Читать книгу Schuld war nur die Mustertapete! Sagt Mutter! - Carmen Immel - Страница 18
Der Pflaumenbaum und das Jod
ОглавлениеTja, der wuchs hinter unserem Haus und war mächtig hoch. Ok, gut, die Dinger sind Scheiße zum Besteigen, wegen der Stacheln, aber wenn man nicht gerade zur dicken Eiche hoch wollte, musste eben der Pflaumenbaum herhalten. Und sonntags blieb man in der Nähe der Familie und machte sich nicht schmutzig. Was lag näher, als nach diesem Frühstücksversuch die freie Natur im Rock und Sandalen zu erkunden? Richtig, auf den Baum und mit dem Rock und der Strumpfhose in den Stacheln des Pflaumenbaumes verhaken. Oh Mann, tat das weh! Mein Pferdeschwanz war schon irgendwo fest in der Mache und dann saß ich fest. Als wäre es nicht genug gewesen, rutschte ich noch vom Ast ab und hing halb in der Luft. Ich fing natürlich an zu brüllen, und zwar wie am Spieß. Die Katze Pussi kam dumm guckend unter mir vorbei und wollte auch noch mit mir schmusen und hakte sich im Baumstamm ein und kam zusätzlich hoch.
"Auwaaaaa", Ihre Krallen spürte ich dann auch noch in der Wade und keiner kam herbei und erlöste mich. Irgendwann suchte man mich wohl und meine Mutter kam vorsichtig guckend aus der Haustüre raus. Links geguckt und rechts geguckt schaute sie dann ungläubig zu mir in den Pflaumenbaum und wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Na endlich kamen sie alle aus dem Haus geschossen und Klein-Peti wurde noch mal gerettet. Ich hatte für diesen Tag gründlich die Nase voll von Abenteuern. Wäre da nicht die Tatsache gewesen, dass mein Vater mit mir am Nachmittag eine Mofa-Runde drehen wollte. Ich erinnere mich noch gut an das gefährliche Teil und das sollte mein späteres Leben noch prägen. Vorsicht vor Zweirädern, wo dieses glänzende Rohr hinten dran hängt. Mein Vater war stolz auf dieses Mofa, so wie Leute auf einen Neuwagen. Aber dafür hatte man damals kein Geld. Wir hatten ja nichts ... ooooooh ... Klar auch, dass ich mich freute und man mich mit meinem Sonntagsrock und leider auch ohne Kniestrümpfe und Schuhe hinten auf den Gepäckträger setzte. Mein Vater war ein kalter Knochen und bei ihm durfte weder gejammert noch geweint werden. Wenn was passierte, dann hieß das, ausbluten und Einzelteile sammeln. Er schmiss die alte Karre also an und meine Beine baumelten runter, am Sitz fest gepackt und Muttis:
»Bloooß nicht los lassen!« Kommentar und dann gab Papa Gas und ich weiß nur noch, wie es am rechten Knöchel zischte und ein Schmerz durch mich durchfuhr und ich schrie bis tief nach Indien rein. Was war jetzt wieder? Man packte mich und sah das Elend. Die größte Brandblase aller Zeiten kürte meinen zarten Fuß und platzte auch noch auf. Mutti schrie den Papa an, Papa schrie Mutti an, alle schrien und ich vorne weg am lautesten. Also wurde ich vor Ort versorgt und man holte das berühmte Jod für alles. Es gab früher so eine Jodflüssigkeit und die kam auf alles drauf, was blutete oder nässte. Ich wurde an den Schultern gepackt und Mutti aufs Knie gelegt und dieses:
»Packt sie überall fest!«, kam mir komisch vor und dann schüttete mein kampferprobter Vater das Zeug in die Blase. Wer jetzt in Indien meinen Schrei nicht vernahm, konnte ihn auf dem Mond hören. Ich glaub jedem in der Straße ist das Trommelfell geplatzt und da kam bei mir das erste Mal ein Hass gegen Papa auf. Eigentlich war ich jetzt dran, meinem Papa die Nummer vom Bestatter zu geben. Der Tag war nun wirklich gelaufen und es sollte endlich mal eine gewisse Zeit Ruhe um mich geben, bis zu dem Kindergeburtstag meiner Spielkameradin Heidi, ein paar Häuser weiter. Zum Thema Verschlucken, was gleich folgt, möchte ich sagen, dass ich darin Weltspitze bin. Das ist bis heute noch so und ich muss fürchterlich aufpassen, da ich schon beim Reden in Turbulenzen geraten kann. Am schlimmsten ist es, wenn ich jemanden imitiere, wie z. B. Hannibal Lecter oder einen Vampir. Kaum habe ich mit den Faxen angefangen, verschluck ich mich und mein Gegenüber weiß, was folgt. Endloses Husten. Unterhaltung gestorben, aufpassen, dass ich nicht blau anlaufe und dem Notarzt die Entwarnung mitteilen.