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Afri-Katzen aus dem Nahen Osten

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Aber woher kam das Kätzchen, das dem Steinzeit-Insulaner bis über seinen Tod hinaus Gesellschaft leistete? Erst 2007 gelang es einem Team internationaler Genforscher um Carlos A. Driscoll, Genaues über die Herkunft unseres geheimnisvollen Lieblingstiers zu enthüllen. Ihre umfangreichen DNA-Vergleiche, veröffentlicht in der Zeitschrift Science, bestätigten, dass sämtliche Hauskatzen auf der ganzen Welt von der lybischen Falbkatze abstammen, der Afrikanischen Wildkatze (Felis silvestris lybica). Also nicht von verschiedenen Wildkatzenunterarten, die in ihren jeweiligen Erdregionen unabhängig voneinander Haustiere wurden. Das hatten manche Forscher bislang vermutet, denn immerhin ist das Verbreitungsgebiet der Wildkatze mit ihren Unterarten riesig. Es reicht praktisch über die gesamte Alte Welt von Nordschottland über Europa bis nach Südafrika, von Spanien und Westafrika bis nach Westindien, Nordchina und in die Mongolei.

Die Suche nach dem Ursprung unserer Mini-Tiger gestaltete sich noch aus weiteren Gründen kniffelig. Beispielsweise ähneln sich die verschiedenen Wildkatzenunterarten – darunter die Europäische, Asiatische und Afrikanische Wildkatze – und kreuzen sich untereinander, wie auch unsere Hauskatze (Felis silvestris catus) mit Wildkatzen reproduktionsfähige Nachkommen zeugen kann. Zudem gleicht unsere Hauskatze nicht nur äußerlich ihren wilden Vorfahren erheblich mehr als ein Mops dem Wolf, sondern auch genetisch, was die Suche nach den Ursprüngen erschwert.

Die Genstudie von Carlos A. Driscoll mit DNA-Proben von über 1000 Wild- und Hauskatzen ergab, zusammen mit archäologischen Funden, eine Geschichte, die mit der Entwicklung der menschlichen Kultur sehr eng verwoben ist. Die Haustierwerdung der Afrikanischen Wildkatze begann demnach wohl schon vor rund 10 000 Jahren im Nahen Osten, und zwar im Fruchtbaren Halbmond. Dieses sichelförmige Gebiet am nördlichen Rand der syrischen Wüste, das damals mit idealem Klima für Pflanzen gesegnet war, gilt auch als Ursprungsort der neolithischen Revolution und als Wiege der Zivilisation: Dort vollzog sich erstmals der Wandel des Menschen vom nomadischen Jäger und Sammler zum sesshaften Viehzüchter und Ackerbauern. Diese neue Lebensweise zog ungewollte Mitesser an, nämlich Nager wie die Hausmaus. Man geht davon aus, dass die Falbkatze, die von Natur aus viel weniger scheu ist als etwa die Europäische Wildkatze, dieses Festbankett schätzte und freiwillig in die Siedlungen zog. Die Bauern hatten gegen die Schädlingsbekämpfer nichts einzuwenden – eine Win-Win-Situation.

Da die Wildkatzen ihre wichtigste Aufgabe bereits von Natur aus gut und gerne erledigten, musste der Mensch sie auch nicht dafür zurechtzüchten – im Gegensatz etwa zu bestimmten Hunderassen wie dem Yorkshireterrier, der (viel später, im 19. Jahrhundert) als Rattenfänger gebraucht und dafür immer kleiner gestaltet wurde. Ihn musste der Mensch für diese Katzenaufgabe erst auf Katzengröße bringen. Wissenschaftler wie Carlos A. Driscoll sehen den Unterschied zwischen der Domestizierung von Katze und Hund vor allem darin, dass sie bei der Katze auf natürliche Weise geschah, nicht durch Menschen gesteuert. Salopp gesagt: Exemplare, die Menschen okay fanden, hatten keine Hemmungen, sich in deren Siedlungen zu paaren, wo ihre Nachkommen mit der Zeit von selbst immer zutraulicher wurden, ein quasi evolutionärer Vorgang – während Wölfe auch durch künstliche, gezielte Zuchtwahl zum Hund gemacht wurden, indem man Welpen früh aus dem Rudel entfernte und dann nur die geeignetsten Exemplare zur Zucht verwendete.

Vor diesem Hintergrund vereint die Hauskatze noch mehr Widersprüchliches in sich: ursprüngliche Wildheit und moderne Zivilisation – obwohl sie vom Menschen relativ wenig geformt wurde und auch genetisch nah an der Wildform blieb, ist sie doch eine Erscheinung jener Kultur, die wir bis heute pflegen, mit dauerhaften Siedlungen und entsprechenden Wirtschaftsformen.

Zusammen mit den Bauern, die weitere Siedlungen erschlossen, eroberten auch ihre Katzen neue Gefilde. Gewissermaßen Hand in Pfote richtete man sich in der neuen ackerwirtschaftlichen Lebensweise ein. Im alten Ägypten – das Niltal bezog fast alle seine domestizierten Pflanzen und Tiere aus dem Fruchtbaren Halbmond – erlebten Katzen dann eine Blütezeit als echtes Haustier und wurden sogar als göttliche Wesen verehrt.

Katzen. 100 Seiten

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