verdeckt, dann sieht man uns nicht gleich.«
Charlotte befolgte schweigend seine Anweisung, obwohl sie ihr nicht ganz schlüssig erschien. Sollten sich im Hahn noch immer Überlebende aufhalten, hätten sie den Jeep schon längst bemerkt, als sie auf das Gelände gefahren waren. Wenig später hielt sie zwischen zwei Betonmauern an, an deren anderem Ende ein schweres Stahltor zu den Wartungshallen führte. »Kriegen wir das Tor hoch?«, fragte sie.
Harald zuckte kurz die Achseln. »Weiß ich nicht. Wir sollten uns auf die Maschinen konzentrieren. Die Boeing 737 steht noch genau da, wie ich es in Erinnerung hatte.«
»Und du kannst das Ding ohne Kopilot in die Luft bringen?«, fragte Erwin.
Harald drehte sich nach ihm um und sah den dicklichen Mann auf dem Rücksitz an, als könne er nicht glauben, dass er seine Fähigkeiten anzweifelte.
»Schon gut«, meinte Erwin. Charlotte sagte nichts. Sie kontrollierte ihre Montur, die aus einem Motorradoverall bestand, ließ sich von Erwin ein Stahlrohr geben - und stieg dann aus. Die beiden Männer taten es ihr gleich.
Das bekannte Stöhnen und Raunen der Untoten erfüllte die Stille. Dazu gesellte sich ein pfeifender Wind, der über das Startfeld strich.
»Der Wind kommt von Westen«, sagte Harald. »Wenigstens können uns die Untoten so nicht so schnell wittern.«
Charlotte setzte sich in Bewegung. Sie wollte um die Ecke neben dem Stahltor gehen, um zu sehen, ob dort eventuell noch ein anderer Zugang wäre, vielleicht eine Nottür, doch Harald hielt sie zurück.
»Wir sollten zusammenbleiben.«
Charlotte wollte zu einer Erwiderung ansetzen, doch als sie Erwins schwaches Kopfschütteln sah, ließ sie es bleiben. Im Grund hatte Harald ja recht. Für eine Erkundung war später noch Zeit. Was jetzt zählte, war, die Maschinen zu inspizieren.
»Was ist mit der kleineren Maschine da hinten?«, fragte Charlotte leise.
Harald schüttelte den Kopf. »Eine russische Maschine. Da brauche ich zu lange, bis ich mit den Kontrollen klarkomme. Oder kennst du jemand auf dem Gut, der Kyrillisch lesen kann? Die Handbücher sind für mich ein Buch mit sieben Siegeln ...«
Charlotte schüttelte den Kopf. In Science-Fiction-Filmen war das anders. Da gelang es den Crewmitgliedern im Nu, jede technische Konsole zu bedienen, egal wie fremdartig die andere Kultur war. Nun, das war eben Film.
Plötzlich standen die Drei vor einem Untoten, der sich hinter einem Wartungswagen versteckt hatte. Charlotte fackelte nicht lange. Sie nahm den Stahlstab und rammte ihm den Untoten mit einer blitzartigen Bewegung in den Schädel. Der Zombie brach übergangslos zusammen und blieb regungslos liegen. Jetzt war der Mann, wenn es ein Mann gewesen war, da konnte man nicht so sicher sein, so verfault und angenagt, wie das Ding aussah, endgültig tot.
Harald verzog anerkennend die Lippen. »Wenn man dich so anschaut, könnte man bezweifeln, dass du dermaßen fit bist. Respekt.«
Charlotte erwiderte nichts darauf.
In ungefähr einhundert Metern Entfernung waren zwei weitere Untote auf sie aufmerksam geworden. Es ödete Charlotte an. Immer und immer wieder dasselbe Spiel: Nimm einen Stab, ein Messer - irgendetwas - und zerfetze ihnen das Gehirn. Es schien niemals aufzuhören.
Sie hatten die Gangway der Boeing erreicht. Die Einstiegstür oben stand weit offen.
»Und wenn da Untote in der Maschine sind?«, warf Erwin ein.
»Werden wir sehen«, kommentierte Harald, der bereits über die Stufen nach oben huschte. Charlotte und Erwin folgten ihm auf dem Fuß. Oben angekommen spähten sie durch die Luke. Im Flugzeug herrschte Stille. Dann jedoch hörten sie ein mehrfaches Stöhnen.
»Da sind doch noch welche drin«, meinte Erwin.
Charlotte hielt den Stahlstab in beiden Händen. Ihr Blick hatte etwas Entschlossenes. »Wenn wir schon mal hier sind, machen wir sie alle - jetzt. Nicht später.«
»Hat keinen Sinn«, sagte Harald mit spröder Stimme.
»Was hat keinen Sinn?«, fragte Charlotte überrascht. Sie drehte sich nach ihm um. Harald sah zu einer der schweren Turbinen der Boeing. Erst jetzt war zu sehen, dass die Wartungsplatten an der Seite entfernt worden waren. Die Turbine sah aus, das sah selbst ein Laie wie Charlotte, als ob man wichtige Teile entfernt hatte.
»Ist es das, wofür ich es halte?«, fragte Erwin mit erstickter Stimme.
Harald fluchte unterdrückt. »Irgendjemand hat die Turbine ausgeschlachtet. Offensichtlich hat jemand Ersatzteile gebraucht. Nie im Leben kriegen wir die Kiste wieder in die Luft. So ein Scheiß. Wir hätten viel früher den Versuch unternehmen sollen, eine Maschine instand zu setzen. Aber auf dem Gut hieß es ja immer: Was soll der Blödsinn ...«
»Ist ja gut«, wehrte Charlotte ab. Harald hatte ja recht. Sie hatten sich zu sicher gefühlt. Keiner hatte im Ernst in Erwägung gezogen, mit einer der zurückgelassenen Maschinen den Hunsrück zu verlassen. Doch die Zeiten hatten sich geändert, sehr schnell. Viel zu schnell.
Jemand rannte über das Landefeld. Der Mann - oder war es eine Frau? - bewegte sich viel zu schnell für einen Untoten. Kurz darauf hielt er - es war ein Mann - unten an der Gangway an. »Was wollt ihr in der Maschine? Die Plünderer haben alle Maschinen ausgeschlachtet. Keiner der Vögel hebt mehr ab! Ihr macht nur die Untoten verrückt! Kommt runter, ich bringe euch ins Hauptgebäude. Da sind keine Untoten drin. Wir haben alle Eingänge verriegelt.« Der Mann winkte hektisch. Er wirkte eher wie ein Junge, vielleicht so irgendwo um die Zwanzig. Ein Schlaks mit fuchtelnden Bewegungen und geröteten Wangen.
Charlotte und die anderen stiegen die Gangway hinab und blieben vor ihm stehen.
»Dachtet ihr wirklich, ihr könntet die Maschine flottmachen?«, fragte der junge Mann grinsend. Er hatte wasserblaue Augen und ein freches Grinsen.
»Dachten wir«, erwiderte Charlotte etwas säuerlich.
»Kommt. Schaffen wir uns ins Gebäude.«
Harald und Erwin zögerten, und auch Charlotte war nicht so blauäugig, sich so ohne Weiteres einem Fremden anzuvertrauen.
Der junge Mann verzog das Gesicht. »Kein Vertrauen mehr in dieser Zeit. Auch gut. Wenn ihr nicht wollt, dann fahrt wieder davon. Euer Jeep steht noch da, wo ihr ihn zurückgelassen habt. Wenn ich böse Absichten hätte, wärt ihr die Kiste schon längst los. Könnte gut so ein Ding gebrauchen für die Exkursionen in die Wälder.«
Daran war etwas dran. Charlotte wechselte einen schnellen Blick mit ihren Begleitern, dann sagte sie: »Okay, schauen wir uns den Flughafen mal von innen an.«
Harald zögerte noch immer, doch Erwin schlug ihm auf die Schulter. »Wenn die uns etwas Böses wollten, hätten sie den Jeep genommen und uns kalt gemacht. Vorsicht ist gut - aber Paranoia kann auf die Dauer tödlich sein. Ich vertraue auf mein Gefühl ...«
Kurz darauf setzten sie sich in Bewegung. Der junge Mann, der sich Sammy nannte, führte sie zu einer verborgenen Tür neben dem großen Wartungstor. Charlotte musste innerlich grinsen. Hatte sie ihr Gefühl also doch nicht getrogen, allerdings hätte sie die Tür nicht so ohne Weiteres entdeckt, da man sie getarnt hatte. Kurze Zeit später liefen sie schweigend durch das Flughafengebäude und erreichten wenig später eine der ehemaligen Schalterhallen, wo zwei junge Frauen bereits auf den jungen Mann warteten. Sonst war niemand da.
»Verdammt, du verstößt gegen die Abmachung«, schimpfte die größere der Frauen. »Keine Fremden. Wir waren uns doch einig, dass wir uns hier einigeln, bis der Scheiß vorbei ist.«
Sammy verzog die Lippen, erwiderte aber nichts.
Charlotte sah der Frau in die Augen. »Bist du wirklich so naiv anzunehmen, dass ihr die Sache hier aussitzen könnt?«
Die Frau winkte unwirsch ab.
Sammy stellte sie vor. »Das sind Sylvia und Sandra. Sie sind vor ein paar Monaten aus der Festung abgehauen, nachdem es zu einem Angriff der Marodeure kam. Seitdem warten wir zusammen hier ab. Ich habe einen Kurzwellenempfänger, mit dem ich Nachrichten aus der Festung empfangen kann.« Er schenkte Charlotte und den anderen einen langen Blick.
»Dann weißt du, was Sache ist?«, fragte Charlotte.
Sammy nickte. »Eure Idee, mit einer Maschine abzuhauen, ist prinzipiell nicht schlecht, aber vor ein paar Wochen war eine seltsame Gruppe hier, die sahen aus wie Punks und Gruftis, die haben alles mitgenommen, was nicht niet- und nagelfest war. Wir haben uns im Flughafengebäude versteckt und toten Mann gespielt. Irgendwann ist der Trupp dann wieder abgezogen. Wenn ihr mich fragt, die gehörten zu den Marodeuren. Ach so, außer uns ist hier niemand mehr. Die drei Familien mit ihren Kindern, die kurz hier waren, sind weitergezogen, nach Norden oder so. Sie wollten nach Holland. Eine der Familien hat da irgendwo eine kleine Jacht. Vielleicht haben sie es geschafft. Wer weiß … Und die anderen, die hier waren, haben sich der Reihe nach verzogen. Hier ist ja nichts mehr zu holen …«
»Wie besorgt ihr euch euer Essen?«, fragte Erwin übergangslos.
Sammy sah ihn etwas verlegen an. »Nun, wir sind nur zu dritt. Als das Internet noch funktionierte, habe ich mich bei der Versorgungsstelle in der Festung gemeldet und gesagt, dass es auf dem Hahn noch mehrere Überlebende gibt. Die haben darauf eine vollgepackte Drohne geschickt. Lebensmittel für eine kleine Siedlung - für uns drei hat das allemal gereicht.«
»Moralisch auch nicht ganz sauber«, stellte Harald mit säuerlichem Blick fest.
»Aber effizient«, bemerkte Erwin. »Und nicht dumm. Wenn die in Frankfurt nicht fragen, wie viele Leute sich hier aufhalten, soll das nicht das Problem von den Dreien sein. Ich finde es ganz clever.«
Charlotte verzog das Gesicht. »Ja - war mal clever, die Idee. Aber wenn die Festung wirklich in der Hand der Marodeure ist - wovon wir ausgehen müssen - dann werden sie auch über kurz oder lang hier auf dem Hahn auftauchen. Schon vergessen? Du hast doch selbst vermutet, dass sie die Datenbanken oder Listen auswerten, wer mit der Festung Handel betrieben hat. Man weiß also, dass sich auf dem Hahn jemand aufhält ...«
Erwin presste die Lippen aufeinander. »Daran hab ich eben nicht mehr gedacht.«
Die kleinere der Frauen, Silvia, sah Charlotte entsetzt an. »Die werden kommen, obwohl es hier nichts zu holen gibt?«
»Davon gehen wir aus. Unser Gut dürfte die erste Anlaufstation sein. Und was man von den Marodeuren so hört, lässt das Schlimmste ahnen. Die werden auch auf dem Hahn auftauchen. Über kurz oder lang - und totsicher ...«
Es entstand eine kurze Pause.
»Dann müssen wir hier weg«, sagte Sammy schließlich.
»Wollten wir ja«, erwiderte Harald. »Aber von den Scheißmaschinen hier kriege ich keine mehr flott. Ich bin Pilot, kein Techniker oder Ingenieur. Es ist zum aus der Haut fahren ...«
Sandra fing an zu weinen. Sylvia nahm sie in den Arm und rieb ihr sanft über den Rücken.
»Habt ihr noch einen Alternativplan?«, fragte Sammy.
Charlotte schüttelte resigniert den Kopf. Was sollten sie jetzt tun? Wo sollten sie hin?
»Und wenn wir uns auf den Weg nach Norden machen?«, fragte Erwin.
»Bloß nicht«, meinte Sylvia schnell. »Der Ruhrpott ist dicht, die Autobahnen verstopft. Vielleicht wäre es möglich, irgendwie über Seitenstraßen nach Norden zu kommen, aber was sollen wir dort? Niedersachsen schweigt schon ewig, und von Hamburg hört man auch nichts mehr.«
»Und im Westen auch nichts Neues«, meinte Harald. »Wir stecken in der Scheiße - und das voll. Scheißmarodeure.«
»Und wenn wir mit ihnen verhandeln?«, fragte Sammy. »Unsere Arbeitskraft anbieten, was weiß ich ...«
Charlotte sah ihm in die Augen. »Die wollen herrschen! Die wollen Sklaven, Untertanen! Willst du, dass dich irgendjemand zwingt, einem anderen die Kehle durchzuschneiden - auf Befehl ...?«
Sammy erwiderte nichts.
»Und was machen wir jetzt?«, fragte Harald nach Minuten des Schweigens.
Ein Ruck schien durch Charlotte zu gehen.
»Wir schaffen alles an Lebensmitteln und sonstigen Vorräten auf den Hahn. Ich spekuliere jetzt mal einfach, dass sie den Hahn erst sehr viel später angreifen werden als die Dörfer und vor allem das Gut. Wenn die Plünderer wirklich zu den Marodeuren gehören, gehe ich davon aus, dass sie noch einige Zeit länger denken, dass hier nichts mehr zu holen ist. Gut, sie werden kommen, aber bis dahin können wir uns hier eingerichtet haben.«
»Du willst das Gut aufgeben?«, fragte Erwin überrascht. »Das heißt, uns gehen über kurz oder lang die Nahrungsmittel aus und wir sitzen hier auf dem Trockenen ...«
Charlotte stemmte die Arme in die Seiten. »Aber wir leben! Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie es bald auf dem Gut aussehen wird. Unsere Leute schuften auf den Feldern, rackern sich ab - und bekommen gerade genug, um zu überleben. Und wenn es diesen Drecksäcken von Marodeuren Spaß macht, wird irgendeiner gequält oder getötet. Wir können von diesem Pack nichts erwarten - nichts Gutes, nichts Menschliches.«
Harald schürzte die Lippen. »Ich denke auch, dass es einige Zeit dauern wird, bis sie hier auftauchen werden. Das Gut und die umliegenden Dörfer geben ein besseres Ziel ab, vor allem ein ertragreicheres.« Er grinste plötzlich böse. »Wenn wir Glück haben, legen sich die selbst ernannten Gauleiter ja mit den Marodeuren an und verschaffen uns so etwas Luft. Mit allem Glück der Welt gehen die sich gegenseitig an die Kehle - und wir werden die lachenden Dritten sein.«
»Wenn wir Glück haben, sehr viel Glück«, sagte Charlotte in ätzendem Tonfall. »Leider glaube ich nicht so recht daran. Ich denke, es ist Zeit, aufs Gut zurückzukehren und die Leute zu instruieren.« Sie wollte sich in Bewegung setzen, doch Erwin hielt sie am Ärmel zurück.
»Du willst den Leuten auf dem Gut sagen, dass wir auf den Hahn übersiedeln?«
Charlotte sah ihm in die Augen. »Irgendwann müssen sie ja erfahren, was auf sie zukommt.«
»Schlechte Idee«, meinte Harald.
Erwin nickte zustimmend. »Nicht alle werden mitkommen wollen, Charlotte, da kannst du sicher sein. Ich finde, wir sollten den Fluchtpunkt Hahn so lange wie möglich geheim halten. Für den Anfang bleibt das unter uns. Eckhard und Susanne und ihre alternative Truppe werden die Beete und Felder nicht einfach so aufgeben. Sie werden bleiben wollen. Sie werden sich möglicherweise sogar mit den Marodeuren anlegen. Sie werden gefoltert, vielleicht getötet - aber zuvor werden sie verraten, wo sich der Rest von uns hingeflüchtet hat. Nein, wir warten noch damit, sie zu informieren ...«
Charlotte wollte aufbegehren, doch Erwin winkte ab. Da war nichts mehr von dem naiv erscheinenden Mann, da war ein eiskalter Taktiker. »Wir werden schweigen, Charlotte - ob es uns gefällt oder nicht. Wenn das Gut den Bach runter geht, will ich so viel Vorsprung wie möglich haben, bevor irgendein Trupp der Marodeure auf dem Hahn erscheint. Die Marodeure sind ein wahnwitziger Mix aus Reichsbürgern, Neonazis und weiß der Teufel noch was. Die glauben an ihre Sache, fühlen sich stark - und sie gehen über Leichen.«
Charlotte schluckte. »Also schweigen - bis zum Schluss.«
Erwin nickte ihr und Harald zu.
Eine halbe Stunde später machten sie sich auf den Rückweg. Drei Untote mussten ausgeschaltet werden, die sich dem Jeep genähert hatten, doch das war nur ein Klacks gemessen an dem, was die Zukunft bringen sollte. Untote waren da fast harmlos, langsam, träge, dämlich - aber die menschliche Gefahr, das Raubtier, nahte lautlos aus dem Dunkel. Irgendwann würde es brüllen und sein Opfer reißen. Bald.