Читать книгу Schuld war nur die Mustertapete! Sagt Mutter! - Carmen Immel - Страница 20
Heidis Kindergeburtstag
ОглавлениеWie es früher üblich war, gab es noch keinen Klamauk mit Geschenken und tolle Veranstaltungen wie heute und es wurde noch selber mit Obst aus dem Garten Kuchen gebacken und die Kinder erfreuten sich noch am Topfschlagen und Kreisel hüpfen. Aber vorher gab es noch Kakao und Kuchen und man musste artig am Tisch mit Omas und Eltern und anderen Kindern sitzen. Es gab noch den Neid, wenn das Geburtstagskind die schönste Barbie bekam und man überlegte schon, wie man ihr das tolle Kleid der Barbie abluchsen konnte. Hierzu zählte man in Gedanken bereits die Dropssammlung zu Hause durch, um diese als Tauschobjekt in die Tauschverhandlungen einbringen zu können. Ich wurde eines Sonntags zu Hause piekfein aufgehübscht und bekam mein Sonntagskleid angezogen. Eigentlich war es nur für die Kirche gedacht, aber für Geburtstage musste es auch herhalten. Rüschen vorne am Hals und die guten Sandalen von Salamander, die man tunlichst zu schonen hatte! Nicht umsonst wurde vorher stundenlang mit Erdals bester Schmiere rum gewuselt und das Zeug färbte auf die Socken, war egal. Muttis Regeln für Geburtstage:
»Du wirst nicht rennen!«
»Du wirst dich benehmen!«
»Du wirst artig fragen, bevor du dir was nimmst!«
»Du wirst nur Reden, wenn du gefragt wirst!«
»Denk dran nicht zu kleckern!«
»Pass auf das Kleid auf!«
»Hast du alles verstanden?«
»Noch mal, falls du nicht gehört hast, komm, ich putz dir noch mal übers Gesicht« Manno! Hörte das denn nie auf? Und es hörte nicht auf, zum Schluss nahm man einen Aktenordner mit Gesetzen zur Feier mit und war froh, wenn man aus der Schusslinie der Mutter war, die einem bis zur nächsten Haustür beobachtete. Artig klingelte ich, artig gab ich die Hand, als ich rein gelassen wurde. Artig gratulierte ich, artig bedankte ich mich, als ich was zu trinken bekam. Artig setzte ich mich an den Goldrandporzellan bestückten Tisch und wer kennt es nicht, die berühmte Goldrandtasse, mit engen schnörkeligen Griffen, wo nur kleine Kinderfinger durchpassen und die Tassen im vollen Zustand schwer sind? Zudem stand der berühmte Erdbeerboden auf dem Tisch, die Schlagsahne im Pott daneben. Die berühmte Schwarzwälder-Kirsch und natürlich ein trockener Kuchen, der nicht mit Glasur, sondern mit Puderzucker bestäubt war. Fatal, fatal, sag ich nur. Es kam auch, wie es kommen musste. Aber ich hatte wirklich keine Schuld! Beim Ausschütten des Kakaos in meine Tasse rechnete ich mir schon aus, wie ich diesen großen Pott mit zwei Fingern packen sollte und wie Mutti mir gezeigt hatte, den kleinen Finger abgespreizt, elegant von der Tasse weg. Meine Augen waren auch auf die herrliche Schwarzwälder Torte gerichtet, leider gab die Tante Inge mir erst mal vom allseits bewährten Marmorkuchen und ich hatte doch Hunger auf Sahne. Dann wurde das Tischgebet aufgesagt und ich hatte mir abgewöhnt zu gucken, ob die beim Beten die Augen zu machten. Das war nämlich eine von Muttis Regeln:
»Du guckst nach unten oder machst, bis das Amen kommt, die Augen zu!« Ich hörte "Amen"! Und jetzt durfte angefangen werden. Ich sah, wie sich Haut auf der Tasse bildete und dann packte ich zu. Natürlich kippte die Tasse aus meinen Fingern, schlug mit lautem Getöse auf den Kuchenteller und der Kakao ergoss sich auf der gestärkten Tischdecke. Mein Sonntagskleid voll Kakao und meine Schamesröte wurden verstärkt, als die Frauen wie wild anfingen, das Malheur zu beseitigen. Dann kam das Schlimmste, Tante Inge kam mit dem Lappen und putzte mich durch. Wie peinlich. Alles guckte auf mich. Ab da wusste ich, wer der Herr Persil ist und wie man eine Tischdecke weißwäscht und dass Waschmaschinen auch kochen können. Die anderen Kinder grinsten und ich schämte mich. Ich wurde beruhigt, weil man natürlich meinen roten Kopf bestaunte und als die Hausfrauen endlich zu einem neuen Waschthema kamen und die Situation sich entspannte, biss ich in mein Stück Marmorkuchen. Beim Herunterschlucken stockte es und ich bemerkte sofort, dass ich mich gerade in einer sehr, sehr gefährlichen Situation befand: Ich hatte in den falschen Hals geschluckt und meine Atmung setzte aus. Nein, der berühmte Film, der angeblich am Lebensende an einem vorbeizieht, kam nicht und die Tante Grete, die mir gegenübersaß, bemerkte sofort, was los war und dann bekam sie eine Staubwolke aus Puderzucker ab, weil ich Luft aushusten musste. Tante Grete guckte wie vom Donner gerührt. Wie im Drogenparadies sah es über dem Tisch aus und ich lief blau bunt an und dann wurde ich von der Eckbank gezogen. Man kloppte mit 80 Händen auf meinen Brustkorb ein und ich gab alles, was meinen Husten anbelangte. Ich schwitzte, ich hustete, Schnapp-Atmung. Ich hatte innerhalb kürzester Zeit die gute Stube verwüstet. Irgendwann war wieder Leben in mir drin und man konnte in Ruhe zu Ende die Kaffeerunde genießen. Man kann sich vorstellen, wie der Tisch aussah? Dann ging es zum Topfschlagen, ich wollte aber nach Hause. Ich war psychisch am Ende, aber die Tante Inge versprach mir doch noch Drops beim Topfschlagen. Ok, da musste ich noch durch. Es lief alles ganz normal ab, und als ich mit meiner Runde durch war, bekam ich den Drops zum Abschluss. Nachdem Topfschlagen war die Geburtstagsfeier zu Ende und Tante Inge wollte die Kinder nach Hause begleiten. Ich packte den Drops noch aus und man zog mir die Jacke an (bis nach Hause konnte ich erfrieren) und dabei spürte ich, wie der größte Drops aller Zeiten in meinen stark strapazierten Hals hinab rutschte und festsaß. Es fühlte sich an, als hätte ich einen Ballon verschluckt. Der Betonklotz im Hals tat schrecklich weh, aber kein Mucks von mir, bloß nicht noch mal blamieren. Tante Inge nahm meine Hand und ging mit mir bis nach Hause und ich war froh, wie das Biest im Hals endlich langsam nach unten rutschte. An der Haustür bekam ich noch mit, wie Tante Inge zu meiner Mutti sagte:
»Menschenskind, die Petra macht aber Sachen, da musst du schwer aufpassen, das Kind bringt sich noch selber um« Ja, wem erzählte sie das? Meine Mutter nahm mich in Empfang und sah mich dabei fragend an. War mir egal, ich stürmte die heimische, gesicherte Bude und hatte die Schnauze gestrichen voll.