Читать книгу Heiden, Christen, Juden und Muslime - Anna Ehrlich - Страница 9
Austria Romana
ОглавлениеDas Königreich Norikum wurde dem Römischen Reich nach über einhundert Bündnisjahren im Jahre 15 v. Chr. einverleibt. Grundsätzlich pflegten die Römer ihre Soldaten stets möglichst weit von deren Heimat einzusetzen. Sofern nur jeder Einzelne von ihnen den Kaiserkult anerkannte, konnte er ansonsten glauben, was er wollte. So kamen sämtliche Götter, die irgendwo im Imperium Romanum verehrt wurden, auch nach Österreich. Manche verschmolzen1 mit römischen, keltischen oder vorkeltischen Gottheiten, wie z. B. Isis mit der Großen Mutter Noreia. Wir kennen zwei ihrer Heiligtümer, in Hohenstein im Glantal und auf dem Ulrichsberg, sie sind durch Inschriften bezeugt.
Der Ulrichsberg, als Mons Carantanius namensgebend für Kärnten, ist einer der vier Berge, die das Zollfeld, das seinen Namen von Solium ableitet, umschließen. Auf ihnen befanden sich in vorrömischer Zeit Heiligtümer, und noch heute verbindet sie ein uralter Kultlauf, der Vier-Berge-Lauf, der vermutlich auf einen vorchristlichen Frühlingskult zurückgeht. Am »Dreinagelfreitag« (dem zweiten Freitag nach Ostern) wird um Mitternacht auf dem Magdalensberg eine Messe gefeiert. Der Chor der Kirche steht auf einem alten keltischen Vierecktempel, und der Weihwasserkessel ist in ein heidnisches Dreikopfbecken eingesetzt. Solche Dreiköpfe stellen keltische Gottheiten dar, sie sind ein Symbol der Sonne und der Jahreszeiten. Der Priester besprengt die Läufer, deren Hüte mit Wacholder geschmückt sind, mit Weihwasser, dann laufen sie auf den Ulrichsberg, wo der zweite Gottesdienst gefeiert und Efeu zum Wacholder gesteckt wird. Beim Aufstieg auf den Veitsberg kommt Immergrün dazu. Nach der Andacht in der kleinen Bergkirche laufen die Teilnehmer über Gradenegg und Sörg, wo zuletzt Buchsbaum auf die Hüte kommt, und treffen sich auf dem Lorenziberg zum Abschlusssegen.
Das vermutlich größte Heiligtum der Isis außerhalb Ägyptens befand sich im Ort Frauenberg bei Leibnitz, 500 Meter neben dem Schloss Seggau. In römischer Zeit galt Isis-Noreia als Herrin des Schicksals, des Lebensglücks, der Fruchtbarkeit, des Bergsegens und der heilenden Kraft, insbesondere des Wassers. Einige ihrer Züge übertrug man später auf die heilige Hemma von Gurk, Gräfin von Friesach und Zeltschach, die im 11. Jahrhundert lebte: Man pilgerte zu ihr, um nie mehr Mangel an Brot zu leiden2, und Frauen mit Kinderwunsch setzten sich auf den Stein, der neben ihrer Gruft steht.
Wie in Rom und im gesamten Reich bauten die Römer in den Provinzen Rätien, Norikum und Pannonien, auf deren Gebiet der größte Teil von Österreich liegt, in jeder Stadt ein Kapitol. Es war der kapitolinischen Trias Jupiter – Juno – Minerva geweiht, außerdem diente es dem obligaten Kaiserkult. Aber auch Statuen und Bronzestatuetten vieler anderer römischer Gottheiten und mythologischer Helden fanden sich in den Lagerresten: Merkur, Venus, Fortuna, Victoria, Apollo, Mars, Asklepios, Hygieia, die Dioskuren, Dionysos, Herkules und sogar Hermaphrodit. Aus Ägypten kam außer Isis noch Osiris, aus dem Orient Baal und Kybele, und sie galten bald als einheimische Gottheiten. Im Bereich von Mautern rief ein Liebeszauber Eracura, die keltische Göttin der Unterwelt, um Hilfe an, in Bregenz wird sie mit dem keltischen Ogmios verbunden, und anderswo erscheint sie als Juno, weil die erste Hälfte ihres Namens wie Hera klingt, oder als Diana-Hekate. Andere Inschriften nennen Dis Smertius, den Gott des Reichtums, und setzen ihn dem glänzenden Gott der Kelten, Belenus, gleich. Bei Carnuntum gab es einen Tempelbezirk auf dem Pfaffenberg. Neben Sirona wurde auch Jupiter Dolichänus (von Doliche in Kleinasien) verehrt. Im Amphitheater hatte Fortuna oder auch Diana Nemesis ihren Altar. Niemand konnte sich bei so vielen Göttern einen Durchblick verschaffen. Wollte man es allen recht machen, so setzte man am besten gleich Jovi optimo maximo (dem besten größten Jupiter) und Diis Deabusque omnibus (allen Göttern und Göttinnen) einen gemeinsamen Altar.
Das alles war nicht sehr zufriedenstellend, daher wuchs in der Spätantike die Sehnsucht nach einem einzigen Gott, nach Mysterien, dem Elysium, der Erlösung und dem Weiterleben nach dem Tode. Die Mysterienkulte um Dionysos, Herkules und Orpheus fanden viele Anhänger. Der Boden für das Christentum war damit gut vorbereitet.