Читать книгу Schuld war nur die Mustertapete! Sagt Mutter! - Carmen Immel - Страница 11

1967, das Jahr, in dem das Drama begann

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Der Unfall kommt zur Welt. Der Tag war wohl einer der schlimmsten im Leben meiner Geschwister. An einem Dienstagmorgen hatte Mutti mehr als 14 Stunden unter höchsten Anstrengungen an mir rum gedrückt. Da draußen schiss jemand meine Mutter zusammen und ich sollte gleich in die Hände dieser krakeelenden Furie wandern? Ich stemmte mich innen mit Händen und Füßen gegen die Gebärmutterwand. Ich verlor den Kampf. Es war 9.05 Uhr und ich erblickte das Licht der Welt. Um mich rum sollten meine Tanten und Onkels freudig auf mich herab geblickt haben und ich zog alle Aufmerksamkeit auf mich. Da war ich! Und das trotz der Pille und höchsten Sicherheitsvorkehrungen. Nun ja, meine Schwester erzählte mir mal, dass man ihre einzige 1 in Mathe nicht richtig wahrnahm, als sie aus der Schule kam. Sie hatte wohl vergeblich versucht, auf sich aufmerksam zu machen. Leider hab ich keine Bilder von mir oder überhaupt von dem Clan, denn entweder war der Fotoapparat kaputt oder gerade kein Film zur Hand. Ich soll viel geschlafen haben und sehr ruhig gewesen sein, was sich später ins genaue Gegenteil verkehrte. Ich bekam eine gehörige Portion Temperament meines Papas in den Torso und das weiche Wesen meiner Mutti und diese Mischung, die überhaupt nicht passte, musste ich später kontrollieren lernen. Sie kennen das, wenn Sie bei Aufregung in Null-Komma-Nix auf 180 sind? Ich kann das in weniger als Null-Komma-Nix! Ich weiß noch, dass ich Mittagsschlaf hasste. Ich hasste Grießbrei, ich hasste Haferschleim, aber als man mich vor ein Hähnchen setzte, entdeckte man die Affinität meinerseits auf alles, was fliegen konnte. Heute will sich keiner mit mir gemeinsam zum Essen treffen, wenn ich Hähnchen auf dem Teller habe. Das Knacken der Knochen und Lutschen und Schmatzen, wenn ich so einen Flattermann vertilge, soll laut anderer unerträglich sein. Zurück zu mir, als fleischfarbenes, stilles Bündel ohne Namen. Papa wollte Spanisch und Mutti wollte Deutsch. Daraus wurde schrecklich Petra-Carmen. Man kürzte ab und es folgte Peti. Zur Verniedlichung baute man mich um in Klein-Peti oder "Schisser". Schlimmer konnte es nicht mehr kommen. Auf jeden Fall kümmerten sich meine Geschwister um mich und zogen mich im wärmsten Sommer winterlich an und ich muss laut Erzählungen fürchterlich geschwitzt haben, aber damals konnte man schnell erfrieren. Auch wurde ich vor Tonbandgeräte gesetzt und musste Laute von mir geben, wohl um zu testen, wie musikalisch ich mich entwickeln würde. Später konnte ich diese Laute dann selber hören und wunderte mich nicht, wie sie alle lachend vor dem alten Kasten saßen und ein "Uh" oder "Oh" hörten. Das war Klein-Peti´s erster Singversuch. Nachts gab ich auch Laute von mir, ich war der erste Schnarch-König aller Zeiten und hielt die restlichen Hausbewohner öfter wach. So schlimm, dass man mir später zweimal kirchgroße Polypen entfernen ließ. Der Aufenthalt im Krankenhaus ist mir noch in Erinnerung. Das Heimweh war groß. Apropos Krankenhaus, damals gab es noch nicht den Notarzt in dem Sinne, wie wir ihn heute kennen. Wir hatten aber den alten Doc. Der war immer zur Stelle. Der hatte ganz große Tetanusspritzen und der konnte mit Kindern umgehen wie Graf-Grob und hatte das Talent bei mir zu warten, bis ich die Pobacken aufs Äußerste angespannt hatte und dann haute er die Nadeln rein. Ich hasste ihn wie die Pest. Nach der für mich, viel zu frühen Mandel- und Polypen-OP musste ich immer um den Hals herum warmgehalten werden. Auf jeden Fall hatten sie mein Schnarchen damit endlich unterbunden. Morgens traf ich oft auf unausgeschlafene Familienmitglieder, die mir gerne mal den Hals rum gedreht hätten ... hö, hö, hö. Ein Nasenwärmer wurde für mich gehäkelt und hinter die Ohren gespannt. Dass mir die Sutsche aus der Nase in das hässliche Teil lief, interessierte keinen. Ach, was man überhaupt mit mir anstellte. Die eine Schwester verwechselte mich mit ihrer Puppe und ich wurde ständig umgezogen. Ständig diese nervenden Wasch-Rituale. Ein rosa Fass wurde meine Badewanne und Kernseife war wohl extra für meine zarten Augen erfunden worden. Aber resolut, wie alle waren, das Kind musste sauber gehalten werden. Einige Zeit später durfte ich auch endlich alleine aufs Klo. Hier wurde ich zum größten Konsumenten im Klopapierverbrauch ernannt. Ich war Weltmeister im Klo verstopfen, ich verbrauchte Berge an Papier und ich hörte immer den Ruf:

»Und verstopf nicht wieder das Klo!« Das Klo-Verstopfen hatte Prägung für meine spätere Jugend! Was damals keiner wusste, war die Tatsache, dass unser Durchlauf vom Klo zur Jauchegrube kaputt war. Also ratterte man die Klo-Rolle leer und dann stieg das Wasser. Manchmal stieg es erst an und die Angst kam hoch, was denn nun? Auweia, flutet man die Hütte? Dann kam der Rumms und es schoss ab und die Erleichterung war kolossal. Zur Jauchegrube durfte ich nie. War Hoheitsgebiet und man erklärte mir damals, falls ich da rein falle, würde ich nie mehr gefunden. Wie grausam, Schreck lass nach, wie kann man so etwas nur kleinen Kindern erzählen? Hätte man einen Deckel drauf gemacht, aber nee, der Mist musste lüften. Nach links am Haus war es gefährlich, wegen der steilen Treppe, nach rechts war die Jauchegrube, also blieben mir oft nur die Wiese und meine Schaukel, auf die ich nicht alleine drauf kam. Immer musste jemand mit mir gehen. So ein Generve, nur Verbote und Regeln. Ok, zurück zur Latrine, wo ich alleine drauf durfte und sogar die Tür durfte ich zu machen. Ich mochte es nicht, beobachtet zu werden! Ich war schon damals Ästhet und sehr auf Etikette bedacht. Die erste Zeit setzte ich mich falsch herum aufs Klo. Ja doch, ich fand es doof, wie alle anderen, richtig herumzusitzen. Von mir aus konnten die mich auslachen; es war doch dasselbe in Grün. Irgendwann saß ich auf dem Klo und entdeckte einen Schlüssel in der Klotür.

Sehr interessant. Ich sang mein englisches Lied lauthals und wischte mir den Po ab. Englisch? Ja, meine Schwestern sangen immer in Englisch und diese Laute konnte ich perfekt imitieren. Sagen wir mehr denglisch. Nun ja, nach dem intensiven Klogang und dem pompösen Abwischen entdeckte ich also den Schlüssel in der Tür und was folgte? Klar, ich ging zur Tür und drehte ihn sorgsam um. Peng! Die Tür war zu. Ein Rütteln und Gegentreten nützte nichts, sie war zu. Meine Aufregung wuchs enorm und endlich wurden alle anderen auch aufmerksam und merkten auf der anderen Seite der Tür, dass Klein-Peti sich eingeschlossen hatte. Ich war schon immer schnell von Begriff und hörte, dass ich an dem Schlüssel drehen musste. Es waren mehrere Personen, die riefen:

»Peeeeetraaaaa! Du musst nach daaaa drehen!« Ich drehte.

»Nein, nach daaaaaaa! Wo ist die linke Hand?« Was wusste ich denn, was links und rechts war? Soweit waren wir noch nicht, wir hatten doch gerade erst mit dem großen Zeiger auf der Uhr angefangen. Also versuchte man mir blind, links und rechts zu erklären. Jetzt stelle man sich vor, dass ich verkehrt herum stehe. Wenn sie links sagten, dann drehte ich nach rechts. Das Spiel muss stundenlang gegangen sein, denn man organisierte meinen Onkel, den Schreiner, und man sorgte sich schon, dass ich verhungern könne. Auch diese Verzweiflungsschreie hinter der Tür, die Drohungen, dass man mir den Hintern versohlte, dann wieder liebliche Versuche, mich aufzumuntern. Ach war das schwierig, irgendwann machte es Klick und die Tür war auf. Den Blick meiner entsetzten und völlig geschafften Mutter werde ich nie vergessen. Ab sofort blieb die Tür vom Klo auf. Nie wieder hatte ich an einem Schlüssel zu drehen! Den Donnerhall von Mutti vergaß ich so schnell nicht. Das hatte zur Folge, dass ich auch Zugang zu den anderen duftenden Sitzungen hatte. Komisch, immer wenn einer aufs Klo ging, hatte ich ihm was zu erzählen. Wie oft hörte ich:

»Waaas willst du? Raus! Tür zu!« Oder ich kam mit den neuesten Nachrichten und stürmte durch die Tür:

»Äh, weißt du schon?«

»Raus! Himmel, Arsch und Zwirn, kann man sich nicht mal in Ruhe den Arsch abwischen, ohne dass dieses Plag hier rein stürmt?« Aber es war wie ein Zwang. Man erzog mich regelrecht dazu, Sitzungen zu stören. Ich fand es faszinierend, neugierig die Tür zu öffnen, den genervten Anpfiff zu kassieren und Düfte zu analysieren. Manchmal war ich so verdattert, das ich geschockt und von selbst den Rückzug antrat und mir einfach die Worte fehlten. Nun ja, ich machte die Erfahrung, dass Geruch nichts mit der Größe eines Menschen zu tun hatte. Auf keinen Fall! Aber wegen mir gab es keinen Schlüssel mehr in den Türen, zu gefährlich für Klein-Peti. Immer diese Verbote: "Tu dies nicht, tu das nicht, nein zu gefährlich, davon stirbt man!". Und wenn ich nicht hörte, wurde mir mit dem Buhmann gedroht. Das wirkte. Der Buhmann wurde erfunden, damit ich wirklich nicht in die gefährlichen Zonen des Hauses ging. Der Buhmann wurde aber auch benutzt, um mich einzuschüchtern. Blöde Welt, blöde Regeln, blöder Buhmann! Aber ich hatte einen Auftrag als Kind. Das hieß forschen, erkunden, auswerten und selbst die Ergebnisse der Forschung testen und die Folgen spüren. Nicht immer im positiven Aspekt. Meistens knallte es bei mir voll auf die Zwölf. Pflaster und Verbandmull waren ja mein ständiger Begleiter. Aber eigentlich hat sich das bis heute auch nicht sonderlich geändert.


Schuld war nur die Mustertapete! Sagt Mutter!

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