Читать книгу Marionette des Teufels - Dagmar Isabell Schmidbauer - Страница 17

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Für die Passauer Bevölkerung war es einfach nur „das Stadttheater“, das da am südlichen Steilhang des Domberges, der Schokoladenseite der Stadt, entlang der Gottfried-Schäfer-Straße lag. Im 17. Jahrhundert war es als Ballhaus für ein beliebtes spanisches Hallenballspiel erbaut worden und hatte dann in seiner wechselvollen Geschichte viele Pächter erlebt. Vom anspruchsvollen Musentempel war es zum mittelmäßigen Theater abgestiegen, in dem Varietés und schlechte Inszenierungen gegeben wurden, bis es wieder zu dem wurde, was es heute war: ein liebevoll restauriertes und modernisiertes Kleinod der Theaterszene.

Schon von unterwegs hatte Hannes sie beim Verwaltungsdirektor angemeldet und so stand dieser, als sie am Nachmittag vor dem Haus anhielten, auf der obersten Treppenstufe, um sie zu empfangen. Die Sonne versank gerade zwischen den Bäumen entlang des Inns, einem der drei Passauer Flüsse, was ein ganz besonderes Schauspiel nach den Tagen im zähen Nebel war.

Lutz Schaffroth schien vom Tod seiner Sopranistin betroffen, wenn auch nicht am Boden zerstört. Die Luft in seinem Büro wirkte so alt wie das Gebäude, obwohl das kleine Fenster, mit Blick auf den Inn, weit offen stand und Franziska ahnte, dass die vielen Zigarettenstummel in seinem Aschenbecher der Grund dafür waren. Der Verwaltungsdirektor war über einen Meter und achtzig groß, trug einen Anzug, der dringend gebügelt werden sollte, und hatte kurze, sehr dunkle Haare. Ob er besonders stark war oder zu Wutausbrüchen neigte, konnte man in diesem Moment nicht sagen, aber schließlich stand der Mann ja auch nicht unter Verdacht.

„Wie konnte so etwas Schreckliches nur passieren?“, fragte er, nachdem alle Platz genommen und seine Sekretärin Kaffee und Mineralwasser angeboten hatte. Er fügte schnell hinzu: „Ich meine, auf der Bühne stirbt man selbstverständlich hundert Tode, aber in der Realität?“ Wie um weitere Gedanken an dieses Thema von sich zu weisen, schüttelte er den Kopf.

„Sie kannten Frau Weberknecht gut?“, fragte die junge Kommissarin und musterte ihn aufmerksam, während sie das Wasserglas in ihren Händen drehte. Es strahlte eine so angenehme Frische aus.

„Was heißt gut? Ich bin seit einem Jahr hier am Theater und da lernt man schon den einen oder anderen kennen. Aber nicht näher, wenn Sie das meinen.“ Schaffroth sprach schnell, beinahe hastig, so als liefe ihm die Zeit davon.

„Nun, wie wir schon am Telefon sagten, Frau Weberknecht wurde erschlagen. In ihrer Wohnung fanden wir aber weder Adressbuch noch Handy. Sie hatte aber doch sicher eines?“

„Äh, ja. Ja, ja.“ Schaffroth schob seine Kaffeetasse ein Stück zur Seite und legte die eben angezündete Zigarette auf dem Aschenbecher ab, um in seinem Adressbuch zu blättern. „Ich habe hier zumindest ihre Handynummer.“

„Ach, würden Sie mir die bitte geben?“ Franziska öffnete ihr grünes Notizbuch und ließ sich die Nummer diktieren.

„Wie war sie denn so?“, wandte sich nun Hannes an Schaffroth, der Franziska ansah.

„Tja, was soll ich dazu sagen. Sophia Weberknecht war eine sehr gute Sopranistin und eine zuverlässige Kollegin. Sie war stets exzellent vorbereitet, pünktlich am Bus, wenn wir auswärts auftraten, und beklagte sich im Vergleich zu manch anderem nie über die Fahrt. Sie kam in der Presse sehr gut an und war sehr beliebt beim Publikum und beim Ensemble. Deshalb ist es sicher ein großer Verlust für unser Theater und womöglich sogar für die gesamte Opernwelt.“ Er machte eine Pause und zog hastig drei, vier Mal an seiner Zigarette, bevor er fortfuhr. „Ich weiß nicht, wie gut Sie mit dem Betrieb eines Theaters vertraut sind?“, fragend sah er die beiden Kommissare an, bis diese unsicher mit den Achseln zuckten. Theater, das war etwas für Liebhaber, für ältere Herrschaften oder einschlägige Studenten. Für Polizisten gab es andere Dinge.

„Nun wir sind eines der kleinsten Zweispartentheater im deutschsprachigen Raum. Dass wir dem Publikum trotzdem eine große Vielfalt an Werken anbieten können, ist nur möglich, weil wir uns das Ensemble mit Landshut und Straubing teilen, wobei in Passau das Musiktheater und in Landshut das Schauspiel zu Hause ist.“ Schaffroth unterstrich seine Ausführungen gestenreich und fuhr hastig fort. „Ein weiterer Punkt ist, dass wir einfach günstiger arbeiten. In der Münchner Staatsoper ist jede Neuinszenierung mit immensem Aufwand in finanzieller, organisatorischer und zeitlicher Hinsicht verbunden. Dort scheut man sich natürlich, selten gespielte Werke anzubieten. Wir in der Provinz können und müssen das, denn unser Publikum möchte ja auch Abwechslung haben.“

Franziska nickte, was Schaffroth als Aufforderung auffasste, fortzufahren.

„Natürlich wird man in Passau nie den Pomp und Prunk eines Münchner Bühnenbildes oder dessen technische Finessen erreichen können, aber die Frage ist doch, ob wir das überhaupt anstreben wollen und sollen. Die Chancen für uns sind andere. Das Fürstbischöfliche Opernhaus bietet einen so einmaligen und intimen Rahmen, in dem das Publikum gewissermaßen hautnah das Geschehen auf der Bühne miterleben kann. Bei uns brauchen Sie kein Opernglas, um die Mimik der Sänger zu erkennen. Der Zuschauerraum, der die Besucher als festliches Gartentheater empfängt, kann direkt in die Aufführung einbezogen werden.“

„Sie wollen damit sagen, dass es für die Sänger eine besondere Auszeichnung ist, in Passau aufzutreten?“ Franziska war sich nicht sicher, aber nach den schwärmerischen Ausführungen des Verwaltungsdirektors lag dieser Schluss einfach nahe. Schaffroth lächelte nachsichtig und zündete sich eine neue Zigarette an.

„Na ja, ganz so ist es nicht. Eine ganz wichtige Aufgabe des Musiktheaters in der Provinz ist es, jungen Sängern, die eben ihr Studium vollendet haben, die Möglichkeit zu bieten, sich in großen Partien auf der Bühne zu erproben und zu bewähren.“ Der Direktor drückte seine Zigarette aus, stand auf und zeigte auf einige Fotos hinter sich an der Wand. „So manch großer Star trat in jungen Jahren an unserem Theater auf. Ingeborg Hallstein, Rosel Zech oder Klaus Wennemann zum Beispiel.“

Er setzte sich wieder auf seinen Stuhl und überlegte. Es schien, als habe er den Faden verloren. „Und Frau Weberknecht kam direkt nach dem Studium nach Passau?“

Er holte einen dicken Ordner aus seinem Schreibtisch und blätterte darin. „Nein, sie hat in Nürnberg studiert. Dort hat sie während des Studiums auch schon kleinere Partien am Staatstheater gesungen. Hm, dann hatte sie einen Gastvertrag am Theater in Heidelberg, das ist ein kleineres Theater, und war dann drei Jahre am Theater in Lübeck, bevor sie zu uns kam.“

„Mit wem war denn Frau Weberknecht des Öfteren zusammen? Ich meine, wer war mehr als nur ein Kollege für sie?“, fragte Franziska in die eingetretene Stille hinein, unbeeindruckt der großen Künstlernamen, und brachte den Direktor damit ein bisschen ins Schleudern.

„Also, das dürfen Sie mich jetzt nicht fragen! Ich weiß, dass sie mit unserer Kostümbildnerin Swetlana Hermannova ab und zu einen Kaffee getrunken hat, aber sonst … Da fragen Sie mal besser die Mitglieder des Ensembles.“

„Sind die gerade da?“

Schaffroth warf einen Blick auf seine Uhr „Einige. Wir haben heute Ensembleproben. Um fünf geht es los, und wenn Sie möchten, bringe ich Sie hin.“

Wenn man bei der Kriminalpolizei arbeitet, bleibt es nicht aus, dass man in vielen Häusern ein und aus geht: große Fabriken, kleine Gartenhäuschen, verkommene Wohnungen und elegante Einfamilienhäuser. Das Verbrechen machte vor nichts halt. Ein Theater war Hannes und Franziska allerdings noch nicht untergekommen, und so waren beide sehr gespannt, als Lutz Schaffroth sich erhob, den großen Schlüsselbund von seinem Schreibtisch nahm und sie über die moderne Edelstahltreppe aus dem Verwaltungstrakt durch den großen Redoutensaal, vorbei am Zuschauerraum bis hinüber zur Nebenbühne des Theaters führte.

Umgeben vom tiefen Schwarz der Bühnenrückseite und den Vorhängen rechts und links stand mitten im Raum eine einzelne Tür, auf die ein Herz mit den Buchstaben „G“ und „M“ gemalt war. Auf beiden Seiten der Tür waren Stoffbahnen angebracht, die mit dem hellen Bodenbelag so etwas wie ein Zimmer darstellen sollten. Bei keinem der vorwiegend jungen Leute, die innerhalb oder außerhalb dieser Kulisse herumstanden und neugierig zu ihnen herübersahen, konnte man erkennen, ob es sich um Sänger oder einfach nur um Bühnentechniker handelte. Sie alle waren unspektakulär gekleidet, manche trugen Jeans und T-Shirts oder Pullis, einige sahen aus, als ob sie gar zu einer Straßengang gehörten, und wieder andere hatten einfach eine Jogginghose an.

„Wäre Frau Weberknecht heute auch dabei gewesen?“, fragte Franziska leise, den Blick dem Geschehen auf der Bühne zugewandt.

„Im Prinzip schon.“ Verwundert blickte die junge Oberkommissarin den Verwaltungsdirektor an. Warum war er denn auf einmal so wortkarg?

„Das heißt, Sie müssen sich jetzt eine neue Besetzung für ihre Rolle suchen?“

„Richtig. Aber das ist beim Musiktheater kein allzu großes Problem.“

„Und warum ist das kein großes Problem?“

„Weil wir bereits einen Ersatz haben.“

Franziska nickte und sah erneut zur Bühne. „Woher wussten Sie, dass Sie Ersatz brauchen?“

„Äh, ja also“, nervös fuhr er sich übers kurze Haar. „Sophia hatte Probleme mit der Rolle und da habe ich zugesehen, dass ich eine Zweitbesetzung für sie bekomme.“

„War sie ihr zu schwer?“

„Nein, nein! Zumindest glaube ich das nicht. Aber sie stand in letzter Zeit unter großem Druck. Das ging schon eine ganze Weile so. Vielleicht hat sie sich zu viel zugemutet. Auf jeden Fall war ich mir nicht sicher, ob sie alle Termine absolvieren kann, und da hab ich mich, in weiser Voraussicht sozusagen, nach einer anderen Besetzung umgesehen.“

„Aha. Kam das häufiger vor?“

„Es ist nicht unüblich. Große Rollen haben manchmal zwei Besetzungen. Ich meine, so was kann ja immer mal passieren. Also, ich meine natürlich nicht, dass jemand stirbt, aber ein Ausfall schon. Ja, das schon.“

Franziska nickte.

„Und wo ist jetzt diese Kostümbildnerin?“ „Swetlana Hermannova ist in diesem Stadium mit ihrer Arbeit eigentlich schon fertig. Sie hat die Entwürfe an die Schneiderei gegeben und dort werden die Sachen gefertigt. Sie kommt erst zur Anprobe wieder.“

„Und wo finden wir sie bis dahin?“ Franziska fand es ermüdend, wie sich Schaffroth jetzt alle Informationen aus der Nase ziehen ließ.

„Ich denke, sie ist zu Hause, in Krumau.“

Franziska sah ihn ungläubig an. „Im tschechischen Krumau?“

„Ja, natürlich. Sie stammt von dort. Ihre Mutter ist Kostümbildnerin am Schlosstheater. Waren Sie noch nie dort? Ein herrliches Theater, sehr alt, sehr schön.“

„Ich werde es mir ansehen, aber vorher würde ich gern mit einigen ihrer Kollegen sprechen. Wenn Sie das vielleicht organisieren könnten?“

„Ja, natürlich. Ansonsten hätte ich Ihnen noch den Rest des Hauses gezeigt.“ Unschlüssig nickte Schaffroth zur Tür, die von der Seitenbühne zum Treppenhaus führte. Das Ruhe-Schild war für die Proben nicht beleuchtet.

„Ja, gern. Ach, da fällt mir ein: Als Solistin hatte sie doch sicher auch eine eigene Garderobe?“ Franziska überlegte, ob sie dort vielleicht auch private Gegenstände verwahrte, ein Handy oder vielleicht ein Adressbuch?

„Ich glaube, Sie machen sich da falsche Vorstellungen.“ Der Verwaltungsdirektor stieg bereits die Steintreppe, die in den oberen Stock führte, hinauf. „Wir sind ein kleines Opernhaus, wie ich vorhin schon ausführte. Wir können günstiger arbeiten, müssen aber eben auch sparen. Bei uns gibt es nur je eine Sammelumkleide für Männer und Frauen und natürlich für den Chor und das Orchester. Aber Sie können sich gern alles anschauen.“ Auffordernd zeigte er mit dem rechten Arm in einen schlicht eingerichteten Raum. Ein Tisch mit großem Spiegel darüber und einem Stuhl davor. Alles in hellem Kiefernholz gehalten, wie in einem Klassenzimmer. Nur die Fotos, die an manchen Spiegeln im Rahmen steckten, wiesen auf die Individualität ihrer Besitzer hin.

„Hier ist der Platz von Sophia Weberknecht.“ Schaffroth wollte schon weitergehen, doch Franziska hielt ihn zurück.

„Hatte sie keinen Schrank oder so?“

„Nein, nur diesen Platz. Alles was die Künstler brauchen, haben sie dabei und die Kostüme werden im Fundus in großen Holzkisten aufbewahrt, schließlich müssen sie ja jederzeit auf Reisen gehen können.“ Der Verwaltungsdirektor hatte inzwischen viel von seiner Selbstsicherheit eingebüßt, vielleicht fehlten ihm auch seine Zigaretten. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn und immer wieder fuhr er sich mit der Hand durchs Haar. Fast tat er Franziska Leid, als sie die Treppe nach unten ansteuerten und sie fragte: „Welches Stück proben Sie eigentlich?“

„Rigoletto! Das ist die Oper von Giuseppe Verdi schlechthin. Mit ihr hat er seinen Weltruhm begründet. Eine wunderbare Oper, ein faszinierendes musikalisches Drama. Absurdes Theater. Einfach herrlich!“ Auf Schaffroths Gesicht breitete sich eine begeisterte Röte aus.

„Und um was geht‘s?“

Schaffroth hatte die Treppe erreicht und erzählte, während er langsam hinunterging. „Um einen missgestalteten Opernhelden, der einen Sack hinter sich her schleift, in dem sich, ohne dass er es ahnt, seine sterbende Tochter befindet. Es ist eine typische Dreiecksgeschichte, die den Gesetzen der italienischen Nummernoper entspricht. Ein Tenor liebt einen Sopran, solange bis ein Bariton etwas dagegen hat.“

„Und Frau Weberknecht sang den Sopran?“

„Ja, die Gilda. Ihr Vater, Rigoletto, ist der bucklige Hofnarr des Herzogs von Mantua – ein notorischer Frauenheld, der gehörnte Ehemänner und entsetzte Väter mit beißendem Spott überzieht. Er treibt es so schlimm, dass selbst die Höflinge genug von ihm haben und beschließen, ihm einen Denkzettel zu verpassen. Da kommt ihnen Gilda, die Tochter Rigolettos, die sich der Herzog als neueste Eroberung ausgesucht hat, gerade recht. Rigoletto, der für seinen Herrn eigentlich die Gräfin Ceprano entführen wollte, beteiligt sich unwissentlich an der Entführung der eigenen Tochter. Als er erfährt, dass sie sich in den Herzog verliebt hat, will er sie in Männerkleidung fortschicken und den Herzog von einem Meuchelmörder umbringen lassen. Rigoletto behandelt Gilda, die längst zu einer lebenshungrigen Frau geworden ist, wie ein Kleinkind. Als sie erfährt, dass der Geliebte getötet werden soll, opfert sie sich für ihn, wird tödlich verletzt und landet in dem Sack, den Rigoletto übergeben bekommt. Erst als er die Stimme des Herzogs hört, öffnet er den Sack und entdeckt Gilda darin. Am Ende stirbt seine Tochter in seinen Armen.“

„Das ist ja furchtbar!“

„Das ist die Oper! Übrigens bin ich mir sicher, dass Sie den einen oder anderen Opernhit des Herzogs von Mantua ohnehin kennen.“ Gleich darauf erhob Schaffroth seine Stimme und sang: „La donna è mobile qual piuma al vento, muta d‘accento e di pensiero. Sempre un amabile, leggiadro viso, in pianto o in riso, è menzognero.“

„Aus der Pizzawerbung?“, fragte Franziska fasziniert.

„Aus dem Rigoletto!“, antwortete Schaffroth voller Stolz.

„Ja, sehr schön“, mischte sich Hannes ein wenig unwirsch in die Darbietung ein. „Und wer hat jetzt alles mit Frau Weberknecht zusammengearbeitet?“

„Einen Moment, bitte.“ Der Verwaltungsdirektor räusperte sich, ging zu einem Pult neben dem schwarzen Vorhang, der die Hauptbühne abgrenzte, und drückte einige Knöpfe, bevor er in ein Mikrofon sprach: „Bitte das gesamte Ensemble zu einer Besprechung auf die Bühne.“

Kurz darauf öffnete sich die Tür zur Hinterbühne und etliche Männer und Frauen strömten herein, um sich zwischen den Kulissen niederzulassen. Als Schaffroth den erstaunten Blick der Oberkommissarin sah, erklärte er. „Über das Inspizientenpult werden während der Aufführung Sänger, Chor, Techniker und Kulissen eingerufen. In jedem Raum hängen extra Lautsprecher.“

„Hey, ich bin Carlos.“ Der kräftige junge Mann, der erst jetzt hinzukam, nickte den Kommissaren zu und gesellte sich zu den anderen.

„Carlos singt den Herzog von Mantua“, flüsterte Schaffroth den beiden zu.

„Tenor?“, wollte Hannes wissen.

„Respekt, Herr Kommissar, Sie kennen sich aus!“

„Ich bin Franziska Steinbacher von der Mordkommission Passau und das ist mein Kollege Johannes Hollermann“, stellte Franziska sie dem Ensemble vor. „Wir ermitteln im Todesfall Sophia Weberknecht und möchten Ihnen gerne ein paar Fragen stellen.“

„Sie ermitteln bei uns? Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass einer von uns Sophia etwas angetan hat?“

„Wir sind Sänger, wir inszenieren einen Mord auf der Bühne, aber doch nicht in echt!“

„Wie ist sie denn eigentlich gestorben?“, fragte schließlich eine der Frauen, die sie schon zu Beginn auf der Bühne gesehen hatten, mit dunkler Stimme. Sie hatte eine sehr weibliche Figur mit üppigen Rundungen, wie Hannes entzückt feststellte.

„Das ist Katharina Eschenbacher, sie singt die Maddalena. Mezzosopran“, flüsterte Schaffroth erneut.

„Sie wurde in ihrer Wohnung erschlagen“, antwortete Franziska ungeachtet seiner Eingaben. Ein Raunen ging durch den Raum und es dauerte, bis sich alle wieder beruhigt hatten.

„Wir müssen davon ausgehen, dass sie ihren Mörder kannte.“ Wieder stieg der Geräuschpegel beachtlich. Die Akustik war wirklich sehr gut.

„Wer von Ihnen hat sie denn näher gekannt? Wer kann mir etwas über ihr Leben erzählen, über ihren Umgang, ihre Freunde? Was hat sie gemacht, wenn sie nicht auf der Bühne stand?

„Geprobt vermutlich“, spekulierte Carlos laut und quittierte seine Aussage mit einem schelmischen Lächeln. Franziska warf schnell einen Blick zu Schaffroth, aber der schien gar nichts sagen zu wollen.

„Nein, wirklich, sie hat ständig geprobt und an sich gearbeitet. Hatte für nichts und niemand Zeit. Wenn überhaupt, dann kannte Sweta sie näher, die hat sie mal nach Krumau eingeladen.“ Es war erneut Carlos, der sich zu einer Aussage hinreißen ließ und dabei ein paar Schritte auf Franziska zuging. „Aber sonst wüsste ich niemanden. Ich bin mir gar nicht sicher, ob Sophia überhaupt Freunde hatte oder brauchte. Ich glaube, die war sich selbst genug.“ Franziska musterte den Sänger: Seine Stimme war wirklich schön und zudem hatte er ein weiches, freundliches Gesicht. So unschuldig, wie es sich für einen Verführer auf der Bühne eben gehörte. Er mochte Ende zwanzig sein. Ob das jetzt auch eine Rolle war, die er ihr vorspielte?

„Was ist denn mit Walter?“, fragte eine zierliche junge Frau in Jogginghosen und knappem T-Shirt, woraufhin sich Carlos erstaunlich schnell zu ihr umdrehte.

„Walter? Bist du verrückt! Der wollte sie doch auch nur für eine schnelle Nummer, wie alle anderen, die er gemalt hat!“

„Wer ist Walter?“ Franziska blickte sich suchend um, aber niemand meldete sich.

„Unser Bühnenbildner. Ein verkannter Künstler.“ Die Stimme der Eschenbacher klang sehr erotisch. „Nein, im Ernst. Zurzeit bereitet er eine Ausstellung vor. Wird bestimmt ganz spektakulär.“

„Ist er denn so gut?“

„Kommt ganz drauf an.“

„Auf was?“ Die junge Kommissarin war sich sicher, dass sie Insiderwissen brauchen würde, um diesen Dialog zu verstehen.

„Ob man auf seine Fantasien steht.“

„Jetzt sag es ihr schon“, mischte sich die junge Frau in der Jogginghose mit kecker Stimme ein und die Eschenbacher ging ein paar Schritte vor, bis sie direkt vor Franziska stand und ihr in einem vertraulichen Ton erklärte. „Er zeichnet 85 Frauenakte. Aber bevor er sich ans Malen macht, geht er mit ihnen ins Bett. Walter sagt, wenn er die Frauen zuerst richtig durchvögelt, dann lassen sie sich anschließend besser zeichnen.“

„Das stimmt so nicht. Walter behauptet, es sei der Flash nach dem gelungenen Höhepunkt, der die Frauen so unwiderstehlich schön machen würde, und die, die es ihm glauben, gehen mit ihm ins Bett.“ Carlos hatte sich zu den beiden Frauen gesellt. „Aber so wie es aussieht, wollte Sophia nicht. Weder aus dem einen noch aus dem anderen Grund. Vielleicht war sie ja frigide?“

Irritiert über diese offene Diffamierung sah Franziska von einem zum anderen.

„Wie sieht er denn aus, dieser Walter?“

„Interesse?“ Die Eschenbacher musterte sie spöttisch.

Franziska errötete, hatte sich jedoch gleich wieder im Griff.

„Nein, aber ich wüsste gern, ob er der letzte Besucher von Sophia Weberknecht gewesen sein könnte. Es liegen Zeugenaussagen vor.“

„Also, im Grunde ist Walter nichts Besonderes. Ich meine, man fragt sich, warum ihm alle Frauen zu Füßen liegen, aber vielleicht gehen Sie einfach mal bei ihm vorbei.“ Schaffroth hatte sich ins Gespräch eingemischt, versuchte die erhitzten Gemüter zu besänftigen und warf jetzt einen Blick auf seine Uhr, „Es könnte durchaus sein, dass Sie ihn draußen in Maierhof in der Werkstatt antreffen. Dort werden unsere Bühnenbilder gemacht und er hat da eine kleine Wohnung.“

„Und Sie haben sich alle supergut mit Frau Weberknecht verstanden?“, wandte sich Franziska wieder an die gesamte Truppe und dachte an das, was sie ihr gegenüber ausgeplaudert hatten. Wer weiß, was sie besprachen, wenn sie allein waren.

„Na ja, natürlich gab es hier und da mal ein paar Unstimmigkeiten, aber deshalb bringt man doch niemand um, oder?“ „Nein, natürlich nicht. Aber Frau Weberknecht ist tot und irgendjemand hat sie umgebracht. Ich gebe Ihnen jetzt meine Karte, vielleicht fällt Ihnen ja noch etwas ein. Dann melden Sie sich bitte bei mir.“

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Marionette des Teufels

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