Читать книгу Schuld war nur die Mustertapete! Sagt Mutter! - Carmen Immel - Страница 10
Mutti, Papa und die Nachbarn
ОглавлениеNoch mal zu den Eltern. "Deeen" Eltern schlechthin. Ich stamme von einer gottesfürchtigen Mutter ab, die sich selbst beim "Vater unser" in der Kirche schon mal versprach und dann leise Lachkrämpfe bekam und froh war, wenn wir aus der Kirche flüchten konnten. Die Mutter war eine fürsorgliche Person, die immer drauf bedacht war, dass dem Nesthäkchen nichts passierte und sehr auf Benehmen und Anstand achtete. Aber sie hatte nicht überall Augen und so landete ich oft in unmöglichen Situationen, die Angehörige zum Augenverdrehen brachten. Nicht, dass Sie mir durcheinander kommen, ich erzähle zwischendurch ein wenig im Gesamten aus meiner Kindheit. Ich werde nicht genau beschreiben, ab wann, ich laufen konnte. Fühlen Sie sich bitte in den Zeitraum eines Kindes vom ersten Tag bis etwa zum 12. Lebensjahr versetzt und denken Sie sich einfach ... ach jetzt ist sie im Krabbelalter. Mein Vater war damals das krasse Gegenteil meiner Mutter und ein bekennender Atheist, der typische strenge deutsche Veteran, bei dem Zucht und Ordnung herrschten. Was lag also näher, als immer für Ruhe zu sorgen, wenn der Herr des Hauses anwesend war. "Psssst hier, Psssst da!" Finger auf den Mund, hieß, "bloooooß still sein"! Und beim Essen wird nicht geplappert und irgendwie funktionierte das alles. Ich erinnere mich noch daran, dass ich andauernd einen Lappen im Gesicht hatte. Kinder hatten bei Mutter nicht zu sabbern. Mit vollem Mund wurde nicht gesprochen. Krümel wurden mit dem Fingerschnipsen abgeschossen und dieses "Pferdeschwanz-Strammziehen!", spüre ich heute noch. Ständig lief man hinter mir her und putzte an mir rum. Ich kannte kein Nutella verschmiertes Gesicht und Brei hing bei mir auch nicht in den Mundwinkeln. Mutter hasste es, wenn Kleinkinder verschmiert im Gesicht waren. Sie brachte mir auch eine Art Sterilität bei. So soff ich niemals aus andern Leut's Flaschen. Milch war ein heikles Thema, wehe die Tüte wurde ohne Glas ausgesoffen! Jeder hatte seinen Teller, sein Glas, sein Besteck. Hatte man irgendwo Schmiere im Gesicht, kam der Waschlappen umgehend angeschossen. Mutti hatte bei mir immer was zu wischen, ich brauchte bloß in die Nähe von Nahrung zu kommen oder eine Windböe blies mir Laub ins Ohr oder was auch immer. Später als ich alleine aufrecht gehen konnte, sorgte ich dafür, dass ich von alleine sauber war, das war echt gute Erziehung. Komisch nur, das beim Badewasser so geschludert wurde. Jeden Samstag war Badetag. Zuerst der Herr des Hauses, danach in Rangordnung alle Mann hinterher. Igitt, wenn ich da heute noch dran denke. Wenn ich dran war, musste ich im Sud von 5 Leuten baden und es wurde nur heißes Wasser nachgefüllt. Das erste Bad, welches ich endlich persönlich alleine nur mit Muttis Waschgang genießen konnte, sollte aber folgen. Ich weiß noch, als bei uns im Dorf eine Art Fest war, ich war wohl gerade im Laufalter. Da stand vor dem ersten großen Supermarkt ein Karussell. Mutti hatte mich zwar fest an der Hand, aber wie das so ist. Man lernt sehr früh, sich durchzusetzen. Da musste ich drauf. Danach stürmte ich zum geliebten Softeis Verkäufer und verschluckte dieses köstliche klebrige Teil. Ja und die erste Zuckerwatte folgte natürlich und Mutti konnte gar nicht so schnell mit den Tempotaschentüchern nachrücken. Wisch hier, Wisch da und nun noch auf das Schaukelpferd vor dem Eingang und dann kam noch die Waffel und aufs Karussell musste ich auch noch mal, und noch ein Softeis. Und noch mal mit einem Tempo über den Mund und die Finger abgezogen, Hand umgedreht für gut befunden, den Scheitel gezogen "Pferdeschwanz" strammziehen und wie mit Persil gewaschen, ab zum nächsten Event auf dem Dorffest. Mutti war sichtlich genervt und dann musste ich zu Hause außergewöhnlich gebadet werden, weil ich irgendwann endgültig vollgesaut war. Die Wanne war noch nicht halb voll, ich stand in der Mitte und da schoss es aus mir raus. Ich werde nie vergessen, wie viel Masse ich ausgekotzt habe. Das war schlimm. Ich stand vollgekotzt in der Wanne und Mutti hatte die tragische Aufgabe, im Wasser zu wühlen und den Stöpsel zu suchen. Boh … hat die geschimpft. Meine Kotze musste ätzend sein, denn dieses angewiderte Gesicht hab ich damals nicht verstanden. Nun ja, man sah halt kein Wasser mehr. Jepp, und dann wurde es schlimm für mich, der elektrische Wasserboiler knallte ständig durch, entweder lief Mutti los und drehte die Sicherung wieder rein, oder es kam kaltes Wasser. Mutti war so sauer, dass sie mich kalt abspülte. Wenn ich ehrlich bin, tut sie mir noch heute leid. In der Wanne lagen dann die Bröckchen, die mussten auch noch raus. Ekelhaft nicht wahr? Ich denke wegen Mutti wurde der Knigge Ende der 70er erfunden. Ich erinnere mich noch daran, wie unser Vater sonntags mit dem schwarzen Anzug in die Pilze ging. Halloooo? Pilze suchen ... so was gibt es heute noch. Für Papa gab es keine Pilze aus der Dose. Alles wurde frisch gefangen und selbst erlegt. Es musste also eine Pilzpfanne herbei und das hieß angetreten. Die ganze Familie, ob man wollte oder nicht. Alle Mann, Plastiktüten in die Hand und ab in den Wald. Kein Mucks dabei, man konnte doch die Pilze verscheuchen. Ich hatte die Tüte immer als Erstes voll und sie waren immer stolz auf mich und lächelten oder lachten widerlich laut. Woher sollte ich wissen, dass Fliegenpilze und Stinkmorcheln nicht essbar sind? Sonntags mittags wurde dann die Pfanne bereitet und nach dem stillen Tischgebet wurde sich dann über mich lustig gemacht. Mein atheistischer Vater und Beten? Klar doch, alles, was nach außen hin gut für die Gesellschaft aussah, wurde auch gemacht. Mutti übernahm immer den Glaubensauftrag. Er guckte beim Beten immer etwas abwesend in die Gegend. Zu mir zurück, ja die Petra hatte alles im Wald gesammelt, was nicht Niet- und nagelfest war. Man prognostizierte schon mal, dass ich später bei der städtischen Müllabfuhr arbeiten würde. Nun gut, das Hobby mit den Pilzen war nicht meines, aber Vaters Hasen. Ich lernte Bock und Rammler kennen und den kleinen Stall mit den jungen Hasen. Das war so schön, besonders wenn ich füttern durfte und danach alle Türen offenließ. Wie den einen Sonntag als Papa seinen guten Anzug anhatte und Mutti ihr Kostüm. Der Moment, in dem alle Nachbarn ebenfalls zur gleichen Zeit aus den Türen kamen und gerade zur Kirche laufen wollten. Da war nur die Sache mit den gefühlten 200 jungen Hasen, die im gesamten Umkreis fröhlich am Löwenzahn knabberten. Ein Pfiff meines Vaters zu den Nachbarn, die schon parat in der Haustür zum Kirchgang standen, also eine Armee von Männern. Begleitet von den entsetzten Gesichtern ihrer Ehefrauen, machten sie sich auf und jagten am frühen Sonntag vor dem Kirchgang unsere Hasen. Ich empfing noch den Blick von Papa! "Ruf den Bestatter an und gib deine Maße durch!" Die Nachbarmänner stürzten sich todesmutig mit ihren Anzügen in die Wiesen und liefen wie angeschossen hinter den Viechern her. Ich weiß noch, wie der Onkel Nachbar sich die Jacke auszog und seiner Frau zuwarf und dann mit dem weißen, gestärkten Hemd über einem Hasen in der Luft hing und sich dann auf ihn schmiss. Irgendwann waren alle Hasen wieder im Schuppen und wurden durchgezählt. Meine Tracht Prügel bekam ich nicht, weil Mutti mich schnell genug verstaut hatte. Den Kirchgang konnten danach alle vergessen, der Kampf mit den Hasen folgte öfter und wurde schon mal mit einer hellen Flüssigkeit belohnt. Diese Flüssigkeit brachte Leute zum Grinsen. Die alten Nachbarn erzählten oft von meinen Eltern und was bei uns so alles Lustiges abging. Papa hatte eine Art Berühmtheit in der Nachbarschaft erlangt. Meine erste Begegnung mit unserem schwarzen Schäferhund Rex kommt mir auch gerade in den Sinn. Papa besorgte eine Bestie, passend zu ihm (Upps). Ein Dackel wäre nicht machbar gewesen. Tiere waren Nutzviecher und gehörten entweder in die Pfanne oder mussten etwas darstellen. Was ich damals nicht wusste ... der Hund war wirklich böse. Ich fand ihn toll und war neugierig, aber keiner ließ mich zu dem Hund. Aber alles, was höher war als ich, ging in die Sparte Pferd und benötigte einen Reiter. Rex stand stramm, wenn man auf ihn zuging und lustig war der. Ich weiß noch, wie die Kette knallte, wenn er mit mir spielen wollte. Der Pfeiler, an dem die Kette hing, war in Beton gegossen. Der Hund fletschte die Zähne und knurrte. Sein Rachen war zartrosa und meistens, wenn ich freudig auf ihn zu stürmte, wurde ich in die Luft gehoben, oder am Nacken weg gezogen oder egal, ab einer gewissen Entfernung hörte ich meistens:
»Aaaaaaaachtung, der Köter, die Petraaaaa!« Und da lernte ich, die Erfahrung mit der Schwerkraft. Also, wenn Klein-Peti auf den Hund zuging, hob ich ab. War interessant. Ich übte das fortan täglich, langsam heran pirschen, der Hund fletschte das Gebiss und dann ab nach oben in die Luft und observiert, ob noch alles an mir dran war. Das lief so lang, bis man beschloss, der Hund muss weg. Ich erfuhr später als ich größer war, dass sie eine Art Godzilla im Garten an der Kette hatten. Aber wir hatten noch mehr Tiere. Tanzmäuse meiner älteren Schwester (die leider nicht mehr lebt) und Hamster und alles, was vier Beine hatte. Eine meiner Schwestern brachte eines Tages eine Katze nach Hause, die gebar gefühlte 5-mal im Jahr einen Satz Junge und damals gab es noch keinen Tierarzt, so wie es heute üblich ist. Ich meine damit natürlich die Sterilisation. Hätte man auch kein Geld für gehabt ... wir hatten doch nichts. Aber Mäusefänger waren immer gut, wenn die Biester nur nicht ständig rollig gewesen wären. Die Nachbarn wurden mit Mäusefängern versorgt, und da unsere Katze der Einfachheit halber Pussi genannt wurde, bekamen alle Jungtiere ebenfalls den Mutternamen. So liefen jahrelang in der Gegend überall unsere Pussis rum. Eine Nachbarin (Tante Hedwig) störte der Stammbaum extrem, sie nannte ein Kätzchen Muschi, das war fatal und gegen jede Regel. Muschi wurde extrem fett und groß und das Miststück hat mich auch mal gebissen. Tante Hedwig war übrigens auch extrem fett. Ich weiß noch, wie ich ihre Füße bewundert habe. Die schwappten immer über ihre Schuhe, die wie ich fand, viel zu klein für diese Donnergeschosse aus Wasser und Fett waren. Da ich der fetten Muschi nie verziehen hatte, dass sie mich gebissen hatte, warf ich Tante Hedwig aus Rache eines Tages nè Stinkbombe in den Keller. Das sollte sich später auch rächen, denn ich wurde gesehen und hatte Grundstücksverbot bei Tante Hedwig. Tante Hedwig hatte die prallsten Kirschen und die dicksten Äpfel im Garten und die konnte ich später nicht mehr klauen. Nun ja und wenn ich so nachdenke, hatte ich schon ein interessantes Dasein. Von morgens bis abends draußen, voll Pflaster und blauer Flecke, wenn ich heute drüber nachdenke, war ja nicht alles schlecht. Wir waren die Kinder, die noch mit der Wildnis kämpften und nicht googeln mussten, wie Schlamm schmeckt oder was drin steckt. Wir fraßen fast alles am Wegesrand und ich weiß noch, wie mein Freund Jens aus dem Bach gesoffen hat und danach einen ganzen Tag Bäuerchen machen musste. In unserer Zeit gab es Latzhosen mit Flicken drauf und 1 Paar Schuhe und die wurden noch blank gerieben mit Erdals guter Paste. Übrigens, damals gab es noch die Regel, jedes Kind wird satt. Und wenn eines außer der Reihe dazu kam und nicht geplant war, wurde man nicht nach 5 Beratungsgesprächen in die Tonne gekloppt. Es wurde eine Kartoffel mehr geschält. Upps? Bin ich jemanden auf die Füße getreten? Ist doch so, wir waren damals noch alle willkommen und halfen mit, wenn es hieß, das Leben der Eltern schwer zu machen. Ich will nicht wissen, wie oft meine Mutter vor die Tür gerannt ist und laut aufgeschrien hat, um dann völlig beruhigt rein zu kommen und mit der Erziehung fortzufahren. Na ja, unsere Sippe war zwar turbulent im Ganzen, aber wir hielten auch zusammen und es galt noch der alte Wert der Familie. Rechtschaffen, anständig und Muttis Wischfimmel. Ok, das prägt aber auch oder sagen wir mal, es nervte, bis es nachließ.