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Der Magen-Darm-Trakt

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Manchmal machte ich aber auch Dinger, die mir Jahre später eigentlich peinlich waren. Das Schlimmste war zu lernen, seinen Magen-Darm-Trakt zu kontrollieren. Ich vergesse nie, wie ich mitten auf dem Marktplatz in unserem beschaulichen Dorf pinkeln musste. Ich war auf einer Klassenwanderung, erstes oder zweites Schuljahr, keine Ahnung. Wir waren wandern, so richtig mit Beutel und Stock auf der Schulter und ich hatte einen Durst an dem Morgen und schon alle 50 Caprisonnen ausgesoffen. Wenn Mutti den Rucksack packte, dann konnte man für ein Jahr getrost in die Wüste gehen, ohne verhungern oder verdursten zu müssen. Weit und breit kein Klo. Wir waren an einem Waldsee und ich soff das süße Zeug gierig aus. Dann bekam ich von der Lehrerin noch Wasser und ich soff und dann musste ich pinkeln und ich wollte auf keinen Fall vor den anderen Schülern im Wald Sitzung machen. Irgendwann durften wir nach Hause. Schon im Bus, war es kaum noch auszuhalten. Beim Aussteigen hätte ich schon eine Gehhilfe gebrauchen können. Ich trug wie ein Känguru eine Blase vor mir her, die kurz vor der Explosion stand. Meine Klassenkameradin stützte mich und ich ging immer mehr wie eine Oma Richtung Heimat. Endlich sah ich den Marktplatz und die Kirche und … ich konnte nicht mehr. Ich hätte jetzt in die Hose machen können, aber ich hatte das Sauberkeitswarnsignal von Mutti in mir. Ich hielt an! Genau in der Mitte des Platzes. Warum in der Mitte des Platzes? Keine Ahnung, echt nicht. Mittagshitze! Kein Mensch in Sichtweite. Ich zog runter und dann flutete ich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Kanalisation. Sie müssen bedenken, dass dieser Schmerz der vollen Blase immer noch in mir ist. Deshalb kann ich davon berichten. Es wäre mir auch egal gewesen, wenn der Bürgermeister plötzlich neben mir gestanden hätte. Ich ließ laufen. Meine Klassenkameradin beobachtete entsetzt, was da alles aus mir raus kam. Minuten vergingen und es schoss aus mir raus, wie bei einem Hochdruckreiniger. War das eben die Feuerwehr? Nein, ich irrte, kein Großalarm. Irgendwann fragte meine Klassenkameradin mich, ob ich nicht mal unterbrechen könnte, sie müsse nun auch mal dringend aufs Klo. Ich zog die Buchse hoch und war der erleichtertste Mensch seit Jahrhunderten. Ich blickte zurück und sah, dass ich wohl mit einer 100-Liter-Blase ausgestattet war. Dann schritt ich entspannt nach Hause. Komisch, kein Mensch hatte mich gesehen, wo doch sonst alle Omas immer am Fenster hingen, äh raus schauten. Da war aber auch oft das Gefühl, das ich schon mal großen Haufen machen musste. Opas Spruch:

»Man hält nichts ein, das ist ungesund! Und ein Furz, der quer sitzt, muss raus!«, begleitete mich ständig. Opa hatte noch einen echten Garten und Ziegen auf der Wiese. Er machte Sauerkraut und saure Bohnen in einem Pott und ließ das Zeug ziehen. Auf den steinernen Pott kam ein Holzdeckel und ein Stein. Fatal, fatal, es zog mich immer magisch an diese Pötte und dann fraß ich heimlich mit den Fingern Sauerkraut aus dem Pott und ein paar Minuten später musste ich immer auf das alte Plumpsklo. Opa grinste immer, der wusste, was los war. Auf jeden Fall war ich zu Hause und in der Verwandtschaft dafür bekannt und berüchtigt, alle Rohre zu verstopfen. Wie peinlich war es mir als Kind auf Geburtstagen vor anderen Gästen gefragt zu werden, was ich auf den Latrinen zu erledigen hatte. Meine Güte, ich war Ästhet, wie konnte man mich so etwas fragen? Schlimm waren die Zeiten, als Henkel und Co. meinten, sie müssten das erste dreilagige Papier entwickeln. Ständig musste man sich auf der Latrine mit neuen Dingen befassen. Wenn ich dann noch an das Zeitungspapier von Opa denke. Aber damals hatte man ja nichts und da wurde eben die Zeitung genutzt und bei den Sitzungen hatte man sogar halbe Geschichten zu lesen. Mein Opa hatte eh immer die besten Ideen, was Haushalt anging. Aber eines Tages wurde auch er mit der Modernisierung konfrontiert und musste nun an einer Kette in seinem alten Plumpsklo ziehen. Ich wurde ab sofort eingearbeitet in Sachen Klopapier Verbrauch.

Ab sofort hatte ich nicht mehr an der Rolle zu ziehen, sondern musste Blatt zählen lernen. Mein ehemals bauschiges Bett aus Krepp wurde gegen Dreilagen mit Blumengeruch ausgetauscht und das hieß wieder mal Peti kontrollieren. Nichts als Arbeit und Umstände damals und ich glaube, der Jaucheentsorger hat sich wegen mir nè goldene Nase verdient.


Schuld war nur die Mustertapete! Sagt Mutter!

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