Читать книгу Übersetzungstheorien - Radegundis Stolze - Страница 5
1.1 Der BegriffBegriff Übersetzung
ОглавлениеSolange Menschen verschiedene Sprachen sprechen, gehört das Dolmetschen und ÜbersetzenÜbersetzen zu den unentbehrlichen Bemühungen um die Überwindung der Sprachbarriere – im politischen wie im wirtschaftlichen Verkehr, bei machtpolitischer Expansion wie beim friedlichen Reisen, aber vor allem bei der Übermittlung von Philosophie, Wissenschaft, Literatur und ReligionLiteratur.
Doch was ist eigentlich „ÜbersetzenÜbersetzen“? Nach dem Brockhaus1 in der 16. Auflage von 1957 ist es
die Übertragung von Gesprochenem oder Geschriebenem aus einer SpracheSprache in eine andere.
In der Encyclopædia Britannica2 heißt es ähnlich:
translation, the act or process of rendering what is expressed in one language or set of symbols by means of another language or set of symbols.
Jene unbestimmte Definition war freilich bald überholt. In der nächsten Auflage des Brockhaus von 19743 hieß es schon:
Übersetzung, die Übertragung von Gesprochenem oder Geschriebenem aus einer SpracheSprache (AusgangsspracheAusgangsspraches. AS) in eine andere (durch einen ÜbersetzerÜbersetzer oder Dolmetscher). Dabei ist die Gefahr einer Bedeutungsverschiebung dort am geringsten, wo die Wiss. bereits durch eine einheitl. TerminologieTerminologie die beste Vorarbeit für eine Ü. geleistet hat: die eindeutige Zuordnung der Wörter zu den gemeinten Sachen oder Vorstellungen. (…) Freie Ü. oder Nachdichtung ist der Versuch, das Original im anderen sprachlichen Medium gleichsam neu zu erschaffen.
In Meyers Enzyklopädischem Lexikon4 von 1979 wird dann unterschieden:
Die Übersetzung ist die Wiedergabe eines Textes in einer anderen SpracheSprache. Sie ist FormForm der schriftlichen KommunikationKommunikation über Sprachgrenzen hinweg im Gegensatz zur aktuellen, mündlichen Vermittlung des Dolmetschers.
In der Web-Enzyklopädie Encarta 2005 heißt es:
Übersetzung. Übertragung von Informationen einer Sprache in eine andere. Unter Übersetzung versteht man im Allgemeinen sowohl Vorgang als auch Resultat. (…)
Im Internet bei Wikipedia findet sich gegenwärtig nur noch der Hinweis, man solle bei „Übersetzungen“ sehr vorsichtig sein.
In der jetzt aktuellen Brockhaus Enzyklopädie5 lesen wir:
1. Computerlinguistik: das ÜbersetzenÜbersetzen eines größeren gesprochenen oder geschriebenen Sprachkomplexes aus einer natürl. SpracheSprache (Quellsprache) in eine andere (ZielspracheZielspraches. ZS) mit Hilfe eines Computers. Man unterscheidet dabei grundsätzlich zw. (voll-)automat. maschineller Ü. und maschinen- oder computerunterstützter Ü. (…)
2. Philologie: schriftl. FormForm der Vermittlung eines Textes durch Wiedergabe in einer anderen SpracheSprache unter Berücksichtigung bestimmter Äquivalenzforderungen. Zu differenzieren sind einerseits die interlinguale (Ü. von einer SpracheSprache in eine andere), die intersemiot. (Ü. von einem Zeichensystem in ein anderes, z.B. vom Text ins Bild) und die intralinguale Ü. (Ü. von einer Sprachstufe in eine andere, z.B. vom Althochdeutschen ins Neuhochdeutsche, vom Dialekt in die Standard- oder Hochsprache), andererseits umfaßt der Oberbegriff die unterschiedlichsten Typen von Ü., z.B. Glossen, Interlinearversion, Übertragung (BearbeitungBearbeitung), Nachdichtung (Adaption) oder auch Neuvertextung (z.B. Filmsynchronisation). (…)
In den verschiedenen Bezeichnungen des Übersetzens als „Übertragung“, „Wiedergabe“, „Nachdichtung“ oder „FormForm der KommunikationKommunikation“ deutet sich schon an, dass die Auffassung von dem, was ÜbersetzerÜbersetzer und Übersetzerinnen seit Jahrhunderten leisten, bis heute durchaus nicht einheitlich ist. Die Bezeichnungen für die schriftlich fixierte Übersetzerarbeit und die spontane mündliche Sprachmittlung, die wir heute Dolmetschen nennen, variieren in den verschiedenen Sprachen erheblich, sowohl in der oft exotischen Etymologie als auch in der Verwendung.
Dafür ist gerade das deutsche Wort Dolmetschen ein Paradebeispiel: Seinen Ursprung hat es wahrscheinlich im 2. Jahrtausend vor Christus in der kleinasiatischen Mitannisprache (talami), und von dort stammt das nordtürkische Wort tilmaç mit der BedeutungBedeutung „Mittelsmann, der die Verständigung zweier Parteien ermöglicht, die verschiedene Sprachen reden“; über das Magyarische gelangt dieses dann ins Mittelhochdeutsche und erscheint im 13. Jh. als tolmetsche.6 In Martin Luthers berühmtem „Sendbrief vom Dolmetschen“ aus dem Jahre 1530 ist dagegen von schriftlicher Übertragung die RedeRedes. parole, und Friedrich SCHLEIERMACHERSchleiermacher unterschied 1813 zwischen der Arbeit des Dolmetschers als dem eher mechanischen Übertragen für den Bedarf des Geschäftslebens und dem „eigentlichen ÜbersetzerÜbersetzen vornämlich in dem Gebiete der Wissenschaft und Kunst“.7SchleiermacherStörig
Heute bezeichnen wir mit „Dolmetschen“ nur noch die mündliche Übertragung gesprochener Mitteilungen. Als „Konferenzdolmetschen“ bezeichnet man die Tätigkeit der Sprachmittler auf internationalen Konferenzen, die meist in FormForm des „Simultandolmetschens“ in einer Dolmetschkabine geschieht, wobei sich jeweils zwei Dolmetscher regelmäßig abwechseln. Dies unterscheidet sich von „synchron“, der gleichzeitigen Anwesenheit von Gesprächsteilnehmern, z.B. im Chat. Neu ist das „Remote-Dolmetschen“ wo die Dolmetscher aus dem Heimbüro oder an einem anderen zentralen Ort mittels Laptop und Headset remote, also aus der Ferne, die Vorträge einer Veranstaltung dolmetschen. „Schriftdolmetscher“ bringen gesprochene Texte fast zeitgleich elektronisch in Schriftform für Hörgeschädigte, die dies auf dem Tablet lesen können.
Das „Konsekutivdolmetschen“ ist demgegenüber die Aufgabe, eine RedeRedes. parole in der Fremdsprache anzuhören, sich deren InhaltInhalt und Aufbau zu merken, um sie hernach zusammenhängend in der eigenen SpracheSprache wiederzugeben. Hierzu wird meist eine bestimmte „Notizentechnik“ verwendet. Beim „Gesprächsdolmetschen“ oder „Verhandlungsdolmetschen“ geht es darum, in kleinen Gruppen oder bei Besprechungen RedeRedes. parole und Gegenrede dialogisch hin und her zu dolmetschen. Immer mehr Bedeutung gewinnt heute das „Kommunaldolmetschen“ als Sprachmittlung für Ausländer bei der Justiz und den staatlichen Behörden eines Landes.
Das „ÜbersetzenÜbersetzen“ als schriftliche Übertragung unterscheidet sich vor allem dadurch vom mündlichen Dolmetschen, dass die TextvorlageTextvorlages. Ausgangstext, AS, Original längere Zeit zur Verfügung steht und der Übersetzungstext nach einem ersten Entwurf überarbeitet werden kann. Das „Urkundenübersetzen“ unterliegt zudem gewissen rechtlichen Vorschriften. Während es beim Dolmetschen vor allem um zwischenmenschliche Verständigung geht, steht beim Übersetzen Genauigkeit und Wirkung der übermittelten Botschaft im Vordergrund. Die nachfolgend vorgestellten Theorien beziehen sich nur auf das Übersetzen, denn die Dolmetschwissenschaft ist ein eigenständiger Forschungsbereich.