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Die Knüpfnadel und der Augapfel

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Ich liebte es als Kind, zu knüpfen. Damals gab es noch die Handarbeitsläden, die alles Erdenkliche hatten, was man brauchte, um hässliche Kissenbezüge oder gehäkelte Schals zu gestalten. Es gab kein weißes Stück Stoff im Haus, welches nicht der Handarbeit zum Opfer gefallen wäre. Es wurden Sonnenblumenkissen gehäkelt. Die Oma hatte die kompliziertesten Strickmuster und ich lernte, mit mehreren Nadeln zu stricken. Die Geschwister übten sich derweil an Musikinstrumenten und ab und zu spielten wir Band und man übergab mir zwei Versandhaus Kataloge und Stöcke, mit denen ich Schlagzeug spielte. Ab und zu durfte ich auch mal an die Gitarre und ich vergesse nie, wir mir auf einmal eine Saite ins Gesicht schoss. Ich hatte das Gefühl, als hätte man nach mir geschossen. Gitarre war gefährlich, daher ab sofort verboten für Klein-Peti. Irgendwann hatte ich mit dem Knüpfen angefangen und manchmal hakte es ganz schön in dem festen Stoff und ich bekam schon als Kind kleine Wutanfälle, wenn ich irgendwo festhing. Es war ein Sonntagabend, lauschig familiär und Klein-Peti knüpfte an ihrem Kissenbezug. Wenn ich dran denke, wie rau das damals war und ich mein Gesicht niemals darin gebettet hätte, aber was soll’s, ich hab mit Feuereifer mein Muster geknüpft. Gegen 21 Uhr abends begann das Malheur. Ein Faden wollte einfach nicht nur dieses gefährliche Teil von Nadel und ich zog mit brachialer Gewalt an der Nadel und dann hatte ich die Knüpfnadel plötzlich im Auge stecken. Schreie, Gekreische, wildes Gefuchtel, auf mich zu stürmende Personen, die mich vom Stuhl rissen und meinen Kopf auf die Tischplatte drückten, mein Rücken auf der Tischkante krumm gebogen, die Beine runter hängend, zeigten mir auf, dass irgendwas nicht stimmte. Die Panik kam einem Bombenangriff gleich. Die Knüpfnadel hing im Augenlid ganz tief oben drin fest. Ich bemerke, dass es damals noch keinen Notdienst gab und unser gefühlt hundert Jahre alter Doc nicht zu Hause war. Es wurde nach einem Augenarzt gefahndet. Man packte mich also vorsichtig in eine dicke Jacke, weil Augenverletzte wohl schnell frieren (heißer Sommer) und schleifte mich zu einem Taxi und ich hatte den Auftrag, mich weder zu bewegen, noch zu atmen, noch zu blinzeln. Ich sah aber das dunkle Teil als Schatten und fühlte auch so langsam etwas in meinem Kopf stecken. Ich war noch immer sauer auf die Nadel. Meine Schwester saß neben mir und achtete auf alle Bewegungen. Später in einer Arztpraxis kam ein weiß gekleideter Mann fürchterlich nahe an mich ran und knallte mir einen Blindmacher (Betäubungssalbe) ins Auge. Das war das Schlimmste. Einseitig blind. Wie sollte ich am nächsten Tag Fahrrad fahren, geschweige denn die Baumbude fertig zimmern? Blind auf einem Auge, bei mir brach eine Welt zusammen. Dann entfernte der weiße Mann die Nadel und klebte mein Auge zu und statt die Heilsalbe nur ins Auge zu schmieren, fühlte ich die Paste im ganzen Gesicht. Dann faselte er, noch was von tapfer und übergab, mir ein hässliches Plastiktier. Die Knüpfsachen wurden verbannt, waren ab sofort zu gefährlich für Klein-Peti. Das einzig Gute daran war, dass ich mal wieder Held unter den Kindern war und keiner von denen hatte den Piratenblick. Auch sah keiner so bescheuert aus und ich musste tagelang mit dem Fetzen rum laufen und wie das juckte und störte. Irgendwann nahm man mir das Teil aber endlich vom Gesicht runter.

Schuld war nur die Mustertapete! Sagt Mutter!

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