Читать книгу Marionette des Teufels - Dagmar Isabell Schmidbauer - Страница 10
ОглавлениеAm nächsten Morgen lag wieder eine zähe, dicke Nebelsuppe über der Stadt. Es war nasskalt und ungemütlich und wer nicht hinausgehen musste, blieb im Haus und schaltete möglichst viele Lichter an, um sich wenigstens die Illusion von Sonnenschein zu gönnen.
Franziska trug an diesem Morgen Stiefel, Tweedrock und einen Wickelpulli aus Mohair unter ihrem Mantel. Sie parkte ihr Auto möglichst nah an der Hauswand und ging dann zügig, die Arme vor dem Körper verschränkt, um die Kälte abzuwehren, die wenigen Stufen bis zum Dienstgebäude hinauf. Für gewöhnlich sehnte sie sich bei so einem Wetter nach ihrem gemütlichen Lesesofa im Wohnzimmer, einem spannenden Buch und einer großen Tasse Tee.
Doch an diesem Tag wartete ein neuer Fall auf sie, ein interessanter Fall, ihre große Chance, und damit kaum die richtige Zeit, um ans Faulenzen zu denken, zumal der Chef gar nicht mehr richtig bei der Sache war.
Den gestrigen Abend hatte sie gemeinsam mit Hannes damit zugebracht von Haustür zu Haustür zu gehen und zu fragen, ob jemand etwas gesehen hatte. Etwas Ungewöhnliches. Jemanden, der nicht in diese Gegend passte. Einen Mann, wie ihn Agnes Neumüller und Paula Nowak beobachtet hatten. Denn vielleicht waren der Mann auf der nächtlichen Treppe und der, den die alte Nowak am Nachmittag der Tat vor dem Haus gesehen hatte, ein und derselbe.
Die Definitionen, was in einer Gegend verdächtig war, gingen stark auseinander. Ein alter Mann hatte eine Gruppe Jugendlicher die Straße entlangziehen und mit einer Bierdose kicken sehen und war sich sicher, dass es sich bei ihnen um die Täter handeln musste. Eine Frau hatte eine schwarze Gestalt mit Kapuze und Sonnenbrille gesehen und schloss sich jetzt aus Angst hermetisch ein. Und einer wollte sogar den Chef gesehen haben, mit langem Mantel und Pudelmütze. Das Gesicht hatte der Zeuge nicht erkennen können, aber er hatte Brauser am Mittag ins Auto steigen sehen und meinte, der Täter habe große Ähnlichkeit mit dem Hauptkommissar gehabt. Franziska hatte es zur Kenntnis genommen, aber nicht einmal in ihr grünes Notizbuch geschrieben, so absurd war diese vermeintliche Beobachtung. Trotzdem, so überlegte sie weiter, gab es keine Immunität mehr, selbst einem Polizisten traute man inzwischen alles zu. Laut Statistik nahmen die Verbrechen immer mehr ab und die Aufklärungsrate stieg. Doch die Bürger fürchteten sich, was vielleicht auch an den stets sensationsheischenden Berichten der Journalisten lag. Gewalt, egal ob sie auf der Straße oder in Familien auftrat, wurde einfach nicht mehr toleriert. Wie immer benutzte Franziska die rechte Schulter, um damit die Glastür, die zu ihrem Büro führte, aufzudrücken. Vielleicht würde ein wenig Öl ausreichen, aber niemand hatte Zeit, um sich darum zu kümmern, und so wurde es immer zu einem Kraftakt, sie zu öffnen.
Im Vorraum saß Ramona an ihrem Schreibtisch und war in eine Liste vertieft.
„Na, was brütest du denn Schönes aus?“
„Ach, das ist nur die Liste, wer alles schon bezahlt hat.“
„Bezahlt? Wofür?“
„Für das Abschiedsgeschenk für den Chef, du weißt schon.“
„Ach ja, richtig, seine Angel. Du sag mal, kommt er dir auch so komisch vor in letzter Zeit? Ich glaube, er will gar nicht gehen.“
Ramona beugte sich so weit über den Schreibtisch zu ihr nach vorn, dass Franziska gezwungen war, in ihren Ausschnitt zu schauen. „Heute Morgen hat er gesagt, er sei krank. Ich kenne ihn jetzt seit fast fünfzehn Jahren und noch nie hat er darüber geklagt, krank zu sein.“
„Eben, das meine ich ja.“ Auch Franziska beugte sich nun näher zu Ramona hinunter. „Vielleicht ist es einfach das Alter. Er kann nicht mehr so wie früher und das will er nicht wahrhaben.“ Die Frauen hatten einen verschwörerischen Flüsterton angeschlagen.
„Dabei geht es ihm doch gut, er hat keine Sorgen, Aussicht auf eine schöne Rente und seine Frau ist doch eine ganz Liebe.“
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