Читать книгу Für die Liebe ist es nie zu spät - Monika Büchner - Страница 22
2. Was Hänschen nicht lernt,
lernt Hans nimmermehr? Doch! Sex kann man
in jedem Alter lernen
ОглавлениеIn meine Praxis kommen Menschen im Alter von Anfang 20 bis Mitte 50, die lernen möchten, Beziehungen herzustellen und zum ersten Mal Sexualität mit einem Partner zu genießen.
Es geht im Coaching darum, einerseits die Fähigkeiten auf der Kontaktebene zu erweitern. Dazu gehört: Wie werde ich als erotischer Mensch sichtbar? Wie kann ich eine Beziehung gewinnen? Andererseits, den eigenen Körper für die Aktivität eines Liebesspiels vorzubereiten. Ein älterer Mensch, der jahrelang bestimmte Muster zur Selbstbefriedigung nutzte oder noch keine Erregung kennt, braucht in der Regel ein längeres Training als ein junger Körper. Aber selbstverständlich ist es in jedem Alter möglich, das Ziel zu erreichen.
Damit Sie sich den Unterschied zwischen der Körperlichkeit eines jüngeren und eines älteren Menschen vorstellen können, hier eine Analogie. Stellen Sie sich vor, Sie fahren seit 30 Jahren täglich mit dem Fahrrad zur Arbeit. Hin und zurück jeweils 10 Kilometer. Ihr Körper ist an die Aktivität gewöhnt. Es wird Ihnen leicht fallen, die Distanz zu bewältigen. Sie werden auch mit 50 munter weiterfahren. Stellen Sie sich nun vor, Sie wären bereits 50 Jahre alt und möchten heute damit beginnen. Wahrscheinlich würde Ihnen das gar nicht so leicht fallen. Umso schwerer wäre es, wenn sie zunächst einmal das Fahrradfahren lernen müssten. Selbstverständlich ist es möglich, jedoch mit einem gewissen Aufwand verbunden. Sie brauchen Geduld, Energie und dürfen Ihr Ziel nicht aus den Augen verlieren. Wären Sie 20, würde sich Ihr Körper viel leichter auf den neuen Bewegungsablauf einstellen können. Der Körper hat weniger Routinen entwickelt, kann sich auf neue Herausforderungen leichter einstellen. Mit 50 sind Gehirn und Körper bereits seit Jahrzehnten auf eine bestimmte Handlungsweise trainiert, zum Beispiel darauf, ein Ticket zu kaufen und in den Bus zu steigen. Busfahren können Sie dann perfekt. Fahrradfahren müssten Sie lernen.
In Ihrem Gehirn haben sich Muster gebildet, neuronale Pfade, die immer wieder beschritten wurden. Sie können sich zügig und leicht darauf bewegen, denn diese sind breit und ausgetreten. Neue Wege für neue Handlungsweisen müssen aktiv hergestellt werden. Das ist so, als würden Sie einen Weg in den Schnee stapfen. Wenn Sie 10-mal, 100-mal, 1000-mal den gleichen Weg entlang stapfen, haben Sie eine Gasse in den Schnee getreten. Wenn Sie die alte Gasse verlassen möchten, müssen Sie eine neue Gasse stapfen. Das bedeutet Aufwand. Sie brauchen Mut, das angenehm Gewohnte zu verlassen und den Willen, das Neue hartnäckig zu trainieren. Sie müssen, trotz des Widerstands der Schneemassen und des inneren Schweinehunds, immer wieder stapfen, um eine neue Gasse zu bilden. Zunächst die schlechte Nachricht: Es geht nicht anders. Nur in der konkreten Bewegung, in der wiederholten Handlung festigen sich geistige und körperliche Veränderungen. Die moderne Gehirnforschung hat das wissenschaftlich belegt. An die Stelle alter Gewohnheiten müssen neue und bessere konsequent antrainiert werden, sonst ist der Rückfall vorprogrammiert. Darüber „sprechen“ kann Ihre Ziele herausarbeiten, „gehen“ müssen Sie schon selbst. Jetzt die gute Nachricht: Bei jedem Mal „stapfen“ wird der Weg leichter begehbar, weil er bereits breiter und ausgetretener ist. Ihn zu „gehen“ fühlt sich von Mal zu Mal selbstverständlicher an.
Ihr Körper passt sich dem Weg an. Ihr Körper wird im Laufe der Zeit das ausbilden, was er braucht, um zügig voranzukommen und die Sexualität zu genießen. Die Kondition wird trainiert, es bilden sich Muskeln an den richtigen Stellen, die es im Laufe der Zeit leichter machen, den Weg zu beschreiten. Die Koordination des Bewegungsablaufes gelingt selbstverständlicher, die Bewegungen werden geschmeidiger. Wenn Sie selten „stapfen“, kann zwischendurch frischer Schnee auf den Weg fallen. Sie fangen jedoch nicht mehr von vorne an, sondern ihr Körper erinnert sich.
Warum erzähle ich Ihnen das? Vielleicht vermuten Sie, alles „automatisch“ können zu müssen: küssen, berühren, sich mit dem Partner vereinigen. Sexualität auszuführen scheint selbstverständlich zu sein. Ein automatischer Ablauf, so wie essen oder trinken. Aber auch mit Messer und Gabel zu essen – Sie erinnern sich? – mussten Sie irgendwann lernen.
Jeder trägt die Anlagen in sich, Erotik zu genießen. Aus verschiedenen Gründen können diese Anlagen untrainiert sein. Es kann Blockaden und Hinderungsgründe geben, im Inneren oder im Äußeren, die Sie daran hindern, Ihre Anlagen positiv zu nutzen. Nicht alle Menschen können Fahrrad fahren, obwohl das Potenzial dazu vorhanden wäre.
Einige Klienten kennen bereits Erregung und Orgasmus, andere noch nicht. Kennt der Klient bereits Erregung, wird es leichter, diese Kenntnisse zu erweitern und durch Körpertraining, wie zum Beispiel Berührungen, Sensibilitätstraining oder Beckenschaukel, auf ein Spiel zu zweit vorzubereiten. Ein Mensch, der 20 oder 50 Jahre alt ist, und noch keine Erregung kennt, darf sich zunächst einmal mit Abenteuerlust und Forscherdrang auf die Suche danach begeben. Es kann einige Zeit dauern, bis der Körper reagiert. Manchmal ein paar Monate, manchmal ein bis zwei Jahre, bis lustvolle Erfahrungen immer selbstverständlicher werden. Manchmal bleibt Erregung aus, eine Partnerschaft kann jedoch dennoch gelingen. Vielleicht mit jemandem, dem es genauso geht.
Am allerwichtigsten aber ist, das ist meine Erfahrung mit vielen Männern und Frauen, zu Beginn der Veränderung die aufmerksame Berührung des Körpers. Ein Mensch, der keinen Partner hatte, wurde nie berührt und hat noch nie berührt. Das Empfinden für Haut, unser größtes Organ, ist ungewohnt. Der Körper kann sich unter den aufmerksamen Händen zum ersten Mal im Leben bewusst selbst fühlen. Das Berührt werden als natürlich und selbstverständlich zu integrieren ist eine große Bereicherung und enorme Entlastung. Endlich weiß man, wie sich das anfühlt, auch wenn man bereits im fortgeschrittenen Alter ist. Denn sich gegenseitig zu berühren, Zärtlichkeit austauschen, ist eine Grundvoraussetzung für intime Erotik.
Die Arbeit mit Frauen und Männern, die im Erwachsenenalter mit Beziehung und Sexualität beginnen möchten, ist komplex. Denn es geht um Emotionen, die geöffnet werden möchten für eine harmonische Partnerschaft. Es geht um den sinnlichen Körper, der vorbereitet werden möchte auf lustvolle Liebesspiele allein und zu zweit. Zu Anfang eines Coachings ist es dem Klienten manchmal nicht bewusst, welch breites Spektrum an Fähigkeiten nötig ist, um irgendwann selbstbewusst und selbstverständlich einen Partner zu wählen und sich mit Körper und Seele zu vereinigen.
Gregor, 52 Jahre,
kannte, als er durch meine Praxistür trat, weder Berührung noch Erregung. Er lernte im Laufe der Zeit, seinen Körper unter meinen Händen zu fühlen. Er lernte, sich selbst durch seine eigenen Hände zu entdecken, die Sinnlichkeit seines ganzen Körpers zu aktivieren. Sein Geschlecht, das viele Jahre lang ausgeblendet wurde, galt es nun lustvoll zu bewohnen. Es dauerte viele Monate, bis sein Penis darauf mit Erregung reagierte. Er trainierte konsequent immer wieder das Berühren, Sensibilisieren, Stimulieren. Lernte dabei auch Beckenschaukel und Atemübungen einzusetzen, um Gewebe, Muskeln, Nerven, Beckenboden, das Geschlechtsorgan, den ganzen Organismus auf ein lustvolles Spiel zu zweit vorzubereiten. Sein Becken war zunächst steif und unbeweglich, kannte keine Penetrationsbewegung. Im Laufe der Zeit erreichte er Geschmeidigkeit(siehe Seite 239).
Ja, Sex kann man lernen, auch im fortgeschrittenen Alter. Jedoch braucht es Geduld und Ausdauer, das Ziel zu erreichen. Mehr über Gregors Lernerfolge sowie weitere wunderbare Entwicklungen von Frauen und Männern erfahren Sie in den nächsten Kapiteln.