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Zunftherrlichkeit versus Zunftzwang

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Ursprünglich war das Verlagssystem im Mittelalter aufgekommen, insbesondere in Italien und in Flandern, den seinerzeit überlegenen Zentren des europäischen Gewerbes, und schon immer waren die Verleger damit in Konkurrenz zu den Zünften getreten. Diese setzten alles daran, das Hand­werk für ihre Mitglieder in den Städten zu monopolisieren. Wäre es nach ihnen gegangen, hätte es nur ein Gewerbe gegeben, das zünftische, alles andere galt als des Teufels. Weshalb es kaum überrascht, dass die Bezie­hung zwischen Zünftern und Verlegern selten konfliktfrei blieb.

Die Zünfter bekämpften die Verleger, wo immer sie konnten, obschon Letztere selbst in den Städten ansässig waren – doch ihre Arbeiter waren es eben meistens nicht, was es ihnen erlaubte, sich viel agiler und unternehmerischer auf den Märkten zu bewegen, als dies den Zünften passte. Indem die Verleger sich auf Tausende von Heim­arbeitern stützten, produzierten sie viel grössere Mengen viel billiger, viel schneller, vor allem nachfrageorientierter und oft sogar qualitativ hochwertiger als die gewissenhaften, aber gemütlichen Zünfter.

Im Allgemeinen bildete sich eine prekäre, wenn auch umstrittene Ar­beits­teilung heraus: Während die Handwerker ihre Ware vorwiegend auf dem eigenen städtischen Markt verkauften, allenfalls auch in der näheren Umgebung, widmeten sich die Verleger von Anfang an dem Export und bedienten Märkte, die oft sehr weit weg von ihrem Firmenstandort lagen. Mehr schlecht als recht kam man so aneinander vorbei. Prekär war die Arbeitsteilung deshalb, weil die Zünfter sich nie sicher sein konnten, wie lange die Verleger sich nur auf den Export beschränkten. War es nicht denkbar, dass sie in den lokalen Markt drangen? War es ausgeschlossen, dass sie sich irgendwann auf Produkte verlegten, deren Herstellung sich die Zünfter vorbehalten hatten? Ihr Monopol schien immer bedroht, die friedliche Koexistenz blieb selten so friedlich, wie es den Anschein machte. Gross war die Angst bei den zünftischen Handwerkern, dass sie von den Verlegern einst aus dem Markt gedrängt würden.

Statt sich dieser tödlichen Gefahr aber zu stellen, regulierten die Zünfte lieber, als dass sie sich modernisierten. Wann immer ein neues Produkt oder eine neue Herstellungsmethode erfunden wurde, bemühten sie sich, diese entweder zu untersagen oder den engherzigen zünftischen Regeln zu unterstellen. Ein Beispiel aus Zürich veranschaulicht dies: Als die Zunft zur Gerwe, also die Organisation der Gerber, 1551 feststellte, dass vier Zürcher Bürger, die nicht ihrer Zunft angehörten, Felle auf eine neue, nämlich «romanische oder marquinische», also marrokanische, Art gerbten, verlangten sie vom Rat der Stadt unverzüglich eine Intervention. Es handle sich, so beklagte sich die Zunft, um keine «freie», also unzünftige, sondern «eine ­gemeine, offenbare Kunst», die auch die Gerber angeblich längst beherrschten. Daher sei die neue Methode dem Reglement der Zunft zur Gerwe zu unterwerfen und den vier Aussenseitern zu verbieten, sie weiterhin anzuwenden. Offensichtlich war die neue Methode der alten überlegen, ob preislich oder aus Qualitätsgründen muss offenbleiben, je­denfalls hielten sie die etablierten Gerber für lästig genug, dass sie sich vor dieser unliebsamen Konkurrenz schützen wollten.

Immerhin fällte der Rat ein salomonisches Urteil. Zwar durften die vier Aussenseiter ihr Geschäft weiter betreiben, ohne dass sie der Zunft zur Gerwe beitreten mussten, gleichzeitig erhielt die Zunft jedoch das Recht, die vier zu überwachen, insbesondere zwang man sie, sich künftig eine Qualitätskontrolle ihrer Produkte gefallen zu lassen. Alles in allem hatte die Zunft damit gewonnen. Denn unter dem Vorwand, die Qualität genüge nicht, liess sich jedes Produkt aus dem Markt drücken.

Ulrich Schmid hiess übrigens der eine Querulant. Er hatte das neue Verfahren in Strassburg einem Handwerker abgeschaut, eine Innovation ohne Frage – die er nun nicht mehr selber vermarkten durfte, sondern die im Dickicht der Zunftordnung hängen blieb.12

Wettbewerb war unter Zünftern nie erwünscht. Aus Prinzip. Im Vor­dergrund stand das «Auskommen» oder die «gerechte Nahrung» für jeden Zünfter, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Um sich vor der Unbill des Marktes und dem Erfindungsgeist der Tüchtigen zu schützen, schrieben die Zünfte ihren Mitgliedern alles vor, in einem Detail­lierungs­grad, der selbst einen zeitgenössischen Juristen, der sich ja einiges an Paragrafen gewohnt ist, beeindrucken dürfte: Es wurde festgesetzt, welche Arbeits­methoden erlaubt waren, welche Werkzeuge, wie hoch der Lohn der Ge­sel­len und Knechte zu liegen hatte, ebenso wie viele Mit­arbeiter ein Meister überhaupt anstellen durfte, dann welche Qualität ein Produkt zu bieten hatte und vor allem natürlich zu welchem Preis und wo es zu verkaufen war. Wer davon abwich, wurde ermahnt, bestraft, zerstört. Nach dem Verständnis der Zünfter belebte Wettbewerb keinesfalls das Geschäft, sondern stürzte den ehrlichen Handwerker in den Ruin. Wenn es einen frühen antikapitalistischen und antimodernistischen Geist gab, dann wehte dieser in den Kirchen – und in den Zunft­stuben.

Aber kann man es den Zünftern verdenken? Hinterher betrachtet, müssen wir feststellen: Sie lagen richtig. Wie heftig und verzweifelt, wie heroisch und hartnäckig sie sich der wirtschaftlichen Modernisierung auch verweigerten, am Ende trat genau ein, wovor sie sich so gefürchtet hatten. Die Verleger, die Unternehmer, die Industriellen bestätigten ihre tiefsten Ängste.

Man sollte diese Sorgen nicht kleinreden. In Anbetracht einer Epoche, in der Hungertod zu den ganz gewöhnlichen Alltagserfahrungen gehörte, hat es etwas Schäbiges, auf Menschen herunterzublicken, die alles daransetzten, ihr Einkommen abzusichern. Dass Wettbewerb, dass der Struktur­wandel, dass neue Technologien und dass Einwanderer diesen prekären Wohlstand zu bedrohen vermochten, war keine eingebildete Krankheit, sondern häufig Realität: Es war aus Sicht eines zünftigen Handwerkers rational, die «Nahrung» für alle Mitglieder seiner Zunft zu schützen – und ausschliesslich für diese. Gewiss, heute wirkt das verstockt, wenn nicht ­xenophob, und das war es auch, gleichzeitig ist es ahistorisch und etwas wohlfeil, dieses Verhalten vierhundert Jahre später zu verurteilen oder zu verspotten – aus der Perspektive von uns Nachgeborenen, die wir in Ge­sellschaften leben, die mehr als hundert Mal wohlhabender sind als das neuzeitliche Zürich. Gemäss den historischen Statistiken des britischen Ökonomen Angus Maddison belief sich das BIP pro Kopf in der Schweiz im Jahr 1600 auf 750 $. 2021 betrug das BIP pro Kopf 83 000 $.13

Real ergab sich zwischen Zünftern und Verlegern, zwischen den Beschützern des Hergebrachten und den Champions des Neuen, eine ungemütliche Koexistenz. Beide Seiten fanden sich mit einer merkwürdigen, etwas opportunistisch bestimmten Rechtsunsicherheit ab: Wann immer ein neues Gewerbe oder ein neues Produkt auftauchte, das die Zünfter nicht interessierte, entging es der Regulierung, es blieb «unzünftig» oder «zunftfrei», und findige Unternehmer stürzten sich darauf. Sobald es diesen aber gelang, daraus einen Profit zu ziehen, traten die Zünfter auf den Plan und versuchten, nachzuholen, was sie versäumt hatten: Die neue Branche oder das neue Produkt sollte nun «zünftig» werden, was immer einen erheblichen Regulierungsschub nach sich zog, oft in solchem Aus­mass, dass das neue Geschäft wieder einging, weil es kaum mehr rentabel betrieben werden konnte.

Savary des Brûlons, Jacques; Savary, Philémon-Louis, Dictionnaire universel du commerce, Bd. 4: commerce et compagnies, Genf 1750, Sp. 309 f.

Ebd.

Neues Conversations-Lexikon für alle Stände, H.J. Meyer, Hg., Hildburghausen, New York 1857, 1058, Stichwort Basel.

Ebel, Johann Gottfried, Schilderung der Gebirgsvölker der Schweiz, 2 Bde., Leipzig 1802, II 279.

Ebd.

Menzel, Ulrich, Auswege aus der Abhängigkeit. Die entwicklungspolitische Aktualität Europas, Frankfurt/Main 1988, 31.

Ebd.

Ebd.

Die «schöpferische Zerstörung» ist inzwischen zu einem Household-Name geworden, wenn es darum geht, den wirtschaftlichen Entwicklungsprozess zu beschreiben. Be­­ein­­flusst von Karl Marx und Werner Sombart, führte Schumpeter diesen Begriff in seinem Werk «Capitalism, Socialism and Democracy» ein, das 1942 auf Englisch publiziert worden war («Creative Destruction»), vgl. ders., Capitalism, Socialism and Democracy (1942), New York, London 2010, 73. Schumpeter (1883–1950), ein Volkswirtschaftler, stammte aus Österreich-Ungarn, wo er auch als Professor tätig war, er emigrierte später in die USA, um an der Harvard University in Cam­bridge, Mass., einen Lehrstuhl zu besetzen. Er gilt als einer der wichtigsten Öko­no­men des 20. Jahrhunderts, unter anderem machte er sich einen Namen als Begründer einer Unternehmertheorie.

Vgl. Menzel, Auswege aus der Abhängigkeit, 33 f.

Ebd., 34.

Sigg, Otto, Zunftherrlichkeit: die Zürcher Zünfte 1336 bis 1798, in: 650 Jahre Zür­cher Zünfte, Fs, Zentralkomitee der Zünfte Zürichs, Hg., Zürich 1986, 12–32.

Vgl. Maddison, Angus, Monitoring the World Economy, 1820–1992, Paris 1995; so­wie Statistics on World Population, GDP and Per Capita GDP, 1-2008 AD, http://www.ggdc.net/maddison/Historical_Statistics/horizontal-file_02-2010.xls, abgerufen am 13. März 2021.

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