Читать книгу Mygnia - Die Begegnung - Thomas Linz - Страница 15

Genf

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Nach ihrem ersten Gespräch mit Dr. Bartels hatte Julia ein komisches Gefühl. Er hatte ihr zwar sehr anschaulich erklärt, was sie wissen wollte. Aber irgendetwas machte ihm in dem Zusammenhang offenbar Sorgen, etwas hatte er ihr verschwiegen. Anfangs war er ihr eher zurückhaltend, ja fast schüchtern vorgekommen. Für eine lebhafte Frau wie Julia erfüllte er damit ihr Klischee, das sie von Genies hatte: äußerlich unscheinbar, mit ihrem Fachgebiet verheiratet und anderen Menschen gegenüber sehr zurückhaltend und bescheiden. Aber im Verlauf des Gespräches war er langsam aufgetaut. Sie hatten vereinbart, sich regelmäßig jeden Mittwoch um 9 Uhr zu treffen.

Das zweite Gespräch wäre fast ins Wasser gefallen, weil Rolf Bartels sich eine heftige Erkältung eingefangen hatte. Er war an dem Dienstag vorher nicht im Institut gewesen, rief aber Julia dann am frühen Abend noch an.

„Hallo Julia, hier ist Rolf.“

„Hi Rolf, wie geht’s dir denn?“ fragte Julia. Im Hintergrund hörte sie, wie er sich geräuschvoll die Nase putzte.

„Geht so langsam wieder. Heute wäre aber nichts mit mir losgewesen. Aber nach gefühlten zehn Litern Tee komme ich langsam wieder auf die Beine. Unser Treffen morgen findet also wie geplant statt.“

„Aber wenn es nicht geht, sag Bescheid und bleib noch einen Tag zuhause. Ich habe keine Lust, mich anstecken zu lassen. Und die anderen im Labor sicherlich auch nicht.“ Erst als sie das gesagt hatte, wurde ihr klar, dass das vielleicht nicht angemessen war. Schließlich war sie die neue Praktikantin und er ihr Betreuer. „Sorry, ich wollte dir nicht zu nahe treten.“

„Schon gut. Du hast ja Recht. Aber jetzt werde ich mich ins Bett packen. Wir sehen uns dann morgen. Hoffentlich. Bis dann.“

„Mach´s gut und gute Besserung“, konnte Julia gerade noch sagen, bevor er aufgelegt hatte.

Julia überlegte kurz, was sie mit dem angefangenen Abend am besten anstellen könnte. Ein Blick aus dem Fenster zeigte tiefhängende Wolken, die schnell über den Himmel zogen. Also eher nicht nach draußen. Ein weiterer Blick in den Kühlschrank ließ sie befriedigt nicken. Eine Tiefkühl-Lasagne und ein Glas Rotwein ist ja auch nicht das Schlechteste. Einen Fernseher besaß sie nicht, und so klappte sie ihren Laptop auf. Keine neuen Mails, und auch auf Facebook war nichts los. Dann fiel ihr das erste Treffen mit Rolf ein, bei dem sie zuvor Dr. Delandre kennengelernt hatte. Naja, kennengelernt ist übertrieben, sie hatte ihn zufällig getroffen. Und er hatte sie ganz eigenartig angesehen. Sie gab den Namen ein und hoffte, mehr Informationen über ihn zu finden. Aber außer seinem Profil bei Facebook und der offiziellen Seite des CERN, auf der er als Pressesprecher vorgestellt wurde, war nichts zu finden. Sie beschloss, ihn selber anzusprechen. Sie musste nur einen Vorwand haben. Also weitersuchen, diesmal konkret über die Experimente vor zwei Jahren, Lichterscheinungen und Begegnung mit Außerirdischen.

Sie wurde tatsächlich fündig. Vor zwei Jahren gab es auf den ganzen Welt rätselhafte Lichterscheinungen, die sie an das erinnerte, was ihr Vater ihr vor Kurzem erzählt hatte. Dann war die Rede von unbekannten Tieren, über die aber nichts weiter beschrieben wurde, außer dass sie in Quarantäne genommen wurden. Ein Artikel aus einer Boulevardzeitschrift machte sie stutzig. Darin hieß es, dass ein kleiner Junge aus der Gegend einen Alien gesehen haben will und sogar mit ihm auf dessen Welt gereist und heile wiedergekommen sei. Aber der Autor ließ keinen Zweifel daran, was er von der Geschichte hielt. Zumindest las sie das aus seinem Schlusssatz heraus: Keiner will die Kompetenz der Wissenschaftler in Frage stellen, die diesem Jungen glauben, weil es keine stichhaltigen Gegenargumente gibt. Aber die Grenze zur Fantasie wurde bei dieser Geschichte offenbar überschritten.

Wenn sie nur diesen Jungen ausfindig machen könnte! Aber da stand weder ein Name noch eine Adresse, ja nicht mal der Ort, aus dem er kam. Aber sie hatte ja den Namen des Autors und der Zeitschrift, immerhin ein Strohhalm. Dann würde sie morgen auf jeden Fall Rolf dazu befragen und sich nicht abspeisen lassen. Er musste mehr wissen.

Und dann hatte ja auch ihr Vater etwas von einem Licht erzählt, das den beschriebenen Erscheinungen ähnlich war. Sie beschloss, am nächsten Wochenende nach Köln zu fahren und ihn zu fragen. Außerdem freute sie sich darauf, ihre Eltern bereits nach so kurzer Zeit wiederzusehen.

Am nächsten Morgen wurde sie noch vor dem Wecker wach. Die Dusche vertrieb den Rest Müdigkeit, und so stand sie frisch und voller Energie um 9 Uhr bei Rolf im Büro. Der sah gar nicht gut aus und gehörte eigentlich wieder ins Bett. Aber sie musste ihn heute sprechen und verzichtete daher zunächst auf eine entsprechende Bemerkung.

„Hallo Rolf. Danke, dass du trotz deiner Erkältung gekommen bist. Weißt du, für mich bringen die Gespräche mit dir richtig viel. Und heute habe ich ein paar spezielle Fragen, die nicht warten können.“

Er sah sie mit verquollenen Augen an. „Dann schieß mal los“, sagte er langsam. Bevor sie etwas sagen konnte, bückte er sich, zog geräuschvoll die Nase hoch und holte eine Packung Papiertaschentücher aus seinem Rucksack. Nachdem er wieder halbwegs durch die Nase atmen konnte, sah er sie fragend an. Julia war unwillkürlich ein kleines Stück zurückgewichen. Eine Erkältung war das letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte.

„Du hast mir doch letztens die Experimente am LHC erklärt. Die Grundlagenforschung, die zur Entdeckung der dunklen Materie führen soll. Damit ein wichtiger Grundbaustein unseres Verständnisses des Universums gefunden wird, weil wir nur so etliche Phänomene erklären können. Das habe ich alles verstanden. Aber ich habe gelesen, dass es da auch welche mit weit höherer Energie gegeben hat. Bis 14,4 TeV. Was ist da eigentlich als Ergebnis herausgekommen?“

Rolf sah sie wie mit versteinerter Mine an. „Nichts. Gar nichts. Diese Experimente hat es leider nie gegeben.“ Er wirkte maßlos enttäuscht.

Aber Julia hakte nach. „Bitte Rolf, ich muss das wissen. Ich habe gelesen, dass es zu der Zeit zu merkwürdigen Erscheinungen, Lichterscheinungen gekommen ist. Dass offenbar sogar plötzlich fremdartige Lebewesen auftauchten.“

„Wo steht denn so was?“ fragte er zurück. Plötzlich wirkte er auf sie nervös und angespannt, obwohl er versuchte, es hinter einer gleichgültigen Miene zu verstecken. „Hat sich da irgendein Spinner mit Halbwissen eine nette Geschichte ausgedacht?“ Er versuchte, abfällig zu lachen, aber das erstickte in einem Hustenanfall. Als er wieder normal atmen konnte, meinte er mit ernstem Gesicht: „Das waren geplante Experimente, die nie durchgeführt wurden. Es hat ein paar sehr ungewöhnliche Beobachtungen bei den Detektoren gegeben, die alles in Frage gestellt hätten. Die Fehler konnten bis heute nicht lokalisiert werden, und solange wir nicht genau wissen, was los ist, passiert hier gar nichts mehr. Der gesamte Ring wird seit einiger Zeit gründlich durchgecheckt. Und ich arbeite an einer Versuchsanordnung mit entsprechenden Vorab-Checks, mit der wir hoffentlich in ein paar Monaten an den LHC gehen werden. Mit etwas weniger Energie, nur 13 TeV. Mehr kann ich dir dazu nicht sagen.“ Bevor Julia nachfragen konnte, fuhr er fort: „Und ich glaube, jetzt ist es besser, wenn ich wirklich wieder nach Hause fahre. Es ist doch schlimmer als gedacht. Das meiste kann ich auch von zuhause aus machen. Ich melde mich, wenn´s mir besser geht.“

Obwohl er bei dem letzten Satz wieder wie der alte klang, hatte Julia das untrügliche Gefühl, dass er etwas verschwieg. Sie versuchte, Verständnis dafür aufzubringen, konnte aber ihre Enttäuschung nicht ganz verbergen. Abrupt stand sie auf und verabschiedete sich.

Bevor sie jedoch das Büro verließ, fiel ihr noch etwas ein. „Ach, hätte ich fast vergessen? Kann ich Montag einen Tag frei haben? Ich weiß, dass ist vielleicht etwas unverschämt, aber ich habe da eine wichtige Familiensache.“

Rolf sah sie prüfend an und meinte dann nur: „das ist eigentlich nicht vorgesehen, aber wenn es sich nicht vermeiden lässt, mein ok hast du. Aber am Dienstag dann in alter Frische, klar?“

„Klar doch. Vielen Dank!“

Als sie auf dem Flur stand, drehte sie sich noch einmal um und steckte den Kopf in sein Büro und grinste ihn an: „Ich wünsche dir gute Besserung. Bis bald.“

In ihren Gedanken versunken ging sie in Richtung Aufzug. Warum hatte sie das intensive Gefühl, dass er ihr nicht alles erzählt hatte? Oder hatte sie sich einfach in etwas hineingesteigert? Zumindest hätte sie ihn direkt nach dem Jungen fragen sollen, der man wohl als eines der Opfer dieser Versuche ansehen konnte. Sie war auch nicht einmal einen Schritt weiter gekommen, weil sie anzweifelte, dass es diese Versuche wirklich nicht gegeben haben sollte. Sie blieb stehen und ballte entschlossen die Hände zu Fäusten. Nein, sie würde nicht locker lassen und ihn beim nächsten Mal fragen, was genau mit den Detektoren los war und wie seine Alternative aussehen würde.

„Welch netter Besuch!“ Julia sah erschreckt auf und blickte direkt in das lächelnde Gesicht von Dr. Delandre. „Was führt Sie denn wieder in diese Gefilde?“

„Hallo“, stammelte Julia. Mehr brachte sie nicht heraus. Ihre Überraschung hielt aber nicht lange an. Sie sah ihm direkt in die Augen. „Ich war bei Dr. Bartels. Wir haben einmal die Woche einen festen Termin. Sie wissen ja, mein Praktikum.“

„Ja, das sagten Sie bereits beim letzten Mal. Wie läuft es denn so?“

„Ganz gut soweit. Ich bin nur sechs Wochen hier und will mich auf meine Promotion vorbereiten. Mein Thema wird sich mit Raum-Zeit-Krümmung und der theoretischen Möglichkeit, Parallelwelten zu finden, beschäftigen. Aber ich stehe da ziemlich am Anfang. Aber das, was Sie hier machen, ist hochinteressant. Ich glaube, ich kriege da ein paar sehr interessante Ansatzpunkte.“

Delandre hatte ihr aufmerksam zugehört. „Parallelwelten. Soso. Sie meinen, das gibt es wirklich?“

„Ich halte es zumindest nicht für ausgeschlossen. Das ist es ja gerade, was mich so an dem Thema reizt. Glauben Sie nicht daran?“

„Ich bin kein Physiker und kann das nicht beurteilen. Aber es kommt mir schon sehr kurios vor. Wie reine Science Fiction.“

„Das glaube ich Ihnen. Aber hätten Sie nicht auch vor fünfzig Jahren einen heutigen Computer für so etwas gehalten?“

„Da haben Sie allerdings Recht“, gab Delandre zu. Er musterte sie und beschloss, sie näher kennen zu lernen. Nicht nur, weil er sie sehr attraktiv fand, sondern weil er in ihr eine potentielle Gefahr sah, dass sie eventuell seine Pläne durchkreuzen könnte. Er musste sie irgendwie unter Kontrolle halten. Aber wie? Er hatte eigentlich nichts mit Praktikanten zu tun. Aber seine ausgeprägte Menschenkenntnis half ihm auch hier.

Er sagte zu ihr: „Wissen Sie was? Ich finde, dass Sie sich da ein extrem interessantes Thema ausgesucht haben. Ich will Sie nicht bedrängen, aber wenn Sie wollen, kann ich Ihnen gern mehr über das CERN erzählen. Dr. Bartels ist ohne Zweifel absolut kompetent und brillant, aber eben nur auf seinem Fachgebiet. Und wenn Sie hier sind, weil Sie sich ein Thema für Ihre Doktorarbeit auswählen wollen, finde ich, dass Sie mehr über unsere Einrichtung erfahren sollten. Auch über die anderen Fachbereiche. Ich kann Ihnen zwar keine wissenschaftlichen Details erklären, aber ich kenne viele Leute hier.“

Julia konnte kaum glauben, was sie da hörte. Das war genau das, was sie sich erhofft hatte. „Danke für Ihr Angebot. Das nehme ich gern an. Äh, wann hätten Sie denn einmal Zeit für mich?“

„Tja, die nächsten Wochen sind bei mir leider komplett verplant. Aber wenn es Ihnen nichts ausmacht, können wir uns mittags in der Kantine treffen. Oder ...“ er zögerte, „ich lade Sie auf ein Abendessen ein und ich erzähle Ihnen das alles in Ruhe. Aber nur, wenn Sie wollen.“

Julia zögerte. Das war ihr nun doch zu schnell. Oder vielleicht nicht? Schließlich siegte ihre Offenheit. „Gern.“ Sie lächelte ihn an. „Wenn Sie das vorschlagen, kann ich doch gar nicht ablehnen.“

Sie glaubte kaum, was sie da eben gesagt hatte. Sie kannte den Mann doch gar nicht und sollte sich nun privat mit ihm treffen? War das vielleicht einer aus der Kategorie ... Sie verdrängte den Gedanken. Schließlich erhoffte sie sich Informationen, die sie weiter brachten. Und gegen ein Abendessen an einem neutralen Ort war schließlich nichts einzuwenden. Sie dachte unwillkürlich an ihren ersten Freund. Als sie gerade sechzehn war, hatte er sie schüchtern gefragt, ob er sie auf einen Hamburger einladen könne. Sie hatte sich so gefreut, dass sie ohne zu zögern zugesagt hatte. Der Abend wurde lang und zum Beginn ihrer ersten Beziehung. Sofern man das in dem Alter so nennen kann. Zwei Jahre später war alles vorbei, aber die Erinnerung an diese Situation blieb.

Nur war das hier etwas ganz anderes. Der Mann, der sie eingeladen hatte, war kein Jugendlicher, der die Pubertät gerade so überstanden hatte, sondern eine angesehene Persönlichkeit, die mitten im Leben stand und obendrein ziemlich attraktiv war.

Delandre bemerkte die kleine Pause und schlug daher vor: „Kennen Sie das Café du Centre? Das ist bestimmt nach Ihrem Geschmack. Haben Sie morgen Abend schon etwas vor? Wenn nicht, um 19 Uhr ?“

Julia hatte davon in einem Reiseführer gelesen. Aber das war preislich definitiv nicht ihre Kragenweite. Aber der Vorschlag kam von ihm, und so sagte sie zu: „Ich muss zugeben, dass ich noch nie da war, aber ich habe nur gutes davon gehört. Vielen Dank für Ihr Angebot. Morgen 19 Uhr passt wunderbar. Aber jetzt will ich Sie nicht länger aufhalten. Bis morgen.“

„Ja, dann bis morgen.“ Er war überrascht von dem plötzlichen Abschied, aber er sah ihr mit einem Lächeln nach. Er würde sie an eine kurze Leine nehmen, aber auf eine sehr angenehme Art und Weise.

Mygnia - Die Begegnung

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