Читать книгу Katzen. 100 Seiten - Maike Grunwald - Страница 10
Das wildeste Haustier
ОглавлениеDie Idee, verschiedene Katzenrassen durch selektive Zucht zu erzeugen, ist relativ neu. Eine der ältesten Edelkatzen ist die Angorakatze, die Anfang des 17. Jahrhunderts als kostbares Luxusgeschöpf aus dem Orient an europäische Adelshöfe gelangte, doch der Wunsch, gezielt verschiedene Sorten zu kreieren, machte sich erst im ausgehenden 19. Jahrhundert bemerkbar. Ihren Boom erlebte die Rassekatzenzucht noch später, ab Mitte des 20. Jahrhunderts. Er hält weiter an und treibt bizarre Blüten, inzwischen gibt es sogar Nacktkatzen. Doch selbst diese Kreaturen, die von vielen Tierfreunden als Qualzuchten bemitleidet werden, sollen angeblich in Freiheit überlebensfähig sein, sagen ihre Züchter. Ob das zutrifft, ist schwer zu beurteilen, ohne sie auszusetzen, was zum Glück verboten ist. Wer Haustiere, egal welcher Art, ihrem Schicksal überlässt, muss mit bis zu 25 000 Euro Strafe rechnen.
Fest steht jedenfalls, dass Rassekatzen aus kontrollierter Zucht bis heute keinen relevanten Teil unserer Hauskatzen ausmachen – Experten sprechen von lediglich drei Prozent. Auch dies ist ein Grund, warum Katzen anders sind als andere Haustiere. Denn laut einer gängigen Definition sind Tiere domestiziert, wenn sie vom Menschen abhängig sind, der sich um ihr Futter, ihren Schutz und die Wahl ihrer Sexualpartner kümmert. Die allermeisten Hauskatzen suchen sich ihre Partner jedoch selbst aus – ob Bauernhofkatzen, urbane Freigänger, Wohnungskatzen, die auf dem Weg zur Kastration aus ihrem Korb ausbrechen (auch das kenne ich aus eigener Erfahrung) oder die unglücklicherweise weitaus größere Zahl an verwilderten Hauskatzen ohne Heim. Zudem können sich Katzen, sofern sie nicht in Überpopulation unter unnatürlichen Bedingungen leben, in Freiheit problemlos selbst ernähren.
Auch vom Körperbau her ähnelt die Katze ihrer Wildform noch sehr. Zwar stellte schon Darwin fest, dass Hauskatzen einen längeren Darm haben, wohl eine Anpassung an Küchenabfälle als neue Nahrungsquelle, doch im Vergleich zu Hunden und anderen Haustieren wurden sie nur wenig durch den Menschen verändert – vielleicht, weil sie noch nicht so lange mit uns leben, vielleicht, weil ihre Urform den Menschen gefiel. Manche Forscher bezeichnen die Hauskatze daher als »semidomestiziert«.
Katzen sind definitiv die ›wildesten‹ unserer Haustiere, auch genetisch. »Sind unsere Hauskatzen überhaupt richtig domestiziert? An sich schon – aber vielleicht nur gerade eben so«, meinen Carlos A. Driscoll und Kollegen, jenes Forscherteam, das 2007 mit seiner DNA-Studie von Haus- und Wildkatzen in der Katzenforschung für Aufsehen sorgte.