Читать книгу Ich bin Luis! - Karin Dornhöfer-Neumann - Страница 5
Оглавление1. Noah kam wie ein Regenbogen
Es war an einem total verregneten Donnerstagmorgen im Januar, als Peter, unser Klassenlehrer, ihn mit in die erste Stunde brachte.
„Das ist Noah Bärle, er geht ab sofort in unsere Klasse. Er ist mit seinen Eltern in unsere Stadt gezogen, und ich erwarte, dass ihr ihn herzlich aufnehmt, okay?!“
Noah stand neben Peter, die Hände in den Taschen seiner Cargohose, auf dem Kopf eine Baseballkappe mit dem Schild nach hinten gedreht, und schaute rotzig in die Runde. Auf seinem schwarzen Sweatshirt war zu lesen: „Der Boss bin ich!“ Alle glotzten ihn an. Ich glaube, jedem von uns war eins sofort klar: Mit diesem bulligen Typen mit den fast schwarzen, schulterlangen Haaren stimmte etwas nicht. Wir erfuhren bald, was.
Peter – er hatte von Anfang an gewollt, dass wir du zu ihm sagen – spitzte die Lippen und warf einen Blick auf die freien Plätze. Genau genommen gab es nur einen, den neben mir. Er sah mich an, legte den Kopf schief und lächelte.
„Setz dich neben Mila. Ich glaube, ihr beide werdet euch gut vertragen.“
Ich starrte Noah an, als er, die Augen spöttisch auf mich gerichtet, ganz nach hinten zu seinem neuen Platz schlurfte, den Rucksack auf den Boden knallte und sich neben mir auf den Stuhl plumpsen ließ. Wir beide betrachteten uns ein paar Sekunden lang. Dann grinste er und knuffte mich mit dem Ellbogen.
„Hey, Blondie. Was geht ab, ey?“
Ich rieb mir den schmerzenden Arm. Uns beiden war bewusst, dass die ganze Klasse uns angaffte, bis Peter sich räusperte.
„Schlagt bitte eure Englisch-Arbeitshefte auf Seite 85 auf und betrachtet euch in Ruhe Aufgabe 1a, okay?!“
Nachdem ich auf seine Begrüßung nicht geantwortet hatte, beugte Noah sich zu mir herüber und raunte mir zu: „Du quatscht wohl nicht mit jedem?“
Nein, das tat ich wirklich nicht. Ich meine, ich redete wirklich nicht viel, eigentlich so gut wie gar nichts. Peter hatte zu mir am Anfang des Schuljahres, als ich in seine Klasse kam, gesagt, das sei in Ordnung. Er würde das respektieren, und viele Menschen, auch Erwachsene, würden wenig reden. Das sei überhaupt nicht ungewöhnlich. Und ich sollte nur dann reden, wenn ich Lust dazu hätte. Ich mochte Peter von Anfang an total gern.
Aber die anderen aus meiner Klasse fanden das nicht so prickelnd und stänkerten über mich, dass ich eingebildet sei und mich für was Besseres hielte und so. Aber so war es nicht. Ich hatte einfach keine Lust zu reden. Ich war lieber für mich allein. Und immer, wenn ich konnte, spielte ich Klavier. Im Musikraum der Schule steht auch eins, darauf kann ich spielen, so oft ich will, hat der Direx gesagt. Er sagte auch, ich sei ein Ausnahmetalent, das man fördern müsse. Und ihm ist es auch ganz egal, ob ich rede oder nicht. Ich habe ihn fast so gern wie Peter.
Nur mein Onkel Dennis findet es Kacke. Sogar totale Kacke. Dass ich nicht rede, meine ich. Und Klavier spielen findet er auch Kacke. Und mich sowieso. Das sagt er zwar nicht, aber ich sehe es daran, wie er den Mund verzieht, wenn er mich anguckt. Ich denke dann immer ganz fest an das liebe Gesicht von meinem anderen Onkel Richard, dann tut es nicht ganz so weh.
Deshalb schaute ich Noah jetzt nur an. Seine Augen sind voll der Hammer: Wie zwei Seen im Winter, wenn die Sonne drauf scheint und das Eis anfängt zu glitzern.
Schließlich zuckte er mit den Schultern und grapschte sein Mäppchen. Ich checkte, dass er noch keine Schulbücher hatte und schob mein Arbeitsheft in die Mitte des Tisches. Damit er mit hineingucken konnte. Wieder warf er mir einen schrägen Blick zu. Ich blickte zurück. Man konnte sehen, wie sich die kleinen Rädchen in seinem Kopf drehten. Dann grinste er wieder, zog das Heft provokativ ganz zu sich herüber und wartete auf meine Reaktion. Ich sah ihn nur an. Dieses Spiel gefiel mir. Wieder glotzten wir uns eine ganze Weile bloß an, bis er das Heft großmütig wieder in die Mitte schob.
Peter rief ihn auf und bat ihn, die Aufgabe in dem Heft laut vorzulesen. Mit vielen Ähs und Öhms kämpfte sich Noah durch die paar Zeilen. Seine Aussprache war zum Davonlaufen. Alle anderen kicherten und warfen ihm mitleidige Blicke zu, aber Noah gab sich ganz klar auch nicht die allergeringste Mühe. Nun war es Peter, der grinste.
„Ich sehe, du magst Englisch gern“, erklärte er gut gelaunt.
„Nou spiek Inglisch“, knatterte Noah los und verschränkte die Arme vor der Brust.
Peter lachte. Dann deutete er auf Noahs Shirt. „Du bist also der Boss, he?“
Noahs Grinsen wurde breiter. „Klar, ey.“
„Weißt du, wie dieser Satz auf Englisch heißt?“
„Nö. Muss ich das?“
„The boss, that's me.“ Peter schrieb die Worte an die Tafel. Ließ sie von Noah gefühlte fünfzig Mal nachsprechen. Solange, bis er mit dem Ergebnis zufrieden war. Dann rieb er sich die Hände. „Der Kandidat hat hundert Punkte.“
Damit ging Peter einfach im Unterricht weiter. Jeder einzelne musste eine Aufgabe lösen. Als ich dran kam, ratterte ich los: „My name is Mila. I am eleven years old, and I live in Bad Steinach.“
„Perfekt, Mila!“
Ehe ich mich versah, hatte ich wieder Noahs Ellbogen in den Rippen. „Hey! Du hast ja eine Stimme, Lockenköpfchen!“
Dann kramte in einer seiner Hosentaschen und schob mir ein zerquetschtes Kaubonbon rüber. Ich betrachtete es ein paar Sekunden lang, dann wickelte ich es aus und steckte es in den Mund. Es schmeckte nach Banane.
„Danke.“
Diesmal wehrte ich seinen Ellbogen rechtzeitig ab.
„Ups … Sorry“, gluckste er, „ist eine üble Angewohnheit von mir. Aber ich mag es nicht, wenn man mich übersieht, okay?“
Ich sah ihn nur schweigend an, wie er in sich hineingrinste.
Den Rest der Doppelstunde hatte er keine Zeit mehr für Späßchen. Peter ließ ihn erst wieder zu Atem kommen, als er einen anderen Satz fehlerfrei aussprechen konnte.
Dann kam die kleine Pause. Noah wurde nacheinander von allen aus der Klasse angequatscht, und seine rauchige Stimme übertönte alle anderen. Er gab an wie ein Sack voll Mücken: Was er alles konnte und schon erlebt hatte und dass er abends so lange aufbleiben dürfte wie er wollte und jeden, der es darauf anlegte, auf die Matte legen würde. Ich stand wie immer in der Ecke neben dem Musikraum, stopfte mein Pausenbrot in mich rein, wischte mir dann die Hände an der Hose ab und rannte hinein. Setzte mich an das Klavier. Die Zeit reichte gerade noch, um River flows in you zu spielen, mein ultimatives Lieblingsstück. Wie immer achtete ich nicht darauf, ob mir jemand zuhörte. Ich spielte nur für mich.
Aber als ich mit dem Stück fertig war, die Pausenglocke wie auf Kommando wieder zum Unterricht drängelte und ich zur Tür stürzte, stieß ich mit Noah zusammen. Er lehnte am Türrahmen, ein Bein vor dem anderen gekreuzt, die Arme vor der Brust verschränkt und glotzte mich an.
„Hey! Das war ganz große Klasse! So was habe ich noch nie in echt gehört.“
Ich zuckte mit einem kleinen Lächeln die Schultern. „Danke.“
Wir stapften nebeneinander die Treppe hoch. Ich stellte fest, dass Noah fast einen Kopf größer war als ich. Auf dem Weg ins Klassenzimmer plapperte er drauflos, erzählte von seiner alten Schule, den Lehrern dort, den Mitschülern … er redete durcheinander, warf mit Namen um sich, und ich kapierte so gut wie gar nichts. Nur eins: Dass er rausgeflogen war. Warum, sagte Noah nicht. Ich dachte nur: Okay …
In den nächsten beiden Stunden hatten wir Deutsch bei Frau Kurz. Sie prüfte Noah und schüttelte danach traurig den Kopf. „Deine Kenntnisse sind unterirdisch. Du musst viel nachholen.“
Noah grinste, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und betrachtete die Zimmerdecke. Natürlich war Frau Kurz davon nicht begeistert. Und weil er auf ihre Fragen nicht mehr antwortete, sondern nur frech grinste, bekam er am Ende des Unterrichts einen Eintrag im Klassenbuch.
In der großen Pause passierte es dann. Ich übte gerade ein Stück von Johann Sebastian Bach ein und bekam deshalb nicht mit, wie der Streit angefangen hatte. Auf jeden Fall war Noah mit einem Jungen aus der Achten aneinander geraten und hatte ihn kurzerhand gepackt und mit Karacho zu Boden geworfen.
Da war natürlich die Kacke am Dampfen! Aus dem Getuschel der anderen bekam ich mit, dass Noah so etwas schon öfter gebracht hatte. Deshalb hatte er seine vorherige Schule verlassen müssen.
Weil Peter sich für ihn einsetzte und ein ernstes Gespräch „unter Männern“ mit ihm führte, blieb es bei einer Verwarnung durch den Direx. Wir erfuhren nie, warum die beiden Jungs sich in die Haare geraten waren, aber ich gönnte es dem fiesen Typ aus der Achten. Der hatte mir mal den Weg zu den Mädchentoiletten versperrt, als ich ganz dringend musste und mir danach ein Bein gestellt und sich halb tot gelacht, weil ich fast hingeknallt wäre.
Als Noah sich eine halbe Stunde später mit einem blau- en Fleck unter dem linken Auge und einem schiefen Grinsen im Gesicht wieder neben mich setzte, fand ich das doch ziemlich cool.
Der Rest des Schultages verlief dann ohne weitere Zwischenfälle, wenn man davon absah, dass Noah in keinem einzigen Fach etwas checkte. Peter kündigte an, ihm in den nächsten Monaten nachmittags Nachhilfeunterricht zu geben. Bei Peter ist so etwas nicht schlimm, im Gegenteil. In seinen Stunden gibt es immer viel zu lachen.
Um 12 Uhr 30 war dann der Unterricht zu Ende, und wir marschierten alle in die Mensa. Noah beäugte misstrauisch den tapetenkleisterartigen Erbseneintopf mit den Gummiwürstchen, schlang dann aber doch alles hinunter. Er hatte sich wieder neben mich gesetzt. Mir fiel auf, dass die anderen plötzlich Abstand zu ihm hielten. Wahrscheinlich wollte niemand kopfüber auf dem Flur landen. Alle ätzten hinter vorgehaltener Hand, und das Wort „Assi“ schwebte durch die Luft. Ich wusste nicht, ob Noah es mitbekam. Hoffentlich nicht. Denn ich fand ihn eigentlich ganz in Ordnung, keine Ahnung, warum. Aber er würde bei den Mitschülern keinen Fuß mehr in die Tür bekommen. Ganz sicher.
Bis 15 Uhr hatten wir dann Zeit für die Hausaufgaben und konnten uns anschließend entweder in die Ruheräume verdrücken oder draußen in den Klettergerüsten und auf dem Trampolin herumhampeln. Von 15 bis 17 Uhr war dann jeder in seiner AG.
Noah hatte sich noch nirgends eingetragen und trabte hinter mir her in den Musikraum. Nachdem er sich von Peter, der die Musik-AG leitet, alle Instrumente hatte zeigen lassen, klimperte er ein wenig auf dem Klavier herum. Ich erklärte ihm ein paar einfache Griffe, aber mit seinen wurstigen Fingern tappte er meistens daneben. Dann entdeckte er das Schlagzeug. Wie man damit umging, kapierte er in Lichtgeschwindigkeit und wollte gar nicht mehr aufhören. Er hatte ein Gefühl für Rhythmus, das war ganz klar. Am Ende des Nachmittags klingelten uns allen die Ohren, aber Noah strahlte wie ein Reaktor und war nun Mitglied unserer AG. Die anderen motzten herum, weil sie selbst bei dem Radau keine Gelegenheit gehabt hatten, ihr Instrument zu spielen, aber Peter war zufrieden, dass es etwas gab, womit er Noah in Zukunft „zähmen“ konnte.
Es stellte sich heraus, dass Noah den gleichen Nachhauseweg hat wie ich. Er wohnt mit seinen Eltern in einem der bunten Sozialblocks am Stadtpark, mein Zuhause ist am anderen Ende dieser Straße. Und so kam es, dass wir um 17.15 Uhr zusammen losmarschierten. Er schnatterte den ganzen Weg über von nichts anderem als dem supertollen Schlagzeug und klärte mich darüber auf, dass er beschlossen hatte, eine Band zu gründen, wenn er aus der Schule kam. Wir könnten uns ja dann zusammen tun, ich am Klavier und er an den Drums. Ich fand diese Idee okay und merkte mir das schon mal lose vor.
„Magst du noch mal mit reinkommen?“, fragte er, als wir an der Eingangstür des rot, grün und gelb gestrichenen Wohnblocks angekommen waren. „Meine Mama hat bestimmt eine Schüssel voll Pudding auf dem Tisch stehen. Sie kocht jeden Tag Pudding. Magst du welchen?“
Ich blinzelte im ersten Moment. Ich konnte mich nicht erinnern, dass mich jemals einer aus der Schule zu sich nach Hause eingeladen hatte. Weder jetzt in der Erich-Kästner-Gesamtschule, noch vorher in der Grundschule. Ich nickte verblüfft.
„Dann kommt einfach mit. Aber du“, er blickte mich streng an, „ein bisschen mehr musst du bei uns schon reden, sonst denkt meine Mama, du hast was gegen sie.“
Ich nickte nochmal.
Und dann saßen Noah, seine Mama und ich in ihrer Küche um einen großen Tisch herum und löffelten Schokopudding mit Vanillesoße. Frau Bärle ist groß und kräftig wie Noah und hat die gleichen langen, schwarzen Haare. Und die gleichen Wahnsinnsaugen. Sie trug ausgebleichte Jeans mit Löchern drin, eine bunte, zeltförmige Bluse und große, runde Ohrringe. Aber am besten gefiel mir ihr total nettes Lachen.
Sie freute sich riesig darüber, dass Noah so viel Spaß gehabt hatte und alles gut gegangen war – von dem Streit mit dem Typen aus der Achten erzählte Noah nichts – und fragte mich alles mögliche. Meine hellen Locken gefielen ihr scheinbar, denn sie strich mir immer mal wieder über den Kopf und schmunzelte dabei.
Als ich hinterher nach Hause ging, tat mir der Mund weh vom vielen Reden. Ich versprach ihr bald wiederzukommen und freute mich echt darauf.
Noah begleitete mich nach Hause. Als wir vor unserem schmiedeeisernen Eingangstor ankamen, blieb er wie festgeklebt stehen.
„Da wohnst du? Nee, oder?“ Er betrachtete die drei Meter hohe Steinmauer um das gesamte Grundstück und kriegte vor Aufregung suppentellergroße Augen.
Ich drückte auf die Klingel und winkte in die Kamera.
„Ah, das Fräulleinchen“, meldete sich die kratzige Stimme von Herrn Kemper durch die Sprechanlage. Dann schob sich das Tor wie von Geisterhand bewegt zur Seite.
„Wie abgefahren ist das denn …?“, ächzte Noah.
Ich fragte ihn, ob er noch mit hineinkommen wolle.
„Öhm … ja, klar! Mannomann!“
Für mich war der Kiesweg unter den alten Eichen, Kiefern und Buchen hindurch und der Anblick unserer zweistöckigen Villa ganz normal, aber Noah schoss eine „Boah!“-Salve nach der anderen ab.
„Ist ja endgeil, ey! Da schnallst du voll ab!“
Herr Kemper erwartete uns vor den Stufen zum Haus und schmunzelte so breit, dass er mit den gefühlt zweitausend Runzeln in seinem Gesicht aussah wie Meiser Yoda.
„Na, heute in Herrenbegleitung?“
Ich stellte ihm Noah vor, und der riss unserem Hausund Hofmeister vor Begeisterung fast den Arm aus.
„Ist das dein Opa …?“, wollte er hinterher wissen.
„Nein. Herr Kemper kümmert sich um unseren Park und die Security-Anlage und hilft auch sonst überall mit.“
„Boah, ey!“
Ich zeigte ihm das ganze Haus vom Dachboden bis zum Weinkeller. Danach wollte er, dass ich ihm auf meinem Flügel nochmal das Stück von heute Vormittag vorspiele. Er fand alles einfach endgeil.
Als er zwei Stunden später wieder abzwitscherte, um noch „einen Kontrollgang durch die Stadt zu machen“, wusste ich genau Bescheid über seine Mama und ihr Asthma, seinen Papa, der hier und da jobbte, aber nirgendwo lange, und der gerne mal „einen zwitscherte“. Und über den Trabbel mit seinem „aufbrausenden Temperament“ und seinen Fäusten, die sich immer mal wieder „selbstständig machten“ – gegen seinen Willen natürlich! Er ist ein Jahr älter als ich und einmal sitzengeblieben. An seiner alten Schule hatten die Eltern der Mitschüler Unterschriften gegen ihn gesammelt, bis er gehen musste. Seine Mama hätte das Mobbing dort auch nicht mehr länger ausgehalten, und so waren sie dann hierher nach Bad Steinach gezogen. Noah schwieg noch immer darüber, was genau er angestellt hatte. Ich war mir auch nicht sicher, ob ich es wissen wollte.
Ich begleitete ihn noch bis ans Tor und schaute ihm nach, wie er im Schein der Straßenlaternen Richtung Stadtmitte davontrottete.
Und war auf einmal total froh, dass er jetzt immer bei uns war.