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Einführung – Das erwartet Sie hier

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Ich erinnere mich gern an meine allererste Arbeit mit einem „Absolute Beginner“. Ein hochgewachsener, schlanker Mann, gepflegt, angenehmes Äußeres, geschmackvoller Anzug und Krawatte, stand in der Tür meiner Praxis. Er war nervös, seine Hand kalt in meiner. Er nahm Platz, hatte es geschafft und war schon mal hier. In der ersten Stunde erzählte er – zum ersten Mal in seinem Leben – von seinem Geheimnis: Er hatte keinerlei sexuelle Erfahrung, mit 54 Jahren. Gibt es da Hoffnung? Kann man etwas tun? Gregor hatte gelesen, dass ich mit Gespräch und achtsamen Berührungen arbeite. Das gab ihm Vertrauen, er wollte es versuchen. Zwei Jahre arbeiteten wir miteinander. Sein Leben hat sich in dieser Zeit verändert, er hat selbst viel dafür getan. Leicht war es nicht. Es war eine Herausforderung für ihn, immer wieder seine Grenzen zu dehnen, um weiter zu kommen. Emotional sowie körperlich.

Heute ist ein Feiertag und während ich diese Zeilen schreibe, sitzt Gregor vielleicht bei einem späten Frühstück mit seiner Partnerin am Küchentisch. Oder im Bett. Wer weiß?

So wie Gregor gibt es schätzungsweise ein bis zwei Millionen Menschen in Deutschland! Männer und Frauen, die im erwachsenen Alter noch keine oder kaum sexuelle Erfahrungen gemacht haben, obwohl sie das gerne möchten. In der Fachsprache heißen sie: „Absolute Beginner“. Niemand spricht darüber – sie selbst schon gar nicht – und niemand sieht das Leiden, das fast immer dahintersteckt. Viele kommen zu mir und berichten, dass sie kaum Information oder Literatur über ihr Thema gefunden haben. Auch nicht im Internet, wo man sonst alles über jedes Thema lesen und sehen kann. Es gibt auch kaum Möglichkeiten, von Leidensgenossen etwas zu lernen, da diese ebenfalls ihr Problem verschweigen. So bleiben die Türen, die aus ihrer Isolation in einer scheinbar sexuell so befreiten Gesellschaft herausführen könnten, geschlossen oder sogar unerkannt.

Für alle diese Frauen und Männer schreibe ich dieses Buch. Aber auch für alle Menschen, die mehr über andere sexuelle Lebenswege erfahren möchten und bei der Gelegenheit – das verspreche ich – sehr viel für ihre eigene sexuelle Entfaltung lernen können. Denn wir sind alle irgendwie immer wieder „Beginner“ und Neuanfänger! Immer wieder gibt es weitere Möglichkeiten, den eigenen und den anderen Körper sinnlich zu genießen.

„Was? Vierundfünfzig und noch nie Sex? Das gibt’s doch gar nicht. Das hätte ich ihm doch gleich angesehen“. Solche Gedanken liegen nahe, wenn man sich noch nie mit diesem Thema auseinandergesetzt hat. Üblicherweise fangen Jugendliche ungefähr im Alter von vierzehn, fünfzehn Jahren an, die ersten sexuellen Erfahrungen zu sammeln. Sie erleben behutsame Berührungen, den ersten zarten Kuss und dann geht die Entwicklung automatisch weiter in Richtung Vereinigung. Die beiden sind glücklich, bekommen ein, zwei Kinder und bleiben ein Leben lang zusammen. Soweit ein Klischee.

Was ist, wenn das Bild nicht Wirklichkeit wird? Wenn sich diese Entwicklung nicht von alleine ergibt? Wenn die Zeit vergeht und einfach nichts passiert? Wenn keiner kommt und einen abholt, dort, wo man gerade steht? Wenn man sich nicht traut und die Hürde des „ersten Mals“ Monat für Monat, Jahr für Jahr immer höher, schließlich unerreichbar erscheint? Wenn jemand mit 22 oder 54 immer noch keinen „Sex“ hatte, im weitesten Sinne des Wortes? Was kann man dann tun? Gibt es dann noch einen Weg? JA.

Sexuelle Lebensreisen sind verschieden. Da gibt es nicht nur die „Pauschalreise“, bei der man sich um nichts kümmern muss, weil jede Etappe automatisch auf die vorhergehende folgt und alles vorab festgelegt ist. Es gibt auch „Single Reisen“ oder solche für „Spätentschlossene“, bei denen Männer und Frauen sich erst im fortgeschrittenen Lebensalter auf erotische Abenteuerpfade begeben. Alles ist möglich.

Selbstverständlich gibt es auch Männer und Frauen, die gar nicht reisen wollen, denen Sexualität, Lust oder Partnerschaft nicht erstrebenswert erscheinen. Manche wollen und brauchen das einfach nicht. Punkt. Für diese Menschen scheint es leichter zu sein, denn sie wissen zumindest, was sie nicht möchten. Vielleicht haben sie andere Ziele im Leben, die ihnen wichtiger erscheinen. Vielleicht spüren sie kein Verlangen im Körper, haben keinerlei Lust auf Hautkontakt. Wobei Sexualität und Partnerschaft nicht immer zusammengehören müssen. Einige Menschen möchten keine Sexualität und haben dennoch eine gut funktionierende Partnerschaft. Andere genießen Erotik, möchten jedoch keinesfalls eine Bindung eingehen. Es gibt viele Möglichkeiten, sein Leben zu gestalten, mit oder ohne Sexualität. Jeder muss herausfinden, was für ihn selbst das Richtige ist – und handeln.

Wie jedoch fühlen sich Männer und Frauen, die unfreiwillig ungeküsst bleiben? Die sich nach Berührungen sehnen, nach Sexualität, nach Partnerschaft und dies nicht zu erreichen scheinen? Wer sind sie? Wie kommt es dazu? Was können sie tun? Wie trainiert man den Weg in eine erfüllte Sexualität? Und was können auch alle anderen daraus lernen?

Mittlerweile habe ich in meiner Praxis viele Männer und Frauen, die im Erwachsenenalter mit Sexualität und Partnerschaft beginnen wollten, erfolgreich auf ihrem Weg begleiten dürfen. Dies ist immer eine Win-win-Situation für beide, eine große Freude sowohl für den Klienten als auch für mich. Ich schreibe hier von meinen persönlichen Erfahrungen als praktizierende Sexologin, Sexualtherapeutin und Körpertherapeutin und denen meiner Kollegen, denn es gibt bisher keine sicheren Studien auf diesem Gebiet.

Ich möchte hiermit all denjenigen, die persönlich unter dieser Situation leiden, Mut machen: Ja, Sie können es schaffen!

Sogar im „hohen Alter“, mit 22 und mit 54. Aber um es gleich zu sagen, es ist nicht leicht. Sie müssen immer wieder an Ihre Grenzen gehen, diese verschieben und dehnen. Sie müssen dranbleiben, sich bewegen, selbst etwas tun, dazulernen und sich wirklich jeden Tag wieder neu ausprobieren wollen, egal ob gerade in dem Moment der Elan dafür da ist oder nicht.

Ich biete allen, den „Absolute Beginners“ und den „Normalos“, mit diesem Buch fundierte Informationen, Fallbeispiele, ihre persönliche Check-Liste, ein Training für zu Hause und ebenso eine breite Palette nützlicher Hinweise rund um eine freudige Sexualität.

Ich möchte mit diesem Buch bewusster machen, dass man Sexualität und Beziehungen lernen muss, so wie alles andere auch. Und gerade ein „Absolute Beginner“ lernt ganz von Anfang an. Der Erregungsreflex wird jedem von uns in die Wiege gelegt. Aber wie wir damit umgehen, was wir daraus machen, im Laufe des Lebens, liegt in unserer Hand und ist ein kontinuierlicher Lernprozess. Es ist wichtig, den eigenen Körper liebevoll zu bewohnen. Den eigenen Körper sinnlich zu aktivieren, um danach hinauszugehen, einen anderen Menschen lieb zu gewinnen und gemeinsam wunderbare Erotik zu zelebrieren. Sexualität ist eine große Kraft. Eine Quelle der Lebendigkeit. Sie kann kraftvoll sprudeln und ungeahnte Energie freisetzten für ein gesundes, freudvolles Leben. Sie kann aber auch unterdrückt werden, ignoriert und verdrängt, mit Tabus belegt. Das ist sehr schade und hinderlich für das Eingehen einer Partnerschaft, die Liebe und Erotik verbindet.

Ich möchte Ihnen Wege zeigen, sich selbst lustvoll zu entdecken. Deswegen ist dieses Buch für Absolute Beginners geschrieben, die anfangen, sich selbst und ihre Umgebung erotisch zu entdecken. Aber ebenso für Menschen, die keine männliche oder weibliche „Jungfrau“ mehr sind, sich aber dennoch weiterentwickeln möchten.

Im ersten Teil des Buches erfahren Sie mehr über „Absolute Beginners“. Wie ist das, ein „Absolute Beginner“ zu sein? Wer sind sie? Wie kommt es dazu? Sind „Absolute Beginners“ anders als andere? Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen, die spät zur Sexualität finden? Dabei differenziere ich zwischen emotionalen und körperlichen Anfängern. Einige Menschen leben zwar keine Sexualität, dennoch leben sie tiefe Bindungen. Andere haben keine Bindung, jedoch ein Sexualleben. Was kann man tun, um beides miteinander zu verbinden?

Der zweite Teil des Buchs vermittelt praktisches Grundlagenwissen über Sexualität und Beziehung: Warum Berührungen lebensnotwendig sind für jeden von uns. Welche Rolle Masturbation spielen kann, um sich auf guten Sex vorzubereiten. Wie man Sexualität in jedem Alter lernen und trainieren kann. Welche Auswirkungen übermäßiger Pornokonsum hat.

Im dritten Teil berichte ich über meine Arbeit mit „Absolute Beginners“. Über die Verbindung von Gespräch und Körpertherapie, welche das Besondere an meiner Arbeitsweise ist. Wie man Schritt für Schritt Körper, Geschlecht und Seele für eine genussvolle Sexualität entwickelt.

Für Meike zum Beispiel war es gar nicht leicht, sich für Berührungen zu öffnen. Erst im Laufe der Zeit konnte sie ihren Körper überhaupt spüren lernen. Dies war die Basis für weitere Entwicklungen. Konrad musste entdecken, dass jahrzehntelanger Pornokonsum seinen Körper auf Muster trainierte, die jetzt im Wege standen für eine Sexualität zu zweit und die es aufzubrechen galt. Heidi und Andreas waren bereits jahrelang verheiratet, bevor sie das „erste Mal“ miteinander teilten.

Im vierten Teil finden Sie eine persönliche „Check-Liste“ und ein „Training für zu Hause“ damit Sie, egal ob „Absolute Beginner“ oder „Normalo“, Ihre lustvollen Potenziale entfalten können: Atmen lernen, Körper und Geschlecht Schritt für Schritt entdecken und sensibilisieren, die Beckenschaukel – die Basis-Übung für guten Sex – trainieren.

Im fünften und letzten Teil dieses Buchs darf ich Erfahrungsberichte von ehemaligen „Absolute Beginners“ vorstellen. Einige von ihnen verfügten schon über sexuelle Erfahrungen mit ihrem eigenen Körper, andere noch nicht, was eine besondere Herausforderung darstellte. Ihr Ziel war es, ihre Sexualität auszuleben und eine Partnerschaft zu gewinnen. Jeder, der sich durch meine Praxistür begab, war schon mal eines: mutig! Ich freue mich sehr, über ihre positiven und Mut machenden Entwicklungen berichten zu können.

Jetzt wünsche ich Ihnen viel Freude beim Lesen, Momente zum Staunen und viel Inspiration. Auf dass Sie Ihre ganz persönlichen Ziele lustvoll erreichen.

Monika Büchner

Redaktioneller Hinweis:

Im Folgenden werden die „Absolute Beginners“ mit AB und in der weiblichen Form mit AB-ine abgekürzt. So bezeichnen sie sich selbst in der Gruppe.

Für die Liebe ist es nie zu spät

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