Читать книгу Marionette des Teufels - Dagmar Isabell Schmidbauer - Страница 7
ОглавлениеVorsichtig lehnte Kriminalkommissar Hannes Hollermann seinen Fahrradvorderreifen an die Wand und drückte auf den Messingknopf der Klingel. Die Wohnungstür war in einem vornehmen Altweiß lackiert, die Glaseinsätze zierten großflächige florale Jugendstilornamente, ein Vorhang an der Innenseite verdeckte die Sicht auf die Wohnung. Das herrliche Haus stammte aus dem beginnenden Zwanzigsten Jahrhundert und war mit viel Liebe gebaut und erhalten worden, wie Hannes jetzt feststellte. Er selbst wohnte in einer bescheidenen Dachgeschosswohnung, ebenfalls Altbau, aber lange nicht so nobel.
Während er sich noch im Treppenhaus umsah, öffnete Agnes Neumüller in einem schicken schwarz-weiß gemusterten Kleid und flachen schwarzen Schuhen die Tür.
Sie sei ein bisschen schwerhörig, entschuldigte sich die alterslos erscheinende Dame mit einem Lächeln und bat den jungen Kommissar herein. Auf dem Tisch standen eine Kaffeekanne mit Tropfschutz, ein zierliches Gedeck mit Goldrand und ein Kuchenteller mit reichlich Auswahl. „Bei Ihnen riecht es aber lecker“, bemerkte Hannes und spürte, wie sein Magen nach einem Blick auf die Kaffeetafel zu knurren begann.
„Ach, wenn Sie sich vielleicht zu mir setzen wollen?“ Hannes zögerte nicht lange. Er gehörte zu den Menschen, die ohne Ende essen konnten und davon weder dick noch satt wurden.
„Früher konnte ich auch so viel essen, aber mit den Jahren muss man immer mehr auf sein Gewicht achten“, erzählte Agnes Neumüller schmunzelnd, während sie Hannes beim Essen zusah. Dann berichtete sie gestenreich von ihrer Zeit, als sie am Auersperg-Gymnasium Deutsch und Geschichte unterrichtet hatte und wie sehr ihr das manchmal fehlte. „Ach, all die entzückenden Kinder!“, seufzte sie und Hannes war sich sicher, dass sie es ernst meinte.
Sie sei gern Lehrerin gewesen, habe ihren Beruf geliebt und sei nur in Rente gegangen, weil es an der Zeit war, und nun kämen nur noch hin und wieder Nachhilfeschüler, um sich von ihr unterrichten zu lassen. Nebenbei wollte sie dem Kommissar schon das nächste Stück auf den Teller laden, doch der winkte ab. „Oh, vielen Dank, aber jetzt kann selbst ich nicht mehr.“
„Dann vielleicht noch ein Tässchen Kaffee?“ Die Dame zwinkerte ihm zu und Hannes reichte seine Tasse zu ihr hinüber. „Erzählen Sie mir von Frau Weberknecht“, bat er, während er langsam Milch in die schwarze Flüssigkeit goss und sie mit viel Hingabe unterrührte.
„Sophia war ein reizendes Mädchen. Kaum zu glauben, dass ihr das jemand antun konnte. Sie war immer so hilfsbereit und freundlich und sie liebte klassische Musik. Sie spielte ja ganz wunderbar Geige und sang – ach, einfach schön! Sie passte schon sehr gut in unser Haus.“
„Wann ist sie denn eingezogen?“
„Das war ziemlich bald nachdem Hildegard ausgezogen war. So vor drei Jahren. Heute nennt sie sich Charlotte Stein. Das soll sich besser machen in ihren Kreisen, wissen Sie. Sie ist Schriftstellerin, und nachdem sie mit ihrem ersten Roman so viel Erfolg hatte, ist sie dann ja auch nach Berlin gezogen, meinte, das sei weltmännischer. Ihr nächster war dann nicht mehr so gut, wahrscheinlich hatte sie ihre Ideen verbraucht.“ Unschlüssig zuckte sie mit den Schultern.
„Und dann zog Frau Weberknecht in die Wohnung über Ihnen?“
„Genau. Wissen Sie, wir waren sehr eng befreundet und die Wohnung oben ist ja auch ein echtes Prachtstück. Darum war ich natürlich froh, dass nach Hildegard ein so liebes Mädchen einzog.“
„Dann liegt Ihnen sicher auch viel daran, dass wir denjenigen, der ihr das antat, so schnell wie möglich finden“, folgerte Hannes und wunderte sich selbst, wie schnell er sich auf die Wortwahl der alten Dame eingestellt hatte.
„Aber natürlich, sagen Sie mir, was ich tun kann.“ Hannes nickte. „Wann haben Sie denn Frau Weberknecht zum letzten Mal gesehen?“
„Gestern früh, vor dem Einsingen für die Probe. Sie kam gerade vom Bäcker und hatte es eilig.“
„Und wann genau war das?“
„Also nach ihr kann man ja die Uhr stellen. Jeden Morgen singt sie sich von neun Uhr zwanzig bis neun Uhr fünfundvierzig ein, dann fährt sie zur Probe ins Theater. Die beginnt um zehn. Also ich schätze, es war so kurz vor neun.“
„Hatte sie Besuch?“
„So kurz vor der Probe? Nein.“
„Aber Sie wissen nicht, ob sie zu dieser Probe gegangen ist?“ „Na ja, davon gehe ich aus. Ihr Auto stand über Mittag nicht im Hof und daher denke ich, sie ist damit weggefahren.“ „Haben Sie gestern jemanden im Haus gesehen, der zu Frau Weberknecht wollte?“
„Nein. Es könnte natürlich sein, dass jemand bei ihr war, aber wissen tue ich es nicht.“
Der Kommissar spürte, wie sie mit sich rang.
„Frau Neumüller, wenn Sie etwas wissen, müssen Sie es mir sagen!“
„Ich weiß wirklich nichts und das ärgert mich eben. Ich habe Brahms gehört. Brahms muss man laut hören, erst dann kommt er so richtig zu Ehren. Aber jetzt ärgere ich mich natürlich, dass ich nicht auf das geachtet habe, was im Haus vor sich ging, verstehen Sie?“
Hannes nickte erneut.
„Hatte sie denn einen Freund?“
Agnes Neumüller sah den jungen Kommissar musternd an, bevor ein Lächeln über ihr mit feinen Linien belebtes Gesicht huschte. „Ihnen hätte sie auch gefallen!“ Dann wurde ihr bewusst, was sie dem Kommissar eben unterstellt hatte und fügte schnell hinzu: „So wie sie aussah, sollte man meinen, dass sie einen Freund hatte, nicht?“
„Und?“
„Mir hat sie keinen vorgestellt.“
Hannes seufzte. Wäre ja auch zu schön gewesen.
„Manchmal hat sie nachts Besuch bekommen.“
„Sie meinen, es hat jemand bei ihr übernachtet?“, fragte er aufgekratzt zurück. „Ein Mann?“
„Ich weiß nicht, ob er die ganze Nacht blieb, aber er kam immer so gegen drei Uhr morgens. Wegen der genauen Uhrzeit bin ich mir nicht ganz sicher.“
„Und wie oft kam er?“
„Also, das muss im Sommer gewesen sein. Ich meine, ich überwache ja nachts nicht das Treppenhaus. Aber im August war es so heiß und da konnte ich nicht schlafen, und eines Nachts hörte ich auf der Treppe Schritte und hab dann vorsichtig den Vorhang an der Wohnungstür zur Seite geschoben um zu sehen, wer draußen ist.“
„Würden Sie den Mann wiedererkennen?“ Hannes begann weiter zu hoffen.
„Nein, nein, ich glaube nicht. Er ging ja im Dunklen hinauf und irgendwie sah er zur Wand.“ Agnes Neumüller stutzte. „Meinen Sie, er hat gewusst, dass ich ihn sehe, und hat deshalb zur Wand gesehen?“ Hannes zuckte die Schultern.
„Meinen Sie, das war ihr Mörder?“ Ihre Stimme war nur noch ein Flüstern, als sie sich beide Hände aufs Herz legte. Es dauerte eine Weile, bis sie und ihr Atem sich wieder beruhigt hatten.
„Auf jeden Fall hat er sich gut im Haus ausgekannt.“
„Und Frau Weberknecht hat ihn erwartet?“
„Zumindest hatte er einen Schlüssel.“
„Das ist ja interessant.“
„Hilft Ihnen das weiter?“
Hannes überlegte. Nein, eigentlich nicht, nicht wenn sie ihm keine Beschreibung geben konnte. Aber immerhin wusste er jetzt, dass jemand einen Schlüssel zu Sophias Wohnung hatte und häufiger in der Nacht zu Besuch kam. Vielleicht tatsächlich der Mörder?
„Ja, wenn Ihnen doch noch etwas zu diesem Besuch einfällt, würden Sie mich dann bitte anrufen?“ Er legte eine Karte mit seiner Durchwahl auf ihren Kaffeetisch. Sie war druckfrisch.
„Aber natürlich, Herr Kommissar, das mach ich doch gerne.“
„Na, dann will ich mal unten mein Glück versuchen, bei …“, er schaute auf seinen Block.
„Der Herr Brandner ist verreist. Schon die ganze Woche.“
„Wissen Sie, wann er wieder kommt?“
„Das weiß man bei ihm nie. Er fährt immer wieder für längere Zeit zu seinen Kindern und Enkeln. Aber ich kann Sie ja anrufen, wenn er wieder da ist?“
„Das wäre sehr nett von Ihnen.“
***