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Von Katzen und Ex-Wölfen
ОглавлениеDie Antworten auf diese Fragen waren lange ungeklärt. Sicher wussten die Historiker nur, dass die kleine Tigerin viel später zu uns kam als der Hund, unser ältestes Haustier. Seine Karriere als »Bester Freund des Menschen« begann vor mehr als 20 000 Jahren, als wir noch als Jäger und Sammler umherzogen. Wölfe folgten ihnen, um Abfälle zu fressen, und wurden zum nützlichen Warnsystem und Schutz vor Feinden. Ihre Haustierwerdung begann, als Menschen Welpen zu sich nahmen und bald auch für ihre Zwecke zurechtzüchteten. Dies geschah wahrscheinlich in Zentraleuropa. Unsere Hauskatze hingegen ist eine exotische Immigrantin, die wohl erst mit den Phöniziern, Römern und Wikingern zu uns kam, und zwar oft per Schiff – dazu nachher mehr.
Die Hauskatze wurde nicht nur weitaus später, sondern auch in viel geringerem Ausmaß von Menschen geformt als der Hund, wie neue Genstudien bestätigen. Besonders stark domestizierte Ex-Wölfe, nämlich durch Zucht entstandene Hundesorten, gab es bereits vor 4000 Jahren oder früher. Heute existieren über 300 anerkannte Hunderassen in einer riesigen optischen und charakterlichen Bandbreite, manche sind groß wie Ponys, andere klein wie Kaninchen. Viele wurden für Spezialaufgaben erschaffen, etwa als Schlitten-, Hirten- oder Jagdhunde. Bei Katzen kam man hingegen erst vor weniger als 200 Jahren auf die Idee, besondere Rassen durch Zucht zu gestalten. Dabei ging es weniger darum, ihr Wesen für bestimmte Dienste am Menschen zu perfektionieren, sondern schlicht um ihr Aussehen. Man fand etwa besonders langes Haar schick. Trotzdem lassen sich viele Hauskatzen bis heute kaum von Wildkatzen unterscheiden, allen voran grau getigerte Exemplare der häufigsten Rasse: Europäisch Kurzhaar, auch bekannt als »stinknormale Hauskatze«. Bis heute gibt es lediglich rund 60 Katzenrassen, die sich vor allem durch ihr Fell voneinander unterscheiden.
Unter Domestizierung versteht man – im Gegensatz zur Zähmung, bei der nur individuelle Wildtiere an Menschen gewöhnt werden – den Prozess der Haustierwerdung einer ganzen Tierart, der über Generationen erfolgt und auch genetische Veränderungen mit sich bringt. Diese sind meist so gravierend, dass man die Haustierform zwar nicht als andere Tierart als die Wildform einstuft, aber doch als eigene Unterart. Typische Anzeichen der Domestizierung sind starke Größenunterschiede zur Wildform, ein kürzerer Schwanz, ein kleineres Gehirn, kleinere Zähne, kürzere Schnauzen, niedliche Kindchenschema-Merkmale wie Schlappohren, juveniles Verhalten sowie freundlicher, sozial geprägter Umgang mit Artgenossen und Menschen.
Dass die Vorfahren der Hunde sich für die Haustierwerdung geradezu anboten, ist naheliegend. Als Rudeltiere ließen sie sich lenken, sie waren nützlich als Wache und bei der gemeinsamen Jagd. Katzen aber erledigen die Nahrungssuche allein, sie sind in ihrer Wildform strikte Einzelgänger. Wie wurden sie Haustiere?