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4.

Es geht nicht nur um Penetration

Emotionale oder körperliche
Absolute Beginners?

In meiner Arbeit hat sich herausgestellt, dass es nicht nur eine Form von ABs gibt, sondern mehrere. Ich unterscheide zwischen „körperlichem AB“ und „emotionalem AB“. Wie ist das bei Ihnen?

A)AB emotional und körperlich:

ohne sexuelle Erfahrung, ohne emotionale Bindung

B)AB emotional:

sexuelle Erfahrung vorhanden, ohne emotionale Bindung

C)AB körperlich:

ohne sexuelle Erfahrung, emotionale Bindung vorhanden z.B. in einer Partnerschaft

A)AB emotional und körperlich

Im Allgemeinen geht man davon aus, dass es sich bei einem AB um einen Menschen handelt, der älter ist als 25 und noch keinen Geschlechtsverkehr vollzogen hat. In den meisten Fällen ist es so, dass er/sie dabei ebenfalls keine Erfahrung mit Liebesbeziehungen sammeln konnte. Viele meiner Klienten und viele Fälle, über die ich in diesem Buch berichte, entsprechen diesem Schema.

B)AB emotional

Es gibt allerdings auch Männer oder Frauen, die durchaus über sexuelle Erfahrungen verfügen, also im landläufigen Sinne gar keine „Jungfrau“ mehr sind, sich dennoch selbst als „Beginner“ bezeichnen würden. Denn sie fühlen sich emotional geschlossen, wissen nicht, wie man sich öffnen und Nähe zulassen könnte. Haben Angst vor Vereinnahmung oder dem eigenen Versagen. Hatten zwar bereits „Sex“, aber keine längere Beziehung. Das Aufbauen einer emotionalen Bindung ist jedoch Voraussetzung für das Entstehen von Intimität. Und Intimität ist die Voraussetzung für eine Sexualität, bei der sich beide vertrauensvoll, liebevoll und ekstatisch öffnen können, damit Herz und Körper im sexuellen Akt zusammenschwingen. Die Verbindung von Liebesgefühl mit Erregung führt dazu, sich im Liebesspiel wirklich hingeben zu können, um das Gefühl der lustvollen Verschmelzung zu genießen. Der Sex ist damit kein ausschließlich körperlicher Akt mehr, der einer „Entladung“ dient, sondern ein Liebesspiel mit allen Sinnen, das den Körper verwöhnt und gleichzeitig die Seele streichelt.

Viele meiner Klienten sagen, das Aufwachen am nächsten Morgen, neben einem Partner, den man liebt, sich im Arm zu halten, Wärme und Nähe zu spüren, mache den Sex der vergangenen Nacht erst vollkommen.

Klaus, 44 Jahre,

bemerkte plötzlich, dass ihm etwas fehlt. Er hatte keine sexuellen Erfahrungen, sein Freundeskreis war eher „sachlich“. Er pflegte zwar viele Hobbies, die ihm das Gefühl der Geborgenheit gaben, aber emotional war er allein. Beruflich machte er Karriere. Verfügte über Status und genügend Geld, sich das zu leisten, was er wollte. Erst als er beruflich alles erreicht hatte, was er erstrebte, begann er einen Verlust zu spüren. Zunächst nur den körperlichen Verlust, die fehlende Sexualität. Er begann eine Psychotherapie, die ihm dabei half, Wege zu finden, um hinauszugehen. Er fand junge, schöne, versierte Frauen, die er vom Escort-Service mietete. Zu seiner Überraschung bereitete es ihm zu Anfang einige Mühe, seinen Körper zu aktivieren, nach all den Jahren ohne Training. Jedoch, nach einigen Sessions, funktionierte sein Körper wunschgemäß. Erleichtert genoss er die unbegrenzten Möglichkeiten, die sich ihm boten, er probierte auch mal zwei oder vier Frauen gleichzeitig aus. Klaus befand sich im erotischen Paradies. Es war fast grenzenlos.

Ein paar Jahre lang erschien ihm dieses Leben ideal, bis sich plötzlich ein Gefühl der Leere einstellte. Seine Erektionen wurden unstabil. Was war geschehen? Er begab sich ins Coaching. Wir analysierten den Stand der Dinge. Bei all dem Sex blieb er dennoch einsam. Sich selbst oder ein Gegenüber aufmerksam wahrzunehmen, Empathie zu fühlen und zu zeigen, war nicht selbstverständlich für ihn. Jahrzehntelang in führender Position tätig, in der es nicht um Aufmerksamkeit sondern eher um Befehlen und Funktionieren ging, bedeutete es für ihn eine große Herausforderung, emphatisches Miteinander zu lernen.

Klaus war ein gestandener Mann, als er in die Praxis kam. Aber in der gemeinsamen Arbeit, welche seine Emotionen hervorlockte, fühlte er sich ab und zu wie ein unwissender Junge, der zuerst Basiswissen lernen muss. Das war eine neue, ungewohnte Erfahrung, die ihn erschreckte. Die Frage, die er sich zudem stellte war:

„Bin ich überhaupt ein guter Liebhaber?“ Oder war die Lust der ,gekauften‘ Frauen an seiner Seite nur gespielt? Er lernte zunächst, sich selbst zu fühlen, seinen Körper, seine Emotionen und darüber zu sprechen. Er lernte, emotionale Beziehungen einzugehen. Dies war zunächst gar nicht so einfach. Denn im realen Leben wollten Frauen aufmerksam umworben werden. Sie hatten ihre eigenen Vorstellungen darüber, was ihnen gefiel und was nicht. Klaus hatte auch Bedenken, ob er eine Frau, die nicht zwanzig Jahre jünger ist, überhaupt erotisch anziehend finden könnte. Andererseits fragte er sich, ob er ihren Ansprüchen genügen würde?

Die Partnerin, die er schließlich kennen- und lieben lernte, hätte noch zwei Jahre zuvor nicht seinem Idealbild entsprochen, sagt er selbst. Denn sie war in seinem Alter und hatte Ecken und Kanten, genau wie er selbst. Die Annäherung auf beiden Seiten dauerte ihre Zeit, denn beide brauchten Vertrauen, um sich füreinander öffnen zu können, emotional sowie körperlich. Er sagt, er habe am Anfang seines Weges zum Glück nicht geahnt, dass es so lange dauern würde, sich zu verändern und dass es so anstrengend werden würde, dazuzulernen. Aber es habe sich gelohnt. Früher bezahlte er Frauen, die seine Freizeit mit ihm teilten. Wenn die Zeit abgelaufen war, gingen sie nach Hause in ihr Leben. Heute kommt seine Herzensdame freiwillig zu ihm, und beide freuen sich auf die Gemeinsamkeit. Außerdem habe Erotik eine andere Dimension erreicht. Es gehe nicht mehr um größtmögliche Erregung, sondern um ein erotisches Spiel von Geben und Nehmen, bei dem die Intensität der Gefühle am wichtigsten sei. Als sie in seinen Armen lag und weinte vor Zuneigung, erkannte er den Unterschied. Er sagt, er habe seine Emotionen wecken können und wirklich Glück gehabt.

Maria, 36 Jahre,

ist eine gutaussehende, sehr weiblich wirkende und beruflich erfolgreiche Frau. Die Männer liegen ihr zu Füßen. Dennoch hatte sie zu Beginn des Coachings noch nie eine Partnerschaft erlebt. Sie hatte ein paar wenige sexuelle Kontakte im Laufe der Jahre, war also keine Jungfrau mehr. Fühlte sich dennoch wie ein Beginner. Gelegentlich verlebte sie ein paar erotische Stunden, danach ging sie nach Hause in ihr eigenes Bett. Ihre Annahme: „Wenn mich ein Mann erst einmal näher kennenlernt und von all meinen Macken und Defiziten erfährt und auch noch merkt, dass mein Körper gar nicht so perfekt ist, wie er auf den ersten Blick erscheint, dann wird er mich sowieso verlassen. Daher behalte ich gleich von Anfang an die Kontrolle und lasse mich gar nicht erst darauf ein. Außerdem bin ich unsicher, ob ich meine Grenzen wahren könnte. Ob ich immer die Kontrolle behalten könnte? Wenn er in meinem Bett liegt und länger bleiben will – ich das aber nicht möchte – wie sage ich das? Wird er dann gehen? Wird er mich ernst nehmen? Oder werde ich mich ständig streiten müssen, wie meine Eltern?“

Als Maria lernte, sich selbst besser zu spüren, in ihrem eigenen Körper selbstbewusster zu werden und sich selbst zu lieben, verschwanden diese Grenzen. Sie wurde emotional weicher und begann ganz allmählich und Schritt für Schritt, Nähe zulassen zu können. Sie lernte: „Es geht ja nicht gleich um Vereinnahmung, sondern zunächst einmal um ein einziges Treffen zum Kennenlernen. Danach kann ich in aller Ruhe entscheiden, ob es ein zweites Treffen gibt oder nicht und auch, wie weit ich dabei gehe. Was passiert beim zweiten, dritten, vierten Mal? An jeder Stelle des Kontakts kann ich in mich hineinspüren und entscheiden: Nein oder Ja? Stopp oder Weiter?“

C)AB körperlich

Es gibt Männer oder Frauen, die sehr wohl in einer emotional stabilen Partnerschaft leben, ihren Partner lieben und mit ihm Nähe und Zärtlichkeit teilen, jedoch ohne Interesse an Sexualität. Aus diversen Gründen haben sie keinen sinnlichen Zugang zum Partner gefunden und sind nach jahrelanger Ehe nach wie vor ABs. Manchmal beide, manchmal einer von beiden. Gilt das für beide, haben sie Glück gehabt. Probleme tauchen dann auf, wenn einer von beiden mit diesem Arrangement auf die Dauer unglücklich ist, weil er seine erotischen Bedürfnisse unterdrückt. Hierzu passt das Beispiel von Heidi und Andreas auf Seite 123.

Christian (AB), 47 Jahre, und

Susanne (kein AB), 45 Jahre,

waren zum Zeitpunkt des ersten Besuchs in meiner Praxis bereits 18 Jahre verheiratet. Zu Beginn ihrer Beziehung hatten sie ausprobiert, sich erotisch zu nähern, sich jedoch beide nicht wohl dabei gefühlt. Christian hatte keine sexuelle Erfahrung. Susanne war zwar keine Jungfrau mehr, hatte sexuelle Aktivitäten jedoch nie genossen. Bei beiden war der nackte Körper, der eigene sowie der andere, sexuelle Handlungen, die Vorstellung „stoßende Bewegungen“ durchzuführen, mit Scham behaftet. Hinzu kam, dass für beide der Partner nicht dem Idealtypus entsprach und sie sich gegenseitig wenig erotisch anziehend empfanden. So ließen sie die zaghaften sexuellen Versuche nach kurzer Zeit erleichtert bleiben. Lebten eine geborgene, unterstützende, liebevolle Partnerschaft. Susanne genoss das allabendliche Ritual, während des Fernsehschauens ihre Füße massiert zu bekommen. Doch sobald Christian zu ihren Unterschenkeln tastete, wurde sie unruhig und wehrte ab.

Christian befriedigte sich regelmäßig selbst. Susanne nicht. Die Zeit verging, beide wurden älter und Christian begann, den Verlust zu spüren. Sollte das alles gewesen sein in seinem Leben? Ein Leben ohne Erotik? Sie begaben sich ins Coaching, weil Christian hoffte, doch noch, nach all den Jahren, etwas in Gang bringen zu können. Dies gelang nicht, weil Susanne sich nicht öffnen wollte und auch nicht konnte. Sie erkannte für sich, für sie war das Thema „Erotik“ definitiv abgeschlossen. Wie sollte es weitergehen?

Im weiteren Verlauf ihrer Ehe nutzte Christian die Dienste von Prostituierten. Susanne sagte, sie wolle davon nichts wissen, doch wenn es ihre Ehe retten würde, wäre das in Ordnung für sie. Christians Körper funktionierte jedoch beim bezahlten Sex nicht wie erhofft. Er erreichte keine stabile Erektion, zu Vereinigungen kam es daher nicht. Dennoch genoss er die erotische Atmosphäre, die schönen Körper, das angenehme Gefühl der sinnlichen Berührung auf seiner Haut, auf seinem Geschlecht. Er genoss es auch, selbst zu berühren, den weiblichen Körper zu fühlen, zu erforschen und zu verwöhnen. Er bestätigte im Einzelcoaching, dass er schon an Trennung gedacht habe. Aber alles andere in ihrer Beziehung würde klappen. Sie hätten Höhen und Tiefen miteinander durchgestanden im Laufe der Jahre. Sie war immer an seiner Seite, wenn es beruflich schwierig war. Er könnte sich nicht vorstellen, sie als Partnerin zu verlieren. Sie sei das Wichtigste für ihn. Klar sei er auch traurig oder manchmal sogar wütend, dass er so schöne Gefühle nicht in seiner Ehe teilen konnte. Das erkenne er erst jetzt. Zum Glück habe er nun eine Tür gefunden, um regelmäßig Sinnlichkeit zu leben, das sei eine enorme Erleichterung. Es würde ihn total entspannen, er sei viel weniger gereizt. Das wirke sich positiv auf seine Ehe aus.

Es ist nicht selbstverständlich, Sexualität zu leben. Und schon gar nicht erfüllende, wunderbare, großartige Sexualität zu leben. Bei manchen Menschen und Paaren entwickelt sich das nicht „von allein“. Manchmal muss man etwas dafür tun und lernen, Kommunikation, Information, Körperempfinden zu steigern. Dies sind die Hauptkomponenten der sexuellen Weiterbildung. Die gute Nachricht ist: Meine Erfahrungen mit sehr vielen Menschen mit mehr oder weniger sexueller Erfahrung zeigen, dass ein Anfang oder Weiterentwicklung immer möglich sind – unabhängig vom Lebensalter oder anderen äußeren Gegebenheiten.

Für die Liebe ist es nie zu spät

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