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»Soll ich nicht doch mitkommen?«

Tom beobachtete Marlene, die sich im Badezimmer schminkte.

»Besser nicht. Dieser Malte klang merkwürdig am Telefon. Nicht, dass wir ihn verschrecken, wenn wir da zu zweit auftauchen.«

Sie zog ihre Jacke an und verabschiedete sich mit einem Kuss.

An ›Fiedes Krog‹ war Marlene schon häufig vorbeigekommen, aber besucht hatte sie die Kneipe neben dem Rathaus in Bredstedt noch nie.

Sie betrat den Gastraum und blickte sich suchend um. Die Kneipe hatte gerade erst geöffnet, sie war der erste Gast. Hinter dem Tresen stand eine ältere Frau und lächelte sie freundlich an.

Sie zögerte einen kurzen Augenblick, wählte dann aber einen Tisch in der Nähe der Eingangstür. Die Frau vom Tresen trat zu ihr.

»Einen Tee bitte.«

Polizeihauptkommissar Thamsen legte langsam den Hörer auf das Telefon vor ihm auf dem Schreibtisch. Er hatte bereits seine Kollegen in Husum und Flensburg angerufen, aber Unfälle oder sonstige Vorkommnisse, an denen eine junge Frau beteiligt gewesen war, hatte es seit Montag nicht gegeben.

Er trank einen Schluck Kaffee und blickte zum Fenster hinaus. Warum war Heike Andresen am Dienstag nicht wie verabredet zu ihm gekommen? Was hatte sie mit ihm besprechen wollen? Sie hatte sehr aufgeregt geklungen. Dass sie es sich vielleicht anders überlegt oder die Sache sich erledigt hatte, das kam ja schon mal vor. Davon war er eigentlich ausgegangen. Dass sie nun aber verschwunden war und sich weder bei ihrer Arbeitsstelle noch bei ihren Freunden meldete, war merkwürdig und ließ ihm keine Ruhe. Wo war die junge Frau abgeblieben?

Das Telefon klingelte. Es war die Schule seiner Tochter. Ob er Anne abholen könne? Er wunderte sich. Seit er und seine Frau getrennt lebten, verbrachten die Kinder, sofern es sein Dienst zuließ, zwar jedes zweite Wochenende bei ihm, aber dieses Wochenende war ein Besuch der Kinder eigentlich nicht geplant gewesen.

Er griff nach seiner Jacke und verließ das Büro. Im Flur traf er seinen Kollegen von der Schutzpolizei.

»Na, Dirk, schon Wochenende? Nix los, was?«

»Nee, muss nur schnell meine Lütte von der Schule abholen. Ich komm nachher noch mal rein.«

Anne saß bei der Direktorin im Büro. Als Dirk Thamsen den Raum betrat, stürmte seine Tochter auf ihn zu. Er nahm sie auf den Arm, blickte verwundert zur Schulleiterin.

»Ich müsste mal mit Ihnen sprechen, Herr Thamsen. Anne, wartest du kurz draußen?«

Das kleine Mädchen blickte ängstlich seinen Vater an.

»Geh nur, ich komme gleich zu dir.«

Die Direktorin bat ihn, Platz zu nehmen, und kam direkt zur Sache. Seine Frau vernachlässige die Kinder. Anne und Timo würden sowieso schon sehr unter der Trennung leiden, aber seit seine Frau einen neuen Lebensgefährten habe, würden die Kinder teilweise ungewaschen und ohne Frühstück zum Unterricht erscheinen. Ob ihm denn nichts aufgefallen sei?

Er schüttelte den Kopf. Letzte Woche war doch alles in Ordnung gewesen. Gut, er hatte sich über die kaputte Hose von Timo und die viel zu kleinen Schuhe von Anne geärgert. Schließlich zahlte er genug Unterhalt, da konnte er ja wohl erwarten, dass die Kinder anständig gekleidet waren. Aber sonst hatte er nichts bemerkt. Und die Kinder hatten auch nichts erzählt. Sie waren in letzter Zeit zwar stiller und zurückhaltender, aber das hatte er der Trennung zugeschrieben. Dass etwas bei Anne und Timo nicht in Ordnung und seine Exfrau nur mit sich und ihrem neuen Lover beschäftigt war, davon hatte er wirklich keine Ahnung gehabt.

»Ich werde mit ihr sprechen.«

Die Schulleiterin nickte. »Und bitte reden Sie auch mit Anne. Sie hat heute zum zweiten Mal auf eine Mitschülerin eingeschlagen.«

Nervös blickte Marlene auf ihre Armbanduhr. Es war bereits Viertel nach 12 und von diesem Malte war nichts zu sehen.

Außer ihr saßen inzwischen zwei ältere Herren in dem Gastraum. Sie tranken Bier und diskutierten lautstark über den Bürgermeister der Kleinstadt.

Sie nippte an ihrem Tee und blickte sich um. Warum Malte für ihr Treffen wohl diese Kneipe ausgesucht hatte? Der eigentliche Reiz des ›Krogs‹ lag vor allen in den Auftritten des Inhabers Fiede Kay. Oft trat er um die Kaffeezeit oder in den Abendstunden auf und gab seine plattdeutschen Lieder und ›Döntjes‹ zum Besten. Man nannte ihn den ›Volkssänger aus dem Norden‹, der nicht nur gut sang, sondern auch noch hervorragendes Bier zapfte. Marlene hatte in der Zeitung einen Bericht darüber gelesen. Um diese Zeit war es allerdings relativ ruhig in der Kneipe.

Ihre Gedanken wanderten zu der Freundin. Wo sie nur steckte? Das letzte Mal, dass sie sich getroffen hatten, war zwei Wochen her. Tom hatte arbeiten müssen und so war sie kurz entschlossen mit Heike nach Tondern gefahren. Sie waren durch das kleine Städtchen gebummelt und hatten anschließend in einem kleinen Restaurant zu Abend gegessen. Sie musste lächeln, als sie daran dachte, wie sie über ihre Exfreunde gelästert hatten. Wie zwei Teenager hatten sie zusammengesessen und gekichert.

Ganz in Gedanken bemerkte sie gar nicht, dass Malte die Kneipe betrat. Zielstrebig steuerte er auf ihren Tisch zu und setzte sich unaufgefordert auf den Stuhl gegenüber. Sie erschrak ein wenig. Nicht so sehr über sein plötzliches Erscheinen, sondern mehr über sein Aussehen. Unrasiert und offensichtlich ungewaschen. Jedenfalls roch er so. Er bestellte ein Bier.

»Und du bist eine Freundin von Heike?« Er musterte sie ungeniert.

Marlene setzte sich gerade auf, verschränkte die Arme vor der Brust.

»Ja, und woher kennst du sie?«

Er erzählte, dass er Heike bei der Arbeit kennengelernt hatte. Er sei als Pfleger tätig und hin und wieder helfe er auch in der Klinik in Niebüll aus. Sie seien öfters miteinander ausgegangen. Essen, Tanzen und so. Auch am Montag. Da habe er sie das letzte Mal gesehen.

Ob Heike hatte anklingen lassen, dass sie weg wolle oder dass sie etwas vorhabe? Nein, darüber hatten sie nicht gesprochen. Heike sei wie immer gewesen. Sie hatten zusammen gegessen, einen netten Abend verbracht. Anschließend habe er sie zu ihrem Wagen begleitet. Erst Marlenes Anruf hatte ihn daran erinnert, dass Heike sich am Mittwoch bei ihm hatte melden wollen. Nun sei auch er ein wenig beunruhigt.

Sie wusste, dass er log, und fragte sich, warum. Tom hatte ihr erzählt, was der Wirt im ›Einstein‹ beobachtet hatte. Sollte sie ihn damit konfrontieren?

Er zündete sich eine Zigarette an.

»Und ihr habt euch nicht gestritten? Oder ist sonst vielleicht etwas vorgefallen?«

Er schüttelte den Kopf.

»Nichts, rein gar nichts.«

Tom hatte den Frühstückstisch abgeräumt, das Geschirr abgewaschen, gestaubsaugt und gebügelt. Nun saß er am Küchentisch und versuchte, sich auf einen Zeitungsartikel im ›Nordfriesland Tageblatt‹ zu konzentrieren, als das Telefon klingelte.

Es war Haie.

»Und, habt ihr was von Heike gehört?«

»Nein, und Marlene trifft sich ja gerade mit diesem Malte. Ich bin ein wenig beunruhigt. Wer weiß, wie der drauf ist. Der Wirt gestern hat ihn nicht gerade freundlich beschrieben.«

Haie bot an, dass er in der Mittagspause vorbeischauen könne, aber Tom sagte:

»Nee, besser, ich hole dich ab und wir gehen irgendwo eine Kleinigkeit essen.«

Pünktlich um 12 Uhr parkte er den Wagen hinter der Grundschule, an der Haie als Hausmeister arbeitete. Durch einen kleinen Gang betrat er den Schulhof, auf dem der Freund gerade das Laub zusammenfegte. Als er Tom sah, stellte er den Besen schnell zur Seite. Die Arbeit konnte warten. Nun war es erst einmal wichtiger, für den Freund da zu sein.

Sie hatten sich letztes Jahr kennengelernt. Tom war aufgrund eines Todesfalls nach Risum-Lindholm gekommen. Bei der Regelung des Nachlasses war er auf einige Ungereimtheiten in der Vergangenheit seines Onkels gestoßen und Haie hatte ihm geholfen, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Dabei war es jedoch nicht nur zu mancherlei Unruhe im Dorf gekommen, sondern auch zur Trennung zwischen ihm und Elke. Allerdings hatte sich in dieser turbulenten Zeit eine Freundschaft zwischen Tom und ihm entwickelt, die nichts und niemand so schnell erschüttern konnte.

Sie fuhren nach Niebüll. Im Restaurant ›Zur alten Schmiede‹ in der Hauptstraße gab es immer ein Mittagsmenü. Sie bestellten jeweils das halbe Hähnchen mit Pommes und Salat.

»Ich mache mir wirklich Sorgen um Marlene. Ich habe ihr angeboten, sie zu begleiten, aber sie wollte unbedingt allein nach Bredstedt fahren.«

»Ach, watt.« Haie winkte ab. »Marlene ist doch eine gestandene Frau. Die wird schon wissen, warum sie allein dahin ist. Ich denke auch, dass das klüger war. Wenn du dabei wärst, würde der doch gar nichts erzählen.«

Damit lag er wahrscheinlich richtig. Trotzdem war ihm unwohl bei dem Gedanken, dass Marlene sich mit diesem Typen traf.

Das Hähnchen wurde serviert und Haie machte sich sogleich daran, das Geflügel fachgerecht zu zerlegen. Tom stocherte mit seiner Gabel lustlos im Salat herum.

»Weißt du, was ich glaube? Du kannst es wahrscheinlich nicht ertragen, dass Marlene sich mit einem anderen Mann trifft!«

Er biss genussvoll in die Hähnchenkeule.

War es das? War er eifersüchtig? Befürchtete er, Marlene könnte diesen Malte nett finden? Oder gar mehr? Eigentlich war er sich doch sicher, dass sie ihn liebte. Noch nie hatte er daran gedacht, dass sie an anderen Männern interessiert sein könnte. Eifersucht, das Gefühl hatte er bisher nicht gekannt. Er war nicht wie seine Exfreundin Monika, die hinter jedem Gespräch, welches er mit einer Frau geführt hatte, und sei es ihre beste Freundin gewesen, eine Affäre vermutet hatte. Gut, letztendlich hatte er sie betrogen, aber war sie mit ihrer ständigen Eifersucht nicht auch ein klein wenig schuld daran gewesen? Hatte sie ihn nicht sogar mit ihrer misstrauischen Art geradezu in die Arme der anderen getrieben? Vielleicht eine bequeme Erklärung seines Fremdgehens, aber so wie Monika wollte er auf gar keinen Fall enden.

Er stieß Haie in die Seite.

»Quatsch, ich bin eben nur besorgt!«

Nordmord

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