Читать книгу Katzen. 100 Seiten - Maike Grunwald - Страница 18
Wertvoller als Menschen
ОглавлениеZwar waren Katzen als Haustiere in prädynastischer Zeit wohl noch selten und exotisch, doch ab etwa 2000 v. Chr. häufen sich Darstellungen von Katzen, die sie auch in Posen zeigen, wie wir sie heutzutage von unseren Mini-Tigern kennen, etwa in Körbchen ruhend. Auf einem Bild sitzt ein Kätzchen auf dem Schoß des Ehemannes, eine erwachsene Katze unter dem Sitz der Frau. Gleichzeitig verbreitete sich ihre Verehrung als heiliges Bastet-Tier. Der griechische Historiker Diodor, der im 1. Jahrhundert vor Christus lebte, schrieb, die Katzen der Ägypter würden »in geheiligten Räumen gepflegt, erhalten warme Bäder, werden mit den ausgesuchtesten Speisen gefüttert und mit den besten Salben gesalbt«. Den Tod einer Katze zu verursachen, auch versehentlich, galt als Verbrechen. Der französische Schriftsteller Denis Diderot beschreibt, wie ein Römer in Ägypten von einer aufgebrachten Menge gelyncht wurde, weil er aus Versehen eine Katze überfahren hatte. Laut Herodot rasierten sich Ägypter, deren Katze gestorben war, die Augenbrauen als Zeichen der Trauer und brachten die Katzen in geheiligte Häuser, wo sie einbalsamiert und zu den Katzenfriedhöfen von Bubastis gebracht wurden.
Die Katzenverehrung der Ägypter hatte, glaubt man einer Erzählung des makedonischen Schriftstellers Polyainos, sogar weitreichende politische Folgen: In der Schlacht bei Pelusium (525 v. Chr.) gegen den ägyptischen Pharao Psammetich III. bediente sich der Perserkönig Kambyses II. demnach einer perfiden Strategie – er wies seine Soldaten an, Katzen als lebende Schutzschilde zu verwenden. Da die Ägypter die heiligen Tiere keinesfalls verletzen wollten, gaben sie die Verteidigung der Stadt auf – die Perser eroberten Pelusium und bald ganz Ägypten. Ob bei dieser entscheidenden Schlacht tatsächlich Katzen eingesetzt wurden oder ob Polyainos die Kriegslist nur als Beispiel erfand, ist nicht sicher belegt. Auf jeden Fall illustriert seine Erzählung die berühmte Katzenliebe der Ägypter, die bei den Griechen und bei den Römern oft auf Spott und Unverständnis stieß.
Paul Marie Lenoirs Darstellung der Schlacht von Pelusium.
Die Bastet-Verehrung reichte bis in die Zeit der römischen Herrschaft hinein, und es gibt Hinweise darauf, dass die Göttin auch von in Ägypten lebenden Griechen verehrt wurde, vor allem von Frauen. Von den Hellenen wurde sie häufig mit Artemis gleichgesetzt, Göttin der Jagd, des Mondes, Beschützerin der Frauen und Kinder, bisweilen allerdings auch mit Aphrodite, Göttin der Liebe, Schönheit, Sexualität und Fruchtbarkeit. Dass Bastet auch außerhalb Ägyptens angebetet wurde, zeigen Funde in Rhodos, Nemus Dianae (bei Rom), Scarbantia (in Ungarn) und Port Torres (Sardinien) aus griechischer bis römischer Zeit. Um 390 n. Chr. wurde der Kult – wie andere heidnische Rituale – verboten. So begann das Ende einer Jahrhunderte währenden religiösen Verehrung der Katze.