Читать книгу Negatio - Julia Fürbaß - Страница 18

28.04.2016, Donnerstag

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Es ist nun kurz vor 3 Uhr morgens. Sebastian kann sich noch gut an Ralfs Reaktion erinnern, als er von dem Unglück erfahren hat. Er konnte nicht abstreiten, dass er schockiert gewesen ist. Sebastian hat sich anfangs etwas gewundert, da Ralf seine Familie doch nur von früher gekannt hat, aber es plötzlich den Anschein hatte, als würde er gleich einen Herzanfall bekommen. Da sind bei Sebastian Zweifel aufgekommen, ob er sich selbst vielleicht nicht richtig verhalten hat, als er von Wedel davon erfuhr… Aber er hatte es ja bereits gewusst.

So geht eben jeder Mensch anders damit um. Ralf macht zwar ab und zu seine Witze, aber im Umgang mit seinem besten Freund hat er sich doch verändert. Aber das ist nicht erst seit dem Tod seiner Eltern der Fall, so kommt es ihm zumindest vor…

Für ihn ist mittlerweile alles ziemlich anstrengend geworden. Sebastian musste sich nach der Unterhaltung mit Hauptkommissar Wedel dann plötzlich doch unzähligen Befragungen stellen, und als er endlich das Revier verlassen hatte, machten die Medien ihm das Leben schwer, da sie ihm auflauerten. Zu Mittag lief es zum Glück schon etwas ruhiger ab, einige Kollegen sorgten dafür, dass ihm die Presse vom Hals blieb. Die Ermittlungen von Carmen Birkner und ihrem Team liefen zwar weiterhin auf Hochtouren, aber Sebastian konnte wieder ein bisschen zur Ruhe kommen, denn seine Version hatte er schon dutzende Male erzählt und viel mehr konnte er auch nicht machen. Doch so ruhig, wie der Nachmittag für ihn begann, umso schlimmer wurde er dann im Nachhinein.

Er fuhr nochmal aufs Revier und hatte seinen Kollegen angeboten, sich an dem Fall zu beteiligen, da er ja auch dieses Monster schnappen will. Nach mehreren Versuchen konnte sich das Hauptkommissar Wedel nicht mehr anhören und schickte Sebastian in den Zwangsurlaub. Er solle zu Hause bleiben und sich - abgesehen vom Tod seiner Eltern - auskurieren. Was sollte das denn heißen?

Widerwillig machte er sich auf den Heimweg und besorgte unterwegs noch ein paar Lilien. Daraufhin setzte er sie in einem kleinen Beet hinter seiner Wohnung ein. Es war im Handumdrehen erledigt und so hatte Kim wenigstens eine schöne Aussicht von ihrem Fenster aus.

Sebastian hatte gerade erst wieder seine Wohnung betreten, als er einen Anruf von Carmen Birkner bekam. Ob er auch wirklich nach Hause gefahren wäre. Wer war sie? Seine Mutter? Er bejahte die Frage genervt und glaubte, sich verhört zu haben, als sie daraufhin meinte, dass sie sich nun mit zwei Kollegen auf den Weg zu ihm machen würde, nur um sich in seiner Wohnung umzusehen.

Als er das Telefonat beendete, sprang er wie von der Tarantel gestochen auf und stürmte ins Gästezimmer.

Er wollte einen Plan mit Kim schmieden, aber sie reagierte nicht. Sie sah ihn nur mit ihren Kulleraugen an. Ich muss sie irgendwo verstecken, war sein erster Gedanke. Er hatte keine Zeit zu verlieren, also hob er sie in den Kleiderschrank, in dem er Bettwäsche und anderes Zeug aufbewahrte. Er half ihr dabei, sich klein zu machen und sie war erstaunlich klein, fiel ihm plötzlich auf. Die Bettwäsche, die er ihr gegeben hatte, verstaute er auch im Schrank und legte sie so über seine Schwester, dass man beim Öffnen des Kastens gar nicht bemerkte, dass sich unter dem Wäschehaufen ein Mensch befand.

Kurze Zeit später kamen auch schon seine Kollegen zur Tür herein. Zuvor hatte er noch seine Schuhe und die Kleidung versteckt, die er am Tatabend getragen hatte, denn es waren sicher Stofffasern oder Schuhabdrücke von ihm am Tatort gefunden worden. Ihm wurde übel bei dem Gedanken, dass er noch andere Spuren hinterlassen haben könnte.

Umso erleichterter war er dann, als die Polizisten die Wohnung wieder verließen. Sie hatten zwar überall flüchtige Blicke hineingeworfen, aber nichts entdeckt. Er hoffte, dass er von nun an keine ungebetenen Gäste mehr empfangen müssen würde. Kim hatte sich die ganze Zeit über ruhig verhalten, was er sehr begrüßte. Als er den Schrank wieder ausräumte, half er ihr ins Bett.

Das war vielleicht ein Tag!

Sebastian dreht sich in seinem Bett zur Seite und denkt weiter über seine Schwester nach. Sie hat noch immer kein Wort gesprochen, aber die beiden kommen den Umständen entsprechend ganz gut miteinander aus. Sie hält sich an die Regeln und lässt sich nicht auf der Straße blicken, scheint weder gereizt noch traurig zu sein und es macht auch nicht den Eindruck, als würde sie abhauen wollen. Trotzdem weiß Sebastian immer noch nicht, wie es weitergehen soll. Eines Tages würde seine Schwester wieder ein normales Leben unter Leuten führen wollen. Und er würde womöglich eine Frau kennenlernen, welche bestimmt seine Wohnung sehen möchte.

Sebastian versucht zwar immer wieder, mit Kim zu kommunizieren, aber zu ihrem Schweigen kommt noch dazu, dass sie nicht einmal nickt oder den Kopf schüttelt.

Er hat auch schon den Verdacht gehabt, dass sie sich vielleicht einmal schwer am Kopf verletzt hat und seitdem zu keiner Kommunikation mehr fähig ist. Oder der Unbekannte, der ihre Eltern auf dem Gewissen hat, hat ihr gedroht, weiß Gott was zu machen, wenn sie nur irgendein Zeichen von sich gibt. Vielleicht weiß er ja, wo sie sich aufhält? Sebastian hat sich schon so viele Notizen auf Post-its gemacht, dass er gar nicht mehr weiß, was denn nun wirklich im Bereich des Möglichen wäre und was nicht.

Er fällt erschöpft in einen leichten Schlaf, dabei tanzen grässliche Bilder vor seinen Augen, die ihn kurz darauf wieder aufwachen lassen.

Erschrocken fährt Sebastian in seinem Bett hoch. Ein Blick auf den Wecker - es ist 3.20 Uhr morgens. Er hat geträumt - oder ist es wirklich passiert? Mit feuchten Händen fährt er sich durch seine dunklen zerzausten Haare. Gott sei Dank, es war nur ein Traum!

Er zieht sich einen Bademantel über und schlurft im Halbdunkeln ins Nebenzimmer zu seiner kleinen Schwester Kim. Die Straßenlaterne, die immer ein wenig flackert, und wo irgendwie nie etwas dagegen unternommen wird, scheint von draußen herein auf ihren Hinterkopf. Es sieht friedlich aus, wie sie da so in dem Bett liegt. An das flackernde Licht der Straßenlaterne hat sich Sebastian schon gewöhnt. Manchmal, wenn er die Vorhänge zurechtzieht, erhascht Kim einen Blick nach draußen und betrachtet daraufhin für kurze Zeit das Blumenbeet mit den von Sebastian selbsteingesetzten Lilien auf dem Rasen, der hinter dem Wohnhaus liegt. In diesen kurzen Momenten lässt er seine Schwester gewähren. Er muss nur aufpassen, dass sie von niemandem entdeckt wird…

Völlig erledigt geht er wieder zu Bett und versucht das, was er in seinem Elternhaus gesehen hat, zu verdrängen. Das Einzige, was er dabei spürt, ist Anstrengung. Und ein leichtes Pochen in seinem Kopf.

Er hat noch nicht einmal Angst davor, dass auch ihm so etwas Schreckliches wie seinen Eltern widerfahren könnte. Er fühlt sich sicher, aber die Bilder verfolgen ihn trotzdem.

Sebastian schläft mit ihnen ein und aus irgendeinem Grund hat er die Melodie von Brown girl in the ring dabei in seinem Kopf…

Nach etwa fünf Stunden wacht er wieder auf - es ist kurz vor 9 Uhr. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern - ein Tag wie aus dem Bilderbuch. Als Sebastian sich im Spiegel betrachtet, fällt ihm auf, dass seine Nase etwas geschwollen ist. Er dreht sich leicht zur Seite und meint auch einen dunklen Schatten zu erkennen, der so aussieht wie ein blauer Fleck. Zuerst ist er verwundert und fragt sich, wo er sich das zugezogen haben könnte, aber dann fällt ihm wieder ein, dass er vorletzte Nacht mit Kopfschmerzen aufgewacht ist. Wahrscheinlich hat er sich nur im Schlaf den Kopf angeschlagen. Da er im Moment keine Schmerzen verspürt, verliert er auch keinen Gedanken daran, zum Arzt zu gehen. Sebastian beachtet seine Nase nicht weiter und will sich etwas zu essen machen. Dabei muss er feststellen, dass sein Kühlschrank schon mal bessere Zeiten gesehen hat. Also beschließt er, sein Lauftraining vorzuverlegen und mit einem Einkauf zu kombinieren. Laufschuhe und Trainingshose an, ein letzter Blick in Kims Zimmer - wie friedlich sie vor sich hinschlummert! - und ab in die Stadt.

Die Bewegung tut ihm gut, so kann er wenigstens ein bisschen abschalten. Während er so vor sich hin joggt, steckt er sich ungelenk die Earphones des MP3-Players in seine Ohren. Als er durch die Stadt läuft, erblickt er plötzlich ein bekanntes Gesicht in einem Café. Es ist seine Kollegin Carmen Birkner, die den Fall seiner Familie bekommen hat. Er nimmt die Ohrstöpsel wieder heraus und geht hinein, ohne zu überlegen. Carmen sitzt an einem kleinen Tisch mit einer anderen Frau. Mit ihren langen roten Haaren sieht sie irgendwie aus wie eine jüngere Version seiner Kollegin… und eine hübschere, wie er findet. Als Sebastian sich ihnen nähert, wird er auch schon begrüßt. Carmen lächelt ihm zu: „Hey, na sieh einer an, sportlich unterwegs! Hi, Basti!“

„Ja, hallo.“ Ihm ist nicht nach Kaffeeklatsch zumute, seine Kollegin fährt fort: „Wie geht es dir denn?“

„Na, wie wohl.“

„Du hast recht, tut mir leid.“

„Sag mal, warum bist du nicht auf dem Revier?“

„Na ja, ich habe erst in einer Stunde Dienst.“

„Dienst? Aha, also gehe ich davon aus, dass der Tod meiner Eltern nur ein Halbtagesdienst ist.“

Die Augen von Carmens Begleitung weiten sich. „Ist das der Typ, von dem…“

„Ja, Süße, das ist er. Darf ich vorstellen? Basti, also Sebastian Rietz. Das ist übrigens meine Cousine Jenni.“ Carmen hat die Angewohnheit, so ziemlich jeden mit Spitznamen anzureden. Obwohl die Möglichkeit besteht, dass ihre Cousine tatsächlich Jenni und nicht Jennifer heißt, aber das interessiert Sebastian nicht im Geringsten. Er kann es auf jeden Fall nicht leiden, wenn man Basti zu ihm sagt, aber sie hat es schon immer getan und das lässt sich vermutlich auch nicht mehr ändern.

„Freut mich“, sagt er emotionslos, ohne den Blick von Carmen abzuwenden. „Weißt du, ich habe das Angebot gemacht, bei dem Fall mitzuarbeiten. Und dann werde ich abgewiesen, um mir im Nachhinein mitansehen zu müssen, wie die Zuständigen im Café herumsitzen.“

„Ich arbeite hart an diesem Fall und brauche mich vor dir nicht zu rechtfertigen. Dein Verlust tut mir ehrlich leid, aber du hast schon alles getan, was du konntest.“

„Habt ihr schon einen Verdächtigen?“

Carmens Stimme wird etwas leiser, als sie sagt: „Na ja… momentan deutet alles auf… deine Schwester hin.“

Sebastian beginnt zu lachen und schüttelt den Kopf. „Ihr seid doch echt unglaublich.“

„Basti, ich will hier jetzt nicht mit dir darüber diskutieren. Wir machen unsere Arbeit gewissenhaft.“

„Na, wenn das so ist, kannst du ja hier sitzen und mit gutem Gewissen deinen Kaffee trinken. Einen schönen Tag noch.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, verlässt er das Lokal und setzt sein Training fort. Ob seine anderen Kollegen auch so locker mit der Sache umgehen? Wahrscheinlich. Einfach mal eine Vermisste als Hauptverdächtige festnageln. Kim könnte niemandem etwas zuleide tun! Aber wie soll er es beweisen?

Negatio

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