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Kinder helfen gerne

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Als Kind, welches die Natur liebte, verbrachte ich die meiste Zeit ohne Playstation draußen. Bei uns gab es Schwarz-Weiß-Fernsehen und die Wildnis. Aber interessant war es immer, wenn Nachbarn bauten. Unsere Nachbarn wollten damals ihre Terrasse mit Waschbeton Platten auslegen, das war der neueste Clou in Sachen "Schöner Wohnen". Schwer waren die Dinger und ich beobachtete, wie die Jungs von der Tante Nachbarin die Platten vom Anhänger holten. Der Mann von der Tante Nachbarin hieß eigentlich Siegfried, aber ich nannte ihn immer Onkel Frischfried. Ich hatte es noch nicht drauf und immer dieses Gelache von den Leuten, wenn ich nach ihm rief. Onkel Frischfried hatte als Einziger in der Umgebung einen Wasserschlauch in durchsichtigem Grün und dieser diente meistens zum Befüllen meines Planschbeckens. Was lag also näher, sonntags Onkel Frischfried zu rufen und nach dem Schlauer (Schlauch) zu fragen? Wir befüllten mein Planschbecken mit dem grünen Schlauer und dann kam noch Priel mit ins Wasser. Nachdem ich mal freudig schreiend durch das noch nicht aufgefüllte Becken lief und mit dem Hinterkopf hart aufschlug, kam nè Schaumstoffmatte unter das Teil. Ich lebte wirklich sehr gefährlich, wenn ich mal so nachdenke. Aber der Onkel Frischfried der hatte auch tolle Pflaster und Tränen-Weg-Mach-Geschichten. Ich hab nicht viel geweint, ich war so ein stiller Vertreter, nach dem Motto, Bauchdecke aufgerissen, Hauptschlagader mit Hand abdrücken und in Ruhe Nadel und Faden holen und selber nähen, na so ähnlich eben. Nun ja, eines Mittags in brütender Hitze stieg ich über den Zaun und wollte Onkel Frischfried und den Jungs beim Plattenverlegen helfen. Die freuten sich wie verrückt, ich war der Depp, der alles holte und die Faulheit unterstützte, "Peti hol´ mal hier und hol mal da!" Und ich lief und holte. Gegen Mittag sollte ich mich dann mal passend hinstellen, und zwar so, dass die Jungs, die Wasch-Beton-Platten leicht gegen meine Knie lehnen konnten (ich hatte Rock an) und ich bückte mich und hielt eine nach der anderen fest. Ich weiß, nicht mehr, wie viele es auf einmal waren, es wurde aber schwer. Ich kam ins Schwitzen, machte aber keinen Pieps.

Mittagspause!! Drei Jungs und Onkel Frischfried verschwanden und kamen nicht wieder. Ich stand da mit den Platten gegen meine Schienbeine gelehnt und wankte bedächtig. Ich stand und stand und ich weiß nicht, wie viel Zeit verging, ich hatte das Gefühl, die Sonne geht gleich unter. Ich erinnerte mich, dass die Nachbarn gerne eine Siesta einlegten. Die legten sich doch nach dem Mittagessen hin. Ob die das jetzt auch getan hatten? Hatten die mich vergessen? Die Platten schabten auf den Kniescheiben und ich spürte, wie die Haut aufplatzte und meine Beine machten das große C nach hinten. Mein schmerzverzerrtes Gesicht, krampfhaftes Unterdrücken eines Schreies und der Versuch, nicht umzukippen und das Ausmalen des Ergebnisses, wenn ich unter den Platten begraben liege.

Dann ging nichts mehr, die Dinger rutschten an meinen Schienbeinen runter, schabten bis zum Knochen die Haut weg und schlugen meine zierlichen Füße zu Brei. Der Inhalt meiner Füße schoss wohl in den oberen Bereich meines Torsos und ich brüllte los wie am Spieß. Alles kam angerannt und war entsetzt, man hatte Klein-Peti total vergessen. Die Kniescheiben aufgescheuert, die Schienbeine gefühlt bis auf die Knochen sichtbar und es blutete und brannte und die Platten lagen auf meinen Füßen, vielmehr was davon übrig war. Zu meinem Entsetzen kam Mutti um die Hausecke gerannt und brüllte angstvoll los und rief nach unseren alten Doc. Der mit den groooßen Spritzen und dann schrie ich noch lauter, denn Mutti rief was von Nähen und ich sah leibhaftig vor mir eine Nähmaschine, unter der ich lag.

»Aaaaaaaaaaaaaaah«

Und die wilde Panik um mich rum machte alles noch schlimmer. Übrig blieben von mir zwei Füße wie ein Yeti und die Schienbeine offen und mit dicker Kruste. Ich konnte mit zig tausend Ausreden die Spritzen vermeiden und redete mit Engelszungen, dass ich gutes Heilfleisch besitze, und schaffte es, mir den Doc vom Hals zu halten. Das größte Pflaster wurde zugeschnitten und ich wurde wie eine Mumie von den Schenkeln abwärts verbunden. Die Kruste vom Blut fummelte ich mir später immer wieder auf. Das war wie eine Sucht von mir, überall an meinen Wunden musste ich herumfummeln. Aber das war meine letzte Nachbarschaftshilfe, das hatte ich mir geschworen.

Schuld war nur die Mustertapete! Sagt Mutter!

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