Читать книгу Katzen. 100 Seiten - Maike Grunwald - Страница 11
Gesellige Einzelgänger
ОглавлениеÜberraschend ist, was die so unabhängige Katze am deutlichsten zum Haustier macht: ausgerechnet ihr sozialer Charakter. »Die auffälligste Anpassung an den Menschen ist die überwältigende Toleranz der Hauskatze gegenüber Menschen, ein Schlüsselmerkmal domestizierter Tiere«, schreiben Carlos A. Driscoll und Kollegen 2009 in einer Veröffentlichung über die unterschiedlichen Entstehungswege verschiedener Haustiere. Statt »überwältigende Toleranz« könnte man, wie Alfred Brehm es tat, auch »Liebe« sagen.
Interessanterweise sind Katzen die einzigen Haustiere, die in ihrer Wildform Einzelgänger sind, sich in ihrer – dann also doch? – domestizierten Form aber gesellig zeigen, schreibt Driscoll. Tatsächlich leben verwilderte Hauskatzen oft in Gruppen – obwohl sie, ganz genau wie Wildkatzen, alleine jagen, also für die Nahrungsbeschaffung nicht aufeinander angewiesen sind. Meistens bestehen diese Gruppen aus einer oder mehreren Müttern (in der englischen Forschungsliteratur werden weibliche Katzen schönerweise queens genannt, also ›Königinnen‹), deren Kindern und weiteren Weibchen, häufig Verwandten. Geschlechtsreife Männchen sind meist nur zur Paarung anwesend, während kastrierte Kater oft mit in der Damengesellschaft leben.
Katzenkolonien sind meist hierarchisch organisiert, wenn auch nicht so ausgeprägt wie bei Wölfen oder Hunden. Es gibt häufig eine dominante Anführer-Queen. Die anderen Katzen entscheiden nach Gusto, wer gerade welchen Rang hat, ihre Stellung ändert sich oft. Insgesamt gibt es kaum erkennbare Regeln. Der Zoologe und Tierpsychologe Paul Leyhausen, ein Schüler von Konrad Lorenz, der schon in den 1960er Jahren das Verhalten von Katzen erforschte, stellte fest, dass sich die Sozialstrukturen verwilderter Hauskatzen in jeder Gruppe unterscheiden.
Obwohl das Verhalten von Katzen immer noch vergleichsweise wenig erforscht und mysteriös ist, weiß man, dass sie geselliger sind als lange Zeit angenommen. Tierärzte und Ratgeberbücher betonen immer wieder, dass gerade für Wohnungskatzen eine Partnerkatze ideal sei – wenn die Tiere zueinander passen und sich mögen. Aber auch dies lässt sich nicht pauschalisieren, manche Miezen fühlen sich durch eine weitere Katze in der Wohnung nur gestresst. Doch gibt es nicht selten innige Freundschaften unter Katzen, ebenso wie Hasslieben und Gewohnheitspaare.
Manche Hauskatzen schließen auch andere Spezies in ihr Herz, etwa Hunde, wobei normalerweise die Katze der Boss ist. Zu meinen lustigsten Kindheitserinnerungen gehören die Interaktionen unserer Katzen mit dem Pudelmischling, den sie offenbar als ›ihr‹ Haustier ansahen. Eine der Miezen zog hingegen die Gesellschaft eines auf dem Kühlschrank lebenden, verwitweten Meerschweinchens vor. Sie kletterte gern in den oben offenen Käfig, um mit dem Nager zu kuscheln. Die Katze einer meiner Freundinnen adoptierte ein Eichhörnchenbaby, säugte es und zog es groß. Auf Youtube gibt es Videos, die Miezen als Ersatzmütter aller möglichen Tierarten zeigen. In der Fachliteratur werden sogar Katzen erwähnt, die Mäusebabys an Kindes statt annehmen und später mit diesen befreundet bleiben, fremde Mäuse aber jagen und fressen.