Читать книгу Schuld war nur die Mustertapete! Sagt Mutter! - Carmen Immel - Страница 22
Das Spiel Ui, Ui, Ui oder was für ein Schwachsinn?
ОглавлениеMitten in der Woche kann es einem heranwachsenden Teenie mit Eierschalen hinter den Ohren grausam langweilig werden. Ich hatte gerade meine Hausaufgaben fertig, nicht ohne der Lehrerin mal wieder in ellenlangen Texten, meine Fehler vorzeitig zu erklären (machte meine Hefte immer besonders schnell voll). Die Frage bei der Prüfung, warum ich Fehler nicht direkt beseitigen würde, konnte ich nie beantworten. Auch dass ich statt Aufsätze immer ganze Geschichten schrieb, wollte bei mir nicht ins Hirn. Sie meinte damals, aus dir wird mal eine große Geschichtenerzählerin. Auweia, wie Recht sie hatte. Zurück zum größten Unsinn meiner Kindheit. Lisa war wohl auch fertig mit ihren Hausaufgaben, denn sie winkte mir vom Fenster gegenüber zu. Geheime Zeichen gaben mir zu verstehen, "Bude sturmfrei, kannst kommen". Lisa klingelte dann auch und ihr war ja auch soooo langweilig. Sie hatte die Idee, die Nachbarn zu ärgern und da unser Haus etwas höher lag, und zwar über der Straße, konnte man ja gut beobachten, wer aus dem Haus ging. Aber aus einem Kippfenster böse Sachen rufen, wurde schnell langweilig und höchst gefährlich für mich. Sie hatte die Idee des Tages. Wir wollten die Nachbarn prüfen, auf zwar auf ihre Ehrlichkeit. Wir holten ein altes Portemonnaie aus der Schublade und Lisa rannte raus und legte es auf die Straße.
Sobald ein Nachbar gesichtet werden würde, wollten wir "Ui, ui, ui", rufen. Mal sehen, wer so ehrlich war und es wieder zurückgab. Bloß wohin denn? Wir waren ja so blöd. Der erste Nachbar kam mit dem Auto, wohnte aber weiter weg, hielt an, steckte das Teil umgehend ein und fuhr von dannen. Wir schauten uns an und waren wie vom Donner gerührt. Ein großes fragendes "Ui" folgte. Der hatte das Ding doch einfach geklaut. Wer das war, wussten wir natürlich nicht. Das ging ja so schnell. Lisa suchte im Haus nach einem Seil. Wir fanden noch ein altes Portemonnaie und banden es an ein Seil. Wir warfen es aus dem Fenster, lachten dabei diebisch und zogen das Seil etwas stramm. Das Fenster wurde gegen den Rahmen gelegt und nichts tat sich. Es war Nieselwetter, wer ging da schon vor die Tür? Ich hatte noch Bedenken, weil das Seil eigentlich die Leine von unserem Wäschetrockner war und nicht gleich reißen konnte. Das machte doch nichts, meinte Lisa. Wir mussten ja das Portemonnaie retten, falls wieder ein Klau-Hannes unterwegs war.
Es passierte lange Zeit nichts. Ich fing an zu gähnen. Ich wollte das Teil wieder rein ziehen und lieber mit Lisa malen. Dann kam ein Nachbarsjunge, der viel, viel älter war als wir, aus der Haustüre heraus und bestieg sein Bonanza-Fahrrad. Heidewitzka, jetzt wurde es aber spannend. Es folgte ein umgehendes lautes "Ui, ui, ui!" Er drehte vor der Tür ein paar Runden, guckte mehrmals nach seinen Rädern und dann fuhr er mit einem Affenzahn die Straße runter. Lisa zog am Seil, das wurde stramm, ich zog in Panik die Augenbrauen hoch, ahnte Schlimmes und dann? Hängte der Nachbarsjunge sich am Hals auf und machte auf seinem Rad einen Salto rückwärts und schlug mächtig auf. Er verfolgte mit den Händen sofort das Seil, packte das Portemonnaie, suchte den Horizont ab und landete mit seinem Mörderblick bei uns am Fenster. Er schoss die Treppe zu uns hoch und mein Herzschlag setzte umgehend aus. Lisa pupste in die Hose und dann polterte es an der Haustüre. Wir sollten sofort aufmachen, man wollte uns zarte, süße Wesen verprügeln. Da wir zitternd hinter der Haustüre standen und auf keinem Fall dem vorzeitigem Tod in die Augen sehen wollten, riefen wir freiwillig nach dem Bestatter, um dem unsere Maße durchzugeben. Nach einiger Zeit war endlich Ruhe hinter der Tür und ein Geschrei auf der Straße folgte. Der Junge hatte seine Eltern gerufen und die sollten uns nun verprügeln. Drei Tage später musste ich mit Lisa bei dem Jungen zu Hause antreten und mich entschuldigen. Natürlich mit Bodyguard in Form von Mutti. Oh war der Hass auf uns groß. Wochenlang ließ ich mich dort nicht mehr blicken und dann im Sommer im Freibad, da hatte er mich dann endlich. Ich wurde von ihm unter seinen Arm gepackt, ins Wasser geworfen und getauft. Aber so gründlich, dass ich den Buhmann und den Bestatter winken sah. Ich sah das Licht am Ende des Tunnels und alle meine verstorbenen Verwandten und die berühmte grüne Wiese, mit all den Blümchen drauf und ein Engel wollte zu mir sprechen und dann … durfte ich Luft holen. Der Bademeister hatte Mitleid mit mir. Wie viel Wasser man aus mir raus pumpte, kann ich nicht mehr sagen. Ich ging entsetzt zu meinem Handtuch auf der Wiese und sah eine heulende Lisa. Die hatte man in die Brennnesseln am Rande der Wiese geworfen. Grund gütiger, das war mir eine Lehre und die Lachsalven der vielen Leute ebenfalls.