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Sie waren beinahe die einzigen Fahrgäste auf der Fähre. So früh am Sonntagmorgen war kaum jemand auf den Beinen. Nur ein paar Frühaufsteher bevölkerten die Cafeteria und versuchten, bei einer Tasse Kaffee richtig wach zu werden.

Sie standen auf dem Deck an der Reling und beobachteten stillschweigend, wie Amrum sich immer mehr entfernte. Die Sonne war inzwischen aufgegangen, aber der böige Wind wehte kalt. Marlene hatte sich ihre Mütze aufgesetzt.

Sie war immer noch ganz ruhig. Tom vermutete, dass die Angst um ihre Freundin sie lähmte, ansonsten konnte er sich den Umschwung ihres panischen Verhaltens in diesen stillen Zustand nicht erklären.

»Hast du schon einmal einen toten Menschen gesehen?«

Sie schien sich gedanklich auf die Begegnung in der Leichenhalle vorzubereiten. Er schüttelte den Kopf.

Die Fähre legte in Dagebüll an. Hand in Hand verließen sie die ›Nordfriesland‹ und gingen zum Parkplatz. Vom Hafen fuhren sie direkt nach Niebüll zum Krankenhaus.

Auch Kommissar Thamsen war an diesem Sonntagmorgen früh aufgestanden. Er hatte sich seine Sportschuhe angezogen und war losgejoggt. Gleich hinter dem Häuserblock, in welchem sich seine kleine Wohnung befand, führte eine schmale Straße hinaus in den Gotteskoog. Den Blick starr auf den Weg gerichtet, die Gedanken allerdings in alle Richtungen zerstreut.

Zunächst einmal musste er sich überlegen, was mit seinen Kindern werden sollte. Seine geschiedene Frau war augenscheinlich nicht in der Lage, die Kinder anständig zu versorgen. Aber wo sollten die Kinder bleiben? Er selbst konnte sich bei seinem unregelmäßigen Dienst auch nicht um Timo und Anne kümmern. Und seine Mutter? Vielleicht, wenn sie ihm hin und wieder half? Er war sich nicht sicher. Konnte er ihr das zumuten?

Er verdrängte seine Probleme, indem er die Entscheidung, was mit den Kindern passieren sollte, auf den Zeitpunkt nach Auflösung des aktuellen Falls verschob. Seine Arbeit erschien ihm zunächst einmal wieder wichtiger. Schließlich war eine junge Frau ermordet worden und der Mörder lief noch frei herum.

Erst einmal musste jedoch die Leiche identifiziert werden. Marlene Schumann würde in ungefähr einer Stunde im Krankenhaus sein. Auch wenn er sich wünschte, dass die Tote nicht die junge Frau war, die ihn vor wenigen Tagen um Hilfe gebeten hatte, die Wahrscheinlichkeit war eher gering. Flüchtig hatte er die Vermisstenmeldungen der letzten Tage durchgesehen, aber eine verschwundene Frau, auf welche die Beschreibung der Toten zutraf, hatte eigentlich nur die Freundin von Heike Andresen abgegeben. Außerdem passte leider alles wie die besagte Faust aufs Auge. Sie hatte sich an ihn gewandt, weil sie etwas wusste. Etwas Illegales, Verbotenes, Ungereimtheiten, hinter denen sie vielleicht ein Verbrechen vermutete. Sie hatte es ihm, der Polizei, melden wollen. Und nun war sie tot.

Aber was genau hatte sie mit ihm besprechen wollen und wer hatte sie deshalb umgebracht?

Er blickte auf seine Armbanduhr. Es war Zeit, sich auf den Rückweg zu machen. In einer halben Stunde musste er im Krankenhaus sein.

Tom und Marlene betraten die Eingangshalle. In etwa 15 Minuten waren sie mit Kommissar Thamsen hier verabredet.

»Möchtest du vielleicht einen Kaffee?«

Sie schüttelte ihren Kopf. Kaffee brauchte sie nicht, ihr Herz raste auch so schon wie verrückt. Unruhig ging sie in dem kleinen Aufenthaltsraum auf und ab.

Tom setzte sich und beobachtete sie.

Er konnte ihre Nervosität und Angst gut nachvollziehen. Wie es wohl war, einen toten Menschen zu sehen? Und was, wenn es tatsächlich Heike war? Er war sich unsicher, wie Marlene reagieren würde.

Durchs Fenster sah er den Kommissar auf den Eingang zukommen. Sie hatte ihn auch gesehen. Zum Gruß hob sie kurz die Hand, eilte in Richtung Eingang.

»Möchten Sie Ihre Freundin begleiten?«

Er nickte.

Zusammen gingen sie die Treppe hinunter in den Keller. Vor einer großen Flügeltür blieb der Kommissar kurz stehen. Dahinter befand sich der Raum, in dem die Toten lagen, bis sie vom Bestattungsunternehmen abgeholt wurden. Ursprünglich hatte man die Leiche nach Kiel in die Gerichtsmedizin überführen wollen, dann aber war Dr. Becker persönlich hierher gekommen, da er sich auch ein Bild vom Tatort hatte machen wollen.

»Ich weiß ja nicht …«, begann Dirk Thamsen umständlich.

Er sah Marlenes starren Blick. Tom nickte ihm zu, der Kommissar stieß die Tür auf.

Sie lag unter einem grünen Tuch. Neben dem Tisch stand ein junger Mann in einem weißen Kittel.

Zögernd traten sie näher. Marlene griff nach Toms Hand. Er fühlte die kalte, feuchte Innenseite und betrachtete sie von der Seite. Ihr Gesicht war bleich, die Augen starr auf den Tisch gerichtet.

Auf ein Nicken des Kommissars hin, hob der junge Mann behutsam das grüne Tuch.

»Heike«, entfuhr es ihr.

Das Wort schien in dem gekachelten Raum widerzuhallen und war so über jeden Zweifel bezüglich der Identität der Toten erhaben.

Sie entzog ihm ihre Hand, strich der toten Freundin vorsichtig übers Gesicht.

»Sie sieht aus, als ob sie schläft«, flüsterte sie dabei.

Tom lief ein Schauer über den Nacken. Er hatte noch nie einen toten Menschen gesehen und er hatte es auch tunlichst vermieden, sich vorzustellen, jemals in eine Situation wie diese zu kommen. Er war erschrocken und erleichtert zugleich. Erleichtert, weil es eigentlich gar nicht schlimm war. Heike lag auf dem Tisch vor ihnen, so wie Marlene sagte, als schliefe sie nur.

Trotzdem verspürte er ein beklemmendes Gefühl in seiner Magengegend. Er war wie gefangen von diesem Anblick: das grau-blaue Gesicht, die blutleeren Lippen, die strähnigen Haare. Er hatte Angst, wenn er auch nur eine Sekunde seinen Blick von ihr wenden würde, dass sich die bleichen Augenlider plötzlich heben und sich das Gesicht zu einer Grimasse verzerren würde, die ihn zu Tode erschreckte. Obgleich er wahrscheinlich erleichtert wäre und sich nichts sehnlicher für Marlene wünschte, als dass ihre Freundin lebte und ihr Lachen plötzlich den Raum erfüllte.

Er suchte, ohne seinen Blick von dem toten Gesicht zu wenden, Marlenes Hand und griff ins Leere. Erst jetzt blickte er zur Seite und bemerkte, dass sie am Boden lag. Der Kommissar kniete neben ihr.

»Hallo, Frau Schumann? Hallo?«

Tom ging ebenfalls in die Hocke.

»Marlene?«

Er klopfte ihr leicht mit der flachen Hand ins Gesicht. Ihre Augenlider flimmerten, sie kam zu sich. Zusammen mit Dirk Thamsen half er ihr auf.

»Geht es?«

Sie nickte schwach.

»Kann ich jetzt gehen?«

»Ich brauche noch Ihre Aussage für das Protokoll.«

Die wenigen Meter zur Polizeidienststelle gingen sie zu Fuß. Die frische Luft tat allen gut. Langsam kehrte etwas Farbe in ihre Gesichter zurück.

Die Neuigkeit von der Leiche in der Lecker Au hatte sich wie ein Lauffeuer im gesamten Dorf ausgebreitet. Als Haie am Morgen im Garten das Laub zusammenfegte, sprach sein Nachbar ihn an.

Ob er denn auch schon von der ermordeten Frau bei Norderwaygaard gehört habe? Schrecklich sei das, fast wie damals. Da hatte man ja auch eine junge Frau aus der Lecker Au gefischt. Irgendwann in den 50er-Jahren sei das gewesen. Und der Mörder hatte damals noch geholfen, die verschwundene Frau zu suchen.

»Kannst du dich noch erinnern?«

Haie erinnerte sich. Es war zwar schon etliche Jahre her, aber damals hatte man die Leiche der Frau auch in der Lecker Au gefunden. Gleich hinterm Dorf, den Üülendik– Alter Deich– raus. Der Mörder hatte sich tatsächlich an den Suchaktionen beteiligt. Hatte vermutlich gedacht, dass man die Leiche nicht finden würde, schließlich hatte er sie mit einem Wagenrad beschwert, oder war es ein alter Selbstbinder gewesen? So genau wusste er das nicht, denn seine Erinnerungen beruhten zum größten Teil auf Erzählungen. Er selbst war damals noch sehr jung gewesen– beinahe ein Kind. Aber dass im ganzen Dorf von nichts anderem die Rede gewesen war, daran konnte er sich noch gut erinnern. War ja auch unheimlich, so ein Mord im Dorf, vor allem, wenn der Mörder frei herumlief.

Aber woher wusste sein Nachbar, dass die Frau ermordet worden war?

»Na, von allein ist die bestimmt nicht da baden gegangen!«

Sie saßen im Büro des Kommissars.

»Hatte Ihre Freundin denn vielleicht Feinde? Gab es jemanden, mit dem sie Ärger hatte oder Ähnliches?«

Marlene hielt sich schweigend an einem Wasserglas fest und schüttelte nur ihren Kopf.

»Und dieser Malte?«, warf Tom ein.

Der Kommissar blickte ihn fragend an.

Er berichtete über seinen und Haies Besuch im ›Einstein‹ und darüber, was der Wirt ihnen erzählt hatte. Von dem Streit der beiden, dass Heike irgendwelche Unterlagen dabei gehabt hatte und Malte erbost aufgesprungen war und das Restaurant verlassen hatte. Er erzählte von ihrem Auto, das immer noch in einer Seitenstraße beim ›Einstein‹ stand, von der Handtasche auf dem Beifahrersitz und Marlenes Treffen mit Malte.

»Sie haben sich mit ihm getroffen?«

Sie nickte und Tränen rannen über ihr Gesicht.

»Ich dachte doch, es ginge ihr gut. Wegen der SMS …«

Sie konnte nicht weiter sprechen. Ein stechender Schmerz durchfuhr sie plötzlich. Bis in die letzte Faser ihres Körpers schoss er, dehnte sich aus, nahm Besitz von ihr. Sie zuckte und schluchzte. Der Schmerz war kaum zu ertragen. Sie schloss ihre Augen, riss sie wieder auf. Das Bild der toten Freundin, sie konnte es nicht ertragen.

Tom stand auf und nahm sie in die Arme.

»Ich denke, wir machen vielleicht besser morgen weiter«, sagte er zum Kommissar gewandt, als er Marlene aus dem Raum führte.

Zu Hause rief er Dr. Esmarch an, den Diensthabenden Arzt. Er schilderte kurz, was geschehen war. Der Doktor war innerhalb kürzester Zeit bei ihnen. Er spritzte Marlene ein Beruhigungsmittel und stellte ein Rezept für Diazepam-Tropfen aus.

Tom deckte sie sorgsam zu. Als sie eingeschlafen war, ging er in die Küche. Er stellte den Wasserkocher an und suchte im Küchenschrank nach Teebeuteln, als es an der Haustür klingelte.

Es war Haie.

»Hab dein Auto vor der Tür gesehen.«

Sie setzten sich an den Küchentisch und Tom erzählte, was passiert war.

»Also doch. Wie geht es ihr?«

Er zuckte mit den Schultern. Wie sollte es ihr schon gehen? Ihre beste Freundin war tot, ermordet. Er selbst fühlte sich eigenartig. Das Bild der toten Frau schob sich immer wieder vor sein inneres Auge, jagte ihm Schauer über den Rücken. In seiner Magengegend spürte er eine riesige Wut. Wie konnte jemand nur einen Menschen töten? Wieso und wofür?

»Meinst du, es war dieser Malte?«

»Keine Ahnung.«

Er wusste wirklich nicht, was er von der ganzen Sache halten sollte. Wieso brachte jemand Heike um? Hatte man sie zum Schweigen bringen wollen? Aber wer und warum? Was könnte sie gewusst haben? Irgendein Verbrechen oder eine Straftat musste es gewesen sein. Oder wieso hatte sie sonst mit der Polizei sprechen wollen?

Er schaute Haie an.

»Was meinst du, welche Papiere das gewesen sind, die sie Malte gezeigt hat?«

Der Freund blickte ihn herausfordernd an.

»Das könnte man vielleicht rauskriegen.«

Nordmord

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