Читать книгу Mygnia - Die Begegnung - Thomas Linz - Страница 5
Berlin
ОглавлениеSie winkte ihren beiden Enkeln und ihrer Tochter noch lange hinterher. Renate Obermeier hatte an diesem Samstag ihren 67. Geburtstag gefeiert, und war bis jetzt mit dem Tag rundherum zufrieden.
Das Wetter war warm, für Anfang April eigentlich zu warm. Aber das hatte den eindeutigen Vorteil, dass sie auf der Terrasse sitzen und den Blick auf den langsam grün werdenden Wald am Flughafensee genießen konnten. Sie räumte das Geschirr in die Küche und stellte die Kuchenreste in den Kühlschrank. Anders als viele andere Leute in ihrem Alter empfand sie einen Geburtstag nicht als Schritt zum Altwerden, sondern war dankbar, dass sie wieder ein Jahr bei bester Gesundheit erleben durfte. Ihre kurzen Haare hatten zwar die schwarze Farbe längste gegen eine Mischung aus diversen Grautönen eingetauscht, aber ihre wachen Augen, die glatte Haut und ihre sportliche Figur ließen sie jünger erscheinen als sie war. Und so fühlte sie sich auch.
Dennoch hatte sie sich wegen der Erkrankung ihres Mannes vor vier Jahren entschieden, vorzeitig in Rente zu gehen. Sie hatte seinerzeit nach ihrem Biologiestudium im Bereich Exobiologie promoviert, sich also mit möglichen außerirdischen Lebensformen beschäftigt. Auf welcher Grundlage sie entstanden sein könnten, was grundlegende Eigenschaften wären. Wie vielfältig und anpassungsfähig das Leben sein kann. Das Wunder der Evolution hat allein auf der Erde einen unüberschaubaren Artenreichtum hervorgebracht, von dem sicherlich bis heute nur ein Bruchteil bekannt ist. Es werden immer wieder neue, völlig ungewöhnliche Organismen entdeckt. Beispielsweise in der Tiefsee, unmittelbar neben den so genannten schwarzen Rauchern, das sind Hydrothermalquellen vulkanischen Ursprungs, bei denen das Wasser aufgrund des herrschenden enormen Drucks deutlich mehr als 100°C heiß ist, ohne zu verdampfen. Hier gibt es überraschenderweise vielfältiges Leben, und das nicht nur in Form von Bakterien, sondern auch zahlreichen Arten von Krabben, Würmern und Muscheln.
Nachdem sie ihre Doktorarbeit abgeschlossen hatte, arbeitete sie etliche Jahre am Institut für vergleichende Zoologie der Berliner Humboldt Universität. Ihre Begeisterung für ungewöhnliche Spezies ließ sie nicht mehr los. Neben ihren umfangreichen Forschungen übertrug sich das auch auf ihre Lehrtätigkeit, bei der sie in außergewöhnlich anschaulichen Vorlesungen den Studenten die Faszination der vielfältigen Lebensformen auf der Erde nahe brachte.
Ein attraktives Angebot führte dazu, dass sie die letzten Jahre ihres Berufslebens als wissenschaftliche Leiterin des Naturkundemuseums verbrachte und so auch mit den Spuren von Lebewesen vertraut wurde, die lange vor unserer Zeit gelebt haben. Damit wurde ihr Spektrum an Erfahrung noch einmal um ein nennenswertes Ausmaß erweitert.
Diese Vielfältigkeit faszinierte sie zunehmend, und sie hätte wohl noch mehrere Jahre weiter gemacht, aber ihr Mann bedeutete ihr weitaus mehr. Vor gut zwanzig Jahren hatte sie eine Krebsdiagnose bekommen, und die Chancen standen nicht gut. Durch seine unermüdlichen guten Zusprüche, seine rührende Fürsorge und den unerschütterlichen und ansteckenden Optimismus hatte sie es aber geschafft. Diese Phase ihres gemeinsamen Lebens hatte sie unzertrennlich gemacht.
So entschied sie sich, während seiner Krankheit voll für ihn da zu sein. Leider konnte er trotz seiner positiven Einstellung den sehr bösartigen Krebs nicht besiegen und verstarb vor eineinhalb Jahren.
Nun war Alfi, ein dunkelbraun gescheckter mittelgroßer Mischlingsrüde, den sie im letzten Jahr als acht Wochen altes Welpen zum Geburtstag bekommen hatte, ihr größter Liebling. Er war voller ungestümer Energie, gehorchte aber normalerweise aufs Wort. Sie ging mit ihm jeden Morgen und Abend für eine Stunde hinaus und ließ ihn dabei oft frei laufen. Bis heute war er auf ihren Ruf hin immer wieder sofort zu ihr zurückgekehrt.
Als Alfi merkte, dass sie sich die Schuhe und Jacke anzog, wusste er, dass es nun losging, und gebärdete sich wie wild. Schwanzwedelnd und bellend sprang er um sie herum und konnte es nicht abwarten, bis endlich die Tür aufging und er losspurten konnte.
Sie hatte immer einen wachsamen Blick auf ihn. Nicht nur der anderen Hunde wegen, sondern es gab hier auch etliche Wildschweine, die um diese Jahreszeit ihre Jungen hatten.
Heute wollte sie in Richtung See mit ihm, damit er bei dem warmen Wetter auch endlich mal wieder ins Wasser gehen konnte. Seinen Lieblingsball, den er schon im letzten Sommer mit wachsender Begeisterung immer wieder aus dem Wasser geholt hatte, hatte sie auch eingesteckt.
Der kleine Strand war um diese Uhrzeit menschenleer. Vom gegenüberliegenden Flughafen drang das Geräusch einer startenden Maschine herüber. Einige Meter vom Strand entfernt zog einen Gruppe Enten ihre Runden, weiter rechts wartete ein Reiher, unbewegt wie eine Statue, auf Beute.
Ohne abzubremsen rannte Alfi ins Wasser, in der Hoffnung, vielleicht doch eine von den Enten zu erwischen. Es war einfach zuviel von einem Jagdhund in ihm, als dass er ihnen nur zusehen könnte. Aber die Vögel waren viel zu erfahren und ließen ihn auf zwei, drei Meter heran, bevor sie davonflogen. Also kehrte er enttäuscht um und schwamm zum Strand zurück.
Renate wartete, bis er an Land war, und warf dann den Ball ins Wasser. Alfi schaute kurz und sprang dann hinterher. Der Wind trieb den Ball weiter auf den See hinaus, und Alfi hatte Mühe, hinterher zu kommen. Er war ganz auf den Ball konzentriert, so dass er selbst die andere Gruppe Enten neben ihm nicht bemerkte.
Renate feuerte ihn an: „Alfi, los! Hol den Ball! Fein machst Du das!“
Plötzlich platschte es neben den Enten mächtig, und aus den Augenwinkeln sah Renate etwas aus dem Wasser kommen, eine von den völlig überraschten Enten packen und wieder verschwinden. Es dauerte einen Moment, bis sie die Situation realisierte
„Alfi, Alfiiiii!!“ Voller Angst rief sie ihren Hund zurück. Er hatte den Ball gerade geschnappt und kehrte um. Es waren aber noch gut 20 Meter zum Ufer. Hinter ihm kam das Wasser in Bewegung, und ein großes Ding, fast wie die Rückenflosse eines Hais, tauchte kurz auf und verschwand wieder. Alfi spürte ebenfalls die Gefahr und paddelte mit seinen kurzen Beinen, so schnell er konnte. Aber es half nichts. Sie sah die Welle hinter dem Hund, und er wurde kurz unter Wasser gezogen. Dann tauchte er wieder auf, jaulte laut auf und strampelte um sein Leben. Vergeblich! Ein großer Kopf tauchte in einem Wasserschwall auf, aber Renate konnte in ihrem Schrecken kaum etwas erkennen. Ein großes Maul, darüber ein paar kleine Augen, die nach vorn blickten, und das Ganze umgeben von einer Art Federkranz. Die gesamte Größe des Monsters konnte sie nicht erfassen, aber es musste riesig sein. So ein Tier gab es doch gar nicht!
Renate konnte nicht glauben, was passierte. Das letzte, was sie von Alfi hörte, war ein letztes Aufjaulen, bevor er von dem Maul voller langer, spitzer Zähne von oben gepackt und endgültig unter Wasser gedrückt wurde. Ein paar Blasen, dann wurde es still.
Renate starrte auf die Stelle, wo eben noch ihr Liebling schwamm, als sie plötzlich mit Erschrecken feststellte, dass sie viel zu nahe am Wasser stand. Panikartig rannte sie den schmalen Strand hinauf, stolperte über eine Wurzel, raffte sich wieder auf und rannte weiter. Völlig außer Atem drehte sie sich vorsichtig um und blickte zurück auf den See, der nun wieder so ruhig und friedlich aussah, wie sie ihn schon so oft erlebt hatte. Als ob nie etwas gewesen wäre.
Sie fühlte sich wie in einem bösen Traum, als sie mit schleppenden Schritten zurück zu ihrem Haus ging. Ihre Nachbarin Christel stand zufällig im Garten und blickte erschrocken auf.
„Was ist denn mit Dir los? Ist Dir nicht gut? Wo ist denn Alfi?“
Bei der letzten Frage brach Renate in Tränen aus. „Alfi ist weg. Von einem Tier gefressen. Er hatte doch nur ....“ Die weiteren Worte gingen in ihrem Schluchzen unter. Christel sah sie ungläubig an. „Von einem Tier gefressen? Hier gibt es doch keine Raubtiere!“
„Ich ... ich weiß nicht. Aber Du musst mir glauben. Es kam aus dem Wasser und hat ihn mitgezogen. Einfach so.“
„War es ein Fisch? Aber so große gibt es doch hier nicht. Komm her. Setz Dich erstmal und erzähl in Ruhe.“