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Fridolin Becker 1908

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Zehn Jahre nach Carl Spitteler verfasste ein Professor für Kartografie und Geografie an der ETH Zürich, Fridolin Becker, im Rahmen einer Serie von Bahnführern eine Beschreibung der Gotthard-Strecke. Die Reihe hatte den programmatischen Titel «Rechts und Links der Eisenbahn!».19

Die Serie aus Gotha deckte alle Eisenbahnen zwischen Mailand und St. Petersburg ab. Jede Streckenbeschreibung wurde mit einem knappen Hinweis «an den lesenden Eisenbahnfahrer» eröffnet, der die besondere Absicht der Publikationen im Unterschied zu anderen Reiseführern erklärte: Sie fokussierte nicht auf die Reiseziele, sondern auf die Reisewege selbst. Die Narration orientierte sich streng an der Abfolge der Reisestationen, und um möglichst unmissverständliche Korrespondenzen zu erzeugen, wurde eigens der Hinweis gemacht: «Die Bezeichnungen rechts und links gelten im Sinn der Fahrtrichtung und sind von rückwärts Sitzenden zu vertauschen.»20 Die Textsammlung war ganz auf Reproduzierbarkeit angelegt. Das Stakkato der Dampflokomotiven wiederholte sich in der schnellen Folge einzelner Lokalitäten, die in den Streckenbeschreibungen abgespult wurden. Es fand sein Echo nicht nur im Betrieb der dampfgetriebenen Druckmaschinen, die die Hefte in einer grossen Auflage produzierten, sondern auch in den vielen Nummern der Reihe, die nach dem gleichen Muster unterschiedliche Strecken abhandelten. Und die Wiederholung fand auch in den tausendfachen Aktualisierungen der Sichtvorgabe durch die Fahrgäste im Zug statt, die mit den Büchlein in der Hand unterwegs waren.

Die Königsstrecke des europäischen Netzes war dabei die Gotthardbahn. Mit Heft 73 in der Hand konnte der technisch bezwungene Alpenpass wieder zum landschaftlichen Erlebnis werden. Becker ging ausführlich auf das Arrangement mit den drei Sichtpunkten auf die Kirche von Wassen ein und setzte einen Bezugspunkt voran: den Kirchbergtunnel, während dessen Durchfahrt naturgemäss nur schwarze Wände zu sehen waren, der aber durch den Text mit einer grossen visuellen Bedeutung aufgeladen wurde. Auch der folgende Tunnel war Gegenstand von Beckers Anleitung: «Nun wendet die Bahn im 1090 m langen Wattingertunnel in einem halben Kreis im Berge herum, ohne dass wir das, wenn wir wenigstens nicht die Nadel eines Kompasses verfolgen oder ein Lot beobachten, das uns zeigt, dass der Bahnwagen sich etwas nach rechts hinüber neigt – während der Fahrt, beachten.»21 Das kleine Experiment, das darin bestand, zum Beispiel ein Taschenmesser im Fahrgastraum aufzuhängen, zeigte, dass sich der Eisenbahnwagen nicht auf seiner normalen Gerade, sondern in einer Kurve bewegte, die ein Tribut an die zu überquerenden Berge war. An der Neigung des Lotes konnte die Gestalt der durchfahrenen Landschaft abgelesen werden – eine fast naturwissenschaftliche, laborähnliche Umwelterfahrung.22

Die Anweisungen waren überaus präzise. Mit dem Richtungswechsel im Tunnel ging jeweils auch ein Seitenwechsel für die privilegierte Aussicht einher, den Fridolin Becker mit der Aufforderung «links sitzen» kommentierte. Nur von der richtigen Seite im Zugabteil aus konnte man sich nach dem Durchfahren des Reigens von Tunnel und Brücken bei Wassen im Blick zurück eine Übersicht verschaffen – die dank dem Hinweis des Reiseführers auf die Kirche von Wassen als Orientierungspunkt nie ganz verloren gegangen war. Becker schloss seine Beschreibung des Streckenabschnitts mit dem Satz ab: «Gut, dass wir uns wieder etwas von dem Geschauten erholen können, es war fast zu viel.» Ab Göschenen entliess der Ingenieur seine nach Süden reisende Leserschaft in die Ruhe des Gotthardtunnels: «Wir lehnen in die Ecke und träumen.»23

Gotthardfantasien

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