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2.2 Verfremdendes ÜbersetzenÜbersetzen (SchleiermacherSchleiermacher)

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Der wohl wichtigste theoretische Beitrag zum ÜbersetzenÜbersetzen im 19. Jh. stammt von HUMBOLDTS Zeitgenossen Friedrich D.E. SCHLEIERMACHERSchleiermacher (1768–1834). In seiner Abhandlung „Ueber die verschiedenen Methoden des Uebersezens“ von 18131Störig stellt SCHLEIERMACHER die Prinzipien dar, die seiner Platon-Übersetzung zugrunde lagen. Er reflektiert über die Schwierigkeit, den „Geist der Ursprache“ in eine Übersetzung einzubringen, und hebt auf drei Unterscheidungen ab:

(1) Zunächst unterscheidet er Texte, in denen einfaches Berichten über einen Sachverhalt im Vordergrund steht, wie beispielsweise im Wirtschaftsleben, in Zeitungsartikeln, Reiseberichten usw., von solchen Texten, in denen „des Verfassers eigenthümliche Art zu sehen“ (ebd.:40) zum AusdruckAusdruck kommt, nämlich in Kunst und Wissenschaft. Bei Ersteren komme es in der „Uebertragung auf ein bloßes Dolmetschen an“, und es könne im Grunde nicht allzuviel falsch gemacht werden. „Deshalb ist das Uebertragen auf diesem Gebiet fast nur ein mechanisches Geschäft, welches bei mäßiger Kenntniß beider Sprachen jeder verrichten kann“ (ebd.:42). Das Übertragen von Kunstwerken dagegen sei viel schwieriger und allein einer theoretischen Betrachtung wert.

(2) Die Gründe für diese Zweiteilung der Textvorkommen liegen nach SCHLEIERMACHERSchleiermacher in verschiedenartigen Wörtern. Er unterscheidet zwischen Ausdrücken, die sich in verschiedenen Sprachen genau entsprechen, da sie sich auf genau eingrenzbare Gegenstände und Sachverhalte beziehen2SchleiermacherStörig, und anderen Wörtern, welche Begriffe, Gefühle, Einstellungen erfassen und sich im Lauf der Geschichte verändern. In solchen Wörtern äußert sichHumboldt der Geist der SpracheSprache und das DenkenDenken des Einzelnen, besonders in der Kunst. So spricht er nicht vom Griechischen oder Lateinischen als Sprachen, sondern davon, dass man „deutsch“, oder „römisch“ oder „hellenisch“ rede (ebd.:48). Es geht ihm um den Autor. Im Grunde hat SCHLEIERMACHER damit die bis heute akzeptierte Zweiteilung von Textvorkommen in den Naturwissenschaften und in den Geisteswissenschaften begründet, deren Begriffsbildung verschieden ist.

(3) In Bezug auf das künstlerisch anspruchsvolle ÜbersetzenÜbersetzen unterscheidet SCHLEIERMACHERSchleiermacher zwei „Methoden“, womit er das gängige Diktum von TreueTreue oder FreiheitFreiheit etwas präzisieren möchte, indem er jeweils auf das Gesamtwerk eines Autors verweist.

(a) Bei der ersten Methode werde versucht, eine Übersetzung so zu gestalten, dass sie wie ein OriginalOriginals. Ausgangstext wirkt und den AutorAutors. Sender „reden lassen will wie er als Deutscher zu Deutschen würde geredet und geschrieben haben“ (ebd.:48), also ihn zu den Lesern hinbewegt. Ein solches Vorhaben erweist sich aber angesichts der Einheit von DenkenDenken und Reden in der „angebornen SpracheSprache“ als unmöglich (ebd.:60).3SchleiermacherLeserStörig

(b) Bei der anderen Methode des Verfremdens herrscht dagegen eine „Haltung der SpracheSprache, die nicht nur nicht alltäglich ist, sondern die auch ahnden läßt, daß sie nicht ganz frei gewachsen, vielmehr zu einer fremden Ähnlichkeit hinübergebogen sei“ (ebd.:55), wo also die LeserLesers. Empfänger zum AutorAutors. Sender hin bewegt werden. Nur so sei die „treue Wiedergabe“ des fremden Originals in der ZielspracheZielspraches. ZS gewährleistet. Der Vorwurf der Ungelenkheit im AusdruckAusdruck durch die Nachbildung sei dabei in Kauf zu nehmen, denn anders sei der „Geist der Sprache“ aus dem OriginalOriginals. Ausgangstext gar nicht in die Übersetzung zu retten. Das eigene Idiom des Übersetzers soll mit dem fremden so verschmelzen, dass in der Übersetzung die „Ursprache“ erhalten bleibt. Notwendig ist allerdings eine Bildung der Leserschaft.

Daher erfordert diese Art zu uebersezen durchaus ein Verfahren im großen, ein Verpflanzen ganzer Litteraturen in eine SpracheSprache, und hat also nur SinnSinn und Werth unter einem Volk welches entschiedene Neigung hat sich das fremde anzueignen. Einzelne Arbeiten dieser Art haben nur einen Werth als Vorläufer einer sich allgemeiner entwickelnden und ausbildenden Lust an diesem Verfahren (ebd.:57).

Die „Kennerschaft geistiger Werke“ anderer Völker, die SCHLEIERMACHERSchleiermacher voraussetzt, vermag dies dann auch zu goutieren. Durch solches ÜbersetzenÜbersetzen wird die eigene SpracheSprache bereichert, wie es auch schon die Römer sahen (s. Kap. 1.3).

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