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In den letzten Jahren seiner Regierungszeit war Ludwig XIV. nicht mehr der europaweit bewunderte und nachgeahmte Sonnenkönig. Das Kriegsglück war nicht mehr auf seiner Seite, die meisten seiner Eroberungen hatte er zurückgeben müssen und seinen Traum vom Rhein, als der natürlichen Grenze Frankreichs, endgültig begraben. Er musste sogar befürchten, dass die feindliche Armee des Prinzen Eugen nach Paris vorstoßen würde. Mit dem Marschall Villars erwog er die Möglichkeit, sich selbst an die Spitze seines letzten Heeres zu stellen, um den Feind an der Somme aufzuhalten: »Ich rechne damit … einen letzten Versuch mit Ihnen zusammen zu machen und mit Ihnen unterzugehen oder den Staat zu retten.«

Nach mehr als 50 Jahren Krieg war das Königreich ausgeblutet, die großen Feldherren der ersten ruhmreichen Jahrzehnte waren tot oder im Ruhestand. Die große Hungersnot, die nach dem schrecklichen Winter 1709 ausbrach, erzeugte eine gefährliche Aufruhrstimmung im Volk. Eine auf die Mauern der Hauptstadt geschriebene Parodie des »Vaterunser« zeugt von der angestauten Unzufriedenheit mit dem Herrscher von Gottes Gnaden: »Vater unser, der du bist in Marly, dein Name ist nicht mehr glorreich, dein Wille geschieht weder auf Erden noch auf dem Meere; unser Brot gib uns heute zurück, denn wir sterben vor Hunger; vergib deinen Feinden, die dich geschlagen haben, aber vergib deinen Generälen nicht und führe uns nicht in Versuchung, unsern Herrn zu ändern, sondern erlöse uns von der Maintenon. Amen.«

Die Dämmerung einer Glanzherrschaft

Längst waren die glänzenden Versailler Feste verrauscht, der Monarch hielt sich jetzt meist in der kleinen Residenz von Marly auf und hatte seinen Hofstaat stark reduziert. Seine letzte Maitresse, Madame de Maintenon, jetzt seine Gattin in morganatischer Ehe, war der Bigotterie verfallen, sie hatte allen Froh- und Leichtsinn vom Hof verbannt.

Die berühmten Bühnenklassiker Corneille, Molière und Racine waren längst gestorben. An die Stelle der prunkvollen Opernaufführungen Lullys mit ihren schmetternden Fanfaren waren die wehmütigen Violenklänge des François Couperin getreten, der dem alternden König in kleinem Kreis an den Sonntagnachmittagen seine »Concerts royaux« vorspielte.

Wenn Frankreich in diesen Jahren auch militärisch, politisch und kulturell viel an Glanz eingebüßt hatte, so war die königliche Familie als solche fast vollkommen intakt. Zwar waren von seinen sechs ehelichen Kindern nur ein Sohn am Leben geblieben und von den zehn unehelichen nur fünf, aber als wahrer Patriarch durfte Ludwig XIV. auf eine zahlreiche Nachkommenschaft herabblicken. Er war Urgroßvater und wusste, dass seine Thronfolge mehrfach, durch drei Generationen von männlichen Nachkommen, gesichert war. Da wurde auch dieses Vertrauen durch eine unerhört grausame Reihe von Schicksalsschlägen erschüttert, welche die uralte Dynastie der Capetinger, deren Herrschaft bis ins 10. Jahrhundert zurückreichte, auszulöschen drohten. In weniger als einem Jahr starben drei Thronfolger, in der natürlichen Reihenfolge ihres Anspruchs auf den Thron. Sie waren normalerweise dazu berufen, Ludwig XV., Ludwig XVI. und Ludwig XVII. zu werden. Das Schicksal entschied anders und übertrug anderen Personen diese Rollen. Gerade eine solch unheilvolle Zukunftsentwicklung war dem Sonnenkönig in seinen glücklichen Tagen als ein Gespenst erschienen, »eine Möglichkeit, die Gott immerdar abwenden möge.«

Der Tod des »Grand Dauphin«

Im April 1711 verlor Ludwig seinen einzigen legitimen Sohn, den »Grand Dauphin«, den Liebling der Pariser, der Armee und der einfachen Menschen. Er war der Einzige, der es wagte, vor dem König das Thema der verelendeten Bauern aufzuwerfen. Bis dahin war er fast nie krank gewesen, und jeder erblickte in ihm den zukünftigen König. Aber in seiner Residenz von Meudon wurde der Dauphin am Abend des 8. April plötzlich von heftigen Kopfschmerzen befallen. Am nächsten Tag zwang die Migräne den leidenschaftlichen Jäger, eine Jagdpartie abzubrechen und sich niederzulegen. Die herbeigeeilten Hofärzte befürchteten, dass er von den Pocken angesteckt sei, und ihre Diagnose erwies sich als zutreffend. Schon am nächsten Tag war das Schlimmste nicht mehr auszuschließen. Der Dauphin träumte mit offenen Augen. Die Ärzte ließen ihn mehrfach zur Ader. Der König verbot den Zugang zum Zimmer des Dauphins. Nach einer kurzen Besserung erfolgte dann das jähe Ende am 14. April. Monsieur de Sourches schreibt: »Gegen sieben Uhr abends begann er mit dem Tod zu ringen, er starb um elf Uhr.« Schon eine halbe Stunde später ließ der König seine Karosse vorfahren und kehrte zurück nach Marly. Erst drei Stunden nach seiner späten Ankunft konnte er sich niederlegen, da er fürchtete, vor übergroßem Schmerz zu ersticken (»appréhendant d’étouffer, tant sa douleur était grande«.)

Zwei Tage später schrieb Madame: »Ich habe den König gestern abend um elf Uhr gesehen, er ist so niedergeschlagen, daß es einen Felsen erweichen könnte; (»il est en proie à une telle affliction qu’elle attendrirait un rocher«) … er spricht mit jedermann mit einer gefaßten Traurigkeit und gibt seine Befehle mit großer Festigkeit, aber jeden Augenblick steigen die Tränen ihm in die Augen, und er erstickt sein Schluchzen. Ich habe einen tödlichen Schrecken, daß er selbst krank werde, denn er sieht sehr schlecht aus. Ich bedaure ihn mit ganzer Seele.« – Bei einer Sitzung des Staatsrates war das Gesicht des Monarchen tränenüberströmt, so dass auch die Minister alle zu weinen begannen.

Auch Personen, die sich früher über seine Frömmigkeit lustig gemacht hatten, waren tief beeindruckt von seiner Ergebenheit, seiner Unterwerfung unter den Willen Gottes. Ein großer Trost für den König war, dass der Beichtvater seines Sohnes ihm versicherte, dieser habe vor seinem christlichen Ende noch seine Ostern gehalten. Sobald der König sich über das Seelenheil seines Sohnes beruhigt hatte, führte er selbst so fromme Gespräche, dass sie vielen zu Herzen gingen.

Der Dauphin wurde schnell und fast heimlich in der königlichen Nekropole von Saint-Denis beigesetzt. Einerseits bestand große Ansteckungsgefahr. Andrerseits bemühte sich der König, seine Tränen in der Öffentlichkeit zu verbergen. Als Familienvater und sehr empfindlicher Mensch war er zutiefst von diesem Verlust betroffen. Er durfte seiner persönlichen Trauer indes keinen zu starken Ausdruck verleihen, sonst hätte man ihm vorgeworfen, die zahllosen Schwierigkeiten und Unglücksfälle seines Königreichs zu vergessen.

Manche Historiker glauben, dass Frankreich mit diesem sehr humanen und beliebten Dauphin seinen vielleicht besten König verloren habe, trotz der abfälligen Urteile, die Saint-Simon in seinen »Memoires« über ihn gefällt hat.

»Gott straft mich, ich habe es wohlverdient«

Zu Beginn des nächsten Jahres wurde der nächste Thronanwärter, der älteste Sohn des Grand Dauphin, der Duc de Bourgogne, zusammen mit seiner Gattin Marie-Adelaïde, der Dauphine, von einer geheimnisvollen und jähen Krankheit, – man vermutet, dass es die Masern waren –, dahingerafft. Die Dauphine starb als Erste, am 12. Februar. Ludwig XIV. schrieb über diesen Verlust an seinen Enkel, den spanischen König Philipp V, am 16. Februar 1712:

»Ich habe meine Tochter, die Dauphine, verloren, und obschon Sie wissen, wie sehr sie mir immer lieb gewesen ist, können Sie sich den Schmerz nicht richtig vorstellen, den ihr Verlust mir verursacht …« (»J’ai perdu ma fille, la Dauphine, et quoique vous saviez à quel point elle m’a toujours été chère, vous ne pouvez encore vous représenter assez la douleur que sa perte me cause.«) Die Dauphine, eine Prinzessin von Savoyen, war noch keine 26 Jahre alt. Ihr jugendfrischer Charakter hatte die allzu ernste Atmosphäre des Hofes stark gelockert, zur großen Freude des Königs. Sogar Madame de Maintenon musste zugeben, nicht ohne Neid, dass die junge Frau von jedermann geliebt wurde. (»Elle se fait aimer de tout le monde.«)

Requiem für ein Kind

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