Читать книгу Marionette des Teufels - Dagmar Isabell Schmidbauer - Страница 12

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Der Mann, der an diesem Morgen allein an dem schmuddeligen Tisch saß und seinen Blick nicht von der Zeitung wenden konnte, mochte Mitte vierzig sein. So genau ließ sich das bei ihm nicht sagen, denn sein Gesicht war gezeichnet von den Spuren eines unsteten Lebens, das von einem üblen Charakter getrieben worden war.

Im Laufe der letzten Jahre hatte er viele Namen getragen, einige länger, manche auch nur für wenige Stunden. Er war ein Meister im Tarnen und Täuschen und am Ende hatte stets er den anderen die Maske vom Gesicht gerissen. Inzwischen trug er teure Jeans und ein Hemd von Armani. Früher war das anders gewesen, aber diese Zeiten lagen lange hinter ihm. Seine Schuhe waren Maßarbeit aus feinstem Leder und noch kaum getragen. Dass er sich das alles leisten konnte, hatte nicht unbedingt mit seinem Arbeitseifer zu tun. Im Grunde war er nur skrupelloser als andere und das schlug sich eben auf seiner Habenseite nieder.

Der Bericht über die tote Sopranistin war das erste, was ihm seit langer Zeit wirklich nahe gegangen war und das machte ihn vielleicht noch wütender als ihr Tod. Seit drei Jahren hatte sie für ihn in den himmlischsten Tönen jubiliert, egal, was alle anderen behaupteten, egal, was die Zeitungen berichteten, sie war sein Engel gewesen. Langsam ließ er seinen Kopf auf das Schwarz-Weiß-Foto sinken und versuchte sich an ihren erregenden Duft zu erinnern. Vor zwei Tagen noch hatte er sie gesehen, hatte sie umfangen, ihre zarte Taille unter dem Stoff ihres Kleides gespürt und voller Genugtuung erlebt, wie sie immer nachgiebiger wurde, immer gieriger, wie sie zu allem bereit war. Wie konnte sie jetzt tot sein? Sie, die immer so voller Leben war! Auf dem Foto lag sie friedlich auf ihrem Bett, es sah alles so unschuldig aus. Wenn nicht all diese Strahler sie beleuchten würden und die vielen geschäftigen Menschen um sie herum so unpersönlich wirkten.

„Am späten Vormittag des gestrigen Tages wurde die beliebte Sopranistin Sophia W. tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Die Polizei geht von Mord aus, konnte bis jetzt aber noch keinen Hinweis auf einen möglichen Täter ermitteln.“ Seine Stimme war voller Sarkasmus, als er die Sätze geradezu aus sich heraus spie. Immer wieder, immer lauter, bis er sie schrie.

Voller Wut fegte er die Zeitung vom Tisch. Wer immer das geschrieben hatte, hatte sie nicht gekannt, nichts von ihrem wirklichen Leben gewusst. Der Mann schlug mit der Faust auf den Tisch. Es war ein kräftiger Schlag, denn seine Faust schien aus Stahl zu sein. Wehe dem, der sie zu spüren bekam. Nur langsam beruhigte er sich wieder. Er und Sophia waren ein ausgesprochen erfolgreiches Team gewesen. Gemeinsam hatten sie jede Inszenierung mit Erfolg gekrönt. Sie hätten alles erreichen können! Er lachte laut bei dem Gedanken an ihre gemeinsamen Spielchen. Doch jetzt sollte das alles wirklich vorbei sein?

Aber höchstens für sie!

Er dagegen musste weitermachen, so als wäre nichts geschehen. Und er musste wissen, wem er die Schuld zuschieben konnte und wem seine Rache gelten würde. Aber zunächst musste er mehr erfahren, mehr, als die Zeitungen schrieben. Die Devise seines Erfolges war: Wissen ist Macht, das durfte man nie außer Acht lassen!

Auf dem Boden neben dem alten Tisch standen zwei Flaschen Bier, die irgendjemand dort hingestellt und vergessen hatte. Aber Bier mochte er seit damals nicht mehr, davon hatte er in seinem Leben schon zu viel getrunken. Wenn, dann half ihm nur etwas Härteres, ein Schnaps vielleicht. Als er aufstand, fiel sein Blick auf den blauen Arbeitskittel und eine Schiebermütze in der Ecke. Dinge, die er im Gefängnis getragen hatte, damals, bevor er sich schwor, dieses armselige Leben für immer hinter sich zu lassen. Er hatte sie zur Erinnerung mitgehen lassen. Als Mahnung, sagte er sich, während er zum Schrank ging und sich einen doppelten Schnaps einschenkte. Doch bevor er das Glas ansetzen konnte, überkam ihn ein Gedanke, der sehr schnell eine sehr konkrete Form annahm. Er stellte das Glas zur Seite, nahm den Kittel und probierte ihn an. Ein Knopf hing lose an einigen Fäden. Knöpfe annähen war nicht sein Ding, aber vielleicht würde seine Verkleidung dadurch ja nur noch glaubhafter sein? Und dann hob er doch das Glas und trank es in einem Zug aus. „Für Sophia! Meinen Engel!“, rief er. Als er ausgetrunken hatte, warf er das Glas gegen die Wand. Es war ein Ausdruck seines Zornes, es war ein Vorgeschmack seiner fürchterlichen Rache, die keine Gnade kennen würde. Denn wer sich ihm in den Weg stellte, der musste auf alles gefasst sein!

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Marionette des Teufels

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