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Muttis Verzweiflung und ärztliche Ratschläge

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»Hören se' mal Herr Doktor! Also mit dem Kind … ich weiß net so richtig, wie isch datt sagen soll. Aber irgendwatt stimmt net. Manchmaa macht mir datt Petra Angst« Tatsächlich! Mutter hatte recht und verlangte nun schnelle Hilfe von unserem Hausarzt. Doch was sollte der alte Herr noch dazu sagen? Kein Wunder, ich war nicht nur ein Unfall. Der erste Blick meinerseits, nach der Geburt, war eine schreckliche Mustertapete. Zudem schallerten mir die Ohren, weil ich mit lautem Knall zur Welt kam. Sagte Mutter mir später. Angeblich war die Fruchtblase nicht normal geplatzt, sondern explodiert. Ich glaubte eher, dass die Hebamme Mutti zur Sau gemacht hatte, während meiner Geburt, weil ich mich wehrte, das Paradies zu verlassen. Des Weiteren begleitete mich ein seltsames Phänomen. Ich zog Pannen magisch an. Der alte Hausarzt war fast wöchentlich zu Gast bei uns und suchte ständig nach freien Einstichmöglichkeiten für seine Tetanusspritzen. Ob blaue Flecken an den Ellbogen oder ein aufgeschlagenes Knie. Es gab kaum eine Stelle an mir, die nicht mit Blutkruste behaftet war. Heilte die Wunde am Knie ab, schlug ich mit dem Steißbein auf. Nur am Kopf tat sich komischerweise nichts. Ich war nie vom Wickeltisch gefallen oder in der Badewanne ausgerutscht. Nein, auch nicht zu heiß gebadet worden. Beim Stillen gab es keine Probleme, außer, dass Mutter sich wie eine Melkanlage fühlte und oft das Gefühl hatte, wenn die Milch leer war, dass es nun an ihre Blutbahnen ging. Als die festeren Speisen endlich folgten, stellte man zum Entsetzen aller fest, das Kind kotzte Brei. Was nun? Aus Spaß versuchte man ganz weiche Eier. Fand der Opa gut, also musste das auch gut fürs Kind sein. Ich vertilgte fortan halbrohe Eier mit viel Maggi. Salmonellen waren noch nicht erfunden. Mutter ekelte sich oft beim Füttern und musste des Öfteren die Schale abstellen und lief von dannen. Nun musste endlich mal Abwechslung herbei. Aber ich guckte nur nach dem, was die anderen Geschwister auf den Tellern hatten. Man konnte dem Kind doch keine gefüllte Paprikaschote geben! Oder doch? Ich futterte zum Erstaunen aller, kleingemanschte Paprikaschoten. Dann Reis mit Paprikaschoten. Schön scharf das Ganze. Ich lernte das Knattern. Aber alles, was sonst kindgerecht war, mied ich. Was sollte Mutter denn machen? Das waren die 70er! Bis eines Tages ein herrlicher Duft vom Esszimmertisch zu mir schwebte. Ohne gesehen zu haben, was das war, verliebte ich mich in den Duft. Ein Versuch war es Wert. Man hielt mir eine Hähnchenkeule hin. Man staunte. Ab sofort gehörten von jedem Hähnchen die Keulen nur noch mir. Die anderen aus der Familie waren wenig begeistert. Nun musste Mutter mehrere Hähnchen braten, damit alle von den Keulen bekamen. Ich mied nämlich die Bruststücke. Ich mied auch Puten-oder Hähnchenschnitzel. Es musste immer ein ganzer Gockel sein und davon nur das "Geläuf", wie Papa es immer nannte. Papas Hasenzucht war berühmt. Auch der samstägliche Hase dufte wohlig in meiner Nase. So futterte ich denn auch Hase. Aber das war allen egal. Hauptsache ich war zufrieden. Beim Blutabnehmen stellte der Hausarzt keine Mängel fest, denn als ich größer wurde, trank ich ja auch aus der Pfütze und bekam immer ausreichend Vitamine. Komischerweise hatte ich nie Würmer. Keine Läuse, keine normalen Kinderkrankheiten. Als dann mal tatsächlich die Masern kamen, schaute unser Hausarzt komisch. Sollte das Kind sich nun doch normal entwickeln? Nee, eigentlich nicht. Wenn ich zum Arzt musste, klaffte irgendwo eine Wunde oder ich wurde mit einer Knüpfnadel im Auge zum Arzt gefahren. Ich schluckte vorher immer Entschäumer wegen meiner Darmaktivitäten. Das war besser für alle. So auch der Zwischenfall bei der Schluckimpfung. Es hieß ein Stückchen Zucker schlucken. Eine bitterböse Furie in einem weißen Kittel verabreichte diese. Damals war es normal, dass genau für Kinder die schlimmsten Drachen vorstellig wurden. Ich hatte das Gefühl, ich sei beim Bund zur Musterung. Ich hatte vor Angst fast in die Latzhose gemacht, als ich die Tante Doktor sah. Die war ja anders als der Graf-Grob von zu Hause. Den Blick von der Furie würde ich nie vergessen.

»Stell dich mal gerade hin, du hast ja jetzt schon X-Beine. Du musst später "Büro" machen, sonst knackst es im Gebälk. Mund auf und schlucken«, brüllte sie in Befehlston. Ich machte den Mund auf und schluckte. Ich spürte die Implosion in mir und die Schallwellen, die meinen Körper verließen. Die Furie fiel fast um und brüllte:

»Raus, du Ferkel!« Als Opa später die Geschichte hörte, lachte er schallend an dem breiten Holztisch, den er mittags noch abgeschmirgelt hatte. Dann machte er für mich Bratkartoffeln und warf rohe Eier mit in die Eisenpfanne. Ich mampfte zufrieden und wetteiferte mit Opa, wer die besten Töne aus den letzten 20 cm Darm erklingen lassen konnte. Ich litt unter Blähungen. Ob ich wirklich litt, war ja noch die Frage und diese stellte Mutter dem Hausarzt.

»Ich weiß ehrlich nicht, was ich sagen soll. Das Kind ist gesund! Es hat Blähungen, ja, aber wer hat die nicht? Ok, so starke Blähungen bei einem Kleinkind sind fast ungewöhnlich. Aber solange es die Luft rauslässt, passiert auch nichts im Darm. Wir können ja noch zur Probe mal ein EEG machen, aber man kann sich auch totsuchen«, sagte der Hausarzt beruhigend zur Mutter.

»Solange Petra das Firmament nicht leer futtert und den nächsten Hühnerstall nicht überfällt, ist alles in Ordnung. Jetzt gehen sie mal beruhigt nach Hause. Auf den 100 Metern kann eigentlich nichts passieren. Wenn doch, dann rufen sie mich an und ich bin da«, sagte der alte Herr. Wie oft er noch da war und wie oft er mir eine Tetanusspritze in den Hintern jagen würde, wusste er bis dahin nicht.

Schuld war nur die Mustertapete! Sagt Mutter!

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