Читать книгу Gotthardfantasien - Lars Dietrich - Страница 8
Fantasien
ОглавлениеWie kann man den Gotthard erzählen, ohne in den nationalen Tunnelblick der 1930er- und 1940er-Jahre und der Folgezeit des Kalten Kriegs zurückzufallen, in denen wichtige historische Tatbestände ausgeblendet werden mussten, um die mythische Kohärenz und Durchschlagskraft zu behaupten? Der «moderne Mythus», an den der Gotthardbasistunnel problemlos anschliessbar wäre, lässt sich nur mit losen Versatzstücken ausstatten, welche die Komplexität der gesamten Gemengelage nicht in den Blick bekommen. Die Urgeschichte der Schweiz – wie im Übrigen jeder anderen Nation auch – gibt es nicht. Es kann uns also nicht nur darum gehen, «den Gotthardmythos [zu] lesen […], [zu] erleben und zugleich [zu] verstehen».26 Was wollen wir hier verstehen – ausser der Konstruiertheit von Natürlichkeit? Mit den Gotthardfantasien lade ich Sie ein, einen Schritt weiter zu gehen.
Die Eröffnung des Gotthard-Basistunnels nehmen wir zum Anlass, die neu-alte mythische Gemengelage aus verschiedenen Blickwinkeln zu untersuchen. Dabei soll der Gotthard nicht nur physisch ein drittes Mal (nach dem Eisenbahntunnel 1882 und dem Autobahntunnel 1980) untertunnelt werden, sondern ebenso metaphorisch in seiner Symbolik: Wie entwickelt sich das nationalistische Eigenbild der Schweiz nach 1945 am Gotthard? Welche Fragestellungen, die sich am Gotthard entzünden, finden wir in der Literatur – aus der Schweiz, aus Europa, aus der ganzen Welt? Wie überkreuzen sich europafreundlicher und weltoffener Umweltschutzdiskurs und konservativer Mobilitätsdiskurs im Gotthard? Gibt es vergleichbare, vielleicht auch nicht realisierte Réduit-Modelle in anderen Nationalprojekten? Wofür steht der Stachel (alias Tunnel oder russische Ansprüche) im Herzen der Schweiz? Welche Sehnsüchte kanalisiert der Tunnel – nur Richtung Süden oder auch Richtung Norden?Bedeuten die Transitrouten und -waren denn auch etwas? Welche Fantasien setzt heute der Gotthard bei Autorinnen und Autoren, bei Historikern, Politologen, Kultur- und Literaturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern frei?
Für die Beantwortung dieser Fragen ist ein spezifischer Blick gefragt, der aktuelle Debatten historisiert und historische Diskurse wiederum kontextualisiert und aktualisiert. Dieser Blick impliziert eine Perspektive von aussen wie von innen, aus der Nähe wie aus der Fremde, einen spezifischen europäischen oder globalisierten Blick. Wichtig dabei ist sowohl eine topografisch-kulturelle als auch eine methodische Transversalperspektive, welche das kulturelle Erbe des Gotthards vor dem Hintergrund und dennoch jenseits der altbekannten Mythen befragt. Dadurch soll die Rolle einer europäischen und zugleich globalisierten Schweiz in Bezug zur ganzen Welt neu belichtet werden. Die mythische Überhöhung von Natur – welche die Naturalisierung der technischen Errungenschaft bereits miteinbezieht – soll zugunsten von Analysen des Zusammenspiels zwischen Natur- und Zivilisationsgewalt im ersten Teil «Infrastruktur, Natur» konsequent hinterfragt werden. Der eindimensionalen Mythologisierung werden im zweiten Teil historische «Kontrapunkte» und damit Alternativgeschichten und im dritten Teil «Bilanzen, Szenarien» die Vielfalt, aber auch die Dringlichkeit von Fragen an die Gegenwart entgegengesetzt.
Der Gotthard ist nicht nur in seiner technischen Materialisierung27 – wie man sie in Zukunft trotz gegenwärtigen Zweifeln am Willen der SBB28 sicherlich noch touristisch erfahrbar machen wird –, sondern vor allem in seiner Unbestimmtheit und Offenheit Anlass zur Fantasie. Hier ist die Rolle der Fiktion entscheidend: Denn Erinnerung und Fantasie bilden gleichermassen die kollektive Erinnerung aus und modellieren auf diese Weise neue Geschichtsbilder, welche für jegliche Entwicklung der Gesellschaft notwendig sind.29 Es gibt kein besseres Bauwerk als die NEAT, das uns so deutlich vor Augen führen kann, wie stark die Schweiz in Europa eingebunden ist und sich einen Sonderweg (wenn überhaupt) nur in beschränktem Ausmass leisten kann, ohne sich ökonomisch, ökologisch, forschungstechnisch und sozial selber am meisten Schaden zuzufügen. Unser Ziel ist doppelt angelegt, zum einen thematisch, zum anderen methodisch. So fragen wir sowohl nach dem Gegenstand, nach dem Gotthard-Transittunnel und nach den damit verbundenen Identifikationsmodellen, als auch nach den Diskursmodi von Mythos, Geschichte und Fantasien. Es geht in erster Linie darum, den thematisch-methodischen Fächer möglichst weit aufzuspannen.
Breite und Tiefe zugleich zu bieten ist nur möglich, wenn das Hebelgesetz der Fantasie in Anspruch genommen wird. Folgt man der Stellungnahme Carl Spittelers in seinem Gotthard-Reiseführer, so sprengt die Fantasie die Grenzen von Glauben und Erfahrung: «Denn die Fantasie folgt ihren eigenen Trieben und Gesetzen, die mächtiger sind als die Einreden [sic] des Verstandes.»30 Weil sich die Fantasie als Methode nicht der Rhetorik einer reinen Faktizität zu verschreiben hat, eröffnet sie neue Möglichkeitsräume des Denkens. Besonders in den Fantasien kristallisiert sich heraus, wie sehr Form und Inhalt des Denkens korrelieren. Darum folgt die Anordnung der Beiträge weder rein historischen noch rein thematischen Gesichtspunkten. Und obwohl alle Artikel höchsten Ansprüchen des jeweiligen Fachs genügen, bedienen sie sich manchmal auch unüblicherer literarischer Formen des Essays oder des Dramas. Dadurch wird die Perspektivität des jeweiligen Beitrags oder der jeweiligen Figur offengelegt und exponiert. Die Multiperspektivität der literatur-, kulturwissenschaftlichen, historiografischen und politologischen, aber auch technischen Beiträge wird regelmässig durch literarische Interventionen durchbrochen, welche für die Gotthardfantasien neu geschrieben und zusammengestellt worden sind. Sie vervielfachen nochmals die Stimmen; die persönlichen Ich-Erzählungen, die aufs Wesentliche reduzierten Verszeilen, die minutiösen Alltagsbeobachtungen entlarven das Korsett der Inszenierung. Gleichzeitig erweitern sie das Arsenal an Fantasien, welche dem Gotthard neue Dimensionen verleihen.