Читать книгу Requiem für ein Kind - Joseph Groben - Страница 56
ОглавлениеTrotz des feierlichen Schwurs war Peter nicht beruhigt für die Zukunft. Er fürchtete vor allem den Einfluss der »langen Bärte«, der Geistlichen, die nach Peters Tod seinen Sohn umstimmen könnten. Eine »letzte Mahnung« sollte eine endgültige Klärung herbeiführen. Am 17. Januar 1717 stellte Peter seinen Sohn vor die Wahl, entweder sich zu ändern und ein würdiger Nachfolger zu werden, oder vollständig auf die Welt zu verzichten und ins Kloster einzutreten. Das Schreiben schloss mit der dringenden Aufforderung: »Sobald Sie meinen Brief erhalten haben, geben Sie mir eine Antwort darauf, schriftlich oder mündlich. Falls Sie es nicht tun, werde ich Sie wie einen Übeltäter behandeln.«
Alexej wurde von diesem Ultimatum überrumpelt, auf keinen Fall wollte er auf Euphrosine verzichten. Dennoch antwortete er unverzüglich, dass er sich ins Kloster zurückziehen werde. Diese sofortige und völlige Unterwerfung hatte Peter nicht erwartet und auch nicht gewünscht. Er besuchte seinen fiebernden Sohn an seinem Krankenbett und gewährte ihm noch einmal sechs Monate Bedenkzeit. Anschließend trat er eine große Reise in den Westen an.
Die Flucht zum Kaiser
Als die Frist verstrichen war, wich Alexej der Entscheidung aus, indem er heimlich mit Euphrosine und einigen Dienern nach Wien floh. Kaiser Karl VI. hatte seine Schwägerin geheiratet. Er stellte dem unbequemen Flüchtling das Schloss Ehrenberg in Tirol als Versteck zur Verfügung.
Als Peter in Amsterdam vom Verschwinden seines Sohnes erfuhr, geriet er in große Wut. Vor allen Höfen fühlte er sich bloßgestellt und beschämt. Seine Diplomaten und Häscher benötigten 5 Monate, um das Versteck ausfindig zu machen. Alexej floh weiter nach Neapel, wo er sich in der Festung Sant’Elmo fünf Monate verborgen hielt. Peter forderte vom Kaiser die Auslieferung des Abtrünnigen, er schickte seinen besten und verschlagensten Diplomaten, Peter Tolstoi, nach Neapel, um Alexej zur Rückkehr zu bewegen. Durch große Geschenke und Versprechungen wurde Euphrosine gewonnen. Alexej wollte noch beim Papst Zuflucht suchen, kapitulierte aber schließlich unter der Bedingung, dass er auf dem Lande mit Euphrosine leben dürfte. Am 21. Januar 1718 erreichte er in Riga wieder russisches Territorium und erwartete die Befehle seines Vaters. Euphrosine, die hochschwanger war, folgte in kleineren Etappen.
Die Stunde des Gerichts
Am 3. Februar 1718 versammelten sich alle Großen des Reiches im Audienzsaal des Moskauer Kremls, um einem historischen Akt beizuwohnen: der Absetzung des Zarewitschs Alexej und der Ausrufung eines neuen Thronerben in der Person seines 3-jährigen Halbbruders Peter. Alexej wurde als Gefangener hereingeführt, fiel auf die Knie und bekannte seine Fehler. Peter selbst führte die Anklage, deren Hauptpunkte lauteten: Missachtung der väterlichen Befehle, Vernachlässigung seiner Gemahlin, unerlaubte Beziehungen zu Euphrosine, Desertion und Flucht in ein fremdes Land.
Alexej bat feierlich um Verzeihung und schwor in der Uspjenski-Kathedrale auf die heiligen Reliquien, dass er beim Tode seines Vaters seinem Halbbruder huldige und nie mehr nach der Krone strebe. Peter hatte ihm Verzeihung versprochen, jetzt aber knüpfte er daran die Bedingung, dass der Sohn ihm alle seine »Komplizen« nenne. Alexej nannte alle Personen, mit denen er Kontakt gepflegt hatte. Die meisten davon, Adlige, Geistliche, Offiziere, wurden sofort verhaftet, gefoltert und auf dem Roten Platz öffentlich, vor rund 250.000 Zuschauern, hingerichtet. Auch Peters erste Gattin, Eudoxia, die seit 19 Jahren in Susdal lebte, wurde bestraft und in ein einsames Kloster verbannt. Ihr Liebhaber, durch den sich Peter persönlich in seiner Ehre beleidigt fühlte, wurde mit glühenden Zangen gekniffen, auf ein Nagelbett geheftet und anschließend gepfählt. Seine Agonie dauerte mehrere Tage.
Daraufhin nahm Peter seinen Sohn und dessen Geliebte ins Verhör. Euphrosine verriet alle Einzelheiten der Flucht und belastete Alexej mit ihren Aussagen: Alexej habe nie auf den Thron verzichten wollen und sich über die Rebellion russischer Truppen gefreut. Als Zar wolle er auf alle Eroberungen Peters verzichten und Moskau wieder zur Hauptstadt machen. Er beabsichtige, die Flotte aufzugeben und die Schiffe verfaulen zu lassen. Die Armee solle auf wenige Regimenter reduziert werden, die Kirche ihre alten Rechte wiedererhalten … Das genügte Peter vollauf, um einen Hochverratsprozess einzuleiten. Ein doppeltes Hochgericht wurde eingesetzt, um diese Verbrechen, die Peters Lebenswerk zunichtemachen wollten, gebührend zu bestrafen. Peter fragte das geistliche Gericht, wie er mit diesem modernen Absalom umgehen solle. Die Referenzen des Alten Testamentes verlangten alle die Todesstrafe, im Neuen Testament verwiesen sie auf das Gleichnis des verlorenen Sohnes.
Alexej wurde gefoltert, erhielt 40 Peitschenhiebe und gab zu, seinem Beichtvater bekannt zu haben, er wünsche den Tod seines Vaters. Am 24. Juni wurde einstimmig das Todesurteil über Alexej verhängt, wegen beispielloser Rebellion, wegen schrecklichen »doppelten Vatermordes«.
Bevor der Zar das Urteil bestätigen oder eine Begnadigung aussprechen konnte, überstürzten sich die Ereignisse. Alexej erlitt eine Art Schlaganfall, bat um Verzeihung und um den väterlichen Segen. Peter besuchte den Verurteilten in seiner Zelle in der Peter-und-Pauls-Festung und erfüllte die Wünsche des völlig zerrütteten Sohnes. Alexej starb einige Stunden später unter Umständen, die nie restlos geklärt wurden und die zu schrecklichen Gerüchten Anlass gaben.
Schon am folgenden Tag sandte Peter ein Schreiben an alle europäischen Höfe, um eine offizielle Version der Todeserklärung zu verbreiten und so den schlimmsten Spekulationen zuvorzukommen, die ihn persönlich als den Henker seines Sohnes darstellten. Alles geschah durch Gottes Willen und durch seine Gnade. In christlicher Demut musste alles ertragen werden.
Am 30. Juni fanden der Leichendienst und das Begräbnis statt. Gemäß Peters Anordnungen trug niemand Trauerkleidung, da der Zarensohn als Verbrecher gestorben war. Dennoch hatte der Prediger die Worte Davids »O Absalom, mein Sohn, mein Sohn« für die Trauerrede gewählt und rührte damit Peter bis zu bittern Tränen. Alexej wurde neben seiner Frau Charlotte in der Kaisergruft der Festung beigesetzt.
Die Geschichte ist voll von Gräueltaten, aber die Fälle, wo jemand seine eigenen Kinder umbringt, sind selten. Iwan der Schreckliche hatte seinen Sohn getötet, aber in einem Anfall von blinder Wut. Peter hat seinen Sohn angeklagt und foltern lassen, diese Episode wird als die hässlichste seines Lebens angesehen, eines Lebens, das sehr viele blutige Szenen gekannt hat …
Peter, der zweite Zarewitsch
Peter trauerte seinem Sohn wenig nach, er glaubte, die Staatsraison habe dieses Opfer gefordert. Aber weniger als ein Jahr später wurde er von einem Schlag getroffen, der ihn wirklich niederschmetterte. Peter, der dreieinhalbjährige Sohn des Zaren und Katharinas, starb plötzlich im April 1719. In diesen einzigen überlebenden Sohn hatte Peter alle Hoffnungen der Dynastie gesetzt. Er rannte mit dem Kopf so heftig gegen die Wände, dass er einen Krampfanfall erlitt. Während drei Tagen und drei Nächten sperrte er sich in seinem Zimmer ein, aß nichts, sprach kein Wort. Erst als der Senat sich vor seiner Tür versammelte und ihm vorwarf, der ganze Staatsapparat leide Schaden durch seine übermäßige Trauer, öffnete er, umarmte Katharina sanft und sagte: »Wir haben uns zu lange betrübt. Wir dürfen nicht gegen den Willen Gottes murren.«
Von den zwölf Kindern, die Katharina geboren hatte, blieben nur noch zwei Töchter am Leben, Anna und Elisabeth.
Peter der Große starb am 28. Januar 1725 an einem Blasenleiden. Nach der letzten Ölung und der Absolution sagte er: »Ich hoffe, dass Gott mir meine zahlreichen Sünden verzeihen wird wegen des Guten, das ich versucht habe meinem Volke zu tun.« Er stand im 53. Lebensjahr.
Robert K. Massie: Peter the Great. Knopf. New York 1980.