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Licht, Liebe, Leben: Aufklärung nach Kant

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LICHT, LIEBE, LEBEN: AUFKLÄRUNG NACH KANT

In der epochalen Phase Deutschlands zwischen 1795 und 1806, dem Ende des „Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation“ und dem Aufstieg der preußischen Regierung entstehen die wichtigsten kulturellen Errungenschaften des Landes auf dem Gebiet der Literatur und der Philosophie, die Erzeugnisse der heutigen „Klassiker“ und der Philosophen des Deutschen Idealismus, die Deutschland zum „Land der Dichter und Denker“ machten. Den neuen Ideen stand der regulierende, bürokratische deutsche Staat gegenüber. Viele Leute, die sich mit Freiheitsideen, dem Vaterland, Menschlichkeit und Freiheit gleichermaßen befassten und diese Ideen als Gegenpol zum herrschenden Staat betrachteten, waren in der Poesie beheimatet. Denn man war nur innerlich „frei“. Diese innere Freiheit brachte allerdings einen Schatz an Ideen hervor, die wissenschaftlich bis ins Letzte ergründet, aber bis heute pragmatisch noch nicht ausgeschöpft sind. Johann Gottfried Herder (1744-1803) entwickelte in seinen „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ (1784-1791) den Gedanken, in der Menschennatur schlummert eine Vielzahl an Entfaltungsmöglichkeiten, die in der Menschheit zum Tragen kommen. Ein Staat sollte nur auf seinen eigenen Werten beruhen: eine große, familienähnliche geschlossene Gemeinschaft mit gemeinsamer Sprache, Religion und historischer Tradition. „Licht, Liebe, Leben“ lautet die Inschrift auf seinem Grabmal.

Der „Dichterfürst“ Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) hatte ein großes Interesse an den kulturellen Errungenschaften seiner Zeit. Er schloss sich wie die Dichter Herder, Klopstock, Lessing, Wieland der Freimaurerloge an.

Für Friedrich Schiller (1759-1805) fällt der Kunst die Aufgabe zu, Muster des Sein-Könnens zu liefern. Im Mittelpunkt seines Denkens steht der Begriff der menschlichen Würde, der nach dem Zweiten Weltkrieg von Carlo Schmid in den viel zitierten Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes eingesetzt wird: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Denn Schmid erkannte die eigentliche Qualität der deutschen Tradition: „Die Majestät der Deutschen ruhte nie auf dem Haupte seiner Fürsten. Abgesondert von dem politischen hat der Deutsche sich seinen eigenen Wert gegründet, und wenn auch das Imperium unterginge, so bliebe die deutsche Würde unangefochten. Sie ist eine sittliche Größe, sie wohnt in der Kultur und in dem Charakter der Nation, der von ihren politischen Schicksalen unabhängig ist...“ (24).

Schiller stellt in seinen „Briefen zur ästhetischen Erziehung des Menschen“ aber fest: Der Mensch „kommt zu sich aus dem sinnlichen Schlummer, erkennt sich als Mensch, blickt um sich her und findet sich – in dem Staat“. Er beansprucht für jeden Menschen die Freiheit im Sinne Kants. Schiller bezeichnete sich im Gegensatz zum Realisten Goethe als Idealisten und bezog seine Begeisterung für die Idee der Freiheit aus der Ethik und Ästhetik Kants. Beide wiederum begeisterten sich für Rousseau. Schillers und Goethes Dichtung sowie Kants Philosophie wurden Evangelien der Freiheitsbewegung. Aber der brennende Wunsch nach einer national verbindlichen Einheit in Freiheit war nicht zu leugnen, das Bemühen jedoch vollkommen umsonst. So sahen es die Dichter Goethe und Schiller, als sie 1795/96 zusammen einen Text verfassten: „Zur Nation Euch zu bilden, Ihr hofft es, Deutsche, vergebens. Bildet, Ihr könnt es, dafür freier zu Menschen Euch aus!“ (Xenien). Viele Zeitungen, die diese neuen geistigen Produkte aus Deutschland diskutierten, entstanden in dieser Zeit, und sorgten für die Verbreitung der Ideen von Kant, Goethe und Schiller. Die Deutschen griffen begierig zu: die Auflage lag um 1780 bei 30.000, 1803 waren es schon 50.000 verkaufte Exemplare. Der Buchhändler und Verleger Friedrich Nicolai verlegte zwischen 1765 und 1806 die „Deutsche Allgemeine Bibliothek“, sein erfolgreichstes Projekt unter vielen. Moses Mendelssohn und Nicolais Freund Gotthold Ephraim Lessing publizierten ebenfalls in dem Berliner Verlag. Der Bewunderer von Friedrich II. galt als Oberhaupt der aufklärerischen Bewegung, obwohl er später Goethe, Kant und Rousseau scharf attackierte. Langsam sickerte unter der preußischen Zensur immer stärker der Wunsch nach einer demokratischeren Republik durch. Diese Freiheit wurde jenseits des Atlantischen Ozeans realisiert: Die Unabhängigkeit Amerikas vom europäischen Kontinent, die 1776 mit der „Declaration of Independence“ besiegelt und 1783 in Paris anerkannt wurde.

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