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Rot lackiert

Eine Begriffsverteidigung

Wann und wo immer die Formulierung »rot lackiert« auftaucht, wird sie automatistisch durch das Wort »Faschisten« ergänzt. »Rot lackierte Faschisten« ist ursprünglich ein Schmähbegriff gegen Kommunisten, der auf den Sozialdemokraten Kurt Schumacher zurückgeht. Helmut Kohl brachte ihn dann gegen die PDS in Stellung, und zahllose Nachplapperer machten aus den »rot lackierten Faschisten« so lange ein Wort von der Geflügelfarm, dass sogar der NPD-Fraktionsvorsitzende im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern Udo Pastörs den Rotlackfaschismusvorwurf erhob.

»Sie sind nicht besser als die links- oder rotlackierten Faschisten auf der linken Seite hier in diesem sogenannten hohen Hause«, rief Pastörs Ende Januar 2011 den Mitgliedern der CDU-Fraktion zu, und das ist schon auch lustig, wenn ein Nazifunktionär das schwingt, was in Deutschland mittlerweile »Faschismuskeule« genannt wird. Nur die Nazis können die Welt noch vor dem Faschismus retten; sie verstehen schließlich am meisten davon.

Ich denke bei »rot lackiert« nicht an Faschisten, sondern an Fußnägel. Seit ich denken kann, hat mich der Anblick rot lackierter Frauenfußnägel begeistert; die kirschrot glänzenden Nupsis sind hinreißend. Ich muss etwa fünf Jahre alt gewesen sein, als mich ihr Anblick zum ersten Mal schwindelig machte.

Es war Mitte der 1960er Jahre in Bad Oeynhausen. In dem alles andere als betuchten Fünfpersonenhaushalt, in dem ich aufwuchs, war ein Budget für Nagellack nicht vorgesehen. Das war bei den Wohnungsnachbarn offenbar anders. Herr Richartz arbeitete als Fotograf, und seine Frau war sein Lieblingsmodell. Sie war groß, schlank, elegant, hatte langes blondes Haar, ließ im Sommer lange, sonnengebräunte Beine sehen, trug hochhackige, luftige Sandalen und hatte rot lackierte Fußnägel.

Der Anblick dieser schönen Frau, der ich noch nicht einmal bis zum Nabel reichte, machte mich schier wahnsinnig. Mit ihrem Sohn, der etwas älter war als ich, war ich gar nicht sonderlich befreundet, aber ich klingelte dauernd an der Nachbarstür, angeblich, um mit Thomas zu spielen, aber das war sowas von gelogen. Ich wollte nur seine Mutter sehen, möglichst in einem kurzen Kleid oder Rock, und, bitte!, mit diesen rot lackierten Fußnägeln.

Ich war verliebt, und mein Begehren war nicht platonisch. Das Wort Sex hatte ich mit fünf Jahren noch nicht gehört und hatte von nichts eine Ahnung, aber dass sich in und an mir etwas regte, war nur zu deutlich spürbar. Die magisch glänzenden rot lackierten Fußnägel entfalteten heftige Wirkungen, doch mein heimliches Verlangen wurde nicht erhört. Der von allen Kindern verabscheute, weil sie vom wahren Leben ausschließende Satz »Dafür bist du noch zu klein« traf hier in jeder Beziehung zu.

Etwas später ging ich mit einem gleichaltrigen Nachbarsmädchen auf Entdeckungsreise, wir waren beide neugierig und zeigten uns gegenseitig alles. Dass sie sich nicht die Nägel lackierte, störte mich überhaupt nicht. Aber wann immer ich Frau Richartz im Treppenhaus begegnete und sie von Kopf bis zu den Füßen betrachtete, fuhr es mir gewaltig ein.

Dann zog meine Familie fort von Bad Oeynhausen, ich dachte nicht mehr an die schöne Nachbarin, aber als ich, viele Jahre später und vom Kind zum jungen Mann herangewachsen, eine schöne Frau mit rot lackierten Fußnägeln im Café sitzen sah, wusste ich schlagartig, dass ich nichts vergessen hatte.

Bis heute denke ich bei den Worten »rot lackiert« nicht an blöde Faschisten, sondern an etwas Schönes, Aufregendes und noch immer Verheißungsvolles. Und an einen Jungen, dessen Gefühlslage ich heute so beschreiben würde:

So steht man da, fünfjährig unschuldig,

in seiner Unterhose einen Steifen,

und lernt, nicht ohne Seelenschmerz:

Zum Mann muss man erst reifen.

Die Würde des Menschen ist ein Konjunktiv

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