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Die Mutter als Erde des Menschen
ОглавлениеDer Vorgang der Einbettung dieser ursprünglichen Form des Lebens (des Embryos) in der Mutter zeigt deren vorrangige Bedeutung für unsere weitere Entwicklung, denn sie ist nun unser Nährboden und unsere Welt. Die in sich vollständige, aber noch gänzlich verschlossene Form des Kindes wird sich dort, in der Mutter, über etwa neun Monate hin aus- und entwickeln und gemäß der in ihr enthaltenen Anlagen und der Bedingungen, die ihre Umwelt (also die Mutter) bereitstellt, sowie der Einflüsse, die auf die Mutter selbst einwirken und die sie – wiederum ganz unabhängig von ihrem Wollen – an den Embryo weitergibt, wachsen.
Wir haben also drei Faktoren, die in der Entwicklung des Kindes bereits im Mutterleib zusammenkommen:
.erstens die Erbanlagen; dazu gehören auch die Familiengeschichten der Eltern;
.zweitens die von der Mutter ausgehenden und von außen auf sie einwirkenden Umweltbedingungen;
.und schließlich und als Wichtigstes das Dritte, unsere geistige Essenz, das, was wir wirklich sind und tief im Innern als unser Eigenes empfinden. Dieses Dritte ist das, was Menschen, die sich als (spirituelle) Sucher empfinden, aber auch jene, die auf andere Weise nach dem Sinn ihres Lebens fragen, tatsächlich suchen. Es ist das, was unsere tiefste Sehnsucht ausmacht.
Solange das Kind in der Mutter ist, ist diese die ganze und einzige Welt des Kindes, sie atmet für das Kind, isst und trinkt für das Kind, sie ist im wahrsten Sinne des Wortes dessen Ein und Alles. Wenn im Schlager die Einheit mit der Geliebten besungen wir – „Du bist die Welt für mich“, „You’re my world, you’re ev’ry night and day, You’re my world you’re ev’ry pray I pray“ – dann geht es tatsächlich um die verlorene Einheit mit der Mutter. Die schönsten und in der Interpretation einzigartigen Liebeslieder von Elvis Presley besingen tatsächlich seine Liebe zu seiner Mutter – und vielleicht, ganz unbewusst, die Sehnsucht nach seinem tot geborenen Zwillingsbruder; Ähnliches gilt für John Lennon, der seine Mutter früh verloren hat. Wer die Verschmelzung mit dem Geliebten als Partnerschaftsideal hat oder meint, seinen Seelenpartner suchen und finden zu müssen, träumt in Wahrheit von der Symbiose mit der Mutter. Dasselbe gilt für jene, die die Einheit mit der Natur suchen. Diese Einheit ist mit der Geburt des Menschen, mit der Entstehung des menschlichen Bewusstseins, vorbei, unwiederbringlich. Die Geburt (Entstehung) des Menschen ist die Trennung von der Natur, wir sind nur deshalb Menschen, weil wir der Natur entrissen, weil wir keine bloßen Naturwesen mehr sind. Ich greife das im nächsten Kapitel wieder auf.
Das Kind wächst und entwickelt sich in der Einheit, Mutter und Kind sind noch nicht zwei. Man kann auch sagen: Zwischen Mutter und Kind herrscht keine Beziehung und Kommunikation, sondern die ursprüngliche Kommunion. Vielleicht ist das das Urbild der Heiligen Kommunion der Katholiken, nur dass es sich bei der Kommunion mit der Mutter um die ursprüngliche, natürliche Kommunion, bei der mit Jesus Christus um die geistige Kommunion, die Vereinigung mit dem Geist (Gott) handelt. Erst mit der Geburt ändert sich dieser Zustand, erst jetzt hat das Kind einen eigenen, unabhängigen Kreislauf, ist von der Mutter getrennt und kann, zunächst ganz undeutlich und ganz allmählich, beginnen, diese von außen wahrzunehmen und damit auch sich selbst als etwas Eigenes zu empfinden.