Читать книгу Fanrea Band 3 - A. E. Eiserlo - Страница 15

Herzschmerz

Оглавление

Als John am nächsten Tag nicht erschien, biss Annie die Zähne zusammen und blieb zu Hause. Doch am darauffolgenden Tag hielt sie dort nichts mehr, sie fuhr zu Telling Bear, um John zu sehen.

Telling Bear empfing sie mit den Worten: »Er ist weg, hat dir aber eine Nachricht und seine selbst geschnitzte Flöte dagelassen.« Er reichte Annie einen Brief, die ihn bestürzt entgegennahm und öffnete. Mit zittrigen Händen begann sie zu lesen, während sie die Tränen kaum zurückhalten konnte.

Meine liebe Annie,

wenn du diesen Brief liest, sitze ich schon im Flugzeug. Ich weiß, ich tue dir damit sehr weh, und du wirst mir nicht verzeihen. Und das zu Recht! Als ich ins Res zurückgekehrt bin, wollte ich mich sortieren, meine Gedanken und Gefühle ordnen, aber jetzt bin ich noch verwirrter als zuvor. Du hast mir den Kopf verdreht!

Annie, du bist eine wunderschöne, verführerische Lakota, die mein Begehren weckt. Du hast ein großes Herz, dein Lachen verzaubert mich und die Tiefe deiner Gedanken berührt mich. Wenn mein Herz frei wäre, dann würde es das größte Glück für mich bedeuten, mit dir zusammen zu sein.

Aber ein Mädchen wartet auf mich. Sie heißt Emma, ist jung, lebt auf der Erde und nicht in Fanrea. Eigentlich passt sie nicht zu mir. Trotzdem: Ich liebe sie!

Es tut mir alles so leid. Ich wollte dich nicht verletzen und erst recht nicht dein Herz brechen.

Als Erinnerung an mich habe ich dir meine Bärenflöte dagelassen. Wenn du sie spielst, werde ich dich fühlen.

In Liebe, dein John

Schluchzend zerknüllte Annie den Brief und warf ihn zu Boden.

Telling Bear hob ihn auf und strich ihn auf dem Küchentisch wieder glatt. Erst einmal ließ der Lakota sie eine Weile weinen, dann sagte er leise: »Das ist ein großer Schmerz für dich, aber auch er wird vergehen. Annie, er konnte nicht bleiben. John fühlt Zerrissenheit zwischen dir und diesem anderen Mädchen. Er ist zu anständig, um mit beiden etwas zu haben. Mit seiner Entscheidung hat er sich sehr gequält, und ich habe ihn ziehen lassen. Er muss seinen eigenen Weg gehen!«

»Meinst du, er kommt zurück?«

»Hm! Ich glaube nicht, aber sicher bin ich mir nicht. Es kommt darauf an, wie es sich mit diesem anderen Mädchen entwickelt.«

»Ich werde auf ihn warten!«, stieß Annie trotzig hervor.

»Was ist, wenn er nicht zurückkommt? Lebe dein Leben, vergeude es nicht mit Warten!«

»Ich will aber keinen anderen, ich will ihn!«, schluchzte Annie. »So schnell gebe ich nicht auf! Ich werde nicht warten, sondern ihn suchen! Diese Emma will ich kennenlernen! John soll sich zwischen uns entscheiden, statt vor mir davonzulaufen. Das ist feige!«

Telling Bear zog die Augenbrauen hoch und hielt den Atem an. »Das meinst du jetzt nicht ernst, oder?«

»Oh doch! Todernst!« Annie ballte kampfbereit die Fäuste. »Ich will, dass John eine Entscheidung mit dem Herzen trifft und mir die Wahrheit ins Gesicht sagt. Und zwar, wenn Emma danebensteht. Wo ist er?«

Das raubte sogar Telling Bear die Ruhe. Er wusste, nichts und niemand würde Annie von diesem Entschluss abbringen. Nervös erhob er sich. »Ich weiß nicht, ich denke, bei Emma. Aber wie lange? Keine Ahnung. Wo willst du ihn suchen?«

»Ich weiß es noch nicht. Im Moment bin ich zu aufgewühlt, um klar denken zu können. Ich werde ihn finden, egal, wo er ist! Und du kannst mir bestimmt dabei helfen!« Sie kämpfte erneut mit den Tränen. »Das tust du, oder?«

*

Grübelnd starrte John aus dem schmalen Fenster des Flugzeugs. Sein Leben bestand aus einem einzigen Gefühlschaos. Wie gut, dass sein Onkel verfrüht nach Hause gekommen war! Ansonsten hätte John sich nicht länger beherrschen können und wäre schwach geworden. Dadurch hätte er Emma betrogen und Annies Herz komplett gebrochen. Wieso nur reizte Annie ihn so sehr, dass er wegen ihr fast gegen seine Prinzipien verstieß? Treue und Ehrlichkeit verkörperten für ihn wichtige Säulen der Liebe. Aber glücklicherweise blieb ihm die absolute Katastrophe erspart. Scheinbar plante das Schicksal einen anderen Weg mit ihm, als ein Leben im Reservat gemeinsam mit Annie. Die Schwitzhüttenzeremonie mit seinem Onkel führte wieder zu mehr Klarheit in Johns Gedanken, das verdankte er Telling Bear.

John zweifelte nicht daran, dass Annie ihm überall hin folgte, selbst nach Fanrea. Emma lehnte genau das ab. Bisher stand für ihn selbst seit langem fest, dass er in Fanrea bliebe und verspürte große Sehnsucht nach dieser Welt. Doch durch Emma nahm sein Leben eine Wendung, die sämtliche Pläne über den Haufen warf.

So vieles veränderte sich nach dem Erscheinen von Emma und Ben, alle fanden ihren Platz: Agatha lebte in Frankreich auf dem Schloss und widmete sich dem Weinbau. Der Katzenjunge Nijano steckte nun in Richards Körper, hieß Samuel und wirkte glücklich, endlich in der Menschenwelt leben zu können. Nala reiste als Zauberlehrling mit Magor durchs Universum. Nur er selbst wurde von seinem Herz zerrissen, wusste nicht mehr, wohin er gehörte.

Inständig hoffte John, dass Emma sich über seinen unangemeldeten Besuch freute und somit die getroffene Entscheidung die richtige war: für Emma – gegen Annie. Schließlich hatte Emma versucht, ihn anzurufen und ihm eine liebevolle Nachricht geschrieben. Also schien alles in Ordnung. Trotzdem quälten ihn unangenehme Gefühle und Vorahnungen.

*

Nijano und Soraya stritten – wieder einmal. Es ging darum, dass er über die weite Gonorawüste fliegen wollte, um das blühende Tal in dem erloschenen Vulkankrater zu suchen, das Nijano in Songragans Erinnerungen entdeckt hatte.

»Ich werde fliegen! Du wirst mich nicht davon abbringen!«, brüllte Nijano ein weiteres Mal.

Die Drachin gab es auf, er würde sich nicht umstimmen lassen. Er war genauso ein Sturkopf wie sie selbst. Sie seufzte laut und murrte: »Gut! Dann flieg ich eben mit.«

Ein frohes Flackern glomm in Nijanos Blick. »Ja, mach das! Begleite mich!«

Soraya stupste Nijano mit der Nase an. »Wir gehören zusammen und schaffen es gemeinsam!«

»Worauf warten wir noch?«

»Auf nichts! Wir fliegen jetzt zum See und suchen Teck. Ich hoffe, er ist noch in der Nähe.«

»Bestimmt, da hat er viele Nüsse verbuddelt«, vermutete Nijano. »Am See saufen wir uns auch direkt den Bauch voll bis kurz vorm Platzen. Danach geht’s über die Gonorawüste!«

Bestätigend nickte Soraya. Als sie in die Luft abhob, folgte Nijano ihr frohen Herzens. Nach kurzer Zeit gelangten die beiden zum Ziel. Sie kreisten eine Runde über dem See, der wie ein blauer Spiegel unter ihnen lag. Danach setzten sie zur Landung an, um zu trinken. Voller Freude entdeckten sie tatsächlich Teck, der am Ufer nach versteckten Nusrinonüssen buddelte und erschrocken zur Seite hüpfte.

»Was für eine Plage, fast wäre es gewesen eine Karambolage!« Beleidigt rümpfte der kleine Kerl die Nase.

»Ach, komm schon Teck! Hast du wieder vergessen, wo deine Nüsse versteckt sind?« Soraya pustete ihm liebevoll ins Gesicht.

Verlegen schaute das Eichhörnchen zu Boden. »Äh, öh, ja, das ist wahr.«

Nijano setzte sein freundlichstes Gesicht auf. »Wunderbar, dass wir dich getroffen haben! Der Wassertropfen von Melvin ist noch in der Satteltasche, oder?«

»Natürlich ist er dort und an keinem anderen Ort.«

»Das ist gut! Wir fliegen jetzt kurz in meine Höhle. Dort versuchst du, Soraya oder mir den Sattel anzuschnallen. Danach fliegen wir drei gemeinsam über die Gonorawüste.«

Teck erschrak. »Auf keinen Fall, du hast ’nen Knall! Die Wüste ist die Hölle, die geht mir ans Gewölle! Nicht noch mal so eine Qual!«

»Stell dich nicht so an!«, schnaubte Nijano. »Das hast du doch schon einmal geschafft!«

»Pah! Die Wüste ist wirklich fürchterlich, ich bin echt nicht zimperlich!« Teck warf sich in die Brust und setzte ein würdevolles Gesicht auf.

»Wenn du dich weigerst, fress ich dich!« Nijano spie ein wenig Feuer, peitschte zeitgleich mit dem Schwanz.

Entsetzt sprang Teck weg und wollte in die Bäume flüchten.

Da schaltete sich Soraya ein. »Unsinn! Nijano, du Macho!«

»Macho?«, fragte Nijano verwirrt. »Was ist ei…«

»Sei still! Teck, komm zurück! Er tut dir nichts, das verspreche ich dir!«

Zögernd machte Teck kehrt und schaute fragend zu Soraya.

Die Drachin stupste dem Eichhörnchen vorsichtig vor den Bauch. »Wir brauchen dich, um den Wassertropfen zu bedienen. Wir wollen etwas für deinen Freund Melvin in Erfahrung bringen, was für ihn sehr wichtig ist. Bitte, hilf uns! Auf dich können wir uns verlassen, das hast du uns schon einmal heldenhaft bewiesen.« Mit einem treuherzigen Augenaufschlag sah sie Teck an. »Ohne dich kriegen wir es nicht hin!«

Nijano verdrehte die Augen über so viel Gesülze – typisch weiblich!

Teck schien zu überlegen. Nach einer Weile lenkte er ein: »Was soll das so Wichtiges für Melvin sein, dass wir uns aussetzen dem schlimmsten Sonnenschein?«

»Es geht um seine leiblichen Eltern, wir verfolgen eine Spur.«

Theatralisch seufzte Teck. »Für dich, Soraya, will ich es tun, gegen Nijanos Drohung dagegen bin ich immun.«

»Danke! Du darfst auf mir fliegen, dann musst du nicht auf dem Bollerkopp da sitzen!« Soraya warf Nijano einen tadelnden Blick zu, der belustigt grinste.

»Wenn alles geklärt wäre, saufen wir uns jetzt voll und ab geht’s«, polterte er und stampfte zum Wasser, um die Schnauze ins kühle Nass zu tauchen.

*

Nachdenklich stand Emma in der Küche, um sich einen dampfenden Tee aufzubrühen. Wintertee von Tante Esther, mit Süßholz, Ingwer und Pfefferminze. Endlich war Freitag, somit stand das Wochenende bevor mit Ausschlafen und Rumhängen. Vielleicht würde sie später zu Ben gehen. Es klingelte an der Haustür, da niemand sonst reagierte, schlenderte sie hin und öffnete. Sie erstarrte. Vor ihr stand John!

Lässig lehnte er am Türrahmen, die Hände in den Hosentaschen vergraben, neben sich einen großen Rucksack und grinste.

Ihr Herz kam aus dem Tritt. »John!« Sie flog in seine Arme, presste sich an ihn und konnte nicht verhindern, dass ein paar Freudentränen flossen.

Mit starkem Griff hielt er sie umfangen, vergrub sein Gesicht in ihren Haaren, sog den Duft ein und drehte sich glücklich mit ihr im Kreis. »Meine Emma!«

Zittrig umfassten ihre Hände sein Gesicht. Sie zog ihn heran, küsste ihn atemlos und konnte nicht fassen, dass er tatsächlich vor ihr stand. »Wieso bist du hier? Wieso hast du nicht geschrieben, dass du kommst?«

»Möchtest du mich nicht hereinbitten?«, schmunzelte er.

Kurz überlegte Emma. Nein, wollte sie nicht! Alle Geschwister waren zu Hause und würden John belagern, doch sie wollte ihn erst mal für sich allein haben. Mit ihm sprechen, alles klären, ihm von sich und ihren Gefühlen erzählen. »Nein, Moment! Ich ziehe mir eine Jacke an und wir gehen spazieren. Ich möchte … mit dir in Ruhe quatschen … okay?«

»Gern! Lass mich nur meinen Rucksack bei dir abstellen!« Er schwang ihn über eine Schulter, ging damit die Eingangsstufen hoch und ließ ihn im Flur stehen. Dann folgte er Emma, die seine Hand nahm und ihn mit sich Richtung Wald zog. Immer wieder schaute sie ihn an und strahlte. John war da, ihr John!

»Du freust dich ja richtig, mich zu sehen!«

»Hast du etwas anderes erwartet?«, fragte sie erstaunt.

»Nein, eigentlich nicht! Aber da ich so unangemeldet erschienen bin, wusste ich nicht …«

Eine Weile gingen sie glücklich nebeneinander her. Erst als der Wald sie mit seiner Stille umfing, begann John zu erzählen: von der Reise durch Europa, der Ankunft im Reservat, von Annie, seinen Gedanken und Gefühlen. Emma unterbrach ihn kaum, ließ ihn einfach reden. Als er verstummte, sah er sie an und versuchte, in ihrem Blick zu lesen.

»Hast du …? Hast du mit Annie …?«, fragte Emma mit heiserer Stimme.

»Nein, habe ich nicht! Aber fast!«

Entsetzt starrte Emma ihn an. Sie schluckte mehrmals und schwieg betroffen. Ihr Gefühl hatte sie nicht betrogen, sondern angedeutet, dass John sich von ihr entfernte! Der Traum fiel ihr ein. Genau das, was darin passierte, war geschehen. Träume besaßen eine Bedeutung, sie hätte es besser wissen müssen! Fast hätte sie John verloren!

Die Erkenntnis, dass er mit einer anderen etwas angefangen hatte, tat weh. Sauweh! Wie weit waren die beiden gegangen? Verletzt drehte Emma sich weg. Nach allem, was John und sie zusammen erlebt hatten! Sogar den Tod bezwangen sie gemeinsam! Er sprach doch als Erster von Liebe. Verdammt! Wie Gift breiteten sich Enttäuschung und Bitterkeit in Emma aus. Ohne zu wissen, was sie tat, gab sie John eine schallende Ohrfeige und rannte los. Völlig planlos lief das Mädchen weiter.

John hatte die Ohrfeige nicht abgewehrt, sondern wortlos eingesteckt. Geplagt von schlechtem Gewissen folgte er Emma. Als er sie einholte, zog er sie an sich. »Bitte Emma, verurteile mich nicht! Annie ist nicht irgendwer, ich kenne sie schon so lange. Als meine Eltern starben, ist sie an meiner Seite gewesen, sie hielt zu mir, wenn die anderen mir das Leben schwergemacht haben. Bis ich in Fanrea landete. Aber damals waren wir beide jung, fast noch Kinder.«

Als Emma störrisch schwieg, fuhr er fort: »Bitte, versuch mich zu verstehen! Ich bin so viel älter als du! Siebzehn auf dem Papier und durch meine gelebte Lebenszeit in Fanrea noch viel älter. Meine Bedürfnisse sind manchmal anders als deine. Ich bin eher ein Mann als ein Junge.« Hilflos schaute er sie an und zuckte die Schultern. »Trotzdem, ich will nur dich! Ich weiß nicht, wieso … Annie hat sich in mich verliebt und …«

»Ich will das nicht hören! Ist es dir so wichtig, mit mir mehr als …« Emmas Herz überschlug sich vor Schmerz.

»Nein! Hör auf, das ist es nicht! Meine Liebe gehört dir! Ich werde auf dich warten, werde dich nicht bedrängen, etwas zu tun, was du nicht möchtest. Erst wenn du bereit dazu bist!« Ratlos schaute John zu Emma und schwieg verlegen.

Traurig vergrub sie das Gesicht in seiner Jacke und schluchzte: »John, ich konnte fühlen, dass etwas nicht stimmt. Da waren diese Alpträume! Ich hatte solche Angst, dich zu verlieren! Immer wieder der Name Annie, und in mir diese miese Eifersucht! Jetzt weiß ich aber sicher, was ich will: dich!« Sie verstummte. Er blieb bei ihr! Nicht bei Annie! Seine Entscheidung stand somit fest. Brächten Vorwürfe ihre Beziehung weiter? Nein, im Gegenteil, sie würden alles zerstören. Johns Ehrlichkeit war etwas sehr Kostbares, wofür Emma ihn nicht bestrafen wollte.

Sie sahen einander in die Augen und entdeckten so viel Liebe darin.

»Manchmal muss man sich voneinander entfernen, um zu erkennen, was der andere einem wirklich bedeutet«, sagte John leise.

»Vielleicht ist das so!« Emma atmete tief durch. »Weißt du noch, was du mir zum Abschied geschrieben hast? Das Gedicht von Hans Kruppa?«

Er nickte. »Manchmal muss man ein paar Schritte rückwärts gehen, um einen Anlauf zu nehmen für den Sprung in einen neuen Anfang*.«

»Genau. Vielleicht ist das jetzt unser neuer Anfang. Komm, lass uns noch ein Stück laufen und reden! Ich brauche jetzt dringend Bewegung.«

John hielt sein Mädchen fest im Arm. Eng aneinandergepresst wanderten sie durch den Wald, redeten und redeten. Sämtliche Mauern Emmas brachen auseinander, sie öffnete sich und ihr Herz wurde ganz weit für John. Endlich stand nichts mehr zwischen ihnen. Erst als es langsam dämmerte, schlugen sie die Richtung zu Emmas Haus ein. Plötzlich verspürte das Mädchen einen dringenden Wunsch. »Würdest du mit mir noch eben zum Grab meines Großvaters gehen? Ich hab dir doch erzählt, wieviel er mir bedeutet.«

Erstaunt sah John Emma an. »Klar mache ich das!«

»Ich möchte dich ihm gern vorstellen!«

Ein liebevolles Lächeln umspielte Johns Lippen. »Er ist ständig bei dir, begleitet dich auf deinen Wegen und somit kennt er mich bereits.«

Nachdenklich kaute Emma auf der Lippe und runzelte die Stirn. »Wie kommst du darauf?«

»Unsere Verstorbenen sind weiterhin mit uns vereint und nehmen Anteil an unseren Leben. Sie sind durch das stärkste Band mit uns verbunden, das es gibt: die Liebe. Dein Großvater sitzt nicht auf dem Friedhof neben seinem Grab und wartet auf dich, sondern ist bei dir und deiner Familie.«

»Trotzdem! Ich möchte mit dir dahin! Weißt du, das sind alles so neue Gedanken für mich, da muss ich mich erst noch dran gewöhnen. Ich bin katholisch aufgewachsen und geprägt.«

Mit einer sanften Geste streichelte John ihre kalte Wange. »Na, dann muss ich wohl mit dir zu dem Grab. Wenn es für dich wichtig ist, komme ich natürlich mit!«

*

Zeitgleich saß Ben in seinem Zimmer auf dem Bett und spielte Gitarre. Die Gedanken weilten bei Nijano. Wo mochte er sich wohl gerade herumtreiben? Fing er fette Silberschnapper? Oder stritt er mit Soraya?

»Beeen?« Mattes betrat das Zimmer, und wenn er den Namen so in die Länge zog, wollte er meistens etwas von seinem Bruder.

»Jaaaa?«, kopierte der den Kleinen. »Sag an, was willst du von mir?«

Mattes kicherte verschmitzt. »Woher weißt du, dass ich was will?«

»Ich kann in deinen Kopf gucken!«

»Echt?«

»Echt!« Ben versuchte, ein ernstes Gesicht aufzusetzen.

Nach kurzem Zögern prustete Mattes los. »Nee, kannst du nicht! Spielst du mit mir Lego? Mir ist langweilig!«

»Was hältst du von Stadt, Land, Fluss?«

»Och, nee, da gewinnst du immer!«

»Du kriegst mehr Zeit und ein Wort als Joker!«

»Na gut!«

Die beiden legten sich mit Papier und Stiften bewaffnet auf den Boden. Sogleich legten sie los.

*

Trostlos breitete sich die Gonorawüste unter Soraya und Nijano aus. Der monotone Rhythmus der Flügel und der Anblick des alterslosen Sandmeeres ließen die Sinne abstumpfen. Das Ziel der Drachen lag noch in weiter Ferne, obwohl sie bisher ohne Pause geflogen waren. Als der grelle Schein der Sonne sich veränderte, bemerkte das Paar zunächst nichts, sondern stellte erfreut fest, dass unverhofft eine sanfte Brise die Hitze milderte. Der Glutball nahm einen milchigen Farbton an und verbarg sich hinter gelblichem Dunst.

Erst als der Wind auffrischte, hob Nijano den Kopf, um den Horizont zu mustern. »Sieh dir die Sonne an! Das gefällt mir nicht, da stimmt etwas nicht!« Beunruhigt stöberte er in den Erinnerungen seiner Mutter. Mit Entsetzen erkannte er, dass etwas Bedrohliches auf sie zurollte. »Ein Sturm kommt auf!«

Jählings blies der Wind in kurzen, heftigen Böen, sodass die Drachen gegensteuern mussten. Die reglose Oberfläche der Wüste geriet in Bewegung. Der Sand erhob sich und begann seinen wilden Tanz.

»Höher steigen?«, brüllte Soraya.

»Zu spät! Landen, sofort landen! Das ist ein Staubsturm, der weht bis weit nach oben!«

Im Sturzflug rasten die Drachen dem Boden entgegen, während Sand gegen die massigen Körper prallte. Unzählige Körner prickelten gegen Schuppen, bissen in die Augen, verstopften Nasenlöcher, schmirgelten die beiden Kehlen. Die Sicht ging verloren und damit die Orientierung. Die Drachen drohten zu ersticken.

»Bleib in meiner Nähe!«, krächzte Nijano. Der heulende Sturm übertönte fast die Worte.

»Ich versuche es! Ich …« Schon trieb Soraya davon, verschwand aus seinem Blickfeld.

*

Ohne Vorwarnung begann Bens Herz zu rasen, es fiel ihm schwer zu atmen. Er warf den Stift von sich. Ein Stöhnen kam über die Lippen.

Verwirrt starrte Mattes ihn an. »Was ist los? Weshalb hörst du auf? Weißt du nicht weiter?«

»Lass mich!« Schwindel erfasst Ben. Sein Herz wurde von einem brennenden Schmerz erfasst. Zugleich begann des Drachenmal zu jucken. Ben fasste das Mal an, als es plötzlich zu glühen begann. »Oh, nein! Nijano ist in Gefahr!«

»Was? Was redest du da?«

Ben sprang auf und stürzte ins Badezimmer. Adrenalin flutete seinen Körper. Über den Atem versuchte der Junge sich zu beruhigen, doch es gelang ihm nicht.

Zaghaft klopfte es an der Tür. »Ist alles okay? Soll ich Hilfe holen?« Mattes Stimme klang verunsichert.

Ben seufzte. »Alles gut, ich hab wohl zu wenig getrunken oder einen Virus eingefangen. Mir ist übel und schwindelig! Wir spielen später weiter!«

»Hm! Wenn du meinst …« Überzeugt wirkte Mattes nicht.

Als Ben sich entfernende Schritte hörte, rutschte er mit dem Rücken die Wand entlang und sank zu Boden. Er umschlang seine Beine mit den Armen. »Nijano, mein Freund! Was ist mit dir?« Hilflosigkeit vermischte sich mit Angst um seinen Drachen, während das Mal weiterhin brannte. Aber der Junge konnte nichts tun. Nur abwarten. Doch dann sandte er dem Freund wenigstens über alle Grenzen hinweg Liebe und Hoffnung.

*

Der Staubsturm führte zu einer Bruchlandung. Soraya und Nijano knallten hart auf den Boden, überschlugen sich mehrmals und kamen ein Stück voneinander entfernt zum Stillstand. Ihre Schreie verhallten im Brausen des Windes. Die Drachen verbargen das Gesicht unter den Vorderbeinen und reduzierten die Atmung. Beide wussten, dass die Suche nacheinander jetzt sinnlos war.

»Geht es dir gut, Soraya?«

»Ja! Und dir?«

»Wir leben noch! Das genügt momentan!«

Dunkelheit umgab das Paar. Kaum gelang noch das Atmen, da die Luft von dichtem Staub erfüllt war. Sand warf sich mit Wucht gegen die Körper der beiden, ergoß sich wie eine Lawine über sie. Blitz und Donner gesellten sich zum Sturm. Die tosenden Elemente verschmolzen zu einem wilden Wirbel, der die Wüste in einen Hexenkessel verwandelte.

Verborgen unter Sand, zugeweht und aussehend wie eine Düne, verharrten die Drachen. Sie regten sich nicht. Dachten aneinander. Hofften und bangten.

Dann ließ der Wind langsam nach. Erste Partikel sanken zurück zur Oberfläche und blieben liegen. Weitere folgten. Die Drachen bemerkten die Veränderung, bewegten die schweren Körper und schüttelten den Sandberg herunter. Röchelten, schnauften, spien Feuer. Versuchten, mit den Pfoten die Körnchen aus den Augen zu wischen, blinzelten. Als sie einander endlich wahrnahmen, überrollte sie ein riesiges Glücksgefühl. Brüllend stürmten sie aufeinander zu und rieben Nase gegen Nase.

Plötzlich erstarrte Soraya. »Teck! Was ist mit Teck?«

»Den hab ich ganz vergessen!«

»Teck, kleiner Freund! Geht es dir gut?«

Ein schabendes Geräusch erklang aus der Satteltasche. »Ei, der Daus, ich trau mich wieder raus!«, ertönte kratzig das Stimmchen. »Das war widerlich, einfach schrecklich!« Der Kopf des Eichhörnchens schaute vorsichtig aus der Tasche. »Hatschi!«

*

In der Menschenwelt lösten sich Beklemmung und Schmerz von Bens Herz. Frieden durchfloss den Jungen, ebenso Erleichterung. Tief atmete Ben durch und seufzte laut. »Junge, Junge, was auch immer da gerade mit Nijano passiert ist, es scheint ja noch mal gut gegangen zu sein! Schade, dass ich ihn nicht anrufen kann. Was geschieht mit mir, wenn Nijano stirbt? Ich hab keine Ahnung! Das ärgste Wissen trägt sich aber leichter, als das ärgste Fürchten.*«

Fanrea Band 3

Подняться наверх